Anna Zacharias
Heute nimmt Aref Azizi die Schicksalsschläge nur noch selten mit nach Hause. Wenn jemand stirbt oder Menschen nach schweren Diagnosen weinen, belastete ihn das am Anfang schon. Aber jetzt überwiegen die positiven Erfahrungen bei der Arbeit im Krankenhaus. An diesem Morgen hat der 28-Jährige aus Afghanistan frei, in Jeans, Sneakers und hellblauem Kapuzenpulli erzählt er, wie sein Weg in den Bremer Arbeitsmarkt gelang.
Azizi ist im dritten Lehrjahr zur Pflegefachkraft am Bremer St. Joseph-Stift. Damit gehört er noch zu einer Minderheit – 2025 waren nur 26 Prozent aller Pflegeauszubildenden im Land Bremen männlich. Doch das Interesse wächst: Zehn Jahre zuvor waren es noch 19 Prozent. Insbesondere bei den Auszubildenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit gibt es großen Zuwachs. Unter ihnen ist mittlerweile fast ein Drittel männlich.
Pflege stark weiblich geprägt
In Deutschland ist die Arbeit in der Pflege stark weiblich geprägt, was in vielen anderen Ländern anders ist. Azizis Familie hat keinen medizinischen Hintergrund. Er hatte eigentlich den Traum, Lehrer zu werden – aber das sei hier nicht so einfach, sagt er.
Der junge Mann wuchs in der Hauptstadt Kabul auf. Im März 2020 kam er nach Deutschland, vorher war er rund zwei Jahre auf Lesbos in Griechenland. Das Wetter war dort besser als hier, „alles andere nicht unbedingt“ – mehr sagt er dazu lieber nicht. In Afghanistan übernahmen 2021 die Taliban die Macht, vorher war das Land geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen. Ob er irgendwann zurückgehen will? Das erscheint dem 28-Jährigen unwahrscheinlich: „Ich habe keine Hoffnung, dass die Taliban dort in naher Zukunft wieder weggehen werden.“

Aref Azizi macht eine Ausbildung zur Pflegefachkraft am Bremer St. Joseph-Stift.
Die Arbeit mit Menschen in der Pflege ist oft anstrengend und es herrscht Personalmangel, aber sie gefällt dem jungen Mann: „Es ist ein Super-Beruf. Natürlich gibt es schlechte und gute Sachen. Ich war auf der Neugeborenenstation, da sind viele glückliche Momente, dann gibt es wieder auch traurige Situationen. Ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun, die Menschen sind dankbar“, sagt er.
Azizi wohnt in Blockdiek und arbeitet am liebsten in der Frühschicht von sechs bis 14 Uhr. Und wenn es personell mal eng wird und zwei Fachkräfte für 40 Patient*innen zuständig sind, dann gilt eben: „Man gibt sein Bestes“ – auch wenn diese Situation am St.-Joseph-Stift die Ausnahme ist.
Der Anteil von Auszubildenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit in der Pflege hat sich in den vergangenen Jahren enorm erhöht: 2015 hatten nur acht Prozent eine ausländische Staatsangehörigkeit, 2025 waren es etwa 40 Prozent. Ressentiments aufgrund seiner Herkunft oder gegen ihn als Mann in der Pflege erlebe Azizi zum Glück nur selten. Einmal sei er mit einem Kollegen bei einem Einsatz zu einem Haus mit „eindeutigen politischen Symbolen“ gerufen worden, da sei er dann nicht mit hineingegangen.
Sprachkurs und Schule
Er sagt, er habe Glück gehabt. Anderen Geflüchteten falle es schwerer, beruflich in Deutschland anzukommen. Sieben Monate Sprachkurs, soziale Medien, YouTube, persönliche Kontakte – der junge Mann mit der Muttersprache Dari kann sich auf Deutsch sehr gut ausdrücken, nachdem er sich in Europa zunächst vor allem mit Griechisch und Englisch durchschlagen musste. Sein Schulabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, darum ging es für ihn nach seiner Ankunft hier erst mal wieder zur Schule und er machte seinen Realschulabschluss mit lauter Einsen – nur in Deutsch war es eine Zwei.
„Mein Lehrer hat gesagt, ich könnte auch Abitur machen, aber ich wollte erst mal Geld verdienen.“ Vielleicht, sagt er, holt er es später noch nach. Wenn seine Ausbildung im Juli abgeschlossen ist, will er aber erst mal arbeiten. „Das ist das Gute in Deutschland – es gibt immer noch eine Chance.“



