Der Alltag von Katja Baumgarten hat sich in den letzten Jahren um 180 Grad gedreht: Täglich fährt die Bremerin zum Wohnhaus ihrer Eltern, kümmert sich um Arzttermine, Medikamentenpläne, Anträge, Organisatorisches. Durch schwere Unfälle sind ihre Eltern im Abstand von zwei Jahren pflegebedürftig geworden. „Mein Tag ist jetzt ganz anders getaktet“, sagt sie. Manchmal fährt sie ihre Mutter oder ihren Vater schon vor der Arbeit zum Arzt, danach geht es ins Büro. Zeit zum Durchatmen gibt es selten, Urlaube und Auszeiten sind rar geworden.
Millionen Deutsche pflegen Angehörige
Katja Baumgarten ist kein Einzelfall. Millionen Menschen in Deutschland kümmern sich täglich um andere, sie kochen, putzen, erledigen den Haushalt, gehen einkaufen, betreuen Kinder oder pflegen Angehörige. Ohne Care-Arbeit könnte die Gesellschaft nicht existieren, Erwerbsarbeit nicht stattfinden. Indem die einen – bezahlt oder unbezahlt – Sorge-, Pflege- und Erziehungsarbeit übernehmen, ermöglichen sie es anderen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Mütter leisten dabei doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Erwerbsarbeit: Knapp 40 Stunden pro Woche wenden sie dafür auf, für Erwerbsarbeit sind es rund 19 Stunden pro Woche. Väter kommen auf 33,5 Stunden Erwerbsarbeit und 25 Stunden unbezahlte Arbeit. Betreuungs- und Pflegeaufgaben machen dabei für Mütter und Väter den größten Teil der unbezahlten Arbeit aus. „Die Zahlen zeigen, wie grundlegend Care für uns ist“, sagt Liska Beulshausen, Co-Geschäftsführerin bei Wirtschaft ist Care, die sich für den Aufbau einer Care-zentrierten Wirtschaft stark macht. Denn trotz ihrer immensen Bedeutung für die Gesellschaft und Wirtschaft sei Care-Arbeit oft unsichtbar und gelte für viele als Selbstverständlichkeit. Dabei tragen Menschen, die Care-Arbeit leisten, oft ein hohes Risiko für finanzielle Unsicherheit, Nachteile im Beruf und Altersarmut.
„Während bezahlte Care-Arbeit in der Pflege oder Kita in Gesellschaft stattfindet, verliert sich private Care-Arbeit im Einzelnen, ohne Vernetzung und ohne Sichtbarkeit“, erläutert Soziologin Beulshausen die Gründe dafür. „Unbezahlte Care-Arbeit hat praktisch keinen Wert in der Wirtschaft, sie wird im Bruttoinlandsprodukt nicht einmal berücksichtigt.“ Würde man den Wert von Care-Arbeit in Löhne umwandeln, wäre das BIP rund 40 Prozent höher – um 1,2 Billionen Euro pro Jahr. Dass Care-Arbeit praktisch ein blinder Fleck in der Wirtschaft ist, hat Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen und die Wertschätzung von Care-Arbeitenden. Besonders betroffen sind Frauen – die sowohl im Privaten als auch im Beruf noch immer einen Großteil dieser Aufgaben übernehmen. Und die summieren sich im Laufe des Lebens. So bleibt ihnen weniger Zeit für Lohnarbeit, sie haben ein geringeres Einkommen und müssen Lücken in der Rente fürchten – Frauen haben im Schnitt 43 Prozent weniger Geld im Alter zur Verfügung. Wer Sorgearbeit übernimmt, zahlt meist einen hohen Preis im Beruf, beim Einkommen und im Lebenslauf.
Auch Katja Baumgarten trägt dieses Risiko. Sie ist Einzelkind, die Pflege ihrer Eltern bleibt allein an ihr hängen. „Ich mache das gern, schließlich haben meine Eltern auch viel für mich getan“, sagt sie. Die Belastung sei dennoch groß: „Vor allem das Emotionale kostet mich viel Zeit und Energie.“ Durch die Pflege ihrer Eltern kann die 58-Jährige nicht mehr in Vollzeit arbeiten. Im Ein- und Verkauf, wo sie zuvor viele Jahre als Angestellte und Selbstständige arbeitete, fand sie trotz vieler Bewerbungen keine geeignete Teilzeitstelle. „Ich würde mir mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten wünschen“, sagt sie. Vor Kurzem hat sie eine Anstellung in der Reisebranche gefunden, als Quereinsteigerin mit 20 Stunden. „Ich habe dadurch einiges an Gehaltseinbußen akzeptiert“, berichtet Baumgarten. Aber die Pflege ihrer Eltern habe zurzeit Priorität. „Es war nicht einfach, einen Job mit hoher Flexibilität zu finden.“ Nicht nur die Anzahl der Stunden sei entscheidend gewesen, auch die Nähe des Arbeitsplatzes zum Wohnhaus der Eltern und die Flexibilität der Arbeitszeiten. „Die ersten Wochen waren eine ganz schöne Doppelbelastung“, sagt die Angestellte aus Bremen. „Eigentlich ist die Pflege ja schon ein Vollzeitjob.“
„Eigentlich ist die Pflege ja schon ein Vollzeitjob. Ich würde mir mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten wünschen.“
Katja Baumgarten
pflegt ihre beiden Eltern
Damit ist Baumgarten nicht allein. Im Land Bremen werden zwei Drittel aller Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen versorgt – der Anteil professioneller Unterstützung sinkt seit Jahren. Mittlerweile pflegt jede*r zehnte Beschäftigte aktiv Angehörige – unter den beschäftigten Frauen sind es etwa 13 Prozent, unter den Männern sieben Prozent. Doch diese Arbeit bleibt nicht nur unbezahlt und häufig unsichtbar, sie wird auch oft als selbstverständlich angesehen. Für Pflegende gibt es keine Auszeiten, keine finanziellen Entschädigungen. Die Belastung für viele Betroffene ist groß: Auch die 37-jährige Natalie Gerth aus Bremen ist pflegende Angehörige. Seit ihre Mutter an Demenz erkrankt ist, gibt es neben ihrer Vollzeitstelle in der Logistik noch eine andere Arbeit, die nach Feierabend auf sie wartet. Gerth arbeitet meist bis 18 Uhr, danach fährt sie nach Hause, kocht für sich und ihre Mutter. „Die Tage sind jetzt sehr lang und immer durchgeplant“, sagt sie. Zeit für Pausen gibt es nicht. „Ich habe zuhause immer noch Arbeit vor mir, das ist eine große Belastung“, sagt Gerth. Ihre Reserven seien am Ende: „Ich bin erschöpft.“ Die Balance zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit sei oft ein schwieriger Akt. Häufig besuche sie morgens vor der Arbeit schon ihre Mutter oder begleite sie zu wichtigen Terminen, ihr Arbeitgeber zeigt Verständnis für die Situation. „Auf der Arbeit im Team gehen wir sehr offen damit um“, berichtet die 37-Jährige. Das nehme ihr die Last. Die Bremer Beschäftigte wünscht sich mehr Verständnis und Aufmerksamkeit für Care-Arbeit – in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Zwar fühlt sie sich durch entsprechende Angebote in der Stadt gut beraten, aber mit wichtigen Entscheidungen sieht sie sich dennoch allein gelassen. Gerth hat keine Geschwister, weitere Familienmitglieder leben nicht in Bremen. Vor allem der zunehmend schlechter werdende Gesundheitszustand ihrer Mutter macht ihr große Sorgen. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Gerth. Einen Platz im Pflegeheim könne sie eigentlich gar nicht finanzieren.
„Die Tage sind jetzt sehr lang und immer durchgeplant.“
Natalie Gerth
Die 37-jährige aus Bremen pflegt ihre demenzkranke Mutter. Jetzt gibt es neben ihrer Vollzeit- stelle in der Logistik noch eine andere Arbeit, die nach Feierabend auf sie wartet
Pflege muss gesellschaftlich organisiert werden
Dass der aktuelle Referentenentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes noch stärkere Einschnitte bei der sozialen Absicherung pflegender Angehöriger vorsieht, sieht Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, daher sehr kritisch. „Leistungskürzungen und Verschärfungen der Pflegegrade führen dazu, dass Angehörige künftig noch häufiger dort einspringen müssen, wo die professionelle Versorgung nicht mehr gesichert ist. Das trifft ausgerechnet diejenigen, die unser Pflegesystem täglich tragen, und ignoriert die hohen Belastungen, die Angehörige bewältigen müssen. Um die finanziellen Probleme der Pflegeversicherung zu lösen, muss sie solidarisch reformiert werden, statt Angehörige noch stärker in die Verantwortung zu ziehen“, sagt die Kammer-Expertin. „Pflegende Angehörige verdienen mehr Anerkennung, eine stärkere Entlastung und verlässliche finanzielle Absicherung in Zeiten, in denen sie Pflege übernehmen.“
Das sieht auch Soziologin Liska Beulshausen so: „Es kann keine Lösung sein, dass Care immer im Privaten aufgefangen wird. Das muss gesellschaftlich organisiert werden.“ Doch wie kann Sorgearbeit gerechter verteilt, besser anerkannt und verlässlich abgesichert werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich Beulshausen schon länger und verweist auf Vorbilder aus Barcelona, Madrid oder Mexiko-Stadt. Diese sind Beispiele für das Konzept der Sorgenden Städte, wo auf kommunaler Ebene Care-Politik gestaltet wird. Hier werden Infrastrukturen wie kommunale Waschküchen, Angebote für Senior*innen und Kinder oder Erholungsmöglichkeiten bereitgestellt, um Care-Arbeitende im Alltag zu entlasten. „Da können wichtige Tätigkeiten nebeneinander stattfinden und Care-Arbeit wird aus dem Privaten herausgeholt, das finde ich einen guten Ansatz“, sagt Beulshausen. „Da wird Care-Arbeitenden viel Last abgenommen.“
Fehlende Anerkennung auch bei professionell Pflegenden
Im Land Bremen arbeiten etwa 67.500 Menschen in Care-Berufen – knapp drei Viertel von ihnen sind Frauen. Auch sie erleben in ihren Tätigkeiten wenig Sichtbarkeit, fehlende Anerkennung und arbeiten oft unter schwierigen Bedingungen, wie Erzieher Fabian Lohschelder berichtet. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es vonseiten der Gesellschaft und Politik eine Wertschätzung für unseren Beruf gibt“, sagt der 33-Jährige. Das merke er besonders bei Tarifverhandlungen, in denen wenig Verständnis für eine Lohnerhöhung bestehe, oder daran, dass die schulische Ausbildung nach wie vor nicht vergütet werde. „Das ist erschreckend. Man muss dann schon ein hohes Interesse an dem Beruf haben.“ Bei Lohschelder ist das der Fall: „Als Erzieher zu arbeiten, erfüllt mich total.“ Aber die Belastung sei hoch: fehlendes Personal, wenig Räume, große Gruppen. „Das hat mich ausgelaugt“, sagt er. Inzwischen hat der Erzieher aus Bremen auf eine Vier-Tage-Woche reduziert. Er würde sich wünschen, dass es seiner Berufsgruppe durch finanzielle Anreize und flexiblere Arbeitszeitmodelle erleichtert werde, in Teilzeit zu gehen – für den Bremer Beschäftigten auch eine Form von Wertschätzung.
Ich habe nicht das Gefühl, dass es vonseiten der Gesellschaft und Politik eine Wertschätzung für unseren Beruf gibt.“
Fabian Lohschelder
Der Erzieher ist erfüllt von seinem Job. Aber die Belastung ist hoch – fehlendes Personal, wenig Räume, große Gruppen. Inzwischen hat er auf eine Vier-Tage-Woche reduziert.
Aus Sicht der Soziologin Liska Beulshausen fehlt es nicht nur an Wertschätzung, sondern auch an Sichtbarkeit für das Wissen, das mit Care-Berufen verbunden sind. „Es wird wenig gesehen, welche Arbeit dort geleistet wird und welche Kompetenzen dahinterstecken“, sagt sie. Neben Organisationsfähigkeit und Teamfähigkeit ist für Fabian Lohschelder vor allem eine Voraussetzung entscheidend: „Man sollte Spaß und ein Interesse an der Lebenswelt der Kinder haben – und verstehen, dass sie ein ganz anderes Denken als Erwachsene haben.“ Dahinter steckt ein hohes pädagogisches Wissen über die kindliche Entwicklung. „Aber eine der wichtigsten Fähigkeiten in diesem Beruf ist Empathie – und die lernt man nicht in der Ausbildung.“
„Um die finanziellen Probleme der Pflegeversicherung zu lösen, muss sie solidarisch reformiert werden.“
Marleen Storath
Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Arbeitnehmerkammer
Care braucht mehr!
Kommentar von Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen
Care-Arbeit verdient mehr Anerkennung – sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich. Damit geht die Chance einher, dass auch mehr Männer sie übernehmen – und bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilt wird. Dafür müssen auf Bundesebene gesetzlich geregelte Freistellungsmöglichkeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit ermöglichen. Durch Lohnersatzleistungen müssen diese Zeiten entsprechend finanziell abgesichert werden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit muss auch betrieblich abgesichert und unterstützt werden, beispielsweise durch flexible und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle sowie niedrigschwellige, betriebliche Beratungsangebote und einen wirksamen Schutz gegen Diskriminierung.
Die wichtigste Stellschraube für eine bessere Vereinbarkeit und mehr Geschlechtergerechtigkeit in Sorge- und Erwerbsarbeit bleibt jedoch der Ausbau von Betreuungs- und Pflegeangeboten. Das geht nur mit einer ausreichenden Finanzierung, guten Arbeitsbedingungen, hochwertigen Ausbildungen und einer angemessenen Bezahlung.