Zugewanderte Pflegekräfte in einer Ausbildungssituation

„Bremen ist enorm abhängig von zugewanderten Pflegekräften“

Interview Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik

In der Pflege hat sich die Zahl der Beschäftigten ohne deutschen Pass in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht. Die Anerkennung ihrer Kompetenzen ist kompliziert, zudem fehlt es an Sprachkursen und Unterstützung für Auszubildende.

 

Wie viele zugewanderte Pflegekräfte arbeiten in Bremen?

Greta-Marleen Storath: Etwa 2.200 Beschäftigte in der Pflege haben keinen deutschen Pass, das sind knapp 18 Prozent aller Pflegebeschäftigten im Land Bremen. In der Langzeitpflege sind es mit 23 Prozent etwa doppelt so viel wie im Krankenhaus.

Also arbeiten gar nicht so viele zugewanderte Menschen in der Pflege?

2014 waren es noch fünf Prozent. Die Zahlen haben sich in den letzten zehn Jahren also mehr als verdreifacht. Und dieser Trend wird sich fortsetzen: Von den Auszubildenden haben heute etwa 440 Personen keinen deutschen Pass, das sind mehr als 30 Prozent. Bemerkenswert ist außerdem, dass unter den zugewanderten Pflegekräften der Männer- und Vollzeitanteil höher ist.

Wo kommen diese Menschen her?

Drei von vier zugewanderten Pflegekräften kommen nicht aus der EU. In der öffentlichen Debatte liegt der Fokus häufig auf der gezielten Anwerbung von Fachkräften im Ausland. Ausgebildete Fachkräfte kommen aber nicht nur über Anwerbungsprogramme, sondern auch eigenständig oder über familiäre und soziale Netzwerke nach Deutschland. Andere kommen, um die Ausbildung zu starten. Wiederum andere leben bereits seit Jahren hier, sind als Geflüchtete oder Familienangehörige nach Deutschland gekommen und entscheiden sich hier in Deutschland für das Berufsfeld Pflege.

Mehr zum Thema AKB003_IconInfo

KammerFokus: Zugewanderte Pflegepersonen im Land Bremen (Juli 2025)

Wie abhängig ist Bremen von Pflegekräften aus dem Ausland?

Ganz enorm! Das Beschäftigungswachstum in Bremen war in den letzten zehn Jahren mit sieben Prozent deutlich geringer als im Bundesdurchschnitt von 23 Prozent – und es geht ausschließlich auf Beschäftigte ohne deutschen Pass zurück. In Bremen ist die Zahl der deutschen Beschäftigten in der Pflege in dieser Zeit gesunken, während bundesweit zumindest bis 2021 ein Wachstum zu verzeichnen war. Bremen hat außerdem bundesweit den höchsten Anteil älterer Pflegebeschäftigter – vier von zehn sind 50 oder älter. Unter den Pflegekräften mit ausländischem Pass sind es nur zwei von zehn. Sie federn also die demografische Entwicklung ab. Heute arbeitet die Mehrheit der zugewanderten Pflegekräfte in Bremen noch als Hilfskraft. Das betrifft auch die zugewanderten Fachkräfte, die sich noch im Anerkennungsprozess befinden.

Wie steht es um die Anerkennung ihrer Abschlüsse aus den Heimatländern?

Um als Pflegefachkraft in Deutschland arbeiten zu dürfen, muss der Berufsabschluss aus dem Ausland als gleichwertig anerkannt werden. Bei Abschlüssen aus der EU ist das relativ einfach. Alle anderen Abschlüsse werden individuell geprüft. Pflegekräfte müssen bestimmte „Ausgleichsmaßnahmen“ durchlaufen, um fehlende Inhalte nachzuholen. Der gesamte Prozess ist sehr komplex und zeitaufwendig. Dazu kommt, dass sich die Verfahren in den Bundesländern unterscheiden.

Bremen ist da im Vergleich mittlerweile gut aufgestellt: Die Prozesse in der Gesundheitsbehörde wurden beschleunigt, es gibt ein gutes Angebot an Ausgleichsmaßnahmen und die Akteure sind eng vernetzt. Trotzdem muss sich vieles noch verbessern, etwa bei der Transparenz der Abläufe, der Bearbeitungsdauer im Migrationsamt, der Digitalisierung oder den verfügbaren Sprachkursen. Perspektivisch brauchen wir auch mehr Personal für die Durchführung der Ausgleichsmaßnahmen und Anerkennungsverfahren. Davon wurden 2023 im Land Bremen 260 erfolgreich abgeschlossen – mehr als dreimal so viel wie noch 2020.

Welche Probleme haben zugewanderte Pflegekräfte in Bremen? 

Sie müssen enorm komplexe und zeitintensive Verfahren durchlaufen, nicht nur für die Anerkennung ihrer Abschlüsse, sondern auch, wenn es um den Aufenthalt geht. Auch die Sprache ist ein großes Thema. Die Pflege ist fachlich wie sozial höchst anspruchsvoll, da sind Sprachkenntnisse von zentraler Bedeutung. Mit Blick auf die Ausbildung sehen wir, dass zugewanderte Pflegekräfte meist schlechtere Startbedingungen haben. Sie müssen alles gleichzeitig bewältigen: das Ankommen in einem fremden Land, den Einstieg in die fachlich sehr anspruchsvolle Ausbildung, das Lernen einer neuen Sprache. Gleichzeitig haben die verschiedenen Pflegeschulen und Einsatzorte, in denen die Ausbildung stattfindet, eine sehr unterschiedliche finanzielle und personelle Ausstattung. Ein weiteres großes Thema ist die soziale und betriebliche Integration: Dabei geht es um Fragen rund um das Wohnen, den Familiennachzug und die gesellschaftliche Teilhabe, aber auch um das Ankommen im Team. Die zugewanderten Beschäftigten müssen lernen, was Pflege in Deutschland bedeutet, was genau sie umfasst, was sie darf und was nicht. Da viele Fachkräfte im Ausland akademisch ausgebildet sind und hier ganz andere Aufgaben übernehmen, brauchen sie Unterstützung und Verständnis von Führungskräften und Kolleg*innen.

„Diskriminierung und Rassismus gehören leider zum Alltag“


Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik

 

Erleben zugewanderte Pflegekräfte viel Diskriminierung?

Diskriminierung und Rassismus gehören für viele leider zum Alltag. Unsere Gesellschaft ist geprägt durch rechtspopulistische Diskurse und eine zunehmend restriktive Migrationspolitik. Die aktuelle politische Strategie, ein möglichst offenes System für hochqualifizierte Fachkräfte zu schaffen und ein möglichst restriktives System allen anderen Menschen gegenüber zu etablieren, ist weder zukunftsfähig noch menschenwürdig. Dadurch entstehen Ängste und Gefahren für Betroffene. Es braucht Maßnahmen in den Betrieben, um Diskriminierung zu verhindern und Betroffene zu schützen.

Was läuft gut?

Wir haben viele junge Menschen im Land Bremen, die sich für den Pflegeberuf entscheiden. Das ist eine sehr positive Entwicklung! Zuwanderung ist eine Bereicherung und wichtige Stütze für die Versorgung in der Pflege. Bei den Anerkennungsprozessen gibt es in Bremen wirklich gute Fortschritte, auch das geplante „Welcome Center“ ist eine richtige und wichtige Maßnahme, um zugewanderte Menschen zu unterstützen. In vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gibt es heute schon gute Integrationskonzepte. Insbesondere kleineren Einrichtungen gerade in der Langzeitpflege fehlt es aber oft an Ressourcen und Mitteln. Grundsätzlich erlebe ich ein großes Interesse und Engagement für dieses Thema. Es gibt wahnsinnig viele Menschen, die das System tragen.

Welche Forderungen hat die Arbeitnehmerkammer an die Politik?

DerPersonalbedarf in der Pflege wird durch Migration allein nicht gelöst – wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, eine gesellschaftliche Aufwertung des Pflegeberufs und eine bessere Finanzierung unseres Pflege- und Gesundheitssystems. Darüber hinaus fehlt es an berufsvorbereitenden und
-begleitenden Sprachkursen sowie an passgenauer Qualifizierung für zugewanderte Hilfskräfte. Die Prozesse in den zuständigen Behörden müssen effektiv und transparent gestaltet sein. Das geplante „Welcome Center“ kann hier eine wertvolle Beratungs- und Lotsenfunktion übernehmen. Wichtig ist, dass es perspektivisch für alle zugewanderten Menschen im Land Bremen da ist, unabhängig von Berufsgruppe, Aufenthaltsstatus und Qualifikationsniveau. Wir brauchen mehr Unterstützung für zugewanderte Auszubildende, insbesondere eine „Vorphase“, in der sie durch Sprachkurse und Einblicke in die Praxis auf ihre Ausbildung in der Pflege vorbereitet werden. Auch eine Schulsozialarbeit als Begleitung und Anlaufstelle während der Ausbildung ist wichtig.

Fragen: Jan Zier

Foto: iStock