Kinder und Beruf - weiterhin schwer zu vereinbaren
KammerKompakt06.2026 (PDF, 1 MB)
Kinder und Beruf - weiterhin schwer zu vereinbaren pdf herunterladenBeruf, Kinder und Pflege – für Frauen in Bremen mehr als anderswo eine enorme Herausforderung. Warum bessere Betreuung und mehr Partnerschaftlichkeit unbedingt nötig sind.
In Deutschland wird viel gearbeitet. Frauen und Männer investieren durchschnittlich rund 54 Stunden pro Woche in unbezahlte Sorgearbeit und bezahlte Erwerbsarbeit. Noch nie waren so viele Frauen erwerbstätig und ihre Erwerbstätigenquote ist mit 74 Prozent im Jahr 2025 auch im europäischen Vergleich hoch. Tatsächlich leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit und bekommen für ihre bezahlte Erwerbsarbeit weniger Gehalt und sind sozial schlechter abgesichert als Männer.
Die Mehrarbeit der Frauen ergibt sich vor allem durch ihre unbezahlten Sorgearbeiten wie Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Diese Sorgearbeiten sind jedoch unverzichtbar, damit unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. Durch diese Basisarbeit bleibt Frauen weniger Zeit für ihre bezahlte Erwerbsarbeit als Männern. Außerdem erzielen sie niedrigere Einkommen. Das und ihre schlechtere soziale Absicherung sind Folgen einer anhaltenden Diskriminierung und schlechteren Bezahlung auch bei vergleichbaren Tätigkeiten sowie der geringeren Erwerbstätigkeit im gesamten Lebensverlauf. Die relativ hohe Quote erwerbstätiger Frauen überdeckt, dass die Hälfte von ihnen in Teilzeit tätig ist. Das ist im europäischen Vergleich eine der höchsten Teilzeitquoten. Die Folgen sind gravierend – gesellschaftlich wie privat.
Für die Frauen selbst bedeuten weniger bezahlte Lebensarbeitszeit und geringere Verdienste ein höheres Armutsrisiko. Für unsere Arbeitsgesellschaft mit einem zunehmenden Mangel an Fachkräften sind die in der Regel besser als Männer qualifizierten Frauen ein ungenutztes Potenzial an Arbeitskräften. Das zentrale Ziel lautet also, die Erwerbsbeteiligung von Frauen durch mehr Gleichstellung zwischen den Geschlechtern zu stärken. Dazu müssen individuelle und vor allem strukturelle Hürden beseitigt werden. Im Lebensverlauf treten diese Hürden vor allem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern auf, und später erneut bei der Vereinbarkeit von Beruf sowie der Pflege von Angehörigen.
Arbeit, Elternschaft und Kinder gut geregelt zu bekommen ist nicht leicht. Das erste Kind krempelt den gesamten Alltag um: Es braucht Betreuung, darauf abgestimmte Arbeitszeiten und gesellschaftliche Unterstützung. Es sind vor allem die Mütter, die den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit anpassen und beruflich kürzertreten. Viele Eltern, die gleichberechtigt leben wollen, sind weiterhin mit starren Arbeitszeiten, nicht bedarfsgerechter Kinderbetreuung und typischen Rollenerwartungen konfrontiert.
In den beiden Städten Bremen und Bremerhaven ist die Erwerbstätigenquote der Frauen jedoch nicht hoch, sondern im Bundesländervergleich die mit Abstand niedrigste (67 Prozent). Nirgendwo sind so wenig Frauen erwerbstätig, ist ihr Anteil an den sozialversichert Beschäftigten so niedrig und ihre Gehaltslücke gegenüber den Männern so groß.
Doch es geht nicht allein um wirtschaftliche Bedarfe. Familien sind unterschiedlich und verfolgen vielfältige Lebensmodelle: Ein Teil der Väter will mehr und stabile Kontakte zu seinen Kindern sowie kürze Erwerbsarbeitszeiten. Viele Mütter wollen eine geschlechtergerechte Aufteilung der Familienarbeit und Betreuungszeiten ihrer Kinder passgenau zur Erwerbsarbeit, und die in Bremen und Bremerhaven große Gruppe der Alleinerziehenden (29 Prozent) benötigt spezifische infrastrukturelle Voraussetzungen, um überhaupt eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit und Kinder vereinbaren zu können.
Das alles ist kein Wunschkonzert von Familien. Denn Gleichberechtigung zuhause fördert diese auch in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen – ein Ziel mit Verfassungsrang in Deutschland.
Der Ausbau der Kindertagesbetreuung ist einer der zentralen Schlüssel für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Familien mit kleinen Kindern und auch für mehr Gleichstellung. Hier muss das Bundesland Bremen nicht auf die Bundespolitik warten. Als Zwei-Städte-Staat mit der Zuständigkeit für Krippen, Kitas und Grundschulen kann es zentrale bildungspolitische Weichen stellen. Das beginnt bei bedarfsgerechten, verlässlichen Angeboten im Krippen- und Kita-Alter. Fehlen sie, bleiben viele Versuche erfolglos, die Sorge- und Erwerbsarbeit gerechter zwischen Müttern und Vätern zu verteilen und Familien eine hinreichend stabile ökonomische Grundlage zu ermöglichen.
Im Jahr 2024 entsprach der bisherige Ausbaustand der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren in keinem Bundesland dem regelmäßig ermittelten Elternbedarf. Weiterhin bestehen erhebliche Betreuungslücken zwischen dem Elternbedarf und den tatsächlich betreuten Kindern (Betreuungsquote). Diese Lücken verweisen auf die weiterhin bestehende Unvereinbarkeit von Familie und Beruf für Eltern, die trotz Bedarf leer ausgehen. Diese Betreuungslücken sind nach Angaben des Bundesfamilienministeriums in den ostdeutschen Bundesländern sowie in Hamburg und Berlin kleiner, in Bremen und dem Saarland mit Abstand am größten. Bremen muss sich zukünftig am Ausbaustand von Großstädten wie Hamburg und Berlin orientieren, nicht wie bisher an den westdeutschen Flächenländern. Das ist angesichts der andauernden Haushaltsnotlage leichter gefordert als umgesetzt.
Die große Mehrheit der Kinder im Kita-Alter von drei bis sechs Jahren hat mittlerweile einen Betreuungsplatz. Das gilt besonders für Hamburg und die ostdeutschen Bundesländer mit Betreuungsquoten von deutlich über 90 Prozent. Auch viele westdeutsche Bundesländer erreichten im Jahr 2025 mindestens 90 Prozent. Den weitesten Weg, um diese Lücken zu schließen, haben das Saarland und Bremen vor sich. Es wird zwar eingeräumt, dass für die betroffenen Kinder – in Bremen immerhin rund 2.500 Kinder dieser Altersgruppe – keine gerechten Startchancen bestehen. Den dringend notwendigen weiteren Ausbau bremst jedoch auch der sich immer weiter zuspitzende Mangel an staatlich geprüften Erzieher*innen. Deshalb müssen vor allem attraktiv vergütete Ausbildungsgänge ausgeweitet werden.
Einen Betreuungsplatz zu finden, ist der erste zentrale Schritt für Eltern. Eine gute Vereinbarkeit gelingt jedoch erst, wenn die Betreuungszeiten zum Bedarf der Eltern passen, vor allem zu ihren Arbeitszeiten. Längere, flexible Öffnungszeiten (bis zu elf Stunden) gibt es vor allem in den östlichen Bundesländern. In Städten wie Dresden oder Leipzig zum Beispiel heißt das jedoch nicht, dass sich Kinder dort tatsächlich so lange aufhalten. Es ermöglicht den Eltern jedoch, ihre Kinder auch mal früher zu bringen oder später abzuholen. Die deutlich höheren Quoten erwerbstätiger Mütter dort bestätigen diesen Effekt.
In westdeutschen Großstädten wie Hamburg, Berlin, Nürnberg sowie im Saarland erreicht die Öffnungsdauer der Einrichtungen rund zehn Stunden. Dagegen sind in den Städten in Nordrhein-Westfalen neun Stunden die Regel, in einigen niedersächsischen Städten achteinhalb Stunden und in Bremen acht Stunden. Für viele Bremer Eltern wäre zumindest ein früherer Beginn am Morgen und/oder eine Stunde länger am Nachmittag eine enorme Erleichterung, um Beruf und Kinder zu vereinbaren. Das hat eine Befragung vom Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen bestätigt.
Wie im Zwei-Städte-Staat Bremen und Bremerhaven fehlen in vielen deutschen Kommunen die erforderlichen finanziellen Ressourcen sowie qualifizierte pädagogische Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung. In der Vergangenheit wurden zu wenig Erzieher*innen ausgebildet, besonders in Bremen, aber auch in Deutschland insgesamt. Zugespitzt hat sich der Fachkräftemangel in vielen westdeutschen und einigen ostdeutschen Wachstumsregionen, da auch die Kinderzahlen entsprechend angestiegen sind. Trotz erheblicher Ausbauanstrengungen in den vergangenen Jahren gibt es nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung weiterhin eklatante „Betreuungsplatz- und Fachkräftelücken“.
Im Land Bremen verlief der Kitaausbau trotz vieler neuer Einrichtungen vergleichsweise schleppend, zumindest angesichts von 8.500 zusätzlichen Kindern unter sechs Jahren zwischen 2013 und 2025. Von diesen Kindern benötigt außerdem eine wachsende Zahl sonderpädagogische Förderung. Das stellt vor allem die Beschäftigten in den kinderreichen und durch Armutslagen geprägten Ortsteilen vor zusätzliche Herausforderungen – denn dort konzentrieren sich auch die meisten Kinder mit besonderem Förderbedarf.
Um dem Fachkräftemangel begegnen zu können, wird auch im Land Bremen nach einer Strategie gesucht, um die Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung „im laufenden Prozess“ zu stabilisieren. Dazu wurde eine Studie zu den Motivlagen beruflicher Entscheidungen von Erzieher*innen durchgeführt. Untersucht wurde die Fluktuation beziehungsweise der Verbleib von Auszubildenden und Fachkräften. Denn das verfügbare Fachkräftepotenzial fällt durch erhebliche Fluktuation geringer aus als die Zahlen der Auszubildenden und Neuzugänge vermuten lassen. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass vor allem die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten schrittweise verbessert werden müssen.
Angehende Erzieher*innen bewerten ihre Aus- bzw. Weiterbildung überwiegend positiv. Verbessert werden muss jedoch vor allem ihre finanzielle Absicherung und die Verknüpfung von Lern- und Praxisphasen. Letztere müssen vor allem besser strukturiert und intensiver begleitet werden. Viele planen außerdem, sich nach dem Ende ihrer Ausbildung weiter zu qualifizieren, um später in auch in Bereichen wie Schule, Jugendhilfe oder Beratung arbeiten zu können.
Teilnehmende im Berufspraktikum oder im Berufseinstiegsjahr sind ganz überwiegend mit der praktischen Arbeit und der Teamkultur sehr zufrieden. Etwa ein Drittel strebt jedoch ebenfalls Tätigkeiten außerhalb von Kita oder Krippe an, häufig auch außerhalb Bremens. Das begründen sie mit Wohnortwünschen und auch mit belastenden Arbeitsbedingungen.
Unter den aktuell Beschäftigten arbeiten 58 Prozent in naher Vollzeit mit 30 bis 35 Stunden. Eine weitere Aufstockung ihrer Arbeitszeit können sich die Teilzeitbeschäftigten aufgrund hoher Belastungen, Vereinbarkeitsproblemen und fehlender Anreize für eine Vollzeitbeschäftigung nicht vorstellen. 40 Prozent wären zu Mehrarbeit bereit, wenn die Betreuungsqualität, die Bezahlung und die Belastung verbessert würden.
Viele Vollzeitkräfte kritisieren vor allem die mangelnde politische Wertschätzung, die hohen Belastungen, fehlende Vertretungsregelungen und den unzureichenden Gesundheitsschutz. Etwa ein Drittel plant eine Stundenreduktion oder einen Tätigkeits-/Ortswechsel, darunter besonders Jüngere, Männer sowie Personen mit hoher Arbeitsunzufriedenheit.
In den Bremer Krippen und Kitas wird jede Fachkraft gebraucht, um die Betreuungssituation zu verbessern. Dazu müssen die vorhandenen Fachkräfte gehalten werden, insbesondere durch verbesserte Arbeitsbedingungen. Genauso wichtig ist es jedoch, neue Fachkräfte durch bessere Ausbildungsbedingungen zu gewinnen. Dazu muss die Ausbildung attraktiver und praxisnäher gestaltet werden.
Mit der Zunahme der Pflegebedürftigen steigt auch die Zahl der Beschäftigten, die neben ihrem Beruf Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige tragen. Es wird also immer wichtiger, dass Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege unterstützt werden. Nach wie vor sind es besonders häufig Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren oder die Erwerbstätigkeit ganz unterbrechen, um sich der Pflege ihrer Angehörigen zu widmen und erhebliche Einkommenseinbußen in Kauf nehmen. Analog zur Kinderbetreuung muss auch für die Pflege eine finanzielle Entlastung der Beschäftigten erfolgen. Anreize für einen Komplettausstieg aus der Berufstätigkeit sollten dabei jedoch möglichst vermieden werden.
In Bremen leben fast 90 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause und werden von Angehörigen unterstützt und versorgt – nur zu einem kleinen Teil mithilfe von ambulanten Diensten. Der Anteil derer, die zu Hause versorgt werden, steigt, der Versorgungsgrad in der Pflege ist im Land Bremen seit 2015 gesunken. Mehr zur Pflegesituation in Bremen lesen Sie in unserem KammerKompakt „Pflege in Bremen“.
In unserer Beschäftigtenbefragung gibt jede*r fünfte Bremer Beschäftigte an, dass er/sie pflegebedürftige Angehörige hat. In der Altersgruppe der 55- bis 67-Jährigen ist es sogar jede*r Dritte. Knapp die Hälfte der Beschäftigten mit pflegebedürftigen Angehörigen ist vorwiegend selbst für die Betreuung zuständig oder teilt sich diese mit einer anderen Person. 13 Prozent der weiblichen und vier Prozent der männlichen Teilzeitbeschäftigten nennen die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger als einen der Gründe für ihre Teilzeitarbeit. Mehr zu Beschäftigten mit Pflegeverantwortung lesen Sie im unten verlinkten Bericht zur Beschäftigtenbefragung.
Weitere Beiträge zu Gesundheits-, Pflege- und Sozialpolitik lesen Sie hier
Den Bericht zur Beschäftigtenbefragung 2025 finden Sie hier
Unsere Ratgeber-Seiten zum Thema Familie finden Sie hier
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