Peer Rosenthal gestikuliert im Interview am Tisch sitzend, im Hintergrund Kunst an der Wand

„Wir brauchen einen Förderturbo in der Arbeitsmarktpolitik"

Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen Peer Rosenthal im Interview

Bremens Landesregierung hat eine Arbeitsmarktstrategie bis 2027 beschlossen. Warum danach das Geld knapper werden könnte, was für besonders benachteiligte Menschen getan werden muss und wieso der Ausbildungsunterstützungsfonds ein Vorbild ist: ein Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, Peer Rosenthal. 

Die Landesregierung hat arbeitsmarktpolitische Leitlinien bis 2027 festgelegt, mit denen sie soziale Teilhabe sichern, den Fachkräftebedarf decken und Benachteiligungen abbauen will. Was hält die Arbeitnehmerkammer davon?

Peer Rosenthal: Wir begrüßen, dass das Land eine Strategie vorgelegt hat, um für die nächsten Jahre neue Impulse zu setzen. Dass dies dringend nötig ist, zeigt die Lage am Arbeitsmarkt: Aktuell sind mehr als 40.000 Menschen arbeitslos gemeldet, davon fast 18.000 länger als ein Jahr. Da die wirtschaftliche Entwicklung schwierig bleibt, sinken aktuell die Chancen für Arbeitslose. Deshalb brauchen wir einen Förderturbo in der Arbeitsmarktpolitik!

Was muss konkret passieren?

Aus unserer Sicht sind drei Dinge zentral: Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, sich der veränderten Arbeitswelt anzupassen. Dabei muss die Arbeitsmarktpolitik auch Aufstiege ermöglichen, etwa Fortbildungen zum Meister. Es geht darum, Arbeitsplätze zu sichern, Umstiege in andere Branchen oder auf andere Arbeitsplätze zu ermöglichen. Wer noch keinen Berufsabschluss hat, muss die Möglichkeit haben, diesen „on the job“ nachzuholen. Hier ist der Qualifizierungsbonus wichtig, den das Land und die Arbeitnehmerkammer zusammen finanzieren – er wird 2026 fortgesetzt. Bei den Arbeitslosen geht es darum, Weiterbildung zu ermöglichen oder eine gesellschaftliche Teilhabe anzubieten, wenn eine Arbeitsmarktintegration mittelfristig nicht realistisch erscheint.

2026 will das Land 18 Millionen, 2027 insgesamt 20 Millionen Euro ausgeben. Reicht das?

Mit der Arbeitsmarktstrategie ist nicht nur ein neuer konzeptioneller Rahmen verbunden, die Landesmittel werden auch deutlich aufgestockt. Es gibt also mehr Geld. Dies dient einerseits dem Ziel, die weggefallenen oder schon ausgegebenen Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds zu kompensieren, aber auch dazu, neue Schwerpunkte zu setzen.

Es gibt schon heute weniger Geld aus der EU. Und perspektivisch?

Die Fördermittel der EU waren und sind in Bremen von zentraler Bedeutung. Die offene Frage ist, wie es ab 2028 weitergeht, wenn die aktuelle Förderperiode endet. Zukünftig soll die militärische Resilienz eine größere Rolle spielen, also schichtet die EU Geld um – zulasten der Arbeitsmarktpolitik. Umso wichtiger bleibt eine Ausfinanzierung der Landesmittel. Die aktuelle Entwicklung in Europa und im Bund erfüllt uns aber mit Sorge: Es ist fraglich, ob die Länder künftig noch eigene Fördermittel bekommen. Es könnte sein, dass sie nur noch an Bundesprojekten teilhaben dürfen, die dann vielleicht nicht mehr so perfekt zu den regionalen Gegebenheiten passen.

Foto von Peer Rosenthal
„Aktuell sind mehr als 40.000 Menschen arbeitslos gemeldet, davon fast 18.000 länger als ein Jahr.“
Peer Rosenthal

2024 wurde das Geld für die Arbeitsförderung beim Bremer Jobcenter zu schnell ausgegeben. Wie sieht es mittlerweile aus?

Es ist unverständlich, dass die Fördermittel, die das Jobcenter Bremen zur Verfügung hatte, 2025 bei Weitem nicht ausgeschöpft wurden. Es ist niemandem zu erklären, dass es einerseits Kürzungen gab, andererseits aber bis zu 15 Millionen Euro ungenutzt liegen blieben. Das ist inakzeptabel und darf sich keinesfalls wiederholen. Hier ist das Jobcenter selbst, aber auch die Agentur für Arbeit in der Verantwortung. Die Stärke Bremens war in der Vergangenheit immer ein gutes Zusammenspiel zwischen der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter und dem Land – das muss wieder besser werden!

Wer ist davon betroffen, wenn Geld liegen bleibt?

Im Grunde alle Menschen, die in der Grundsicherung leben. Geld, das für ihre Weiterbildung, geförderte Beschäftigung und andere Unterstützung hätte genutzt werden können, bleibt liegen. Das ist besonders deshalb ärgerlich, weil 2025 zum Beispiel 400 Arbeitsgelegenheiten gestrichen worden sind, die man locker hätte weiterfinanzieren können. Jetzt soll es wieder deutlich mehr von diesen „Ein-Euro-Jobs“ geben. Doch jede liegen gelassene Förderung ist eine verpasste Chance.

Zu den besonders Benachteiligten gehören Frauen und Alleinerziehende – auch meistens Frauen. Was muss sich da ändern?

Wir haben bei der Gruppe der Alleinerziehenden, die arbeitslos sind, zwei hervorstechende Problemlagen: Erstens sind Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit nur schwer zu vereinbaren, weil die Betreuungszeiten in den Kindertagesstätten unzureichend sind. Zweitens müssen wir feststellen, dass insbesondere bei Alleinerziehenden, die relativ früh Kinder bekommen haben, oftmals eine berufliche Qualifikation nachgeholt werden muss – sie brauchen mehr Förderung.

Besonders benachteiligt sind auch die Zugewanderten.

Ja. Hier geht es nicht nur um die Integration in den Arbeitsmarkt, sondern auch um berufsbegleitende Entwicklungsmöglichkeiten, gerade wenn Zugewanderte hier als Helfer*innen anfangen. Sie müssen an die Qualifikation andocken können, die sie mitbringen – und die Möglichkeit haben, neue Qualifizierungswege zu gehen.

Foto von Peer Rosenthal
„Wir müssen die Arbeit und das Lernen noch besser miteinander verbinden und Hemmschwellen senken.“
Peer Rosenthal

Weiterbildung ist für alle Beschäftigten ein Thema, gerade angesichts des Strukturwandels und der Digitalisierung, oder?

Der Bedarf an Weiterbildung wird steigen! Sie wird zwar in Sonntagsreden oft genannt, aber in der Realität zu wenig praktiziert. Insbesondere jene, die bisher über geringe formelle Qualifikationen verfügen, nehmen sehr unterdurchschnittlich an Weiterbildung teil. Sie kommt also nicht bei den Leuten an, die den größten Unterstützungsbedarf haben. Manchmal kollidieren Weiterbildungen gerade in kleineren Betrieben mit betrieblichen Notwendigkeiten. Es ist aber kurzsichtig, dauerhaft darauf zu verzichten – es muss den Betrieben darum gehen, den künftigen Fachkräftebedarf zu sichern. Was in Deutschland aber fehlt, ist ein Recht auf Weiterbildung, auf das Beschäftigte sich berufen können.

Die stete Aufforderung zur Weiterbildung kann aber auch missverstanden werden.

Die Debatte läuft Gefahr, den Leuten zu signalisieren: Ihr müsst euch ständig weiterbilden, aber es wird nie ausreichen. Es geht also darum, von der Defizitorientierung wegzukommen, hin zu individuellen Entwicklungsmöglichkeiten. Wir müssen die Arbeit und das Lernen noch besser miteinander verbinden und Hemmschwellen senken – insbesondere für jene, die mit Schulen früher schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Zumal Bremen gerade bei Auszubildenden schlechter dasteht als andere Bundesländer.

Der bremische Ausbildungsmarkt ist seit zwei Jahrzehnten in einer Strukturkrise. Die Zahl der Ausbildungsverträge nimmt ab – das ist schlecht für die wirtschaftliche Entwicklung: Erfolgreich wird nur sein, wer ausreichend Fachkräfte hat. Viele junge Menschen scheitern aber beim Versuch, von der Schule in eine Ausbildung zu wechseln. Wir haben dabei verschiedene Hausaufgaben zu lösen, unter anderem in den allgemeinbildenden Schulen. Trotzdem ist es so, dass zu wenig Ausbildungsplätze angeboten werden. Deshalb ist Unterstützung etwa durch den Ausbildungsunterstützungsfonds notwendig. Wir müssen die Ausbildung attraktiver machen und dafür auch mit neuen Azubi-Wohnheimen bezahlbaren Wohnraum schaffen. Eines gibt es jetzt, wir brauchen aber weitere, insbesondere für Gesundheits- und Pflegeberufe, weil hier viele Auszubildende aus dem Ausland nach Bremen kommen.

Wie fällt die erste Bilanz des Ausbildungsunterstützungsfonds aus?

Er soll zwei Funktionen erfüllen: Betriebe, die überproportional ausbilden, bekommen Geld zurück. Das funktioniert. Außerdem sollen neue Maßnahmen für Betriebe und Auszubildende finanziert werden, um zum Beispiel die hohe Abbruchquote bei einigen Ausbildungen zu senken. Das war bisher nicht möglich, weil der Fonds aufgrund der Klagen unter Liquiditätsproblemen litt. Deswegen gerieten sogar bestehende Angebote ins Stocken. Trotzdem hat der Fonds eine Signalwirkung auf andere Bundesländer – in Berlin läuft das Gesetzgebungsverfahren, auch in Niedersachsen wird darüber diskutiert.

Alles in allem: Was sind aus Sicht der Arbeitnehmerkammer die wichtigsten Aufgaben?

Drei Aspekte müssen im Mittelpunkt stehen: erstens die Förderung von Weiterbildung bis zum Berufsabschluss. In Bremen haben 30 Prozent der 25- bis 34-Jährigen gar keinen. Ein Berufsabschluss ist nach wie vor die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und für ein gutes Einkommen. Zweitens müssen Langzeitarbeitslose durch öffentlich geförderte Beschäftigung die Möglichkeit erhalten, mittelfristig in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Der dritte Punkt betrifft Geflüchtete und hier insbesondere Frauen: Sie brauchen einen breiten Zugang zu Sprachkursen – ein ausreichendes Sprachniveau ist die Grundlage, um einen Arbeitsplatz zu finden. Nur wer über gute Sprachkenntnisse verfügt, hat die Chance, dauerhaft prekäre, instabile und niedrig entlohnte Beschäftigung hinter sich zu lassen.

Interview: Jan Zier

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