Wer arbeitslos und krank ist, braucht mehr Unterstützung

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Arbeitnehmerkammer legt neue Analyse vor: Gesundheitliche Einschränkungen erschweren vielen Arbeitslosen den Weg zurück in Beschäftigung  

Arbeitslosigkeit ist nicht einfach eine Frage fehlender Motivation: Viele Betroffene in Bremen leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen, die eine Rückkehr in den Job oft ganz erheblich erschweren. Insbesondere psychische Erkrankungen stehen einer Beschäftigung häufig im Weg. Eine Analyse der Arbeitnehmerkammer zeigt: Jobcenter-Mitarbeitende schätzen bei 58 Prozent ihrer Fälle psychische Erkrankungen als Grund für Arbeitslosigkeit, bei 31 Prozent sind es körperliche Erkrankungen. Und: Anhaltende Arbeitslosigkeit kann die Gesundheit weiter verschlechtern. „In Bremen gibt es bereits gute Ansätze, um arbeitslose Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu unterstützen. Sie reichen aber bei Weitem nicht aus. Wir brauchen eine Arbeitsmarktpolitik, die gesundheitliche Stabilisierung und berufliche Perspektiven konsequent miteinander verbindet“, sagt Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. „Wer gesundheitlich eingeschränkte Menschen vor allem unter Druck setzt, verkennt die tatsächlichen Hürden bei der Arbeitsaufnahme.“

Auch die Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer zeigt, wie eng gesundheitliche Probleme und Arbeitslosigkeit zusammenhängen. Immer wieder berichten Ratsuchende, dass längere Erkrankungen schließlich zum Verlust ihres Arbeitsplatzes führen. Dabei spielen nach den Beratungserfahrungen auch unzureichende betriebliche Unterstützungsangebote und Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung eine Rolle. Mit zunehmender Krankheitsdauer wachsen bei vielen Betroffenen die Sorgen vor einer Rückkehr in den Betrieb.

Als erwerbsfähig eingestuft – aber nicht voll belastbar

Rund 44 Prozent aller Erwerbslosen im Land Bremen sind seit mindestens einem Jahr ohne Arbeit. Unter den Menschen, die von Grundsicherung leben, beträgt dieser Anteil sogar 56 Prozent. Als „erwerbsfähig“ gilt, wer mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann. Die Belastbarkeit reicht jedoch häufig nicht für eine Vollzeit- oder vollzeitnahe Beschäftigung aus. Eine passende Beschäftigung zu finden, ist dann schwer. „Eine offene Debatte über dieses Missverhältnis findet zu wenig statt“, so Rosenthal. „Die Jobcenter haben zu wenige Angebote für gesundheitlich beeinträchtigte Menschen.“ Wie groß der Bedarf ist, unterstreichen auch die Ergebnisse medizinischer Begutachtungen des Ärztlichen Dienstes der Bundesagentur für Arbeit, auch wenn diese für die Gruppe der Arbeitslosen nicht repräsentativ sind: In Niedersachsen und Bremen litten 52 Prozent (bundesweit: 54 Prozent) der begutachteten Menschen an einer psychischen oder Verhaltensstörung.  

Nicht der Arbeitswille, sondern Arbeitsplätze fehlen

2025 suchten im Land Bremen rund 22.300 arbeitslose Menschen, die von Grundsicherung leben, eine un- oder angelernte Tätigkeit. Dem standen lediglich rund 2.000 gemeldete Stellen gegenüber. Selbst wenn nur jede zweite Stelle gemeldet wird, kommen mehr als fünf Arbeitsuchende auf einen Arbeitsplatz. Gleichzeitig haben 72 Prozent der Erwerbslosen in der Grundsicherung keinen anerkannten Berufsabschluss, ein Viertel besitzt keinen Schulabschluss. Gesundheitliche Einschränkungen verschärfen diese ohnehin schwierige Ausgangslage zusätzlich.

„Für Zehntausende gering qualifizierte Arbeitslose fehlen schlicht passende Stellen“, sagt Rosenthal. Die Arbeitnehmerkammer setzt auf Qualifizierung: „Umso wichtiger ist es, durch Qualifizierung neue berufliche Perspektiven zu eröffnen. Gerade bei Menschen mit psychischen Belastungen muss die Förderung aber so gestaltet sein, dass gesundheitliche Stabilisierung und Qualifizierung Hand in Hand gehen.“

In Bamberg zeigt sich Potenzial innovativer Modellprojekte

Psychische Belastungen nehmen insbesondere in den ersten Monaten der Arbeitslosigkeit zu, mit längerer Dauer steigt das Risiko für Depressionen, Angststörungen und einen Verlust des Selbstwertgefühls. Dass innovative Ansätze Erfolg haben können, zeigt das seit 2019 bestehende Modellprojekt „INGE“ aus dem bayerischen Bamberg. Es richtet sich an langzeiterwerbslose Menschen mit psychischen Belastungen, die von Grundsicherung leben. Es verbindet individuelle Begleitung, Gruppenangebote und berufliche Orientierung. Die wissenschaftliche Evaluation zeigt: Schwere Depressions- und Angstsymptome konnten bereits nach sechs Monaten reduziert werden. Fast 40 Prozent der Teilnehmenden wechselten nach ihrer Teilnahme in eine Erwerbsarbeit, Aus- oder Weiterbildung. Die Gründe für diesen Erfolg: Ein wesentlicher Bestandteil des Ansatzes ist, dass zunächst die individuelle psychische Stabilisierung im Vordergrund steht. Berufliche Orientierung und Vermittlung kommen schrittweise hinzu.  

Auch im Land Bremen gibt es Unterstützungsangebote, darunter das Projekt „Arbeit im Fokus“ für Menschen mit psychischen Belastungen, das zunächst um ein Jahr bis 2027 verlängert wurde. Das Projekt „INGE“ weist den Weg für weitere niedrigschwellige Angebote, die eine Kombination aus Gesundheits- und Arbeitsförderung auch über einen längeren Zeitraum miteinander verbinden. Erfolgreiche Ansätze sollten dabei nicht dauerhaft auf befristete Modellprojekte beschränkt bleiben, sondern in die Regelförderung überführt werden,

Der Bedarf an psychosozialer und therapeutischer Unterstützung ist groß, zugleich fehlen vielen Menschen eine passende fachärztliche Versorgung oder ein zeitnaher Therapieplatz. Für die Arbeitnehmerkammer ist klar: Eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt gelingt nicht, wenn gesundheitliche Einschränkungen arbeitsloser Menschen ausgeblendet werden. Entscheidend ist vielmehr, welche Unterstützung sie benötigen, um ihre Gesundheit zu stabilisieren und berufliche Perspektiven zu entwickeln. Erhöhter Vermittlungsdruck und verschärfte Sanktionen können gerade bei psychisch belasteten Menschen kontraproduktiv sein.

 

Die Forderungen der Arbeitnehmerkammer

  • Gesundheitsförderung verbindlich verankern: Gesundheitsförderung muss zu einem festen Bestandteil der Arbeitsmarktstrategie im Land Bremen werden. Arbeitsförderung und Gesundheitsversorgung in Bremen und Bremerhaven müssen enger zusammenarbeiten. Im ersten Schritt sollten dafür die erprobten lokalen Kooperationen verstetigt und verbindlich geregelt werden.

  • Individuelle Stabilisierung ermöglichen: Besonders langzeiterwerbslose Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen brauchen integrative Angebote, die gesundheitliche Stabilisierung, soziale Teilhabe und berufliche Orientierung verbinden – der Bedarf wächst, das Angebot nicht entsprechend. Das Bamberger Projekt „INGE“ zeigt das Potenzial langfristig angelegter Unterstützung. Erfolgreiche Ansätze müssen dauerhaft finanziert und in die Regelförderung übernommen werden.

  • Fachkompetenz in den Jobcentern stärken: Zeit, Wissen und Beratungskompetenz sind erforderlich, um gesundheitlich belastete oder erkrankte Menschen angemessen beraten und bedarfsgerechte Hilfen koordinieren zu können. Die Verstetigung der bewährten Ansätze der externen Gesundheitslots*innen und der Telefonfortbildungen für Fachkräfte wäre ein erster Schritt. 

Den vollständigen Bericht können Sie hier nachlesen: www.arbeitnehmerkammer.de/politik/arbeitslosigkeit-und-gesundheit/

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