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20.08.2015

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Drei-Säulen-Modell in der Kritik 

Eine angemessene Wohnung, gelegentlich mal Essen gehen oder auch die eigenen Kinder unterstützen - wer lange gearbeitet hat, möchte sein Leben im Alter sorgenfrei genießen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das mit der Einführung des Drei-Säulen-Modells (gesetzliche, private und betrieb-liche Rente) möglich ist. "Doch das Drei-Säulen-Modell in der Altersvorsorge erfüllt diese geweckten Erwartungen nicht“, sagt Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Auch wer heute über alle drei Wege spart, wird nicht an das einstige Leistungsniveau der gesetzlichen Rente herankommen."

Das Hauptproblem: Die Renten aus allen drei Säulen steigen nicht so stark wie die Löhne und verlieren dadurch während des Bezugs massiv an Wert. Das zeigt eine aktuelle Studie der Kammer, die unter dem Titel "Die Illusion von der Lebensstandardsicherung. Eine Analyse der Leistungsfähigkeit des >Drei-Säulen-Modells<" erschienen ist.

Dabei meint die "Lebensstandardsicherung" das Verhältnis zwischen der Rente und dem versicherten Einkommen (auch "Versorgungsniveau" genannt), das nach einem erfüllten Erwerbsleben ein Leben ohne größere finanzielle Einschnitte ermöglichen soll. "Das Drei-Säulen-Modell kann dies jedoch höchstens zum Zeitpunkt des Renteneintritts sicher zusagen", sagt Ingo Schäfer, Fachreferent bei der Arbeitnehmerkammer Bremen und Autor der Studie. "Über die Jahre wird die Rente gemessen an den Löhnen erheblich an Wert verlieren und das Verhältnis ständig schlechter." 

Das Drei-Säulen-Modell sei von seiner Struktur her problematisch. Denn in der gesetzlichen Rente sinkt politisch gewollt das Rentenniveau und die privaten Vorsorgeprodukte steigen während der Bezugsjahre kaum. Die Alterseinkom-men sind damit von Lohnentwicklungen faktisch komplett abgekoppelt. „Dadurch sinkt das Versorgungsniveau Jahr für Jahr während des gesamten Rentenbezugs. Gegenüber der Netto-Lohnentwicklung summiert sich dies auf einen Verlust von gut zehn Prozent bezogen auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren“, rechnet Schäfer vor.

Auch weitere Leistungen sind schlechter
Zusätzlich wird die Absicherung bei Erwerbsminderung und im Todesfall (für die Hinterbliebenen) massiv geschwächt. Beide Risiken sind im Gegensatz zur gesetzlichen Rente bei den Privatversicherungen in der Regel gar nicht oder nicht gleichwertig mit abgedeckt. Auch in den Modell-Rechnungen zum Drei-Säulen-Modell der Bundesregierung bleibt dies unberücksichtigt. Dabei waren allein zwischen 2010 und 2013 rund drei von zehn bewilligten Renten Erwerbsminderungsrenten. Durch das Versäumnis stellt die Regierung die vermeintlichen Leistungen des Drei-Säulen-Modells also zu positiv dar.

Außerdem werden die Rentenleistungen mit dem Drei-Säulen-Modell nicht nur tendenziell schlechter sondern auch teurer. Anfang der 2000er Jahre gab es Berechnungen, dass der Beitragssatz der gesetzlichen Rentenversicherung ohne Leistungskürzungen auf 24 bis 26 Prozent ansteigen dürfte. Wirtschaftsnahe Forscher gingen sogar von 28 bis 29 Prozent aus. "Wenn man jetzt das Regierungsmodell von 22 Prozent Beitragssatz zur gesetzlichen Rente im Jahr 2030 plus vier Prozent Riester und zwei bis drei Prozent zusätzlicher Vorsorge nimmt, bewegen wir uns also am oberen Rand dessen, was einst vorhergesagt wurde", so Ingo Schäfer. Dabei werde nicht berücksichtigt, dass dieser Beitragssatz im "Drei-Säulen-Modell" bei weitem nicht ausreicht, um eine Lebensstandardsicherung wie früher die gesetzliche Rente zu gewähren und alle drei Risiken (Alter, Erwerbsminderung und Tod) abzusichern.

Gesetzliche Rente stärken
Fazit: Das Drei-Säulen-Modell ist mit einem summierten Beitragssatz von knapp unter 30 Prozent teurer, aber nicht besser als es alleine die gesetzliche Rente wäre. "Die Aushöhlung der gesetzlichen Rentenversicherung ist entsprechend der falsche Weg", sagt Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Ingo Schierenbeck. "Noch gibt es das Drei-Säulen-Modell nicht allzu lange, noch ist die Rückkehr zur gesetzlichen Rente weitgehend problemlos möglich."

Natürlich müssten aufgrund des Demographischen Wandels höhere Beitrags-sätze zur gesetzlichen Rentenversicherung in Kauf genommen werden. Doch teurer als das Drei-Säulen-Modell wird es für die Versicherten nicht werden, ist sich Ingo Schäfer sicher. "Außerdem ist das Preis-Leistungs-Verhältnis bei der gesetzlichen Rente schlicht und einfach besser, da auch die Erwerbsmin-derungsrente und die Absicherung von Hinterbliebenen gewährleistet ist", sagt er.

Zudem beruhe die gesetzliche Rente auf dem paritätischen Solidaritäts-Prinzip und sei demokratisch kontrolliert und legitimiert. Vor dem Hintergrund der großen Wirtschaftskrisen könnte die gesetzliche Rente nun beweisen, wie stabil sie ist.

Zur Studie:
Für seine Berechnungen ist Ingo Schäfer einen neuen Weg gegangen. Während bisher vor allem analysiert wurde, wie teuer die private Altersvorsorge ist und wie viel Rendite sie abwirft, oder dass zu wenige Menschen für das Alter vorsorgen, fragt sich der Experte: Funktioniert das Drei-Säulen-Modell denn überhaupt im idealtypischen Fall? Der idealtypische Fall ist eine Person, die immer durchschnittlich verdient, nie arbeitslos wird und auf allen Vorsorgewegen spart – also gesetzlich, privat und betrieblich, so Schäfer. Von dieser Voraussetzung geht auch die Bundesregierung seit den frühen 2000er Jahren bei ihren Modellrechnungen zum sogenannten "Gesamtversorgungsniveau in der Alterssicherung" aus.

Für Interviews oder Hintergrundgespräche steht Ihnen unser Fachreferent Ingo Schäfer gerne zur Verfügung.


Weitere Informationen:
 

Zum Download: Die Illusion von der Lebensstandardsicherung (pdf)