Arbeitswege mit Hürden

Unterwegs mit dem Landesbehindertenbeauftragten

„Es gibt noch viel, das man machen muss“, sagt Arne Frankenstein. Der Landesbehindertenbeauftragte macht sich in Bremen für Barrierefreiheit stark – und zeigt, welche Hürden für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsweg lauern.

Text: Insa Lohmann
Foto: Jonas Ginter

Es ist früher Nachmittag. Die ersten Bremerinnen und Bremer sind bereits auf dem Weg nach Hause, die Straßen sind gut gefüllt. Ein Auto schnellt um die Ecke an der „Herrlichkeit“ gegenüber vom ehemaligen Beluga-Gebäude am Teerhof. Wenn Arne Frankenstein von seinem Büro dort zur Haltestelle will, führt der kürzeste Weg über eine Rampe. Aber dafür muss er die Straße überqueren. Er schaut nach rechts und links. „Man muss sich hier vortasten und hoffen, dass nichts kommt“, sagt er. An der Straße herrscht Tempo 50, zu viel findet Frankenstein. Die Kurve, die zur Wilhelm-Kaisen-Brücke führt, ist kaum einsehbar. Anfahrende Autos sieht er aufgrund des Tempos gar nicht oder zu spät. Arne Frankenstein entscheidet sich meistens für den längeren Weg, bei der er die Straße nicht überqueren muss. Barrierefreiheit sieht anders aus.

Das Thema bewegt Arne Frankenstein seit vielen Jahren beruflich und privat. Der gebürtige Lübecker, der seit rund sieben Jahren an der Weser lebt, ist von Geburt an behindert. Er nutzt seit Kindertagen einen Rollstuhl und seit der Schulzeit eine persönliche Assistenz. Seit dem Frühjahr hat Frankenstein, der seit 2015 Mitglied im Bremer Landesteilhabebeirat und seit 2016 Mitglied im Rundfunkrat von Radio Bremen ist, das Amt des Landesbehindertenbeauftragten in Bremen inne. Wenn Arne Frankenstein Essen geht, ein Theaterstück besucht oder sich mit Freunden trifft, weiß er meistens schon vorher genau, ob die Gegebenheiten vor Ort barrierefrei sind – er sucht die Treffpunkte danach aus. So sieht der Alltag vieler Menschen aus, die mit einer Behinderung leben. Anders gestaltet sich die Lage, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Behinderung ihren Weg ins Büro oder zur Arbeitsstätte bestreiten wollen.

„Bisher ist das Thema barrierefreier Arbeitsweg in der öffentlichen Diskussion wenig in Erscheinung getreten.“
Barbara Reuhl, Arbeitnehmerkammer Bremen

„Die Menschen müssen ja zur Arbeit kommen“, sagt Barbara Reuhl, Referentin für Arbeitsschutz bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Bisher sei das Thema barrierefreier Arbeitsweg in der öffentlichen Diskussion wenig in Erscheinung getreten. Das liegt auch daran, dass sich der Arbeitsweg aus vielen Bereichen zusammensetzt – dem öffentlichen Raum, der Mobilität sowie den Gebäuden. „Häufig haben wir mehr die Freizeitbrille auf, wenn es um die Sicht der Barrierefreiheit geht“, so Reuhl, die für das Thema sensibilisieren möchte. Schaut man auf die Zahlen, ist das dringend nötig: In Bremen leben rund 53.000 Menschen mit einer Behinderung, aufgrund derer sie in ihrer Sprache, Bewegung oder ihren Sinnen eingeschränkt sind. In der Theorie ist das barrierefreie Erreichen des Arbeitsplatzes klar geregelt: Das deutsche Grundgesetz sieht in Artikel 3 vor, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf.

Die Mobilität gehört dabei zu den zentralen Voraussetzungen einer selbstbestimmten und gleichberechtigten Teilhabe – und die Erreichbarkeit der Arbeitsstätte spielt für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung eine entscheidende Rolle. Das sei gut an der Domsheide gelungen, die nach dem Hauptbahnhof Bremens zweitgrößter Verkehrsknotenpunkt ist. Sogenannte taktile Bodenleitsysteme dienen hier der Orientierung. Arne Frankenstein zeigt auf die im Boden integrierten Platten: „Die mit den Rillen zeigen die Richtung an, die mit den Noppen weisen auf ein Aufmerksamkeitsfeld hin“, sagt er. Bis zum Jahr 2022 soll der öffentliche Personennahverkehr vollständig barrierefrei sein, so steht es im Personenbeförderungsgesetz. „Bremen ist damit in Verzug“, sagt Arne Frankenstein. Oft seien es zudem alltägliche Dinge, die den Menschen Probleme bereiten. Der Landesbehindertenbeauftragte zeigt auf ein paar E-Scooter, die auf dem Gehweg stehen. „Für mich und andere Menschen mit Beeinträchtigung sind sie oft ein Ärgernis“, sagt er. Auch Fahrräder, die manchmal achtlos abgestellt werden und die Wege versperren, können zur Hürde werden.

Ein barrierefreier Arbeitsweg heißt aber nicht nur, dass keine physikalischen Hindernisse im Weg stehen dürfen. Arne Frankenstein wartet an einer Ampel an der Kreuzung zur Wilhelm-Kaisen-Brücke: „Hier fehlt ein akustisches Signal, das blinde und sehbehinderte Menschen auf eine einfahrende Bahn hinweist“, sagt er. Gerade blinde oder sehbeeinträchtigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stehen oft vor Problemen, wenn sie den Weg zur Arbeit antreten: Wann kommt die nächste Straßenbahn? Wo sind sichere Übergänge? Wie lange ist die Ampel auf Grün? Ein weiteres Problem sei, dass häufig der Übergang von Fußweg und Straße nicht klar ertastbar ist und entsprechende Leitsysteme fehlen. Ähnlich wie Radwege, die weder durch einen Bordstein noch eine Markierung von der Straße getrennt sind. Arne Frankenstein, der als Nachfolger von Joachim Steinbrück ins Amt kam und vier Jahre Vorsitzender des Bremer Vereins „SelbstBestimmt Leben“ war, hat ein Auge für diese Dinge entwickelt. Der 33-jährige Wahlbremer ist Experte für Behindertenrechte. Schon während seines Jurastudiums in Hamburg legte er sich auf dieses Spezialgebiet fest. Die Auseinandersetzung mit der UN-Behindertenrechtskonvention habe ihn für das Thema sensibilisiert.

Arne Frankenstein macht sich daher vor allem dafür stark, dass die gesetzlichen Regelungen unter Beteiligung behinderter Menschen umgesetzt werden. Das sei nicht immer der Fall, wie Arne Frankenstein am Beispiel der Stadtbibliothek zeigt, wo viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Mittagspause verbringen: Hier wurde nachträglich unter anderem ein taktiles Leitsystem aufgeklebt, weil man es versäumt habe, das Thema von Anfang an mitzudenken. Schwellen, Stelzen und Stufen im Forum haben vor allem Menschen mit Beeinträchtigung zu schaffen gemacht. 2018 hatten sich der Verein „SelbstBestimmt Leben“ Bremen, die Stadtgemeinde Bremen und die Eigentümerin des Gebäudes im Rahmen eines gerichtlichen Mediationsverfahrens vor dem Verwaltungsgericht Bremen schließlich darauf geeinigt, dass im Forum am Wall Verbesserungen für die Barrierefreiheit vorgenommen werden. „Da waren viele Gefahren“, sagt Frankenstein.

Mobilität gehört zu den zentralen Voraussetzungen einer selbstbestimmten und gleichberechtigten Teilhabe.

Es geht zurück durch die Innenstadt, vorbei an wichtigen Einrichtungen wie dem Rathaus, der Handelskammer und der Bürgerschaft. Was Arne Frankenstein auf einen weiteren Aspekt bringt. Denn damit Menschen ihre Arbeitsstätte barrierefrei aufsuchen können, spielt auch der Abbau von Barrieren in Bestandsgebäuden eine große Rolle. Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor sieht der Experte hier Nachholbedarf. Zwar gebe es konkrete Regelungen für barrierefreies Bauen bei Um- und Erweiterungsbauten, „aber wir haben sehr viele alte Bestandsgebäude, das dauert einfach“, sagt Frankenstein. Noch immer stehe der barrierefreie Umbau den architektonischen Vorstellungen mancher Architekten und Bauherren oft genug im Weg. Eine barrierefreie Umwelt für alle sei aber unabdingbar, macht Frankenstein deutlich. „Es gibt ja nicht nur Sehbehinderte oder Rollstuhlfahrer, sondern zahlreiche Behinderungen, für die Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Denken Sie zum Beispiel an Menschen mit Autismus oder Demenz.“ Bis dahin wird Arne Frankenstein nicht lockerlassen. Denn er hat ein klares Ziel vor Augen: die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen. „Und da gibt es noch total viel, das man machen muss.“

 

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