Lediglich 36 Prozent der im Land Bremen in der Kindertagesbetreuung tätigen Erzieher*innen sind auch nach zehn Jahren noch im Beruf. Das ist auch im Vergleich mit anderen Bundesländern ein niedriger Wert, kommentiert René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen und Leiter der Studie „Motivlagen beruflicher Entscheidungen von Erzieher:innen“, die im Auftrag der Arbeitnehmerkammer und der Senatorischen Behörde für Kinder und Bildung durchgeführt wurde.
Auszubildende kritisieren Vergütung
Etwa zwei von drei angehenden Erzieher*innen bewerten ihre Aus- und Weiterbildungen positiv. Insbesondere mit den Lehrpersonen in den Fachschulen ist eine deutliche Mehrheit zufrieden. Überwiegend kritisch gesehen werden hingegen die finanzielle Absicherung, die lange Ausbildungsdauer und Defizite in der Praxisbegleitung. Viele planen nicht ausschließlich eine Tätigkeit in der Bremer Kindertagesbetreuung, sondern erwägen auch Bereiche wie Schule, Jugendhilfe oder Beratung. Teilnehmende am Berufspraktikum oder Berufseinstiegsjahr berichten von hoher Zufriedenheit mit der praktischen Arbeit und der Teamkultur, bemängeln jedoch ebenfalls die Einkommenssituation. Ein Drittel von ihnen strebt Tätigkeiten außerhalb von Kita oder Krippe an, häufig auch außerhalb Bremens, begründet mit Wohnortfaktoren und belastenden Arbeitsbedingungen.
Viele Erzieher*innen wollen bleiben
Unter den aktuell Beschäftigten arbeiten fast 60 Prozent vollzeitnah mit 30 bis 35 Stunden. Die Gründe, nicht in Vollzeit zu arbeiten, sind vor allem die hohen Arbeitsbelastungen, Vereinbarkeitsprobleme und fehlende Anreize für Vollzeit.
„Es gibt […] ein stabiles Segment an Erzieher*innen, die in den nächsten Jahren keinen Stellenwechsel planen.“
Thomas Schwarzer, Arbeitnehmerkammer
Zwei Drittel der befragten Erzieher*innen halten ihren Verbleib auf ihrer derzeitigen Stelle für sehr oder eher wahrscheinlich. „Es gibt demnach ein stabiles Segment an Erzieher*innen, die in den nächsten Jahren keinen Stellenwechsel planen“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Zu große Gruppen
Es sind vor allem die Arbeitsbedingungen, die viele Erzieher*innen wahlweise in die Teilzeit, ins niedersächsische Umland oder auch ganz aus der Kitabetreuung treiben. Eine der zentralen Forderungen lautet deshalb auch: Kleinere Gruppen mit 12 bis 15 Kindern und die Einführung eines Springerpools, um Ausfälle durch den hohen Krankenstand kurzfristig abzufedern. Bei faktischen Gruppengrößen von 20 Kindern kommen viele Einrichtungen im Fall von Krankmeldungen schnell an ihre Grenzen und die Belastung für die verbleibenden Fachkräfte steigt weiter.
„Unser pädagogischer Auftrag geht ja sehr viel weiter, als nur dafür zu sorgen, dass die Kinder sauber und satt sind.“
Sterling Hornack, Erzieher
Zu wenig Zeit
Was das in der Praxis bedeutet, erklärt Erzieher Sterling Hornack. Er hat gerade seine Ausbildung beendet und arbeitet im Kinderhaus Arche der Jakobigemeinde in der Neustadt. „Bei 20 Kindern in der Gruppe ist der Lärmpegel extrem und zerrt an den Nerven.“ Allen Kindern gleichermaßen gerecht werden? Bei solchen Gruppengrößen undenkbar. „Gerade die ruhigeren Kinder kommen oft nicht zum Zuge“, sagt er.
Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt weiter
Wer, wie viele Erzieher*innen, pädagogisch hochmotiviert in den Job startet, landet in der Praxis mitunter unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Das gilt umso mehr angesichts der gestiegenen Förderbedarfe auch schon bei den Kleinsten. Die Spanne reicht von sprachlichen bis zu motorischen und auch neurologischen Entwicklungsverzögerungen. „Ein Teil der Kinder kommt heute schon mit einem Päckchen in die Kita, dem die Erzieher*innen gerecht werden wollen und müssen. Dazu brauchen wir gut ausgebildetes Personal“, sagt Irene Purschke vom Gesamtpersonalrat der Stadt Bremen.
Motivation und Arbeitsklima
Sterling Hornack hat ein eigenes Ritual entwickelt, um die seelische Balance zu halten: „Ich mache mir oft kleine Notizen – was am Tag schön war, was gut geklappt hat oder ich notiere mir einen lustigen Spruch von einem Kind. Damit schaffe ich mir auch an stressigen Tagen eine Alltagsinsel.“ Dazu beschreibt er das kollegiale Miteinander in seiner Einrichtung als sehr gut.
„Lediglich 36 Prozent der in Bremen in der Kindertagesbetreuung tätigen Erzieher*innen sind auch nach zehn Jahren noch im Beruf.“
René Böhme, Leiter der Studie
Wenn die Teamarbeit im Alltag funktioniert, sind viele der Belastungen für eine gewisse Zeit zu kompensieren. Das ist jedoch nicht allen Einrichtungen der Fall: Neben der Belastung durch große Gruppen, hohe Krankenstände und Lärm kommt für viele auch noch ein schlechtes Arbeitsklima hinzu.
Alte Pädagogik vs. neue Konzepte
„Unser pädagogischer Auftrag geht ja sehr viel weiter, als nur dafür zu sorgen, dass die Kinder sauber und satt sind“, sagt Sterling Hornack. Wenn dann nur wenig mehr als freundliche Aufbewahrung möglich ist, frustriert das alle Beteiligten. Verstärkt wird das nicht nur durch den Betreuungsschlüssel, sondern auch in der Ausstattung mancher Kitas. „Wir brauchen einfach Geld für die Einrichtungen“, sagt er. „Da geht es um Materialkosten, ums Mobiliar, dass die Wände gestrichen werden. Wenn ich morgens unsere Garderobe sehe, könnte ich heulen. Es ist eine Villa Kunterbunt – im Guten wie im Schlechten“, sagt Hornack und lacht dann doch.
Gemischte Erfahrungen mit Quereinsteigern
Gebraucht werden nicht nur Erzieher*innen, sondern auch Menschen, die sich mit besonderen Förderbedarfen auskennen – Heilerziehungspfleger*innen zum Beispiel. Interdisziplinäre Teams mit Fachkräften wären sinnvoll, die Erfahrung mit Quereinsteiger*innen oder nur kurz angelernten Assistenzen sind gemischt. Zusätzlich zur Betreuung der Kinder müssen diese ja auch noch angeleitet werden, auch das kostet wieder Zeit, die bei den Kindern dann fehlt. Und oft sind auch diese Kräfte nach manch ernüchternder Praxiserfahrung schnell wieder weg.



