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Ehrenamt nach Feierabend – So engagieren sich Bremer Beschäftigte

Zahlreiche Beschäftigte üben ein Ehrenamt aus – oft neben Job, Familie und vollem Terminkalender. Doch wie lässt sich freiwilliges Engagement mit dem Beruf vereinbaren und welche rechtlichen Regeln gelten?

Eine Frau sitzt am Schreibtisch und trägt eine Weste der Bahnhofsmission

Kathrin Gramke arbeitet im Bodenverkehrsdienst am Flughafen Bremen und ist zusätzlich ehrenamtlich in der Bahnhofsmission aktiv: „Für mich ist das eine Herausforderung, die mich menschlich weiterbringt."

Ein Ehrenamt beginnt oft im Kleinen: im Elternbeirat, beim Kuchenverkauf des Sportvereins oder beim Aufräumen nach dem Straßenfest. Freiwilliges Engagement findet mitten im Alltag statt – freiwillig, unbezahlt und getragen vom Wunsch, etwas beizutragen.

In Deutschland engagieren sich rund 39 Prozent der Menschen regelmäßig, vor allem in sozialen, kulturellen oder sportlichen Projekten. Ihr Einsatz hält vieles zusammen, was sonst leicht auseinanderfallen würde – in den Stadtteilen, Vereinen und Nachbarschaften. Auch in Bremen ist das freiwillige Engagement stark: Rund 40 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren – etwa 240.000 Menschen – sind aktiv. Laut der jüngsten Auswertung des Freiwilligensurveys 2024 bleibt die Engagementquote im Land Bremen damit stabil, während sie bundesweit leicht zurückgegangen ist.

Kathrin Gramke ist ein gutes Beispiel dafür, wie Ehrenamt heute oft nicht am Rand, sondern mitten im Berufsalltag stattfindet: Sie arbeitet an drei Tagen in der Woche festangestellt im Bodenverkehrsdienst am Flughafen Bremen und ist zusätzlich einmal wöchentlich ehrenamtlich in der Bahnhofsmission aktiv. Dort betreut sie Wohnungs- und Obdachlose, Menschen mit Suchterkrankungen sowie Reisende, die auf dem Bahnhof Unterstützung oder Hilfe benötigen. Für sie ist das kein Nebenjob, sondern eine Herausforderung, die sie menschlich weiterbringt. In der Bahnhofsmission sucht sie den Kontakt zu Menschen, die oft am Rand der Gesellschaft stehen und in Not sind. „Ich kann gut in den gesellschaftlichen Randbereichen arbeiten und habe eine große Affinität zu Orten, an denen Aufbruch stattfindet“, erklärt Katrin Gramke. Gerade der Bahnhof sei ein solcher Ort, an dem sich unterschiedlichste Lebensgeschichten kreuzen und gesellschaftliche Brüche besonders sichtbar werden. Genau das reizt sie an ihrer Tätigkeit.

Klare Absprachen und Flexibilität auf beiden Seiten

Auch Jana Wübben engagiert sich regelmäßig neben ihrem Job. Die 25-Jährige arbeitet Vollzeit in der Projektlogistik und plant dort Schwertransporte. Einmal wöchentlich übernimmt sie zusätzlich die Patenschaft für ein dreijähriges Mädchen im Rahmen der mitKids-Aktivpatenschaften. Für sie ist das kein Engagement nebenbei, sondern eine bewusste Verantwortung. „Ich bin in 40 Stunden angestellt, habe einen geregelten Büroalltag – und trotzdem lässt sich das gut vereinbaren“, sagt sie. Möglich sei das vor allem durch klare Absprachen und Flexibilität auf beiden Seiten. Sie empfindet es nicht als Belastung, sondern als Bereicherung, dass sie schon in jungen Jahren Verantwortung für ein Kind übernimmt. Für sie sei die Zeit mit ihrem Patenkind ein fester Termin, der genauso selbstverständlich zum Wochenablauf gehöre wie der Job.

Für Kathrin Gramke und Jana Wübben ist das Ehrenamt Teil ihres Alltags. Klare arbeitsrechtliche Regeln sorgen dafür, dass es im Job nicht zu Konflikten kommt.

Ein Mann im Sportoutfit lächelt in die Kamera.

Saleem Sadiq arbeitet in Dauernachtschicht bei UPS. An den Wochenenden und in seinen Urlaubszeiten engagiert er sich für die Bremer Sportjugend-

Ehrenamt neben dem Job: erlaubt, aber mit Regeln

Für ein Ehrenamt ist eine ausdrückliche Genehmigung des Arbeitgebers nicht nötig. Dennoch empfiehlt es sich, offen damit umzugehen. „Beschäftigte sollten ihr Ehrenamt im Zweifel ähnlich wie eine Nebentätigkeit behandeln, um arbeitsrechtlichen Problemen von vornherein entgegenzuwirken. Auch wenn das Ehrenamt gar nicht angezeigt werden muss“, sagt Marius Roocke, Rechtsberater bei der Arbeitnehmerkammer. „Sobald aber Arbeitszeiten, die eigene Gesundheit oder die Interessen des Arbeitgebers betroffen sein könnten, sollte man auf jeden Fall mit dem Arbeitgeber sprechen.“ Dann müssen Beschäftigte ihrem Arbeitgeber mitteilen, wenn sie ein Ehrenamt ausüben. Nur wenn es zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Arbeit kommt, darf der Arbeitgeber das Ehrenamt verbieten. Dafür braucht er gute und nachvollziehbare Gründe. Aber auch wenn das Ehrenamt die Arbeit nicht beeinträchtigt, kann eine solche Mitteilungspflicht im Arbeitsvertrag festgelegt sein. Roocke sieht vor allem beim zeitlichen Umfang und bei möglichen Konflikten mit dem Hauptjob klare Limits. „Ehrenamt stößt dort an Grenzen, wo es die Haupttätigkeit beeinträchtigt“, sagt er. „Wer neben einer Vollzeitstelle viele Stunden pro Woche ehrenamtlich arbeitet, riskiert eine Untersagung beziehungsweise Beschränkung des Ehrenamts durch den Arbeitgeber.“

Wichtig ist, ausreichend Erholungszeit zu haben. „Wer sich durch Doppelbelastung dauerhaft überlastet fühlt, läuft Gefahr, durch eine stressbedingte Erkrankung sowohl das Ehrenamt als auch das Arbeitsverhältnis zu riskieren“, warnt Roocke.

Ehrenamtliches Engagement als Bereicherung

Gleichzeitig erleben viele Beschäftigte ihr Engagement als Bereicherung: Sie lernen neue Menschen kennen, gewinnen neue Perspektiven und erleben unmittelbare Wirkung. Studien zeigen, dass Ehrenamt Zufriedenheit und psychische Stabilität fördern kann. Dennoch gilt auch hier: Nicht jedes Ehrenamt passt in jede Lebensphase – und es sind Pausen erlaubt, ohne dass man dabei ein schlechtes Gewissen haben muss.

Wie weit Engagement gehen kann, zeigt auch das Beispiel von Saleem Sadiq: Der 38-Jährige arbeitet in Dauernachtschicht bei UPS, lädt Container und kommissioniert Pakete, damit die Sendungen weitergeleitet werden können. An den Wochenenden und in seinen Urlaubszeiten engagiert sich Sadiq seit 20 Jahren ehrenamtlich für die Bremer Sportjugend. Was mit Jugendfreizeiten begann, ist zu einem dauerhaften Engagement gewachsen. Inzwischen ist er im Vorstand – und hält sogar Reden vor mehreren hundert Menschen, wenn etwa Sportler*innen im Rathaus geehrt werden. „Ich mache das, weil es mir unglaublich viel Spaß bringt“, sagt er. Das Ehrenamt habe ihn selbst weitergebracht: Er sei offener geworden, könne besser frei sprechen – und auch im Job wirke sich das positiv aus, weil er Aufgaben klarer strukturiert und mehr Verantwortung übernimmt.

Eine junge Frau hält ein kleines Mädchen an der Hand.

Jana Wübben arbeitet in der Projektlogistik und plant dort Schwertransporte. Zusätzlich hat sie die Patenschaft für ein dreijähriges Mädchen übernommen.

Steuern und Absicherung im Ehrenamt

Ehrenamtliches Engagement wird nicht bezahlt. Dennoch können Ehrenamtliche eine Aufwandsentschädigung erhalten. Entscheidend ist dabei, wie diese Zahlungen ausgestaltet sind. „Wichtig ist, dass es sich wirklich um eine Aufwandsentschädigung handelt und nicht um ein angemessenes Honorar“, erklärt Larissa-Valeska Heilmann, Teamleitung Steuerberatung in der Arbeitnehmerkammer. Zudem muss das Ehrenamt nebenberuflich ausgeübt werden, das heißt es darf maximal ein Drittel einer Vollzeitstelle beziehungsweise bis zu 14 Stunden pro Woche betragen. Voraussetzung ist außerdem, dass die Tätigkeit für eine Körperschaft des öffentlichen Rechts oder eine gemeinnützige Organisation erfolgt.

Für Ehrenamtliche gibt es zwei steuerfreie Pauschalen: die Übungsleiterpauschale, die seit 2026 bei 3.300Euro jährlich liegt, und die Ehrenamtspauschale, die bis zu 960 Euro pro Jahr beträgt. Die Übungsleiterpauschale gilt für Tätigkeiten mit pädagogischem Schwerpunkt, zum Beispiel als Trainer*in oder Ausbilder*in. „Wer den Verein auf andere Weise unterstützt, beispielsweise als Kassenwart*in oder im Vorstand, kann unter Umständen die Ehrenamtspauschale beanspruchen“, so Heilmann.

Problematisch kann es werden, wenn das Ehrenamt und der Hauptjob beim selben Träger stattfinden. Wenn Zahlungen aus steuerlicher Sicht als regulärer Arbeitslohn gewertet werden, dann liegt arbeitsrechtlich eine enge Verflechtung vor. Ein Beispiel dafür ist, wenn eine Angestellte im Pflegeheim nach Feierabend dort „ehrenamtlich“ einspringt oder sehr ähnliche Aufgaben übernimmt. In solchen Fällen drohen Steuer- und Sozialversicherungspflicht.

Auch steuerfreie Einnahmen müssen angegeben werden

Wichtig ist außerdem: Auch steuerfreie Einnahmen müssen in der Steuererklärung angegeben werden. „Sie sind verpflichtet, Ihre Einnahmen zu erklären, damit das Finanzamt die Möglichkeit hat, die Steuerfreiheit zu prüfen“, betont Heilmann. In der Anlage N der Einkommensteuererklärung gibt es dafür ein eigenes Feld.

Ehrenamtliche sind in vielen Fällen über ihre Organisation oder über Sammelversicherungen des Landes abgesichert, etwa bei Unfällen oder Haftpflichtschäden. Dennoch empfiehlt es sich, vor Beginn des Engagements zu klären, welche Versicherungen greifen und welche Kosten tatsächlich übernommen werden.

Viele Ehrenamtliche wünschen sich nicht nur steuerliche Klarheit, sondern auch mehr Wertschätzung seitens des Staates. Kathrin Gramke bringt es auf den Punkt: „Ich reduziere meine Arbeitszeit und nehme Einbußen bei Rentenansprüchen und Gehalt in Kauf und erhalte keine Anerkennung in Form von zum Beispiel extra Rentenpunkten.“ Aus ihrer Sicht sollte ehrenamtliches Engagement stärker als gesellschaftliche Leistung anerkannt werden – etwa durch Rentenpunkte oder Entlastungen bei den Sozialabgaben.

Ehrenamtliches Engagement sollte stärker als gesellschaftliche Leistung anerkannt werden – etwa durch Rentenpunkte oder Entlastungen bei den Sozialabgaben.
Kathrin Gramke

Unterstützung durch den Arbeitgeber

Grundsätzlich findet das Ehrenamt außerhalb der Arbeitszeit statt. Einen Anspruch auf Freistellung gibt es nur in besonderen Fällen, beispielsweise für Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, Schöff*innen oder für Personen, die im Katastrophenschutz tätig sind. In der Praxis ist vieles Verhandlungssache: Viele Betriebe zeigen sich offen und gewähren flexible Arbeitszeiten oder soziale Aktionstage. Unternehmen, die Engagement fördern, profitieren doppelt: Die Beschäftigten werden motivierter, übernehmen mehr Verantwortung und der Teamgeist wächst – und auch die Betriebe zeigen gesellschaftliche Haltung.

Damit Ehrenamt gelingen kann, braucht es jedoch bestimmte Rahmenbedingungen: klare Regeln, Versicherungsschutz, steuerliche Anerkennung und Wertschätzung. Ohne diesen Beitrag fehlt vieles – im Verein, in der Stadt und im Alltag.


Bremer Beschäftigte berichten, warum Sie sich ehrenamtlich engagieren:

„Traut euch – irgendetwas findet sich immer.“

Anke Mirsch – arbeitet beim Verein für Innere Mission Bremen und engagiert sich ehrenamtlich beim BUND Bremen

Eine Frau steht vor einem Haus, darüber ist ein Schild mit der Aufschrift BUND Bremen.

„Traut euch“, sagt Anke Mirsch, die sich ehrenamtlich beim BUND Bremen engagiert.

Anke Mirsch ist seit einigen Jahren beim BUND Bremen aktiv, als Sprecherin in zwei Arbeitskreisen: für den Hof Bavendamm und als Co-Sprecherin für Bremen-Nord. Dort koordiniert sie Treffen, organisiert Aktionen und hält den Austausch mit der Geschäftsstelle am Laufen. Im Schnitt sind es rund drei Stunden pro Woche, manchmal auch mehr – etwa bei Veranstaltungen oder bei einem größeren Einsatz.

Wie kam sie genau auf dieses Ehrenamt? Eine Bekannte aus dem BUND fragte sie, ob sie mitarbeiten wolle. „Ich habe gedacht: Ja, das passt – ich habe schon immer ein großes Interesse an Naturschutz und Umweltthemen“, erzählt sie. Für Anke Mirsch geht es darum, Eigenverantwortung zu übernehmen: „Jeder Mensch hat die Verantwortung, aktiv mitzugestalten, wie es auf dieser Erde zugeht.“ Besonders schätzt sie dabei den Austausch: Sie lernt neue Perspektiven kennen und bekommt Einblicke in Themen, mit denen sie sich sonst nicht beschäftigen würde.

Ihr Arbeitgeber unterstützt das Engagement grundsätzlich, ihre BUND-Termine lassen sich gut mit ihrem Job koordinieren. „Die Herausforderung ist eher, nach einem langen Arbeitstag noch einmal den Rechner hochzufahren und E-Mails zu checken“, sagt sie. Deshalb setzt sie klare Grenzen: „Ich sage auch mal Nein, wenn es zu viel wird. Ehrenamt soll bereichern, nicht belasten.“

Für Berufstätige hat sie folgende Empfehlung: Ehrenamt muss nicht „groß“ sein: „Es reicht auch, einmal im Monat eine Veranstaltung mitzuorganisieren oder bei einem zeitlich begrenzten Projekt mitzumachen“, sagt sie. Und sie betont: Gerade für Menschen, die neu in Bremen sind oder Anschluss suchen, sei Engagement eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. „Ehrenamtliche sind motiviert und engagiert, das wirkt sich immer auch positiv auf den Job aus“, lautet ihr Appell. „Traut euch einfach – irgendetwas findet sich immer.“

„Man bekommt so viel Wertschätzung zurück.“

Petra Jahn – arbeitet in einer Apotheke als pharmazeutisch-technische Assistentin in Teilzeit und engagiert sich als Sterbebegleiterin bei der Hospizhilfe Bremen

Eine blonde Frau steht an einer Tür mit der Aufschrift Hospizhilfe Bremen.

„Man bekommt so viel Wertschätzung zurück", sagt Petra Jahn, die sich als Sterbebegleiterin bei der Hospizhilfe Bremen engagiert.

Ihr Ehrenamt begann vor knapp vier Jahren – ausgelöst durch den Tod ihrer Mutter in der Corona-Zeit. „Ich habe gesehen, wie viele Menschen allein sterben“, sagt sie. Das ließ sie nicht mehr los. Sie machte eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin und begleitet seitdem Menschen in der letzten Lebensphase.

Warum sie das macht? „Es sind mehrere Gründe“, erklärt sie. „Ich finde es wichtig für die Gesellschaft. Ich hatte ein gutes Leben und möchte etwas zurückgeben. Und ganz ehrlich: Es tut auch mir gut. Man bekommt so viel Wertschätzung zurück.“ Sie erzählt, dass ihr sogar Studien bekannt seien, wonach ein Ehrenamt Menschen helfen kann, psychisch stabiler zu werden – und dass diese Arbeit deshalb nicht nur altruistisch, sondern auch „ein bisschen egoistisch“ sei.

Ihr Engagement ist bewusst überschaubar: In der Regel besucht sie die Menschen zuhause oder in Pflegeheimen einmal pro Woche für etwa eine Stunde. Nur wenn es wirklich nötig ist – etwa bei akuten Situationen oder Nachtwachen – ist sie häufiger da. „Wenn es brennt, gehe ich öfter hin“, sagt sie. Gleichzeitig lernt sie, Grenzen zu setzen: „Wenn ich merke, dass es zu viel wird, sage ich auch mal ab.“

In der Apotheke wissen die Kolleg*innen von ihrem Engagement. Freistellungen sind in dem kleinen Betrieb kaum möglich, aber die Wertschätzung ist spürbar. Für Jahn hat das Ehrenamt auch den Blick auf das eigene Leben verändert: Sie spricht offener über Sterben, Vorsorge und Endlichkeit – und fühlt sich dadurch stärker.

„Ich mache es nicht des Geldes wegen, sondern weil es richtig ist.“

Despina Liedke – arbeitet in der Anmeldung der Arbeitnehmerkammer Bremen-Nord und engagiert sich bei den „Büdelreddern“

Trotz Vollzeitjob hat Despina Liedke ein Ehrenamt gefunden, das sich gut in ihren Arbeitsalltag integrieren lässt und das sie nicht nur gesellschaftlich, sondern auch persönlich bewegt. Vor ihrer Zeit bei den Büdelrettern war sie bereits ehrenamtlich als Schöffin tätig – ein Engagement, das sie heute noch als wichtige Erfahrung beschreibt.

Auf den Verein „Büdelredder“ stieß Despina Liedke vor einigen Monaten durch Zufall. Die Foodsharing-Gruppe rettet Lebensmittel, bevor sie weggeworfen werden. „Ich habe mir das erst angeschaut und mir auch manchmal was mitgenommen“, erzählt sie. Dann sprach sie mit einer Frau aus der Gruppe – und entschied: „Ich möchte das auch machen.“ Seitdem fährt sie regelmäßig zu Discountern, holt dort Ware ab, sortiert sie vor Ort und packt sie in eigene Kästen – meist samstags, wenn sie im Hauptjob frei hat.

Die Lebensmittel werden an Menschen weitergegeben, die sie dringend brauchen – ohne bürokratische Hürden. Viele kommen aus Walle und Gröpelingen, manche sind obdachlos, andere verdienen zu viel fürs Jobcenter, kommen aber mit ihrem Geld trotzdem nicht über die Runden.

Neben dem sozialen Aspekt ist für Despina Liedke auch der Umweltschutz ein Motor für ihr Engagement: „Die Lebensmittel würden sonst weggeworfen. Das geht mir gegen den Strich.“ Die Kosten für Sprit, Kisten und Handschuhe trägt sie selbst. „Eine kleine Unterstützung wäre schon toll, zum Beispiel eine Pauschale oder zumindest eine Kostenübernahme“, sagt sie. Trotzdem bleibt sie dabei: „Ich mache es nicht des Geldes wegen, sondern weil es richtig ist.“

Für sie ist klar: Ehrenamt ist kein Nebenjob, sondern ein Stück gesellschaftlicher Alltag, das Menschen direkt hilft – und einen zugleich das eigene Leben schärfer sehen lässt.

Ehrenamt darf kein Lückenbüßer sein

Kommentar von Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen

Viele Beschäftigte engagieren sich neben dem Job ehrenamtlich. Dass Menschen aber überhaupt Zeit und Kraft dafür haben, setzt gute Arbeitsbedingungen, existenzsichernde Löhne und soziale Sicherung voraus. 

Oft fängt ehrenamtliches Engagement Probleme auf, die Staat und Arbeitsmarkt erst erzeugen: Armut, Bildungsdefizite und soziale Ausgrenzung etwa. Hier braucht es in erster Linie gute öffentliche Daseinsvorsorge und einen starken Sozialstaat. Denn Ehrenamt sollte staatliche Leistungen ergänzen, nicht ersetzen. 

Freiwilliges Engagement ist für den sozialen Zusammenhalt wichtig Es ist sinnstiftend, schafft soziale Teilhabe, sorgt für Begegnung, macht Solidarität erlebbar und ermöglicht gesellschaftliche Mitgestaltung – und nutzt damit auch der Demokratie.

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