Rentensystem

Die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) ist für die große Mehrheit der abhängig Beschäftigten die wichtigste, häufig sogar die einzige Form der Alterssicherung. Durch Reformen unter dem Schlagwort des "demografischen Wandels" müssen Arbeitnehmer heute und in Zukunft allerdings deutliche Einbußen bei der gesetzlichen Rente hinnehmen. Dies ist aus Sicht der Arbeitnehmerkammer nicht notwendig und mittelfristig wieder zu ändern.

In der Rentenpolitik hat es in den zurückliegenden Jahren einen radikalen Kurswechsel gegeben. Während nach der "großen Rentenreform" von 1957 die Lebensstandardsicherung durch eine umlagefinanzierte GRV ("Generationenvertrag") Konsens war, hat sich dies seit der Jahrtausendwende deutlich geändert. Die Kosten der gesetzlichen Rente wurden zunehmend als nicht länger tragbar angesehen, die Beitragsstabilität rückte in den Mittelpunkt. In der Folge wandelte sich die traditionelle Rentenpolitik zur "Alterssicherungspolitik": eine Rentenversicherung mit geringerem Leistungsniveau und begrenzten Kosten sollte stärker als bislang durch betriebliche und private Vorsorge ergänzt werden.

Wesentliche Reformschritte auf dem Weg zum neuen Alterssicherungssystem mit mehreren "Säulen" und gedämpften GRV-Kosten waren seit 2001:

  • Riester-Reform: Förderung individueller Vorsorge bei gleichzeitiger automatischer Absenkung des Rentenniveaus
  • Nachhaltigkeitsreform: Anpassung der Renten auch auf Grundlage eines "Nachhaltigkeitsfaktors", der das Zahlenverhältnis von Beschäftigten und Rentnern berücksichtigt und damit das Rentenniveau absehbar weiter sinken lässt
  • Nachgelagerte Rentenbesteuerung: Schrittweise werden die Rentenbeiträge seit 2005 von der Steuer freigestellt. Im Gegenzug werden die ausgezahlten Renten besteuert, was das Nettorentenniveau weiter mindert.
  • "Rente mit 67": Von 2012 bis 2031 wird die Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre angehoben. Eine frühzeitige Inanspruchnahme kann so zukünftig zu dauerhaften Rentenabschlägen von bis zu 14,4 Prozent führen.


Insgesamt werden die zurückliegenden Einschnitte bis 2030 dazu führen, dass eine Rente nach 45 Beitragsjahren keinesfalls mehr den bisherigen Lebensstandard sichert. Im Gegenteil bewirkt eine Kürzung des Nettoleistungsniveaus um etwa ein Viertel, dass auch die sogenannte "strukturelle Armutsfestigkeit" der GRV kaum mehr gegeben ist. Genügten nämlich vor einigen Jahren noch etwa 25 Beitragsjahre zu einem Durchschnittslohn, um eine Rente in Höhe der Grundsicherung im Alter zu erarbeiten, sind dafür nun schon fast 30 Jahre erforderlich. Wenn es aber selbst Durchschnittsverdienern nicht mehr ohne weiteres möglich sein wird, die Schwelle der voraussetzungslosen Fürsorgeleistung zu überwinden, leidet die Akzeptanz des Pflichtbeitragssystems.

Das Konzept des "Drei-Säulen-Modells" ist bisher nicht aufgegangen. Der Bedeutungsverlust der GRV konnte insgesamt nicht von der betrieblichen und der privaten Vorsorge kompensiert werden. Dies betrifft die Problemgruppen des Arbeitsmarktes in besonderem Maße, gilt aber auch für die breite Mittelschicht. Nach wie vor sind Betriebsrenten sehr ungleich verteilt und kommen überwiegend denen zugute, die bereits ausreichende gesetzliche Renten erwarten dürfen. Die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung (bAV) ist in den letzten Jahren nur moderat gestiegen, wobei Beschäftigte zunehmend selbst Gehaltsbestandteile auf Kosten der Sozialversicherung und ohne Unterstützung des Arbeitgebers umwandeln. Auch die "Riester-Rente" hat die Erwartungen bislang nicht erfüllen können: Nur etwa ein Drittel der Beschäftigten sorgt auf diese Weise zusätzlich für den Ruhestand vor.

Berechnungen der Arbeitnehmerkammer haben deutlich aufgezeigt, dass das derzeitige Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge strukturelle Schwächen aufweist. Es scheitert nicht nur zusehends daran, der großen Mehrheit der Beschäftigten zum Renteneintritt insgesamt den Lebensstandard zu garantieren. Bislang leistet es auch keinen umfassenden Schutz bei Invalidität und Tod, sodass der Gesamtbeitragssatz für eine tatsächliche "Vollversicherung" mit über 30 Prozent im Jahr 2030 deutlich teurer als im traditionellen GRV-Modell wäre. Schließlich lassen seine Verfechter außer Acht, dass das Gesamtleistungsniveau während des Rentenbezugs stetig abnimmt: Gesetzliche Renten werden nur noch teilweise an die Löhne angepasst, betriebliche und private Renten häufig gar nicht. Alterseinkommen werden damit von Lohnentwicklungen faktisch komplett abgekoppelt, unter Umständen sogar von der Preisentwicklung.

Das Drei-Säulen-Modell ist letztlich teurer, aber nicht besser als die gesetzliche Rente allein. Die Aushöhlung der GRV ist für die Arbeitnehmer deshalb der falsche Weg. Auch, wenn aufgrund des demografischen Wandels höhere Beitragssätze zur gesetzlichen Rentenversicherung in Kauf genommen werden, wäre diese Alternative für die Versicherten günstiger. Zentrale Forderungen der Arbeitnehmerkammer sind deshalb die Stabilisierung und künftig wieder Anhebung des Rentenniveaus sowie die Koppelung der Renten an die Entwicklung der beitragspflichtigen Einkommen.

Schlagwörter

KontaktAKB003_Icon-Kontakt

Dr. Magnus Brosig
Referent für Sozialversicherungs- und Steuerpolitik

Am Wall 195
28195 Bremen

Tel.: 0421/36301-971
Fax: 0421/36301-995

E-Mail schreiben

DownloadsAKB003_Icon-Download

  • Rentenpolitik aus Bremer Perspektive

    Erschienen in: Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bremen 2017

    Download PDF
  • Alterssicherung – Für eine starke gesetzliche Rente

    KammerPosition 1/2017, April 2017

    Download PDF
  • Die Illusion von der Lebensstandardsicherung

    Eine Analyse der Leistungsfähigkeit des "Drei-Säulen-Modells"
    August 2015

    Download PDF

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen