Die Zukunftsangst der Mittelschicht

Die Zukunftsangst der Mittelschicht - Über die Folgen eines veränderten Arbeitsmarkts

Der deutschen Wirtschaft geht es so gut wie lange nicht mehr, die Arbeitslosenquote hat einen Rekordtiefstand erreicht. Trotzdem schrumpft die Mittelschicht. Viele Menschen sind deshalb verunsichert.

Text: Janet Binder – Fotos: Kay Michalak

14 Monate waren Sandra Wienand und ihr Mann für ihre vierköpfige Familie in Bremen auf Wohnungssuche. Die 73 Quadratmeter große Dachwohnung mit vielen Schrägen in der Neustadt war mit dem zweiten Kind zu klein geworden. Vor allem aber der Schimmel an einer Wand im Kinderzimmer bereitete den jungen Eltern Sorge. Er gab letztlich den Ausschlag, dass sie bereit waren, viel mehr Geld für eine neue Bleibe auszugeben als ursprünglich geplant. Die Familie wollte weiterhin zentrumsnah wohnen, die Mieten aber schienen seit ihrer letzten Wohnungssuche explodiert zu sein. Schließlich bekamen sie den Zuschlag für eine 100 Quadratmeter große Wohnung in der Neustadt. Kosten: 1.200 Euro warm mit Gas und Strom, fast die Hälfte des Nettoeinkommens der Familie, inklusive dem Kindergeld. „Die Unterschrift unter dem Mietvertrag war mit Bauchschmerzen verbunden“, sagt die 30-Jährige. Aber der Leidensdruck war größer.

Zu den Zeiten ihrer Wohnungssuche hatte Sandra Wienand eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Osnabrück und pendelte. Ihr Mann arbeitet beim Radio, seit der Geburt des ersten Kindes 2015 nahmen beide abwechselnd Elternzeit. Vor zwei Jahren zahlte Sandra Wienand ihre letzten BAföG-Schulden zurück. „Eigentlich denkt man, nun steht man endlich auf eigenen Füßen“, sagt sie. Und dann ist die Miete so hoch, dass an Urlaub, Sparen für ein Eigenheim, Rücklagen für die Ausbildung der Kinder oder eine private Altersvorsorge nicht zu denken ist. Das Auto – ein Geschenk vom Opa – bleibt meist stehen, weil der Sprit zu teuer ist. „Wenn der Kühlschrank kaputtgeht, haben wir ein Problem“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Familie Wienand gehört mit ihrem Nettoeinkommen gerade noch zur klassischen Mittelschicht. Doch die bröckelt immer mehr, wie Studien der Bertelsmann Stiftung oder des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen. Auch für Bremen förderte zuletzt eine Untersuchung der Arbeitnehmerkammer entsprechende Befunde zutage.

Nur 56 Prozent der Bevölkerung gehören zur Mittelschicht

Nach Berechnungen des DIW lag 1996 der Anteil der Bevölkerung in Deutschland, der zur Mittelschicht gezählt wird, bei rund 64 Prozent. Fast 20 Jahre später waren es nur noch rund 56 Prozent. Demnächst veröffentlicht das Institut neue Zahlen. Sie werden ähnlich sein wie die von 2014, sagt Ökonom Markus Grabka, verantwortlich beim DIW für die Studie. Zur Mittelschicht zählt er alle, die zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens (Medianeinkommen) vorweisen können. Dazu gehören – nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen – neben dem Lohn auch Renten- und Transferzahlungen, Unterhalt oder Einkünfte aus Kapital oder Miete. Das DIW hat in der Vergangenheit Kritik einstecken müssen wegen seiner rein ökonomischen Definition der Mittelschicht. Doch Grabka hält dagegen: „Um das laufende Einkommen dreht sich in einer Marktwirtschaft schließlich fast alles.“ Bemängelt wurden von Kritikern auch zu eng gesteckte Grenzen um das Medianeinkommen. Aber selbst wenn das mittlere Haushaltseinkommen weiter nach oben und unten gefasst werde, ändere sich letztlich am Trend der schrumpfenden Mittelschicht nichts, betont Markus Grabka.

Die Entwicklung ist bedenklich: „Die Mittelschicht ist der zentrale Stützpfeiler der Gesellschaft,“ sagt Peer Rosenthal, Referent der Geschäftsführung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Eine breite und stabile Mittelschicht wirkt der sozialen Spaltung entgegen, die Ränder können nicht so groß werden.“ In Bremen sind die Zahlen noch dramatischer als die bundesweiten: 2012 gehörten laut einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen nur 50 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, 14 Prozentpunkte weniger als noch im Jahr 2000. Im untersuchten Zeitraum wurden die Reichen reicher, in der Anzahl aber nicht mehr, während die Zahl der Armen deutlich wuchs und die Betroffenen gleichzeitig geringere Einkommensgewinne hatten. Alleinerziehende und Familien rutschen zunehmend aus der Mittelschicht.

 

Erhöhtes Armutsrisiko durch Teilzeit, Minijobs und Leiharbeit

Die Tendenz erstaunt auf den ersten Blick: Eine bröckelnde Mittelschicht gab es bisher eigentlich nur bei einer zeitgleichen negativen Konjunkturentwicklung. „Bei einer anhaltend wachsenden Wirtschaft und niedriger Arbeitslosenquote ist das ein neues Phänomen“, verdeutlicht Peer Rosenthal. Gründe dafür sind im veränderten Arbeitsmarkt zu finden: Wegen der Vielzahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse wie Minijobs, unfreiwilliger Teilzeit oder Leiharbeit und wegen der sinkenden Tarifbindung entsteht ein Druck auf die Löhne. „In früheren Generationen gab es die Gewissheit: Wenn man eine gute Ausbildung hat, sich anstrengt und fleißig ist, hat man gute Chancen, zur Mittelschicht zu gehören“, sagt Peer Rosenthal. Das sei heute nicht mehr so. Zudem arbeiten immer mehr Beschäftigte im Dienstleistungssektor, wo geringere Löhne gezahlt werden als in der Industrie. Dazu kommen hohe Kosten für Miete, Energie, Kita und fürs Pendeln. Der Abbau von staatlichen  Sozialleistungen trägt seinen Teil dazu bei. „Schnell kann man unverschuldet zum Hartz-IV-Empfänger werden, weil sich der Staat in vielen Bereichen aus seiner Verantwortung zurückgezogen hat, sei es bei der Renten- oder Berufsunfähigkeitsversicherung oder beim sozialen Wohnungsbau“, so Markus Grabka. Bundesweit ist der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um rund 60 Prozent zurückgegangen.

Die Folge ist eine stark verunsicherte Gesellschaft. „Im schlimmsten Fall fühlen sich die Menschen in der Mitte abgehängt“, sagt Grabka. Der Schritt, sein Kreuz auf dem Wahlzettel aus Protest bei rechtspopulistischen Parteien zu machen, liege dann nahe.

Davon ist Sandra Wienand meilenweit entfernt. Die Verunsicherung aber kennt sie gut und damit ist sie nicht allein. „Ich habe viele Freunde und Bekannte, die noch viel fester im Berufsleben stehen als ich und trotzdem vor allem an den hohen Mieten verzweifeln.“ Dass ihre Familie überhaupt eine Wohnung in der Stadt gefunden habe, sei Glück gewesen. „Die meisten Vermieter wollen keine Familien mit kleinen Kindern.“

Mittelstandsleben fußt auf geborgtem Wohlstand

Über ihre Situation hat die 30-Jährige den Text „Danke, Opa! Wohnungsnot in Bremen: vom geborgten Wohlstand und Zukunftsängsten“ geschrieben und in ihrem Blog „Time is honey“ veröffentlicht. Dass ihre kleine Familie immer wieder auf Finanzspritzen vom Opa angewiesen ist, frustriert sie. Ihr Mittelstandsleben fuße auf „geborgtem Wohlstand“: Sie habe Sorge, trotz guter Ausbildung noch viele Jahre finanziell von ihren Eltern und Großeltern abhängig zu sein. Im Sommer lief Sandra Wienands befristete Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin aus. Furcht vor dauerhafter Arbeitslosigkeit habe sie zwar nicht, wohl aber eine „diffuse Zukunftsangst“. „Alle Stellen, auf die ich mich beworben habe, sind finanziell unter meiner bisherigen Stelle eingruppiert.“ Sie nimmt das in Kauf, „um irgendetwas zu haben“.

Ähnlich verunsichert fühlt sich Melanie Schröder. „Ich bin nicht unzufrieden“, betont die 27-Jährige, die eigentlich anders heißt, ihren Namen aber nicht veröffentlicht wissen möchte. Das Nettoeinkommen ihrer Familie sei ja nicht schlecht. Und trotzdem: „Irgendwie ist es weder Fisch noch Fleisch“, sagt sie. Ihr Partner arbeitet als Erzieher, sie selbst ist Beamtin und teilzeitbeschäftigt, gemeinsam haben sie ein einjähriges Kind. Das Kindergeld über 192 Euro ist geringer als die Kita-Gebühr über 255 Euro im Monat. „Wir würden uns freuen, wenn die Kita-Gebühren, so wie demnächst in Niedersachsen, abgeschafft würden“, sagt sie.

Immobilienkauf ist nicht mehr selbstverständlich

Gerne würden Melanie Schröder und ihr Partner Wohneigentum kaufen, in dem Platz für weiteren Nachwuchs vorhanden ist. Jetzt wohnt die Familie in Bremen in einer 65 Quadratmeter großen Wohnung, für 870 Euro warm. „Das ist kein Dauerzustand“, sagt Melanie Schröder. Als Beamtin würde sie auch sicher einen Kredit bewilligt bekommen. Aber die höhere finanzielle Belastung würde auch bedeuten: kaum Geld für Annehmlichkeiten wie gelegentliches Reisen oder ins Café gehen. „Das ist eine Abwägungssache“, sagt sie. Je länger die Familie wartet, desto mehr steigen die Immobilienpreise. Und sollte ein zweites Kind kommen, würde Melanie Schröder ihre Arbeitszeit wohl weiter reduzieren und damit weniger Geld verdienen. „Der Immobilienkauf scheint mir nicht mehr so selbstverständlich und einfach zu sein wie in der Generation meiner Eltern. Bei denen war das noch ganz klar.“

Für Sandra Wienand liegt definitiv Wohneigentum in weiter Ferne, sie rechnet nicht damit, in den nächsten Jahren kreditwürdig zu werden. Immerhin: Der Zweijahresvertrag ihres Mannes wurde gerade verlängert und entfristet.



Kommentar von Elke Heyduck, Leitung Politikberatung und Geschäftsführerin AKB_Icon_Comment2

Arbeitsmarkt ist entscheidend

Vier von zehn Beschäftigten im Land Bremen arbeiten in Teilzeit oder in Leiharbeit, haben einen Minijob oder einen befristeten Arbeitsvertrag. Und auch wenn die regulären Arbeitsverhältnisse wieder zunehmen – noch mehr steigt die Zahl solch atypischer Jobs. Es ist diese Entwicklung – gekoppelt mit einer im Verhältnis zu den Unternehmensgewinnen schwachen Lohnentwicklung – die die Mittelschicht hat schmelzen lassen.

Zuletzt hat das auch mehr als deutlich eine unserer Untersuchungen gezeigt: Wenn etwas den Verbleib in der sozialen Mitte sichert, dann ein Vollzeitjob. Selber schuld? Wer Teilzeit arbeitet, will es nicht anders? Stimmt nicht: Fast jeder dritte Teilzeitbeschäftigte im Land Bremen würde gern mehr Stunden arbeiten, wie unsere Beschäftigtenbefragung zeigt!

Also: Steuerpolitik, Wohnungspolitik – das alles ist wichtig für die Mitte. Das Entscheidende aber sind die Lohneinkommen und die Art der Beschäftigung. Was die Politik im Rahmen der Arbeitsmarktreform als Möglichkeit zum Wiedereinstieg ins Arbeitsleben gedacht hat – die Ausweitung des Niedriglohnsektors und deregulierte Beschäftigungsformen – hat sich längst zur Bedrohung für die Mitte entwickelt.

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