Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Beruf, Kinder und Pflege – für Frauen in Bremen mehr als anderswo eine enorme Herausforderung. Warum bessere Betreuung und mehr Partnerschaftlichkeit unbedingt nötig sind.

In Deutschland wird viel gearbeitet. Frauen und Männer investieren durchschnittlich rund 54 Stunden pro Woche in unbezahlte Sorgearbeit und bezahlte Erwerbsarbeit. Noch nie waren so viele Frauen erwerbstätig und ihre Erwerbstätigenquote ist mit 74 Prozent im Jahr 2025 auch im europäischen Vergleich hoch. Tatsächlich leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit und bekommen für ihre bezahlte Erwerbsarbeit weniger Gehalt und sind sozial schlechter abgesichert als Männer.

Frauen bleibt weniger Zeit für Erwerbsarbeit

Die Mehrarbeit der Frauen ergibt sich vor allem durch ihre unbezahlten Sorgearbeiten wie Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Diese Sorgearbeiten sind jedoch unverzichtbar, damit unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. Durch diese Basisarbeit bleibt Frauen weniger Zeit für ihre bezahlte Erwerbsarbeit als Männern. Außerdem erzielen sie niedrigere Einkommen. Das und ihre schlechtere soziale Absicherung sind Folgen einer anhaltenden Diskriminierung und schlechteren Bezahlung auch bei vergleichbaren Tätigkeiten sowie der geringeren Erwerbstätigkeit im gesamten Lebensverlauf. Die relativ hohe Quote erwerbstätiger Frauen überdeckt, dass die Hälfte von ihnen in Teilzeit tätig ist. Das ist im europäischen Vergleich eine der höchsten Teilzeitquoten. Die Folgen sind gravierend – gesellschaftlich wie privat. 

Hohes Armutsrisiko

Für die Frauen selbst bedeuten weniger bezahlte Lebensarbeitszeit und geringere Verdienste ein höheres Armutsrisiko. Für unsere Arbeitsgesellschaft mit einem zunehmenden Mangel an Fachkräften sind die in der Regel besser als Männer qualifizierten Frauen ein ungenutztes Potenzial an Arbeitskräften. Das zentrale Ziel lautet also, die Erwerbsbeteiligung von Frauen durch mehr Gleichstellung zwischen den Geschlechtern zu stärken. Dazu müssen individuelle und vor allem strukturelle Hürden beseitigt werden. Im Lebensverlauf treten diese Hürden vor allem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern auf, und später erneut bei der Vereinbarkeit von Beruf sowie der Pflege von Angehörigen. 

  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern galt viel zu lange als ein Thema vor allem von Müttern. Mittlerweile wollen und sollen auch viele Väter Kinder, Küche und Karriere unter einen Hut bringen. Annähernd praktiziert wird das jedoch nur von rund 20 Prozent der Väter. Es sind weiterhin vor allem die Mütter, die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren und dann häufig in Teilzeit auf den Arbeitsmarkt zurückkehren. Es braucht also mehr Partnerschaftlichkeit bei der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit.
  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird immer dringlicher. Immer mehr Beschäftigte pflegen Angehörige. Zum einen steigt die Zahl der Pflegebedürftigen rapide an und 90 Prozent von ihnen leben in privaten Haushalten. Dort übernehmen überwiegend Angehörige den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Mit der Zunahme der Pflegebedürftigen steigt auch die Zahl der Beschäftigten, die neben ihrer bezahlten Erwerbstätigkeit pflegebedürftige Angehörige versorgen. Wieder sind es überwiegend Frauen, die dafür ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihre Erwerbsarbeit ganz unterbrechen.

Die gute Nachricht ist: Der Anteil der Frauen, die ausschließlich in einem Minijob arbeiten, ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Relativ deutlich gestiegen ist der Anteil der Frauen, die in sozialversicherter Teilzeit tätig sind. Relativ stabil bleibt der Anteil der Frauen, die in Vollzeit arbeiten. Er liegt zwischen knapp 42 und 43 Prozent. Eine Vollzeitbeschäftigung ist für Frauen somit nicht die Norm – anders als für Männer. Von ihnen hatten 2025 77,2 Prozent einen Vollzeitjob inne.

Beruf und Kinder – in Bremen besonders schwer zu vereinbaren

Arbeit, Elternschaft und Kinder gut geregelt zu bekommen ist nicht leicht. Das erste Kind krempelt den gesamten Alltag um: Es braucht Betreuung, darauf abgestimmte Arbeitszeiten und gesellschaftliche Unterstützung. Es sind vor allem die Mütter, die den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit anpassen und beruflich kürzertreten. Viele Eltern, die gleichberechtigt leben wollen, sind weiterhin mit starren Arbeitszeiten, nicht bedarfsgerechter Kinderbetreuung und typischen Rollenerwartungen konfrontiert. 

In den beiden Städten Bremen und Bremerhaven ist die Erwerbstätigenquote der Frauen jedoch nicht hoch, sondern im Bundesländervergleich die mit Abstand niedrigste (67 Prozent). Nirgendwo sind so wenig Frauen erwerbstätig, ist ihr Anteil an den sozialversichert Beschäftigten so niedrig und ihre Gehaltslücke gegenüber den Männern so groß.

Die Infrastruktur

Doch es geht nicht allein um wirtschaftliche Bedarfe. Familien sind unterschiedlich und verfolgen vielfältige Lebensmodelle: Ein Teil der Väter will mehr und stabile Kontakte zu seinen Kindern sowie kürze Erwerbsarbeitszeiten. Viele Mütter wollen eine geschlechtergerechte Aufteilung der Familienarbeit und Betreuungszeiten ihrer Kinder passgenau zur Erwerbsarbeit, und die in Bremen und Bremerhaven große Gruppe der Alleinerziehenden (29 Prozent) benötigt spezifische infrastrukturelle Voraussetzungen, um überhaupt eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit und Kinder vereinbaren zu können. 

Das alles ist kein Wunschkonzert von Familien. Denn Gleichberechtigung zuhause fördert diese auch in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen – ein Ziel mit Verfassungsrang in Deutschland.

Unsere Forderungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Kindern

  • Es ist höchste Zeit für eine doppelte Umverteilung zwischen der unbezahlten Sorgearbeit und der bezahlten Erwerbsarbeit. Frauen brauchen bessere Bedingungen, um am Arbeitsmarkt teilzunehmen, Männer müssen mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden. 
  • Die wichtigste Maßnahme in diese gleichstellungspolitische Richtung ist eine Reform des Eltergeld- und Elternzeitgesetzes. Der Mindestbetrag liegt nach 18 Jahren immer noch bei 300 Euro, der Höchstbetrag bei 1.800 Euro. Angesichts einer Preissteigerungsrate von über 33 Prozent in diesem Zeitraum muss der Mindestbetrag auf wenigstens 400 Euro angehoben werden, der Höchstbetrag auf mindestens 2.400 Euro. Zudem sollte das Elterngeld nicht wie bisher 65 bis 67 Prozent des entfallenden Einkommens ersetzen, sondern 80 Prozent, wie in anderen europäischen Ländern.
  • Außerdem muss die Anzahl der Partnermonate auf mindestens vier ausgeweitet werden, besser auf acht. In Familien, in denen Väter eine längere Elternzeit nehmen, bestätigen beide Eltern, dass die Mütter bei der Kinderbetreuung und der Hausarbeit deutlich entlastet werden. Sie kehren auch früher in ihren Beruf zurück. Diese Reformschritte dürfen nicht durch verlängerte tägliche Erwerbsarbeitszeiten unterlaufen werden.
  • Der seit 2019 geltende rechtliche Anspruch auf zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit (Brückenteilzeit) muss ausgeweitet werden. Der große Anteil von teilzeitbeschäftigten Frauen braucht bessere Regelungen zur Aufstockung der Erwerbsarbeitszeit, gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Das kann laut dem wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen durch eine Abschaffung der geltenden Schwellenwerte im Teilzeitrecht erreicht werden.
  • Doch Zeitpolitik allein reicht nicht. Sie muss eng gekoppelt werden mit dem weiteren Ausbau der institutionellen qualitativ förderlichen Kindertagesbetreuung mit dem Elternbedarf entsprechenden Betreuungszeiten.
  • Neben der Bundesregierung sind auch die öffentlichen und privaten Unternehmen sowie die Länderregierungen gefordert. Familien benötigen passgenaue Arbeitszeiten, eine familiengerechte Arbeitskultur, verlässliche Betreuungszeiten in den Kitas und eine stabile finanzielle Basis in ihrer Gründungsphase. 

Kita-Ausbau muss weitergehen – Elternbedarf noch lange nicht gedeckt

Der Ausbau der Kindertagesbetreuung ist einer der zentralen Schlüssel für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Familien mit kleinen Kindern und auch für mehr Gleichstellung. Hier muss das Bundesland Bremen nicht auf die Bundespolitik warten. Als Zwei-Städte-Staat mit der Zuständigkeit für Krippen, Kitas und Grundschulen kann es zentrale bildungspolitische Weichen stellen. Das beginnt bei bedarfsgerechten, verlässlichen Angeboten im Krippen- und Kita-Alter. Fehlen sie, bleiben viele Versuche erfolglos, die Sorge- und Erwerbsarbeit gerechter zwischen Müttern und Vätern zu verteilen und Familien eine hinreichend stabile ökonomische Grundlage zu ermöglichen.

Betreuungslücken im bundesweiten Vergleich im Krippenbereich

Im Jahr 2024 entsprach der bisherige Ausbaustand der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren in keinem Bundesland dem regelmäßig ermittelten Elternbedarf. Weiterhin bestehen erhebliche Betreuungslücken zwischen dem Elternbedarf und den tatsächlich betreuten Kindern (Betreuungsquote). Diese Lücken verweisen auf die weiterhin bestehende Unvereinbarkeit von Familie und Beruf für Eltern, die trotz Bedarf leer ausgehen. Diese Betreuungslücken sind nach Angaben des Bundesfamilienministeriums in den ostdeutschen Bundesländern sowie in Hamburg und Berlin kleiner, in Bremen und dem Saarland mit Abstand am größten. Bremen muss sich zukünftig am Ausbaustand von Großstädten wie Hamburg und Berlin orientieren, nicht wie bisher an den westdeutschen Flächenländern. Das ist angesichts der andauernden Haushaltsnotlage leichter gefordert als umgesetzt.

Keine Chancengleichheit bei Kita-Kindern

Die große Mehrheit der Kinder im Kita-Alter von drei bis sechs Jahren hat mittlerweile einen Betreuungsplatz. Das gilt besonders für Hamburg und die ostdeutschen Bundesländer mit Betreuungsquoten von deutlich über 90 Prozent. Auch viele westdeutsche Bundesländer erreichten im Jahr 2025 mindestens 90 Prozent. Den weitesten Weg, um diese Lücken zu schließen, haben das Saarland und Bremen vor sich. Es wird zwar eingeräumt, dass für die betroffenen Kinder – in Bremen immerhin rund 2.500 Kinder dieser Altersgruppe – keine gerechten Startchancen bestehen. Den dringend notwendigen weiteren Ausbau bremst jedoch auch der sich immer weiter zuspitzende Mangel an staatlich geprüften Erzieher*innen. Deshalb müssen vor allem attraktiv vergütete Ausbildungsgänge ausgeweitet werden.

Ein Betreuungsplatz ist das Eine – verlässliche Betreuungszeit das Andere

Einen Betreuungsplatz zu finden, ist der erste zentrale Schritt für Eltern. Eine gute Vereinbarkeit gelingt jedoch erst, wenn die Betreuungszeiten zum Bedarf der Eltern passen, vor allem zu ihren Arbeitszeiten. Längere, flexible Öffnungszeiten (bis zu elf Stunden) gibt es vor allem in den östlichen Bundesländern. In Städten wie Dresden oder Leipzig zum Beispiel heißt das jedoch nicht, dass sich Kinder dort tatsächlich so lange aufhalten. Es ermöglicht den Eltern jedoch, ihre Kinder auch mal früher zu bringen oder später abzuholen. Die deutlich höheren Quoten erwerbstätiger Mütter dort bestätigen diesen Effekt.

Betreuungszeiten im Vergleich

In westdeutschen Großstädten wie Hamburg, Berlin, Nürnberg sowie im Saarland erreicht die Öffnungsdauer der Einrichtungen rund zehn Stunden. Dagegen sind in den Städten in Nordrhein-Westfalen neun Stunden die Regel, in einigen niedersächsischen Städten achteinhalb Stunden und in Bremen acht Stunden. Für viele Bremer Eltern wäre zumindest ein früherer Beginn am Morgen und/oder eine Stunde länger am Nachmittag eine enorme Erleichterung, um Beruf und Kinder zu vereinbaren. Das hat eine Befragung vom Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen bestätigt.

Ausbau der Kindertagesbetreuung erfordert Aufwertung der Erziehungsberufe

Wie im Zwei-Städte-Staat Bremen und Bremerhaven fehlen in vielen deutschen Kommunen die erforderlichen finanziellen Ressourcen sowie qualifizierte pädagogische Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung. In der Vergangenheit wurden zu wenig Erzieher*innen ausgebildet, besonders in Bremen, aber auch in Deutschland insgesamt. Zugespitzt hat sich der Fachkräftemangel in vielen westdeutschen und einigen ostdeutschen Wachstumsregionen, da auch die Kinderzahlen entsprechend angestiegen sind. Trotz erheblicher Ausbauanstrengungen in den vergangenen Jahren gibt es nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung weiterhin eklatante „Betreuungsplatz- und Fachkräftelücken“.

Im Land Bremen verlief der Kitaausbau trotz vieler neuer Einrichtungen vergleichsweise schleppend, zumindest angesichts von 8.500 zusätzlichen Kindern unter sechs Jahren zwischen 2013 und 2025. Von diesen Kindern benötigt außerdem eine wachsende Zahl sonderpädagogische Förderung. Das stellt vor allem die Beschäftigten in den kinderreichen und durch Armutslagen geprägten Ortsteilen vor zusätzliche Herausforderungen – denn dort konzentrieren sich auch die meisten Kinder mit besonderem Förderbedarf. 

Strategien gegen Fachkräftemangel in Erziehungsberufen

Um dem Fachkräftemangel begegnen zu können, wird auch im Land Bremen nach einer Strategie gesucht, um die Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung „im laufenden Prozess“ zu stabilisieren. Dazu wurde eine Studie zu den Motivlagen beruflicher Entscheidungen von Erzieher*innen durchgeführt. Untersucht wurde die Fluktuation beziehungsweise der Verbleib von Auszubildenden und Fachkräften. Denn das verfügbare Fachkräftepotenzial fällt durch erhebliche Fluktuation geringer aus als die Zahlen der Auszubildenden und Neuzugänge vermuten lassen. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass vor allem die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten schrittweise verbessert werden müssen. 

Aus- und Weiterbildung von Erzieher*innen

Angehende Erzieher*innen bewerten ihre Aus- bzw. Weiterbildung überwiegend positiv. Verbessert werden muss jedoch vor allem ihre finanzielle Absicherung und die Verknüpfung von Lern- und Praxisphasen. Letztere müssen vor allem besser strukturiert und intensiver begleitet werden. Viele planen außerdem, sich nach dem Ende ihrer Ausbildung weiter zu qualifizieren, um später in auch in Bereichen wie Schule, Jugendhilfe oder Beratung arbeiten zu können. 

Teilnehmende im Berufspraktikum oder im Berufseinstiegsjahr sind ganz überwiegend mit der praktischen Arbeit und der Teamkultur sehr zufrieden. Etwa ein Drittel strebt jedoch ebenfalls Tätigkeiten außerhalb von Kita oder Krippe an, häufig auch außerhalb Bremens. Das begründen sie mit Wohnortwünschen und auch mit belastenden Arbeitsbedingungen. 

Zu wenig Erzieher*innen arbeiten Vollzeit

Unter den aktuell Beschäftigten arbeiten 58 Prozent in naher Vollzeit mit 30 bis 35 Stunden. Eine weitere Aufstockung ihrer Arbeitszeit können sich die Teilzeitbeschäftigten aufgrund hoher Belastungen, Vereinbarkeitsproblemen und fehlender Anreize für eine Vollzeitbeschäftigung nicht vorstellen. 40 Prozent wären zu Mehrarbeit bereit, wenn die Betreuungsqualität, die Bezahlung und die Belastung verbessert würden. 

Viele Vollzeitkräfte kritisieren vor allem die mangelnde politische Wertschätzung, die hohen Belastungen, fehlende Vertretungsregelungen und den unzureichenden Gesundheitsschutz. Etwa ein Drittel plant eine Stundenreduktion oder einen Tätigkeits-/Ortswechsel, darunter besonders Jüngere, Männer sowie Personen mit hoher Arbeitsunzufriedenheit.

Unsere Forderungen zur Kindertagesbetreuung

In den Bremer Krippen und Kitas wird jede Fachkraft gebraucht, um die Betreuungssituation zu verbessern. Dazu müssen die vorhandenen Fachkräfte gehalten werden, insbesondere durch verbesserte Arbeitsbedingungen. Genauso wichtig ist es jedoch, neue Fachkräfte durch bessere Ausbildungsbedingungen zu gewinnen. Dazu muss die Ausbildung attraktiver und praxisnäher gestaltet werden. 

  • Um die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zu verbessern, sollte ein Modellprojekt mit reduzierten Gruppengrößen gestartet werden. Da nicht in allen Kitas die Arbeitsbelastungen gleich hoch sind, muss mit Einrichtungen begonnen werden, die einen hohen Anteil von Kindern in benachteiligten Lagen mit hohem Förderbedarf aufweisen. Es soll modellhaft gezeigt werden, wie gute Arbeit in Kitas erreicht und auf andere Einrichtungen übertragen werden kann. Geeignet wären Einrichtungen mit vielen Förderkindern in Stadtteilen mit geringerem Nachfragedruck. 
  • Große Träger setzen bereits erfolgreich Springerpools ein, um im Krankheitsfall eine Vertretung zu organisieren, was für kleine Kitas kaum machbar ist. Hier könnte ein übergeordneter Springerpool für diese Einrichtungen mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren ausprobiert werden. Denn die mangelnde Verlässlichkeit in der Kinderbetreuung ist nicht allein für die Eltern sehr belastend, sondern auch für die Beschäftigten. 
  • Von zentraler Bedeutung ist eine verlässliche finanzielle Absicherung, um die Ausbildung attraktiver und praxisnaher zu gestalten. Dazu müssen die Auszubildenden in den Einrichtungen nach verbindlichen Regelungen für die jeweiligen Praxistage oder Praxisphasen durch speziell qualifizierte Anleitungskräfte unterstützt werden. Letztere müssen für diese zusätzlichen Aufgaben und Zeiten eine Refinanzierungerhalten. Vorgeschlagen wird außerdem die Einführung von Ausbildungs-Coaches auch für Erzieher*innen, um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Vorbilder dafür gibt es in Bremen bereits in der Pflegeausbildung mit dem Programm „Bleib dran“.

Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Mit der Zunahme der Pflegebedürftigen steigt auch die Zahl der Beschäftigten, die neben ihrem Beruf Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige tragen. Es wird also immer wichtiger, dass Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege unterstützt werden. Nach wie vor sind es besonders häufig Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren oder die Erwerbstätigkeit ganz unterbrechen, um sich der Pflege ihrer Angehörigen zu widmen und erhebliche Einkommenseinbußen in Kauf nehmen. Analog zur Kinderbetreuung muss auch für die Pflege eine finanzielle Entlastung der Beschäftigten erfolgen. Anreize für einen Komplettausstieg aus der Berufstätigkeit sollten dabei jedoch möglichst vermieden werden.

Unsere Forderungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

  • Die Pflegeinfrastruktur in Bremen, inklusive Kurzzeitpflege, muss dringend bedarfsgerecht ausgebaut und ein weiteres Absinken des Versorgungsgrades aufgehalten werden.
  • Lohneinbußen in (Familien-)Pflegezeiten sollten durch Lohnersatzleistungen zumindest in Teilen kompensiert werden. Die Möglichkeit der abgesicherten Freistellung für die Pflege in Teilzeit sollte auf mindestens 36 Monate ausgeweitet werden.
  • Alle Regelungen des Pflegezeitgesetzes und des Familienpflegegesetzes sollten in einem Gesetz zusammengeführt werden. Dies steigert die Akzeptanz und Attraktivität durch Transparenz und Übersichtlichkeit für betroffene Arbeitnehmende sowie Betriebe und vermindert den bürokratischen Aufwand. Die Betriebsgrößenschwelle muss auf 15 Beschäftigte vereinheitlicht oder ganz abgeschafft werden.

Die meisten Pflegebedürftigen werden von Angehörigen versorgt

In Bremen leben fast 90 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause und werden von Angehörigen unterstützt und versorgt – nur zu einem kleinen Teil mithilfe von ambulanten Diensten. Der Anteil derer, die zu Hause versorgt werden, steigt, der Versorgungsgrad in der Pflege ist im Land Bremen seit 2015 gesunken. Mehr zur Pflegesituation in Bremen lesen Sie in unserem KammerKompakt „Pflege in Bremen“.

In unserer Beschäftigtenbefragung gibt jede*r fünfte Bremer Beschäftigte an, dass er/sie pflegebedürftige Angehörige hat. In der Altersgruppe der 55- bis 67-Jährigen ist es sogar jede*r Dritte. Knapp die Hälfte der Beschäftigten mit pflegebedürftigen Angehörigen ist vorwiegend selbst für die Betreuung zuständig oder teilt sich diese mit einer anderen Person. 13 Prozent der weiblichen und vier Prozent der männlichen Teilzeitbeschäftigten nennen die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger als einen der Gründe für ihre Teilzeitarbeit. Mehr zu Beschäftigten mit Pflegeverantwortung lesen Sie im unten verlinkten Bericht zur Beschäftigtenbefragung.

Weiterführende Publikationen

Kinder und Beruf - weiterhin schwer zu vereinbaren

KammerKompakt

Im Land Bremen ist jede zweite Mutter mit einem Kind zwischen drei und sechs Jahren berufstätig. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil erwerbstätiger Frauen geringer. Hinzu kommt, dass Väter in Bremen seltener in Elternzeit gehen als anderswo. Und in den Kitas ist die Betreuungslücke im Ländervergleich am größten.

KammerKompakt

06.2026 (PDF, 1 MB)

Pflege in Bremen – Versorgungslücken sind kaum zu schließen

KammerKompakt

Die pflegerische Versorgung steht vor großen demografischen Herausforderungen: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, gleichzeitig fehlen Fachkräfte – viele von ihnen verlassen aufgrund der Arbeitsbedingungen den Beruf. Wie ist die Situation in der Pflege und für die Pflegebeschäftigten im Land Bremen?

KammerKompakt

01.2025 (PDF, 1 MB)

Frauen auf dem Bremer Arbeitsmarkt

KammerKompakt

Wie fast überall in Deutschland ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen auch im Land Bremen angestiegen. Weiterhin ist jedoch fast ein Drittel aller Frauen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren nicht am Erwerbsleben beteiligt…
KammerKompakt

09.2019 (PDF, 1 MB)

iaw-Bericht: Motivlagen beruflicher Entscheidungen von Erzieher:innen

Studien / Befragungen

Erziehungsberufe im Land Bremen - Ergebnisse einer Verbleibstudie des iaw. Im Land Bremen verbleiben nur 36 Prozent der in der Kindertagesbetreuung beschäftigten Erzieher:innen zehn Jahre nach Berufseinstieg noch im Berufsfeld. Die Studie untersucht Ursachen für den Verbleib oder Ausstieg von Erzieher:innen im Land Bremen.

Autoren: René Böhme unter Mitarbeit von Christian Otto. 

08.2025 (PDF, 2 MB)

Stellungnahme zu Angeboten zur Entlastung im Alltag

Stellungnahmen

Die Arbeitnehmerkammer begrüßt grundsätzlich die Novellierung der Verordnung zur Anerkennung von Angeboten zur Unterstützung im Alltag mit dem Ziel ein größeres Angebot an Unterstützungsleistungen für Pflegebedürftige und deren Angehörige zu schaffen.

03.2023 (PDF, 151 KB)

BAM-Artikel zum Thema

Eine erwachsene Person kniet vor einem Kind in einer Garderobe und hilft ihm beim Anziehen der Schuhe. Im Hintergrund hängen Jacken an Haken, darüber befinden sich Fächer mit Boxen und Spielzeug. In einer Gedankenblase ist ein Arbeitsplatz mit Computer zu sehen, was auf die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung hinweist.
Politik, Familie

Kinder und Beruf – ­weiterhin schwer zu ­vereinbaren