Hikmat Hanan bearbeitet ein Steuerrad auf einer Werft in Bremen-Nord mit Schleifpapier

Arbeitsbedingungen verbessern

Zur Situation von Bremer Beschäftigten mit Migrationsgeschichte

Dr. Regina Becker

Seit Langem kommen Menschen aus anderen Ländern nach Bremen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Viele werden hier ansässig und gründen Familien. Ihre Geschichten sind vielfältig: Einige sind aufgrund von Krieg und Verfolgung geflüchtet, andere sind insbesondere aus beruflichen Gründen gekommen, während manche Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

Ein Viertel der gut 390.000 Bremer Beschäftigten hat eine Migrationsgeschichte.1 Ohne sie wären sowohl eine diverse und offene Bremer Gesellschaft als auch eine funktionierende Wirtschaft kaum vorstellbar. Gerade in Bereichen, in denen es große Fachkräftebedarfe gibt, sind Beschäftigte mit Migrationsgeschichte essenziell. Sie nehmen auf vielfältige Weise am Bremer Arbeits- und Berufsleben teil – sei es als Luft- und Raumfahrtingenieur*innen oder als Gesundheits- und Krankenpflegehelfer*innen. Dennoch sind es noch immer gerade Beschäftigte mit Migrationsgeschichte, die häufiger in Beschäftigungsverhältnissen tätig sind, die durch schlechtere Arbeitsbedingungen gekennzeichnet sind.

Die Befragung „Koordinaten der Arbeit im Land Bremen“, die die Arbeitnehmerkammer Bremen alle zwei Jahre durchführen lässt, ermöglicht tiefere Einblicke in die Situation von Bremer Beschäftigten mit Migrationsgeschichte. Drei Fünftel von ihnen sind in Deutschland geboren. Die anderen sind nach Deutschland zugezogen, viele auch als Minderjährige – aus ungefähr 90 verschiedenen Ländern. Fast die Hälfte derjenigen, die selbst zugezogen sind, ist nach 2010 in Deutschland angekommen. Im Durchschnitt sind die Beschäftigten mit Migrationsgeschichte etwas jünger als diejenigen ohne Zuwanderungshintergrund – 40 versus 43 Jahre.

Gruppiertes Balkendiagramm zum Anteil von Auszubildenden, die durch Wohnkosten stark belastet sind, nach Wohnform. Dargestellt sind zwei Schwellenwerte: Anteil der Auszubildenden, die mehr als 40 Prozent (dunkelgrün) bzw. mehr als 50 Prozent (hellblau) ihres Einkommens für Wohnkosten ausgeben.  Alleinlebende sind am stärksten betroffen: 73 Prozent geben über 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aus, 39 Prozent sogar über 50 Prozent. Auch Auszubildende mit Partner*in sind stark belastet (58 Prozent über 40 Prozent, 42 Prozent über 50 Prozent). In Wohngemeinschaften liegen die Werte bei 43 Prozent bzw. 12 Prozent.  Deutlich geringer ist die Belastung bei Auszubildenden, die noch bei den Eltern wohnen (5 Prozent über 40 Prozent, 4 Prozent über 50 Prozent). Insgesamt (ohne die bei den Eltern Wohnenden) sind 59 Prozent über der 40-Prozent-Grenze und 31 Prozent über der 50-Prozent-Grenze. Über alle Auszubildenden hinweg liegen die Werte bei 27 Prozent bzw. 15 Prozent.  Die Grafik zeigt, dass Auszubildende, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, besonders häufig einen großen Teil ihres Einkommens für Wohnkosten aufbringen müssen. Titel der Grafik: „Wer nicht mehr bei den Eltern wohnt, zahlt oft zu viel“.

Beschäftigte mit Migrationsgeschichte sind in vielen Bereichen benachteiligt. Anteil der Bremer Beschäftigten mit und ohne Migrationsgeschichte, Angaben in Prozent

Menschen mit Migrationsgeschichte sind in bestimmten Wirtschaftszweigen überrepräsentiert: So arbeiten sie häufiger im Gastgewerbe, der Leiharbeit, im Baugewerbe, dem Einzelhandel und im Bereich sonstiger wirtschaftlicher Dienstleistungen, worunter auch die Gebäudebetreuung und -reinigung zählen. Ein Viertel arbeitet dabei in unqualifizierten Tätigkeiten, für die kein beruflicher Ausbildungsabschluss notwendig ist – bei Beschäftigten ohne Migrationsgeschichte sind es nur zwölf Prozent. Dies scheint in vielen Fällen nicht mit fehlenden Qualifikationen zusammenzuhängen: Ein Drittel meint, besser ausgebildet zu sein und eigentlich eine höhere Position erreichen zu können. Dies gilt nur für knapp jede*n Fünfte*n ohne Migrationsgeschichte. Eine unterwertige Beschäftigung hat nicht nur finanzielle Folgen – das mittlere Einkommen von Beschäftigten mit Migrationsgeschichte ist um 200 Euro geringer –, sondern beeinflusst auch die zukünftigen beruflichen Perspektiven. Wichtige Fachkraftpotenziale bleiben so zudem ungenutzt.

„Sichere, entfristete, qualifikationsadäquate und existenzsichernde Arbeitsplätze sollten die Norm für alle Beschäftigten sein – auch für diejenigen mit Migrationsgeschichte.“
Dr. Regina Becker

Vertragsbedingungen und Arbeitsplatzsicherheit für Beschäftigte mit Migrationsgeschichte sind verbesserungswürdig: Befristete Arbeitsverhältnisse sind weiter verbreitet als bei Befragten ohne Migrationsgeschichte, ebenso die Sorgen, entlassen zu werden oder dass der Arbeitsplatz durch neue Technologien überflüssig werden könnte. Darüber hinaus erhalten sie häufiger maximal den Mindestlohn und arbeiten öfter in Minijobs. Schichtdienst und Arbeit an Sonn- und Feiertagen ist für viele Teil ihres Arbeitsalltags, während sie seltener Möglichkeit zur Gleitzeitarbeit haben. Insgesamt sind Befragte mit Migrationsgeschichte somit häufiger in Beschäftigungsverhältnissen, die von atypischen Arbeitszeiten und belastenden Arbeitsbedingungen gekennzeichnet sind. Vor dem Hintergrund der Transformation der Arbeitswelt kommt Weiterbildungen eine zentrale Rolle zu. Beschäftigte mit Migrationsgeschichte nehmen jedoch etwas seltener an Weiterbildungen teil und werden auch seltener durch den Arbeitgeber dabei unterstützt.

Daher müssen die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten mit Migrationsgeschichte verbessert werden. Gerade Neuzugewanderte brauchen bedarfsdeckende Unterstützungsstrukturen. Berufliche Qualifikationen müssen anerkannt werden – nicht nur formal, sondern auch bei der Gestaltung von Tätigkeitsfeldern. Sichere, entfristete, qualifikationsadäquate und existenzsichernde Arbeitsplätze sollten die Norm für alle Beschäftigten sein – auch für diejenigen mit Migrationsgeschichte.

Politikberatung

Dr. Regina Becker

Referentin für quantitative Analysen

0421/36301-510

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