Laute Berufe — wie Lärm im Job nicht krank macht

Jonas Ginter
Ramp Agent Tim Rost kümmert sich um die Beladung der Flugzeuge am Flughafen Bremen.
Die Fahrzeuge piepen, die Turbinen dröhnen, im Hintergrund ertönt ein Rattern von der Baustelle: Während seiner Schicht ist Tim Rost regelmäßig lauten, unangenehmen Geräuschen ausgesetzt. Als „Ramp Agent“ kümmert er sich um die Beladung der Flugzeuge. Ohne Schutzvorkehrungen kann der Lärm schnell zur psychischen Belastung werden – und im schlimmsten Fall sogar gesundheitliche Beeinträchtigungen mit sich bringen. „Man muss an Flugzeugen Gefallen haben, um hier zu arbeiten“, sagt der 22-Jährige über seinen Beruf.
Damit Rost seiner Tätigkeit auch im höheren Alter noch ohne Einschränkungen nachgehen kann, ist Vorsorge essenziell. Lärmschwerhörigkeit kostet die Unfallversicherungsträger jährlich mehr als 100 Millionen Euro an Rentenzahlungen. Durch die verpflichtenden Hörtests beim Betriebsarzt weiß Rost, dass das bei ihm bisher geklappt hat: „Ich bin fünf Jahre hier und höre noch wie am ersten Tag.“ Das liege maßgeblich am Gehörschutz, den er in lauten Umgebungen konsequent trägt.
Selbstschutz bringt Konflikte mit sich
Im Arbeitsalltag bringt der Selbstschutz allerdings immer wieder Zielkonflikte mit sich. Denn Gehörschützer, die sich komplett um das Ohr legen (Over Ear), schirmen zwar den Lärm ab – aber auch alle anderen Geräusche. Wenn Rost also auf dem Vorfeld mit Kolleg*innen reden muss, ist das schwierig. „Bei Missverständnissen aufgrund von Lärm kann einiges passieren“, sagt er. Deshalb stellt der Flughafen kleinere Ohrstöpsel (In Ear) bereit, die die Geräuschkulisse um mindestens 27 Dezibel dämmen, aber noch eine Kommunikation ermöglichen. Bei der Kommunikation mit Pilot*innen per Over-Ear-Headset gilt außerdem, dass diese die Durchsage stets bestätigen müssen.

Jonas Ginter
Industriemechanikerin Lisa Korolev arbeitet in der Lagerwerkstatt des Walzwerks im Bremer Stahlwerk.
Daueraufgabe Gefährdungsbeurteilung
Die Gefahrenquellen zu identifizieren und Vorkehrungen zu treffen, ist die Aufgabe von Matthias Hampel. „Es ist relativ viel Bewegung auf dem Vorfeld“, sagt der Sicherheitsingenieur am Flughafen über die abwechslungsreiche Geräuschkulisse. Für die Gefährdungsbeurteilung misst er immer wieder die Lautstärke, um in einem komplexen Verfahren mit logarithmischen Werten die Belastungspegel in einer achtstündigen Schicht zu bestimmen. Allein die Spezialausbildung zum Thema Lärmmessung hat eine Woche gedauert.
Ab einem Tages-Lärmexpositionspegel von 80 Dezibel muss der Arbeitgeber einen Gehörschutz zur Verfügung stellen, die Beschäftigten unterweisen und ein Lärmminderungsprogramm erstellen. Ab 85 Dezibel muss der Gehörschutz zwingend getragen werden und Lärmbereiche müssen ausgewiesen werden. Zudem ist die arbeitsmedizinische Vorsorge Pflicht. Überschreiten Pegelspitzen bestimmte Werte, muss der Arbeitgeber ebenfalls Vorkehrungen treffen.
Bei einem Abfertiger am Flughafen liegt die Dauerbelastung derzeit bei 75 Dezibel. „Es gibt eine Betriebsanweisung, dass der Gehörschutz auch hier schon zur Prävention getragen werden soll“, sagt Hampel. Der höchste Wert, den der Sicherheitsingenieur bisher gemessen hat, lag bei 105 Dezibel. Das sei eine absolute Ausnahme, wenn zum Beispiel direkt neben einer Turbine gemessen werde. Dort halte sich aber in der Regel kein Mensch auf.
Lärm als Dauerthema
Im Bremer Stahlwerk ist Lärm ebenfalls ein Dauerthema. Im Walzwerk mit wohl einer der lautesten Geräuschkulissen auf dem Betriebsgelände arbeiten durch die vollautomatisierten Prozesse zwar im Regelfall keine Menschen direkt an der Quelle. Doch Fachkräfte wie Lisa Korolev sind in der benachbarten Lagerwerkstatt trotzdem verschiedenen Geräuschen ausgesetzt: Die Schleifmaschinen laufen Tag und Nacht, Krane fahren die Hallendecke entlang, Kolleg*innen arbeiten mit Hämmern und die Industriemechanikerin muss für Wartungs- und Reparaturarbeiten an den Walzen selbst regelmäßig den großen Schlagschrauber in die Hand nehmen.
„Ich kann damit gut umgehen“, sagt Korolev über die Dauerbelastung angesichts der Schutzvorkehrungen. Wie am Flughafen zählen ein Gehörschutz und individuell angepasste Ohrstöpsel dazu, falls der Lärm nicht anderweitig reduziert werden kann.
Korelev sieht in der Ausrüstung ebenfalls das wirksamste Mittel, um das Gehör langfristig zu erhalten. Zumal ihr als Auszubildendenbeauftragter eine Vorbildfunktion zukomme. „Ich kann nicht erwarten, dass die Auszubildenden das leben, wenn ich es nicht vormache“, sagt die Industriemechanikerin. Auf der anderen Seite könne der Gehörschutz selbst eine Belastung sein. „Wenn ich länger in einem Lärmbereich arbeite und danach den Gehörschutz rausnehme, brauche ich einen Moment, um mich zu akklimatisieren“, sagt sie.
Jan Resmer beschäftigt sich bei ArcelorMittal in Bremen im Schwerpunkt mit dem Thema Lärm in beratender Funktion und weiß, dass hier im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen Fingerspitzengefühl notwendig ist. „Im Lärmbereich müssen die Maßnahmen angemessen sein“, sagt er. Bei unsachgemäßer Auswahl und Nutzung könne der Gehörschutz beispielsweise zu einem eingeschränkten Orientierungsgefühl führen. Eine Kombination aus In-Ear- und Over-Ear-Gehörschutz berge das Risiko einer Überdämmung, bei der auch Warnsignale nicht mehr gehört werden: „Deshalb haben die Artikel verschiedene Schutzwirkungen.“
Zudem gelte, dass die Mitarbeiter*innen nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Kolleg*innen achten sollten. Seit einigen Jahren sieht Resmer hier einen Kulturwandel in der Gesellschaft. „Die Jungen bringen ein anderes Mindset mit und haben mehr Eigeninteresse bei Themen wie Lärmschutz“, sagt er.

Jonas Ginter
Musiker Gregor Daul spielt seit rund 40 Jahren Oboe bei den Bremer Philharmonikern.
Unternehmen zur Vorsorge verpflichtet
Die Verpflichtungen der Arbeitgeber beginnen indes weit früher, erklärt Lars-Alexander Hirsch von der Beratungsstelle Berufskrankheiten bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Nur gehen hier nicht alle so vorbildlich wie der Flughafen oder ArcelorMittal in Bremen voran. „Ein Viertel der Unternehmen hat keine Gefährdungsbeurteilung“, sagt Hirsch. Die Bremer Gewerbeaufsicht kam 2024 zu dem Ergebnis, dass nur in 38 Prozent der überprüften Betriebe Gefährdungsbeurteilungen angemessen durchgeführt worden seien. Im Zweifel wissen Betriebe also gar nicht, welchen Lärmbelastungen und anderen Risiken Beschäftigte bei ihrer Tätigkeit ausgesetzt sind. Dabei ist sie die Grundlage, um Problemen vorzubeugen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat hierfür mit dem „STOP“-Prinzip einen hierarchischen Maßnahmenkatalog ausgearbeitet:
- Substitution: Lärmquellen sollen gar nicht erst entstehen und zum Beispiel laute Geräte ausgetauscht werden.
- Technische Maßnahmen: Laute Maschinen können zum Beispiel gekapselt oder Lärmbelastung durch lärmdämmende Wände reduziert werden.
- Organisation: Arbeitsplätze sollen so gestaltet sein, dass Arbeitnehmende dem Lärm nicht dauerhaft ausgesetzt sind.
- Persönliche Schutzausrüstung: Erst im letzten Schritt kommen Gehörschutz und Ohrstöpsel ins Spiel.
Schon kleine Anpassungen senken Lärmbelastung
Bei ArcelorMittal Bremen bedeutet das zum Beispiel, dass die Leitstände gut gedämmt sind, sodass die Fachkräfte dort gar nicht erst dem Lärm ausgesetzt sind. Am Flughafen helfen moderne, leisere Flugzeugmodelle, die Belastung zu mindern.
Dass manchmal kleine Anpassungen reichen, um die Lärmbelastung spürbar zu senken, hat Musiker Gregor Daul beobachtet. Der 63-Jährige spielt seit rund 40 Jahren Oboe bei den Bremer Philharmonikern. Im Orchester machten teils wenige Zentimeter mehr Abstand zwischen den Stühlen oder die Ausrichtung zur Klangquelle einen erheblichen Unterschied. Hinzu kommen Hilfsmittel wie Schallschutzwände oder die bekannten Gehörschützer. Nur: „Das Orchester ist ein komplexes Klanggebilde.“ Was arbeitsmedizinisch sinnvoll sei, lasse sich künstlerisch nicht immer umsetzen, sagt Daul. Bei ihm ist zum Beispiel das Mundstück die Klangquelle: „Durch den Gehörschutz wird das Klangempfinden gestört.“
Eine große Bedeutung komme deshalb dem Dirigenten zu. Denn bei der Lärmbelastung zähle neben der Lautstärke auch der Klangcharakter. „Ein sanfterer Klang wird als angenehmer empfunden, ein schriller tut eher weh“, sagt Daul. Wichtig sei außerdem die Auswahl der Stücke. Inzwischen werde jedes auf die Lärmbelästigung geprüft, um am Spielort passende Vorkehrungen zu treffen.
Wo sich die Lärmeinwirkung bei Daul von Berufs wegen nicht vermeiden lässt, sieht der Musiker auch sich selbst in der Pflicht. „Ich gestalte meine Lebensführung bewusst so, dass ich in Entspannungsphasen komme“, sagt er. Ruhige Aktivitäten wie Radfahren und anderer Sport in der Natur schafften bei ihm Abhilfe.

Jonas Ginter
Die Fahrzeuge piepen, die Turbinen dröhnen, im Hintergrund ertönt ein Rattern von der Baustelle: Während seiner Schicht ist Tim Rost regelmäßig lauten, unangenehmen Geräuschen ausgesetzt.
Bei Sabrina Hänel sind es Yoga und Meditation zum Feierabend. „Ich merke,
ich höre immer schlechter“, sagt die pädagogische Fachkraft nach mehr als 20 Jahren als Erzieherin in Kindertagesstätten. Dabei zählt ihre Tätigkeit offiziell gar nicht zu den Lärmberufen, dafür fehlen der gemessene Dauerlärm und die Spitzen. Gleichwohl kann jede Fachkraft die Belastung bestätigen.
Hier zeigt sich einmal mehr der Zielkonflikt. „Die Kinder sollen lebendig sein und sich austoben“, bekräftigt Hänel. Gleichzeitig merke sie nach zwei Jahrzehnten in diesem Alltag und mit zunehmendem Alter, dass sie die Geräuschkulisse nicht mehr so einfach wegstecken könne, trotz Lärmschutzpaneelen an der Decke. „Das Problem sind die hohen Töne und wenn alle gleichzeitig etwas wollen. Das geht an die Substanz“, sagt die Erzieherin. Ohrstöpsel seien hier nur eine kurzfristige Notlösung: „Ich muss alles mitkriegen und immer reagieren können.“
Lärm darf auf Dauer nicht zur Last werden
Auch abseits der gesetzlichen Pausen müssten Erzieher*innen Wege finden, um kurze Erholungsphasen einzubauen. Gemeinsam zu musizieren könne den Lärmpegel senken, bei Aktivitäten im Freien verteile sich die Lautstärke besser als in hallenden Innenräumen. Hier sieht Hänel auch die Pädagog*innen in der Pflicht: „Es ist wichtig, mit den Kindern von Anfang an Regeln auch zur Lautstärke zu besprechen, und unsere Aufgabe, die Kinder anzuleiten.“
Auch beim Bremer Eigenbetrieb für die Kindertagesstätten wurde die Herausforderung erkannt. Neben baulichen Anpassungen wurden in einem Modellprojekt mit Hörakustiker*innen Ohrstöpsel getestet. „Bei vielen Leuten in kleinen Räumen summiert sich das einfach“, sagt Tina Köhn, Referentin für Betriebliches Gesundheitsmanagement bei KiTa Bremen, über die Geräuschkulisse.
Abstellen lässt sich der Lärm in den Einrichtungen zwar nicht. Wie am Flughafen, im Stahlwerk oder im Orchester zeigt sich aber auch hier der Fortschritt unter anderem in Form von Flüstertischen in Essensräumen, die das Klimpern des Bestecks auf der Tischoberfläche reduzieren. Um die persönliche Belastung zu reduzieren, bieten Arbeitgeber wie KiTa Bremen außerdem Kurse etwa für Achtsamkeit, Resilienz oder Burnoutprävention sowie Betriebssportangebote und Fortbildungen. „Es geht darum, einen Ausgleich zu schaffen“, sagt Köhn – damit der unvermeidbare Lärm auf Dauer nicht zur Last wird.
Lärmschutz ernst nehmen
Kommentar von Dr. Kai Huter, Referentin für Arbeitsschutz- und Gesundheitspolitik
Lärm bei der Arbeit wird noch immer zu oft unterschätzt. Ob in Werkhallen, auf dem Bau, in Kitas oder in Großraumbüros: Dauerhafter Lärm kann krank machen. Er erhöht das Risiko für Hörschäden, verursacht Stress, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme. Dennoch werden lärmarme Technik und wirksame organisatorische Schutzmaßnahmen oft zu spät eingeführt.
Lärmschwerhörigkeit ist nach Covid-19 die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit im Land Bremen. Allerdings selten bei Frauen, denn Forschung und Richtlinien orientieren sich stärker an technischen Berufsfeldern, Grenzwerte an männlichen Beschäftigten. Dass muss sich dringend ändern.
Auch die psychische Belastung durch eine dauerhafte Geräuschkulisse findet bisher zu wenig Beachtung. Arbeitsschutz in sozialen und anderen Dienstleistungsberufen muss endlich genauso ernst genommen werden wie in anderen Branchen.
Guter Arbeitsschutz ist keine lästige Bürokratie, sondern eine Investition in Gesundheit und gute Arbeit. Deshalb muss er gestärkt statt abgebaut werden. Die geplante Reduktion von Sicherheitsbeauftragten in
kleineren Betrieben sehen wir kritisch. Ebenso wichtig ist es, die Kontrollen durch die Gewerbeaufsicht weiter auszubauen.


