Deutsch am Arbeitsplatz

Von einfacher Sprache profitieren alle

Immer mehr Beschäftigte aus verschiedensten Herkunftsländern arbeiten in Deutschland – auch in Bremen. Geringe Sprachkenntnisse erschweren jedoch oft die Kommunikation am Arbeitsplatz. Hier braucht es Engagement auf beiden Seiten.

Text: Frauke Janßen
Fotos: Jonas Ginter

Susanne Duwe führt gemeinsam mit ihrem Mann ein kleines Unternehmen zur Porzellanveredelung in Bremen-Nord. Das Ehepaar beschäftigt neun Angestellte und seit dem Sommer auch einen Auszubildenden im Bereich Lagerlogistik. Der 25-jährige Ehsannulah Amiri kam vor einigen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland und bewarb sich 2018 bei den Duwes – zunächst für eine Einstiegsqualifizierung. „Er verfügt über erweiterte Deutschkenntnisse, sodass wir uns gut unterhalten können. Aber der Arbeitsalltag bringt sprachliche Stolpersteine mit sich, zum Beispiel, wenn es um das Lesen von Lieferscheinen oder fachbezogenem Schriftverkehr geht“, sagt Susanne Duwe.

Um die Verständigung zwischen Beschäftigten mit geringen Deutschkenntnissen und ihren Kollegen und Vorgesetzten zu verbessern, bietet etwa die „RKW-Servicestelle Deutsch am Arbeitsplatz“ Arbeitgebern im Land Bremen Unterstützung an. Susanne Duwe holte sich hier Hilfe. Die Maßnahmen sollen nicht erst auf lange Sicht, sondern möglichst unmittelbar greifen. Wie kann das funktionieren?

„Durch einen Perspektivwechsel“, sagt Elvira Tinis, Sprachtrainerin beim RKW. Gemeint ist, dass Arbeitgeber und deutschsprachige Beschäftigte lernen, sich einfach und leicht verständlich auszudrücken.

Ein Werkzeugkasten für die Sprache

Die Sprachtrainierin Elvira Tinis erklärt: „Wir bieten Unternehmen einen Werkzeugkasten an, mit dem sich einfache Kommunikationstechniken einüben lassen.“

Einfache und leicht verständliche Sprache AKB003_IconInfo

•    Füllwörter weglassen
•    möglichst kurze Sätze bilden
•    im Aktiv statt im Passiv formulieren
•    sinngleiche Wörter für Begriffe finden, die nicht verstanden werden
•    Verben benutzen
•    und schwierige Adjektive weglassen
•    Bilder und Grafiken zum Erklären verwenden

Susanne Duwe helfen die neuen Techniken dabei, ihren Auszubildenden zu unterstützen. Es fällt ihr nun leichter, ihm zum Beispiel Arbeitsabläufe oder auch berufsspezifische Begrifflichkeiten zu erklären. Darüber freut sie sich täglich: „Ich habe ein ganz anderes Bewusstsein für die deutsche Sprache entwickelt und inzwischen sogar Spaß daran, zum Beispiel nach Synonymen zu suchen.“

Zum Übungsmaterial, das Elvira Tinis für Susanne Duwe und ihre Mitarbeiter mitgebracht hat, gehört auch ein sogenanntes „Logistik-Tabu“, mit dem spielerisch sinngleiche Wörter für fachsprachliche Begriffe gesucht werden müssen. „Das eigene Sprachverhalten kann man nicht nur bei administrativen Aufgaben reflektieren, sondern auch beim Kaffeetrinken oder bei Betriebsfeiern“, beschreibt Susanne Duwe die Grundvoraussetzung für eine förderliche Kommunikation: die Bereitschaft, sich selbst den Spiegel vorzuhalten.

Einen starken Bedarf, sich sprachlich anders aufzustellen, sieht Duwe auch bei den Berufsschulen. Sowohl schriftliches Lehrmaterial als auch die direkte Kommunikation müssten mit einfacher Sprache auf die Bedürfnisse der Auszubildenden ausgerichtet sein.

Elvira Tinis (Sprachtrainerin beim RKW), Ehsannulah Amiri (Auszubildender bei CUP+MUG) und Susanne Duwe (CUP+MUG)

 

Kirsten Krüger (Personalentwicklung BLG Logistics)

 

Hendrik Stewart (Trainer Qualifizierungscenter BLG)

 

Auch branchenfremde deutschsprachige Mitarbeiter profitieren

Dass deutsche Muttersprachler ebenso wie Lernende zur Verständigung beitragen können, sieht auch Kirsten Krüger, verantwortlich für die Personalentwicklung bei BLG Logistics. Der Seehafen- und Logostikdienstleister mit internationalem Netzwerk beschäftigt in Bremen und Bremerhaven rund 8.000 Mitarbeiter – davon viele mit Migrationshintergrund und teils geringen Deutschkenntnissen.

„Für diese Mitarbeitergruppe bieten wir über das Paritätische Bildungswerk in Bremen interne Sprachkurse für berufsbezogenes Deutsch an. Die Kurse finden samstags statt, werden als Arbeitszeit bezahlt und sehr gut angenommen“, beschreibt Kirsten Krüger eine der Maßnahmen, mit der das Unternehmen seine Mitarbeiter sprachlich unterstützt.

Andere Maßnahmen, die sprachliches Knowhow erfordern, sind Sicherheitsunterweisungen und Schulungen, die im Qualifizierungscenter der BLG regelmäßig mit Bewerbern und Neuankömmlingen im Betrieb durchgeführt werden. Kirsten Krüger hat wie Susanne Duwe die „RKW-Servicestelle Deutsch am Arbeitsplatz“ zurate gezogen und zwei ihrer Mitarbeiter aus dem Qualifizierungscenter schulen lassen.

„Wo vorher ein längerer Erklär-Text zum Unternehmen gestanden hat, steht jetzt: Was macht die BLG? Konservieren und Packen.“
Patrick Helmke, BLG Logistics

Mit Erfolg: Im Anschluss konnten sie beispielsweise die Arbeitsmaterialien auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden zuschneiden, das heißt in einfache Sprache umformulieren. „Wo zum Beispiel vorher ein längerer Erklär-Text zum Unternehmen gestanden hat, steht jetzt: Was macht die BLG? Konservieren und Packen“, erläutert Trainer Patrick Helmke die buchstäbliche Reduzierung auf das Notwendige.

Fazit: Beschäftigte müssen verstehen, was sie zu tun haben und wie sie sich sicher auf dem Betriebsgelände bewegen können. Auch branchenfremde deutschsprachige Schulungsteilnehmende profitierten etwa hinsichtlich logistikspezifischer Themen, führt sein Kollege Hendrik Stewart weiter aus. Mit dem Ergebnis, dass mehr deutsch- und fremdsprachige Bewerber die Unterweisungen erfolgreich durchlaufen – denn am Ende jeder Schulung wird geprüft, ob das Wesentliche verstanden wurde.
 
Auch die beiden Trainer sind sensibler gegenüber der deutschen Sprache geworden. Es gehe darum, sich leichter verständlich auszudrücken, ohne dass es von oben herab wirke, so Hendrik Stewart.

Sie haben wohl alles richtig gemacht: „Die Schulung  ist der Impuls für die Veränderung, den Rest müssen die Mitarbeiter selber tun“, fasst Kirsten Krüger zusammen. Wichtig sei die offene Einstellung.

Weitere Informationen AKB003_IconInfo

Der Bremer Landesverband des Paritätischen Bildungswerks bietet verschiedene Deutschkurse für den beruflichen Bedarf an.

Die RKW Bremen GmbH ist eine Gesellschaft des RKW Nord Rationalisierung- und Innovationszentrums der deutschen Wirtschaft e.V. und sieht sich als Plattform für den Wissenstransfer in regionalen Unternehmen. Die Servicestelle Deutsch am Arbeitsplatz wird von der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Sie bietet Unternehmen kostenlose Unterstützung an.

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2020 Arbeitnehmerkammer Bremen