Lennart Härtlein
Trotz einer soliden Entwicklung der Bremerhavener Schwerpunktbranchen hat sich die Arbeitsmarktlage verschlechtert. Es sind weiterhin große Anstrengungen nötig, um Arbeitslosigkeit und Armut entgegenzuwirken. Die zusätzlichen finanziellen Spielräume durch Bundesmittel bieten dazu eine große Chance.
Stellenabbau und steigende Arbeitslosigkeit
Das Jahr 2025 verlief in wirtschaftlicher Hinsicht in Bremerhaven durchwachsen. Die derzeitige Rezession der deutschen Wirtschaft haben auch die ansässigen Betriebe zu spüren bekommen. Entgegen der Entwicklung in Bremen sank die Zahl der sozialversichert Beschäftigten in Bremerhaven zwischen Juni 2024 und Juni 2025 um 330 Stellen oder 0,7 Prozent auf 45.948.1 Vor allem in den Bereichen sonstige Dienstleistungen2 sowie Erziehung und Unterricht wurden Stellen abgebaut. In den wissensintensiven Dienstleistungen3 und in der öffentlichen Verwaltung kamen hingegen Stellen hinzu.
Die Arbeitslosenquote in Bremerhaven betrug 2025 wie schon im Vorjahr 14,5 Prozent. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren 9.087 Menschen arbeitslos gemeldet (+0,5 Prozent zum Vorjahr). Ihnen gegenüber standen 2025 durchschnittlich nur 1.298 gemeldete offene sozialversicherte Stellen. Dieser erhebliche Rückgang um 7,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zeigt, wie schwierig die konjunkturelle Lage aktuell ist. Vor allem in der Logistik, in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen ist die Zahl der gemeldeten Stellen stark gesunken. Ein deutliches Indiz ist auch der drastische Stellenabbau in der Leiharbeit. Hier wurden mit 319 mehr als ein Fünftel der bisherigen sozialversicherten Jobs gestrichen.
Gutes Tourismusjahr
Die Entwicklung der einzelnen Branchen stellt sich allerdings recht unterschiedlich dar. Im Gastgewerbe haben die Betreiberwechsel beim Klimahaus und dem Kreuzfahrtterminal neue Impulse bei zentralen touristischen Einrichtungen gesetzt. Und durch das Großevent Sail und den mehrwöchigen Bau am Kreuzfahrtschiff „Disney Adventure“ kamen zahlreiche zusätzliche Übernachtungsgäste nach Bremerhaven. Gut 472.000 Übernachtungen im Jahr 2025 stellen einen neuen Rekord dar (+9,9 Prozent zum Vorjahr). Mit 57 zusätzlichen Stellen (+3,5 Prozent) gehört das Gastgewerbe zu den Branchen, die in Bremerhaven am stärksten gewachsen sind. Umso bedauerlicher ist es, dass ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag am Widerstand der Arbeitgeber gescheitert ist. Hier braucht es dringend ein Umdenken auf Arbeitgeberseite, sonst wird das Gastgewerbe eine Niedriglohnbranche bleiben.
Lebensmitteindustrie zeigt sich robust
Die Meldungen aus der Bremerhavener Lebensmittelindustrie lassen auf ein gemischtes Geschäftsjahr 2025 schließen. Frosta hatte zwar erfreulicherweise zu Beginn des Jahres angekündigt, die Beschäftigtenzahl um bis zu 150 Personen zu erhöhen. Ende September meldete jedoch die Fischmanufaktur Abelmann Insolvenz an. Knapp die Hälfte der Stellen wurde hier bereits abgebaut, für die restlichen 60 gibt es noch Hoffnung. Die Beschäftigtenzahl der Branche blieb unter dem Strich nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Hoffnungen ruhen neben den größeren Bestandsunternehmen auf Neugründungen. Mit dem „First“ wurde bereits im November 2024 ein Versuchslabor für Start-ups und etablierte Unternehmen aus der Lebensmittelbranche eröffnet. Das Angebot stößt durchaus auf Interesse und es sind laut Senat auch schon Unternehmensgründungen daraus hervorgegangen. Bis sich dies in der Arbeitsmarktstatistik niederschlägt, wird es allerdings noch dauern.
Containerumschlag im Aufschwung, Fahrzeugumschlag in der Krise
Auch die Entwicklung in der für Bremerhaven so wichtigen Hafenwirtschaft stellt sich ambivalent dar. Auf der einen Seite verzeichnete der Containerumschlag kräftige Zuwächse von 10,3 Prozent im Jahr 2025 verglichen mit dem Vorjahr (allerdings von einem niedrigen Niveau ausgehend).4 Dies ist auf die neue Allianz zwischen den Reedereien Maersk und Hapag-Lloyd zurückzuführen, in deren Netzwerk Bremerhaven eine wichtige Rolle spielt. Auch die Eröffnung des Maersk-Logistikzentrums im südlichen Fischereihafen mit 300 neuen Arbeitsplätzen dürfte damit in Verbindung stehen. Auf der anderen Seite stagniert der Automobilumschlag in Bremerhaven nach den enormen Verlusten in den vorherigen zwei Jahren (– 0,1 Prozent verglichen mit dem Vorjahr). Die BLG, die den Fahrzeugumschlag im Überseehafen betreibt, ist dem Vernehmen nach bereits dabei, in erheblichem Umfang Stellen abzubauen. Auch der hafeneigene Personaldienstleister Gesamthafenbetrieb (GHBG) leidet sehr unter dem schwachen Automobilumschlag.

Arbeitnehmerkammer Bremen
Gute Geschäftslage auf den Werften
Für den Schiffbau in Norddeutschland war 2025 wirtschaftlich ein gutes Jahr. Über die Hälfte der Werften gab in der Schiffbauumfrage der IG Metall an, vollständig ausgelastet zu sein.5 Bremerhaven bildet dabei offenbar keine Ausnahme. So deuten die erfolgreiche Bewerbung der Lloyd Werft auf den Bau eines Forschungsschiffs für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der Bau von Tunnelelementen für die Autobahn 281 oder die Anschaffung eines zusätzlichen Schwimmdocks durch Bredo Dry Docks auf eine gute Auslastung der Bremerhavener Werften hin.
Flaute in der Green Economy
Weiterhin schwierig gestaltet sich die Lage im Bereich der Green Economy. Zwar wurde die Wasserstofftankstelle Anfang des Jahres feierlich eröffnet und mit der Förderzusage für den Seegangsimulator und das Testzentrum für mobile Wasserstoffanwendungen wächst die Bremerhavener Wasserstoffforschungslandschaft perspektivisch beträchtlich. Der Markthochlauf von Wasserstofftechnologien lässt jedoch (im ganzen Land) weiter auf sich warten. Ähnlich stellt sich die Situation im Green-Economy-Gewerbegebiet Lunedelta dar. Dort wurde zwischenzeitlich Richtfest für das dazugehörige Gründungszentrum gefeiert, die Vermarktung der ersten Gewerbeflächen steht allerdings noch aus. Auch die Hoffnung auf neue Wertschöpfungs- und Beschäftigungspotenziale durch die Offshore-Windenergieindustrie hat sich bisher noch nicht erfüllt. Die Realisierbarkeit des geplanten Energy Port ist durch die Gerüchte um den Bau eines neuen Marinehafens an selber Stelle noch fraglicher geworden als vor dem Hintergrund der bestehenden umweltrechtlichen und finanziellen Hürden ohnehin schon. Ebenso gibt es nach wie vor keinen Auftrag zum Bau von Offshore-Konverterplattformen für die Lloyd-Werft. Während in diesen Bereichen zumindest noch Hoffnung besteht, war die Schließung des Fahrzeugherstellers Mafi & Trepel, der ursprünglich auch im Segment Wasserstoff aktiv werden wollte, ein herber Rückschlag für die Green Economy in Bremerhaven. Rund 50 Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz durch die Entscheidung des Unternehmens verloren.
Gefordert ist nun in erster Linie die Bundesregierung. Statt sich von Ausbauzielen zu verabschieden und auf klimaschädliche Gaskraftwerke zu setzen, muss sie die Förderung von Offshore-Windkraft und Grünem Wasserstoff deutlich ausweiten. Klimaneutralität und bezahlbare Strompreise gibt es nur mit erneuerbaren Energien.
Fazit und Ausblick
Das vergangene Jahr war ein durchwachsenes für den Wirtschaftsstandort Bremerhaven. Die zentralen Branchen wie die Hafenwirtschaft, der Schiffbau, das Gastgewerbe oder die Lebensmittelindustrie haben sich stabil bis gut entwickelt. Dennoch macht sich die herausfordernde konjunkturelle Großwetterlage auch in Bremerhaven bemerkbar. Das schlägt sich in einer negativen Arbeitsmarktentwicklung nieder. Sozialversicherte Beschäftigungsverhältnisse und gemeldete Stellen haben abgenommen, die Zahl der arbeitslosen Menschen ist gewachsen. Die sozioökonomischen Problemlagen in Bremerhaven sind weiterhin enorm groß und drohen sich weiter zu verschlechtern. In diesem Zusammenhang ist die aktuell extrem angespannte kommunale Finanzlage ein großes Risiko. Diese hat schon jetzt dazu geführt, dass 25 Stellen bei der städtischen Tourismusgesellschaft Erlebnis Bremerhaven und die Tourist-Info im Fischereihafen wegfallen, was die Handlungsfähigkeit der Stadt in diesem wichtigen Wirtschaftszweig akut bedroht.
Doch es gibt auch Anlass zu Optimismus. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität des Bundes und die vom Haushaltsausschuss des Bundestags beschlossenen Investitionsmittel in Höhe von 1,35 Milliarden Euro für die militärische Ertüchtigung der Hafeninfrastruktur in Bremerhaven können die Infrastruktur der Seestadt entscheidend voranbringen. Insbesondere die so wichtige Sanierung der Stromkaje kann jetzt endlich angegangen werden. Hoffnung machen auch die Fortschritte in der Stadtentwicklung. Das Projekt „NOVO“ anstelle des ehemaligen Karstadt-Gebäudes und die dadurch bessere Sicht- und Wegeverbindung zu den Havenwelten bieten Chancen für die Bremerhavener Innenstadt. Und der Baustart im vergangenen Jahr markiert einen Meilenstein für die Realisierung des Werftquartiers im Fischereihafen. Diese Projekte gilt es weiter entschlossen voranzutreiben. Dabei kann der zusätzliche finanzielle Spielraum durch das Sondervermögen helfen, Bremerhaven noch grüner, moderner und lebenswerter zu gestalten.
Darüber hinaus zeugen Projekte wie das „NEUS FESTIVAL“, das Urban-Gardening-Projekt „Das Beet“ oder das Kulturzentrum „WERK“ von der äußerst positiven Entwicklung der alternativen Kulturszene in Bremerhaven. Solche Angebote sind als Beitrag zur Lebensqualität der Stadtbevölkerung und als zentraler Faktor im Standortwettbewerb um Unternehmen und Fachkräfte gar nicht hoch genug einzuschätzen und müssen unbedingt weiter gefördert werden. Es braucht außerdem auch den Mut, zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Das hat etwa das erfolgreiche Modellprojekt „Sommerstraße“ in der Alten Bürger gezeigt. Die enorm positive Resonanz sollte die Stadt zum Anlass nehmen, dieses Projekt zu verstetigen.
Problematisch ist hingegen die geplante Änderung des Ladenschlussgesetzes, wodurch im Outlet-Center und am Neuen Hafen dauerhaft 20 verkaufsoffene Sonntage pro Jahr möglich wären. Damit werden die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel ohne triftigen Grund weiter verschlechtert und die Politik gibt ihr letztes wirksames Instrument aus der Hand, um überhaupt noch Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu nehmen. Diese Entscheidung muss rückgängig gemacht werden.
Im Gegensatz dazu braucht es auf allen Ebenen – Kommune, Land, Bund sowie EU – deutlich größere Anstrengungen, um mehr gute Arbeitsplätze zu schaffen. Auf all diesen Ebenen hat die Politik Möglichkeiten und ist in der Pflicht, diese im Sinne der Beschäftigten auch zu nutzen.
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Politikberatung
Lennart Härtlein
Referent für Wirtschaftspolitik



