Dr. Aenne Dunker
Auf der Suche nach Sicherheit und Arbeit wandern Menschen seit Jahrhunderten nach Deutschland zu. Doch die Stimmung wird migrationsfeindlicher, politische Signale sind widersprüchlich: Während Erwerbsmigration erwünscht ist, soll insbesondere Fluchtmigration verhindert werden. Dabei profitiert der Arbeitsmarkt von allen Zugewanderten. Um ihre Potenziale zu nutzen und Chancen zu eröffnen, sind Unterstützungsangebote jedoch unverzichtbar.
Die Politik sendet derzeit das Signal, dass Zuwanderung stark begrenzt werden müsse – es sei denn, sie nutzt Deutschland. „Nützlich“ ist Zuwanderung immer dann, wenn angenommen werden kann, dass der Arbeitsmarkt von ihr profitiert („Erwerbsmigration“). Denn dieser ist auf Personen aus dem Ausland angewiesen: Durch das Ausscheiden der Babyboomer*innen wird sich der bestehende Fach- und Arbeitskräftebedarf noch verschärfen. 2024 waren 8,5 der 34,8 Millionen in Deutschland sozialversichert beschäftigten Menschen 55 Jahre oder älter – ihr Renteneintritt steht somit kurz bevor.
In dieser Logik stehen nicht Menschen, sondern ihre Verwertbarkeit im Fokus – willkommen ist, wer direkt dafür sorgt, dass neue Technologien entwickelt oder Kranke behandelt werden können. Nicht willkommen ist, wer aus anderen Gründen nach Deutschland kommen möchte – oder eher: muss. Denn Krieg, Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen sowie die Klimakrise zwingen immer mehr Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen – und Deutschland ist ein beliebtes Zielland. In der Diskussion um erwünschte und zu verhindernde Zuwanderung wird aus dem Blick verloren, dass selbstverständlich auch diese Menschen erwerbstätig sein und ihren Lebensunterhalt selbst sichern möchten – und damit Potenziale für die Arbeits- und Fachkräftesicherung aufweisen. Möglich wäre eine Situation, in der sowohl Zugewanderte als auch Deutschland profitieren – die einen suchen einen neuen Lebens- und Arbeitsort, während hierzulande Fach- und Arbeitskräfte benötigt werden. Doch diese Chance wird nicht genutzt. Stattdessen wird der Eindruck vermittelt, dass ausschließlich Erwerbsmigrant*innen einen Mehrwert für Deutschland bieten, während Zuwanderung aus anderen Gründen eine Belastung darstellt. Den einen wird ihr Potenzial abgesprochen, die anderen werden auf ihre Verwertbarkeit reduziert. Eine zukunftsfähige Migrationspolitik, die der gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirkt, sieht anders aus.

Arbeitnehmerkammer Bremen
Ohne Zugewanderte geht es nicht!
Dabei gilt, dass Beschäftigte aus dem Ausland bereits jetzt von großer Bedeutung sind – ungeachtet der Tatsache, ob sie als Erwerbsmigrant*innen oder aus anderen Gründen zugewandert sind. Auch im Land Bremen: Das jüngste Beschäftigungswachstum geht in erster Linie auf Personen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit zurück.
Deren Zahl hat sich von 2015 bis 2025 mehr als verdoppelt. Vergleichsweise viele Beschäftigungen wurden in Heimen und dem Sozialwesen aufgebaut, wo die Zahl der nicht-deutschen Pflegekräfte oder Betreuer*innen sich mehr als verdreifacht hat. Etwas weniger stark ist der relative Aufwuchs in Verkehr und Logistik und damit zum Beispiel unter den Paketbot*innen oder Busfahrer*innen. Dies ist jedoch darauf zurückzuführen, dass hier traditionell die meisten Personen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit beschäftigt sind. Nicht-deutsche Beschäftigte gewinnen somit insbesondere für die Dienstleistungsbranchen an Bedeutung – und damit direkt für den Alltag. Denn sie packen und liefern nicht nur Bestellungen, sondern kümmern sich auch immer häufiger um die Angehörigen von Bremer*innen. Doch dadurch sind sie oft von den herausfordernden Arbeitsbedingungen im Dienstleistungsbereich betroffen.
Außerdem sind sie besonders häufig als Helfer*innen beschäftigt – auch, wenn sie höher qualifiziert sind. Helfer*innentätigkeiten gehen mit geringen Verdiensten und einer hohen Arbeitsplatzunsicherheit einher. Das kann insbesondere für Zugewanderte existenzbedrohend sein: Denn ihr Bleiberecht hängt oft davon ab, ob der Lebensunterhalt aus eigenen Kräften finanziert werden kann. Dazu gilt: Mit Blick auf den steigenden Fachkraftbedarf weisen die Helfer*innen ein großes Potenzial auf. Wird ihnen eine qualifizierte Beschäftigung ermöglicht, verbessert sich nicht nur ihre Lebenssituation, sondern auch der Bremer Arbeitsmarkt profitiert. Denn auch wenn nicht-deutsche Beschäftigte – verglichen mit ihrem Anteil an allen Beschäftigten – auf qualifizierten Positionen aktuell noch unterrepräsentiert sind, zeigt sich auch hier schon heute ihre Bedeutung: 2025 arbeiteten gut 32.500 von ihnen auf Positionen, die mindestens eine berufliche Ausbildung voraussetzen. Für jede achte in Bremen tätige Fachkraft gilt, dass sie über einen nicht-deutschen Pass verfügt. Und der Anteil steigt stark – innerhalb der letzten zehn Jahre hat er sich verdoppelt.
Doch so klar es ist, dass Zugewanderte für den Bremer Arbeitsmarkt unverzichtbar sind, so deutlich ist auch: In Bezug auf die Gestaltung fairer Arbeitsmarktchancen ist noch viel Luft nach oben. Um sicherzustellen, dass diese allen Zugewanderten in Bremen geboten werden, müssen bedarfsgerechte Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen. Eine One-size-fits-all-Lösung kann es nicht geben. Denn während zum Beispiel die einen – Geflüchtete – ihren Zuzug nicht planen konnten, hatten die anderen – Erwerbsmigrant*innen – die Chance, bereits vor der Einreise die Sprache zu erlernen und vorhandene Qualifikationen anerkennen zu lassen. Doch für sie alle gilt: In einem fremden Land nicht nur zu leben, sondern auch zu arbeiten, geht mit zahlreichen Herausforderungen einher. Eine neue Sprache muss erlernt, Qualifikationen müssen nutzbar gemacht beziehungsweise erworben und ein neues Lebensumfeld geschaffen werden.

Arbeitnehmerkammer Bremen
Zugewanderte können Potenziale ohne Unterstützung nicht nutzen
Vor dem Hintergrund des Fach- und Arbeitskraftbedarfs wäre gut daran getan, Angebote, die Zugewanderten beim Ankommen und der Arbeitsmarktintegration helfen, weiter auszubauen – auch und insbesondere, wenn sie keine Erwerbsmigrant*innen sind. Zu beobachten ist momentan jedoch eher das Gegenteil: Der politische Diskurs wird migrationsfeindlicher – und Unterstützungsstrukturen wie Sprachkurse werden abgebaut.
Dabei ist Sprache die Grundvoraussetzung einer fairen und nachhaltigen Arbeitsmarktintegration – wie auch der Fall von Tetiana Mykhailiuk zeigt. Die Ukrainerin studierte in ihrer Heimat an einer pädagogischen Universität und arbeitete über 25 Jahre als Erzieherin, bevor sie Anfang 2022 vor dem russischen Angriffskrieg nach Bremerhaven floh. Kurz nach ihrer Ankunft in der Seestadt begann sie mit einem Integrationskurs. Dieses Angebot zielt darauf ab, Zugewanderten grundlegende Kenntnisse über das Leben in Deutschland zu vermitteln und sie sprachlich für den Alltag zu befähigen. Das im Integrationskurs angestrebte Sprachniveau B1 erreicht allerdings nur gut die Hälfte der Teilnehmenden im ersten Versuch.6 So ging es auch Tetiana Mykhailiuk. Doch sie hatte Glück: Denn bis zur Änderung der Integrationskursverordnung im Jahr 2024 konnten 300 sogenannte Wiederholungsstunden in Anspruch genommen werden – im zweiten Anlauf erlangte auch sie das gewünschte Zertifikat. Zwischenzeitlich hatte die Ukrainerin ein mehrmonatiges Praktikum in einer Kita gemacht – denn auch in Deutschland wollte sie in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Doch ihr war klar: Dafür reicht das Sprachniveau B1 nicht aus. Da die Kostenübernahme für einen weiterführenden Sprachkurs nicht direkt möglich war, finanzierte Mykhailiuk diesen selbst. Nach der Anerkennung ihres Abschlusses arbeitet sie nun sozialversichert als Erzieherin in einer Bremerhavener Krippe. So sichert sie nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern mindert auch den Fachkraftbedarf in einem Bereich, der dringend auf qualifizierte Kräfte angewiesen ist. Doch eins verdeutlicht die Ukrainerin immer wieder: Ohne Unterstützung hätte sie ihren Weg nicht so erfolgreich gehen können – und Sprache ist nur ein Puzzleteil, um das Ankommen erfolgreich zu meistern. So hat sie immer wieder ein Angebot besucht, das Vernetzung und Unterstützung bietet. Im Sprachcafé konnte sie neu erworbene Deutschkenntnisse direkt anwenden, bei gemeinsamen Aktivitäten Freundschaften schließen, und wenn sie mit Anträgen und Formularen überfordert war, wertvolle Unterstützung in Anspruch nehmen. Das Angebot ist für sie „wie ein Zuhause. Hier kann ich meinen Rucksack mit Problemen absetzen und entspannen.“

Kay Michalak
Ladji Diarra kam aus Mali nach Bremen und macht hier eine Ausbildung zum Bäckereifachverkäufer.
Fachkräfte werden aktiv angeworben – und finden Deutschland wenig attraktiv
Während die Reduzierung von Unterstützungsangeboten die Lebens- und Arbeitsmarktchancen von Zugewanderten beeinflusst, wirkt sich eine migrationsfeindliche Stimmung auf die Bleibeabsichten zugewanderter Beschäftigter aus: Wenn sie sich nicht willkommen fühlen oder Diskriminierungen erfahren, denken sie vermehrt über Abwanderung nach.7 Dies gilt insbesondere für (hoch) qualifizierte Personen. Dem Arbeitsmarkt gehen Fachkräfte verloren – die andererseits aktiv angeworben werden. Denn auch wenn die deutsche Migrationspolitik sich momentan darauf konzentriert, Zuwanderung zu verhindern8 – Migration zu Erwerbszwecken wird aktiv gefordert und gefördert. Besonders im Fokus stehen dabei Fachkräfte, denen die Entscheidung, ihre Zukunft in Deutschland zu suchen, in den letzten Jahren deutlich erleichtert werden sollte: So vereinfacht das 2019 eingeführte und 2023 reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz die Einreise zum Zweck der Erwerbsarbeit beziehungsweise der Arbeits- oder Ausbildungsplatzsuche. Eine digitale Work-and-Stay-Agentur soll zudem Antragsprozesse verschlanken und beschleunigen. Dass solche Bemühungen im internationalen Wettbewerb um Hochqualifizierte dringend nötig sind, zeigt sich daran, dass Deutschlands Attraktivität für diese abnimmt. Hauptgründe dafür sind komplexe Visaverfahren sowie die Tatsache, dass eine der Qualifikation entsprechende Beschäftigung häufig nicht gewährleistet ist.9 Nicht vergessen werden darf jedoch: Auch die erwartete Lebensqualität beeinflusst die Entscheidung für einen neuen Lebens- und Arbeitsort. Hier kann das Land Bremen die eigene Attraktivität direkt beeinflussen: indem bezahlbarer Wohnraum sowie eine funktionierende Daseinsvorsorge sichergestellt werden.
„Menschen, die nach Bremen kommen, wollen arbeiten – und Bremen braucht sie.“
Bremen braucht Zuwanderung – Zugewanderte brauchen Unterstützung
Menschen, die nach Bremen kommen, wollen arbeiten – und Bremen braucht sie. Damit Ankommen und Arbeitsmarktintegration gelingen, müssen sie sich willkommen fühlen: durch die Politik, im Land und am Arbeitsplatz. Und sie brauchen Unterstützung. Dabei sind, je nach persönlicher Voraussetzung, Sprachkurse und Qualifizierungsmöglichkeiten nötig – ebenso wie eine schnelle Klärung aufenthalts- und anerkennungsrechtlicher Angelegenheiten, die oft in die Verantwortung der Länder fallen. Wie wichtig solche Angebote sind, zeigt sich auch daran, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in Bremen oft unter herausfordernden Bedingungen arbeiten.10 Zugewanderte sind hier besonderen Risiken ausgesetzt – ohne Unterstützung droht ihnen ein Verbleib in prekär(st)en Beschäftigungsverhältnissen oder Arbeitslosigkeit. Statt einer Win-Win- gibt es eine Lose-Lose-Situation: Die Menschen verlieren ebenso wie der Arbeitsmarkt, dessen Fach- und Arbeitskräftebedarf bestehen bleibt. Das dürfte nach jetzigem Stand insbesondere die Dienstleistungsbranchen treffen – und damit im Alltag vieler Bremer*innen und Bremerhavener*innen zu spüren sein.
Eine zukunftsfähige Arbeitsmarktpolitik muss deswegen immer auch integrationspolitisch gedacht werden. Dabei darf keine einseitige Fokussierung auf (qualifizierte) Erwerbsmigrant*innen erfolgen. Stattdessen müssen insbesondere die Bedarfe von Menschen, die aus anderen Gründen nach Deutschland gekommen sind, berücksichtigt werden.
Kommentar: Gute Beschäftigung braucht Sprach(kurs)e
Dr. Aenne Dunker
Für eine qualifizierte Beschäftigung sind Deutschkenntnisse unverzichtbar. Vermittelt werden sie in Integrations- und Berufssprachkursen.
Integrationskurse fokussieren alltagsrelevante Kompetenzen und führen zum Sprachzertifikat B1. Das Niveau B1 gilt als fortgeschritten, ermöglicht jedoch lediglich eine Verständigung über vertraute Themen und persönliche Interessen. Fachlich kommuniziert werden kann nicht – eine qualifizierte Beschäftigung ist somit quasi ausgeschlossen.
Aufbauend fokussieren Berufssprachkurse Kompetenzen für das Arbeitsleben und schließen mit Prüfungen auf den Niveaustufen A2 bis C2 ab. Ab dem Niveau B2 wird eine Sprache selbstständig beherrscht. Menschen sind fähig, Fachgespräche zu führen und komplexere Texte zu verstehen. In vielen Bereichen ist ab B2 eine qualifizierte Beschäftigung möglich – oder die Aufnahme einer Ausbildung, beispielsweise als Erzieher*in. Ab dem Niveau C1 kann von einer fachkundigen Sprachverwendung ausgegangen werden – sie ist Voraussetzung für eine Beschäftigung als Lehrer*in oder die Aufnahme eines Studiums.
Seit 2025 ist das Sprachkursangebot jedoch eingeschränkt: Wird das Niveau B1 im Integrationskurs nicht erreicht, können keine Wiederholungsstunden in Anspruch genommen werden.
Berufssprachkurse hingegen werden aktuell nur für das Zielniveau B2 angeboten – Teilnahmevoraussetzung sind Sprachkenntnisse auf Niveau B1. Wird im Integrationskurs das B1-Zertfikat nicht direkt bestanden, endet der Spracherwerb so in einer Sackgasse. Eine qualifizierte Beschäftigung oder eine Ausbildung sind unmöglich. Zugewanderten droht ein Verbleib in Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigungsverhältnissen – und dem Arbeitsmarkt gehen wichtige Potenziale verloren.
Um diese Lücken der Bundesförderung aufzufangen, springt Bremen ein und finanziert Wiederholungsstunden für Integrationskursteilnehmer*innen. Die zur Verfügung stehenden kommunalen Mittel reichen allerdings bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Und die nächste Herausforderung steht schon bevor: Eine freiwillige Teilnahme an Integrationskursen für Asylbewerber*innen, Geduldete, EU-Bürger*innen und Geflüchtete aus der Ukraine ist seit einer Entscheidung des Bundesinnenministeriums im Februar 2026 nicht mehr möglich. Für Bremen heißt das, dass 2026 etwa 2.000 Menschen keine Chance haben, grundlegende Deutschkenntnisse zu erwerben. (Arbeitsmarkt-)Integration ist so unmöglich.
Ihr Kontakt

Politikberatung
Dr. Aenne Dunker
Referentin für Gleichstellung und Diversität



