Betriebsrätebefragung

Die Wirtschafts- und Beschäftigungssituation in den Betrieben des Landes Bremen

30.09.2022
Wie ist die Lage in den Betrieben im Land Bremen und mit welchen Themen haben sich die Betriebsräte in den vergangenen zwölf Monaten beschäftigt? Seit mehr als zehn Jahren befragt die Arbeitnehmerkammer Betriebsräte. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der fortschreitenden Digitalisierung lag in diesem Jahr der Fokus auf der Aus- und Weiterbildung. Qualifizierung ist der Schlüssel, um die ökologische und digitale Transformation in der Arbeitswelt zu meistern. Vom 27. Januar bis 25. April haben 178 Betriebe mit rund 67.000 repräsentierten Beschäftigten im Land Bremen teilgenommen. 83 Prozent der Betriebe sind in Bremen, 17 Prozent in Bremerhaven angesiedelt. Bei einem Großteil (76 Prozent) handelt es sich um Dienstleistungsunternehmen, bei 24 um Industriebetriebe. 61 Prozent sind tarifgebunden.

Einschätzung zur wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebs

Wie bereits in den Vorjahren wurden die Betriebsräte zu ihrer Einschätzung der derzeitigen wirtschaftlichen Lage des Betriebes – auch im Vergleich zum Vorjahr – sowie zu ihrer Einschätzung der künftigen wirtschaftlichen Lage des Betriebes befragt. Überraschenderweise hat sich die Einschätzung gegenüber der letzten Befragung Anfang 2020, kurz vor der Corona-Pandemie, leicht verbessert. Anfang 2020 hatten 42 Prozent der Betriebsräte die wirtschaftliche Lage des Betriebes als gut eingeschätzt. In diesem Jahr waren es sogar 48 Prozent. 

Auch die Einschätzung der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebes durch die Betriebsräte ist optimistischer als in der vorherigen Betriebsrätebefragung. 27 Prozent der Betriebsräte erwarten eine positive wirtschaftliche Entwicklung des Betriebes (2020:19 Prozent). Eine eher ungünstige Entwicklung erwarten dagegen nur 11 Prozent der Betriebsräte (2020:19 Prozent). Entgegen früherer Erwartungen zu Beginn der Pandemie haben die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen und auch die Beschäftigungssituation durch die Krisensituation bislang keinen Dämpfer bekommen. Zu bedenken ist auch, dass im Zeitraum der diesjährigen Betriebsrätebefragung das Ausmaß und die Folgen des Ukraine-Krieges sowie die steigenden Energiepreise noch nicht in diesem Maße absehbar waren. In Bremen und Bremerhaven hat die Beschäftigung im Jahr 2021 zugenommen. Dennoch bleibt der Beschäftigungsanstieg im Land Bremen hinter dem auf Bundesebene zurück

Grafik Betriebsrätebefragung

Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen sind wie bereits in der Befragung 2020 die steigende Arbeitsverdichtung und -belastung sowie Mehrarbeit und Überstunden das größte Problem aus Sicht der befragten Betriebsräte. Die Situation hinsichtlich der Arbeitsbelastung hat sich gegenüber der 2020 durchgeführten Befragung nicht verbessert. 67 Prozent der Betriebsräte gaben bei diesem Thema eine Verschlechterung an. Bei Mehrarbeit und Überstunden hat sich die Situation sogar noch weiter verschlechtert. So gaben 34 Prozent eine diesbezügliche Verschlechterung an, Anfang 2020 waren es 29 Prozent.

Die Lohnsituation hat sich nach Angaben der Betriebsräte ebenfalls leicht verschlechtert. Hatten bei der Betriebsrätebefragung Anfang 2020 noch 28 Prozent der Betriebsräte eine Verbesserung bei Lohn und Gehalt angegeben, taten dies in der diesjährigen Befragung nur noch 23 Prozent. Beim Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz ist aus Sicht der Betriebsräte anscheinend eine starke Verbesserung eingetreten (31 Prozent). Anfang 2020 hatten nur circa 15 Prozent der Betriebsräte eine Verbesserung von Arbeits- und Gesundheitsschutz angegeben. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese Verbesserungen könnten auf betriebliche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sowie Homeoffice- Vereinbarungen zurückzuführen zu sein. Diese Themen der vergangenen beiden Jahre haben anscheinend leider das wichtige Thema Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung ein Stück weit verdrängt. Beim Thema Qualifizierung geben nur 10 Prozent der Betriebsräte eine Verbesserung an (2020: 12 Prozent) während 26 Prozent der Betriebsräte eine Verschlechterung angeben. (2020: 12 Prozent). Die betriebliche Weiterbildungssituation hat sich insofern nochmals verschlechtert.

Die Grafik zeigt, mit welchen Themen die Betriebsräte 2021 befasst waren

Wieder wurde wie auch in den Vorjahren gefragt, womit Betriebsräte in den letzten 12 Monaten am häufigsten beschäftigt waren. Das „Pflichtprogramm“ der personellen Mitbestimmung (§ 99 BetrVG) nimmt nach wie vor sehr großen Raum in der Betriebsratsarbeit ein. Wie bereits in der Betriebsrätebefragung Anfang 2020 unmittelbar vor dem ersten Corona-Lockdown belegen wieder die Themen Arbeitszeit, Mehrarbeit und Überstunden sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz den zweiten und dritten Platz. Die Corona-Pandemie hatte somit wenig Einfluss auf das Ranking der Themenbereiche, mit denen die Betriebsräte befasst waren. Unter „Sonstiges“ konnten die Betriebsräte allerdings auch spezifische Themen angeben und so fanden hier die „typischen Pandemie-Themen“ Kurzarbeit, Homeoffice und  Corona allgemein eine häufige Erwähnung. 

Bedauerlicherweise ist das wichtige Thema Qualifikation, Fort- und Weiterbildung der Arbeitnehmer im Ranking noch weiter nach unten vom drittletzten auf den vorletzten Platz gerutscht. Dabei wäre dies besonders wichtig: knapp 50.000 ungelernte Beschäftigte im Land Bremen bieten Potenzial für Aufstiege zur Fachkraft durch Nachqualifizierung. Dies würde unsichere Beschäftigung reduzieren und die Fachkräftebasis vergrößern.

Im Vergleich zur Betriebsrätebefragung Anfang 2020 bewerteten die Betriebsräte die Wahrnehmung bestimmter Aufgaben durch die Geschäftsleitung in den meisten Punkten besser. So wurde die Beachtung der Mitbestimmungsrechte durch den Arbeitgeber von 33 Prozent der Betriebsräte als gut bewertet(2020: 27 Prozent). Bei der Umsetzung von Gesetzen, Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen konnten sich die Arbeitgeber aus Sicht der Betriebsräte ebenfalls steigern. Hier stieg die Bewertung „gut“ von 40 Prozent Anfang 2020 auf 47 Prozent in 2022. Dies mag daran liegen, dass die Arbeitgeber in den Betrieben diverse Corona-Maßnahmen umsetzen mussten und die Betriebsräte in viele dieser Maßnahmen eingebunden waren.

Dies scheint auch zu einer leichten Verbesserung der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat geführt zu haben. Es gaben in diesem Jahr 34 Prozent der Betriebsräte der vertrauensvollen Zusammenarbeit eine gute Bewertung, dies ist eine leichte Steigerung zur Befragung im Jahr 2020. Damals waren es 31 Prozent. Allein die Informationsweitergabe durch die Geschäftsleitung hat sich aus Betriebsratssicht leicht verschlechtert. Nur 19 Prozent der Betriebsräte gaben an, dass diese gut sei (2020: 20 Prozent). Hierzu ist auch zu beachten, dass die Informationsweitergabe das Fundament einer vertrauensvollen Zusammenarbeit bildet. Hier wäre eine Verbesserung des Arbeitgeberverhaltens wünschenswert.

Da gerade die betriebliche Fort- und Weiterbildung der Schlüssel für eine gelungene Transformation der Arbeitswelt im Hinblick auf Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischen Wandel ist, wurden die Betriebsräte gefragt, ob in ihrem Betrieb eine arbeitgebergeförderte Weiterbildung für Beschäftigte angeboten wird. Hierbei wurde zwischen einer - auch arbeitgeberseitig absolut notwendigen – Erhaltungs- und Anpassungsqualifizierung und einer Aufstiegsfortbildung unterschieden. Zweiteres bietet auch für die Beschäftigten selbst die Chance, sich neue und im Vergleich zur bisherigen Tätigkeit auch höherwertige Beschäftigungsfelder zu erschließen.

Die Ergebnisse sind  alarmierend: Sogar im Bereich der absolut notwendigen Erhaltungs- und Anpassungsqualifizierung wird keine flächendeckende Weiterbildung für Beschäftigte angeboten, dies tut nicht einmal ein Drittel der Betriebe. Über die Hälfte bieten ihren Beschäftigten diese Grundqualifizierung nur in Einzelfällen an und fast ein Fünftel der Betriebe tut gar nichts für die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit ihrer Beschäftigten. Das Angebot an Erhaltungs- und Anpassungsqualifizierung nimmt mit der Unternehmensgröße moderat zu (Kleinbetriebe 20 %, mittlere Betriebe 25 %, Großbetriebe 31 %).Bei der Aufstiegsfortbildung sieht es noch schlechter aus. Hier bieten nur 10 % der Betriebe aus Sicht ihrer Betriebsräte eine entsprechende Fortbildung in ausreichendem Maße an, 50 % eben wieder nur in Einzelfällen. Fast die Hälfte der Betriebe macht ihren Beschäftigten gar kein entsprechendes Angebot.

Auch wurden die Betriebsräte nach der Förderung von betrieblichen Weiterbildung für bestimmte Beschäftigungsgruppen befragt. Danach wurden für Fach- und Führungskräfte besonders oft Freistellung und Kostenübernahme für eine betriebliche Weiterbildung angeboten. Für an- und ungelernte Mitarbeiter, die im Grunde das höchste Qualifizierungspotenzial bieten, gaben dagegen 70 % der Betriebsräte an, dass für diese gar keine Förderung seitens des Arbeitgebers erfolgt.

Über alle Unternehmensgrößen hinweg  hat aus Sicht der Betriebsräte das Angebot und die Nutzung betrieblicher Weiterbildung in den letzten vier Jahren eher ab- als zugenommen. 80 % der Betriebsräte sehen den Weiterbildungsbedarf in ihrem Unternehmen – ganz oder teilweise - in einem engen Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung. Ohne Frage besteht hier noch viel Handlungsbedarf.

Die Engpässe bei qualifizierten Arbeitskräften entwickeln sich zum Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung. Daher gilt es, die Potenziale der Beschäftigten im Rahmen von Aus- und Weiterbildung zu heben. Hierbei spielen Betriebsräte eine Schlüsselrolle. Sie haben gemäß §§ 92 ff. BetrVG, etwa im Rahmen der Personalplanung und  Beschäftigungssicherung, Informations-, Beratungs- und Vorschlagsrechte und können vom Arbeitgeber die Ermittlung des Berufsbildungsbedarfs nach § 96 Abs. 1 BetrVG erzwingen. 

Insofern wurden die Betriebsräte gefragt, ob der Berufsbildungsbedarf in ihrem Betrieb ermittelt wird und ob der Betriebsrat hier initiativ wird. Bedauerlicherweise machen die Betriebsräte von ihren Mitbestimmungsrechten zu wenig Gebrauch. Nur 6 Prozent geben an, dass auf Initiative des Betriebsrats schon einmal eine Bildungsbedarfsanalyse durchgeführt wurde. Nur 7 Prozent sagen, dass auf Initiative des Betriebsrats regelmäßig Bildungsbedarfsanalysen durchgeführt werden. In 21 Prozent der Betriebe wird der  Betriebsrat arbeitgeberseitig bei diesem Thema nicht einbezogen. In einem Großteil der teilnehmenden Betriebe (66 Prozent) wird der Berufsbildungsbedarf gar nicht oder nicht planmäßig ermittelt

Weniger als die Hälfte der Betriebsräte (41 Prozent) geben zudem in der Befragung an, immer oder oft über die aktuelle Weiterbildungsstrategie des Unternehmens informiert zu werden. Noch weniger werden sie an der Planung von Inhalt und Umfang der Weiterbildung beteiligt (immer oder oft nur 25 Prozent). Dementsprechend gibt es auch in weniger als einem Drittel der Betriebe (28 Prozent) eine eigene Betriebsvereinbarung oder Regelung zur betrieblichen Weiterbildung. 25 Prozent gaben an, die betriebliche Weiterbildung würde als Nebenthema in anderen Bereichen (z. B. zur Einführung neuer Techniken, Digitalisierung) geregelt.

Als größtes Hindernis sehen Betriebsräte die fehlenden zeitlichen Ressourcen an (56 Prozent). An finanziellen Ressourcen fehlt es demnach nicht, dies ist mit 14 Prozent die seltenste Nennung. Als zweitgrößtes Hindernis wird mit 40 Prozent die geringe Weiterbildungsmotivation der Beschäftigten angesehen, mit 39 Prozent knapp gefolgt von ungleichen Teilnahmechancen der Beschäftigten.

Im Land Bremen ist die Ausbildungsbetriebsquote seit Jahren rückläufig. Zwischen den Jahren 2013 und 2019 ist sie um 1,2 Prozentpunkte auf 22,2 Prozent zurückgegangen. Großbetrieben fällt die Ausbildung von Nachwuchskräften in der Regel leichter als den mit weniger Ressourcen ausgestatteten Kleinst-, Klein- und Mittelbetrieben. Die an der Befragung teilnehmenden mitbestimmten Betriebe bilden erfreulicherweise deutlich mehr aus.

Nach Angaben der Betriebsräte bilden insgesamt 77 Prozent der teilnehmenden Betriebe aus. Es wurde auch angegeben, dass die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen habe. Mit steigender Betriebsgröße nimmt hierbei das Ausbildungsangebot deutlich zu (ab 49 Mitarbeitern: 40 Prozent, 50-249 Mitarbeiter: 74 Prozent, ab 250 Mitarbeitern: 91 Prozent). Allerdings schaffen die Ausbildungsbetriebe nicht genug Ausbildungsplätze. Nach eigenen Angaben über das Verhältnis Mitarbeiter- zu Auszubildendenzahl beläuft sich die Ausbildungsquote auf knapp über 3 Prozent. Dies ist sogar noch weniger als die durchschnittliche Ausbildungsquote in Bremen (4,9 Prozent). Die wenigsten Betriebe können den Fachkräftebedarf ohne eigene Ausbildung abdecken. Dies bejahen uneingeschränkt nur 23 Prozent. Hierbei nimmt die Notwendigkeit eigener Ausbildung mit der Unternehmensgröße zu.

In Großbetrieben ab 250 Mitarbeitern geben nur 13 Prozent der Betriebsräte an, den Fachkräftebedarf ohne eigene Ausbildung abdecken zu können. Als häufigste Gründe, warum der Betrieb nicht ausbildet, wurde angegeben, dass Ausbildungskapazitäten nicht vorhanden seien (72 Prozent) beziehungsweise dass kein Interesse an eigener Ausbildung bestehen würde (52 Prozent). Am seltensten wurden die Gründe „schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit“ mit 11 Prozent oder „keine geeigneten Bewerber“ mit 12 Prozent genannt.

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  • Betriebsrätebefragung 2020

    Die Wirtschafts- und Beschäftigungssituation in den Betrieben des Landes Bremen, Stand: Juli 2020

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