Interview mit Kristina Vogt

Die Senatorin für Arbeit, Wirtschaft und Europa im Gespräch

„Die Arbeit von morgen wird anders aussehen“

Fragen: Ingo Schierenbeck
Foto: Kay Michalak

Ingo Schierenbeck: Frau Senatorin Vogt, zunächst herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt. Nun liegen in Ihrer Verantwortung die Themen Wirtschaft und Arbeit. Themen, die für Beschäftigte von großer Bedeutung sind. Ich frage mich allerdings: Ist der Widerspruch zwischen Wirtschaft und Arbeit nicht besonders groß?

Kristina Vogt: Ich sehe das genau andersherum, gerade als Linke. Aus diesem klassischen Gegensatz von Kapital und Arbeit ist doch immer gesellschaftliche Entwicklung entstanden. Und nicht nur eine wirtschaftliche und beschäftigungspolitische Entwicklung, sondern echte Meilensteine für die Demokratie. Gerade in der Verknüpfung beider Bereiche spielt doch die Musik. Bislang waren die Themen allerdings nicht gut verzahnt, das muss sich ändern.

Welche Themen sind denn zentral für Wirtschaft und Arbeit?

Eine Schlüsselfrage für die Entwicklung der nächsten zehn bis 15 Jahre ist doch, wie wir mit der Digitalisierung umgehen. Die anstehenden Veränderungen verunsichern auf der einen Seite die Beschäftigten, und dazu gehören auch diejenigen, die eigentlich gut ausgebildet und in Arbeit sind. Die Digitalisierung macht auf der anderen Seite auch den kleinen und den mittleren Unternehmen zu schaffen, weil sie oft nicht über die Ressourcen verfügen, um im Wettbewerb zu bestehen. Für viele Unternehmen, auch internationalen Playern wie Airbus hier vor Ort ist Digitalisierung längst zum Alltag geworden. Für die kleinen Unternehmen gilt das in der Regel so nicht – und auch für viele Beschäftigte nicht. Bereits heute sind andere Qualifikationen gefragt und die Anforderungen werden sich weiter wandeln. Das heißt, wir müssen nicht nur schulisch und beruflich anders qualifizieren, sondern lebenslang und berufsbegleitend.

Nun können sich in Fragen der Digitalisierung kleine und mittlere Unternehmen von der Wirtschaftsförderung beraten lassen. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, dieses Angebot auch auf die Betriebsräte auszuweiten, damit die Interessen der Beschäftigten am Ende nicht auf der Strecke bleiben.

Man muss natürlich nicht nur Unternehmen beraten und unterstützen, das haben wir ja auch im Koalitionsvertrag vereinbart. Neben den bestehenden Programmen wäre es sinnvoll, eine gezielte kleinbetriebliche Förderung aufzulegen und da auch die Beschäftigten mitzunehmen. Das ist, glaube ich, sehr sinnvoll. Die Arbeit von morgen wird anders aussehen, hier liegen aber auch viele Chancen begründet: Andere Arbeitszeitmodelle, andere betriebliche Strukturen sind Lösungen von morgen.

Mal abgesehen von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen – welche Möglichkeiten sehen Sie in Ihrer Rolle als Arbeitssenatorin, der hohen Arbeitslosigkeit in Bremen zu begegnen? Viele Menschen in Bremen und Bremerhaven haben keine Berufsausbildung, das betrifft vor allem Gruppen wie Alleinerziehende? Was ist da zu tun?

Das ist etwas, das mir tatsächlich ganz persönlich am Herzen liegt. Denn ich war selbst alleinerziehend und weiß, wie schwierig die Bedingungen dann sind. Deshalb ist mir sehr daran gelegen, Programme zu entwickeln, die auf Teilzeitausbildung abzielen. Diese sollten dann aber vorrangig in den Betrieben statt in Form von außerbetrieblichen Ausbildungen bei Bildungsträgern stattfinden. Das steht und fällt mit einer Finanzierung und natürlich mit einer flexiblen Kinderbetreuung. Das heißt, hier brauchen wir einen ressortübergreifenden Ansatz.

Ob jemand noch mal eine Weiterbildung beginnt, hängt ganz stark von der finanziellen Situation ab. Was kann Arbeitsmarktpolitik da leisten?

Wir brauchen ganz klar auch finanzielle Anreize für Weiterbildungen, die zu einem Berufsabschluss führen. Es gibt in Bremen das Modellvorhaben „Qualifizierungsbonus“. Wer an einer vom Jobcenter geförderten Weiterbildung teilnimmt, die zu einem Berufsabschluss führt, soll 150 Euro monatlich bekommen. Es wäre aber wünschenswert, dass das künftig nicht nur ein EU-gefördertes Modellprojekt bleibt. Stattdessen sollte es der Bund als Regelaufgabe übernehmen und auch finanzieren. Bremen könnte hier mit anderen Bundesländern darauf drängen.

Nun noch einmal zur Ausbildungssituation, es scheint paradox: Viele geeignete Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz, die Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte und die Zahl der Ausbildungsplätze geht zurück. Wie soll es hier weitergehen?

Eines muss man vorab festhalten: Die Bremer Vereinbarung ist gescheitert. Das sehe nicht nur ich so, das ist allen Partnern bewusst. Die Vereinbarung läuft in diesem Jahr aus und der Koalitionsvertrag sieht vor, dass es einen Ausbildungsfonds geben wird, wenn es keine Einigung gibt. Aber: Das ist das letzte Mittel. Denn am Ende muss es rechtlich sicher umgesetzt werden und darf nicht zu bürokratisch sein. Ich setze deshalb darauf, dass wir im Dialog gemeinsam Lösungen finden. Ausbildungsfonds kann ich mir zunächst in einzelnen Branchen vorstellen.

Wie wollen Sie einvernehmliche Lösungen finden, wenn dies nach ihrer Meinung bisher nicht gelungen ist?

Wir planen eine Ausbildungskommission – aber nicht nur mit den bisherigen Partnern aus der Bremer Vereinbarung, sondern auch mit Leuten aus der Praxis. Das Problem ist: Viele Jugendliche schaffen es häufig nicht, den Anforderungen von komplexer werdenden Ausbildungen gerecht zu werden. Wenn ich von vornherein weiß, dass der Azubi aufgrund zum Beispiel mangelnder Sprachkenntnisse seine Ausbildung nicht in drei Jahren schaffen wird, warum die Ausbildung dann nicht gleich auf vier Jahre anlegen? Mir ist es wichtig, dass Jugendliche im Betrieb lernen und nicht wieder in der Schule. Oft braucht es diesen praktischen Bezug. Ziel ist es deshalb, die Betriebe zu unterstützen, die Jugendliche einstellen, von denen man weiß, dass es nicht leicht sein wird, sie in drei Jahren durch die Prüfung zu bekommen.

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2019 Arbeitnehmerkammer Bremen