Arbeitnehmerkammer stellt Bericht zur Lage 2026 vor
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen ist der Arbeitsmarkt im Land Bremen bisher robust durch die anhaltenden Krisen gekommen. Das zeigt der Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, den die Arbeitnehmerkammer heute vorgestellt hat: Obwohl sich die deutsche Wirtschaft im dritten Jahr der Rezession befindet, kann für das Land Bremen erneut ein Beschäftigungsrekord vermeldet werden. 348.167 Menschen waren im Juni 2025 im Land Bremen sozialversichert beschäftigt – so viele wie noch nie. 2.850 Stellen sind im Vergleich zum Vorjahr dazugekommen. „Insgesamt ist die Lage auf dem Bremer Arbeitsmarkt besser als die Stimmung“, sagt Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. „Dennoch bleibt das wirtschaftliche Umfeld herausfordernd – vor allem vor dem Hintergrund der Folgen des Iran-Krieges. Wir brauchen deshalb eine schnelle Entlastung für die Beschäftigten, wirtschaftliche Impulse für mehr Energieautonomie und eine Qualifizierungsoffensive, weil sich die Beschäftigungsperspektiven für Geringqualifizierte verschlechtern.“
Mehr Jobs in wissensintensiven Dienstleistungen
Die meisten Stellenzuwächse sind sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven in den wissensintensiven Dienstleistungen zu verzeichnen. In diesen Bereich fallen beispielsweise Architekturbüros, Unternehmensberatungen oder Forschung und Entwicklung. „Dies ist eine gute Nachricht für das Land Bremen, denn die wissensintensiven Dienstleistungen sind hier bisher unterdurchschnittlich stark vertreten. Dabei sind sie wichtige Innovationstreiber für die Wirtschaft und Wachstumsmotoren für den Arbeitsmarkt“, betont Peer Rosenthal. Innerhalb eines Jahres sind hier allein in Bremen 790 Stellen hinzugekommen, in Bremerhaven 139. Ein Stellenabbau wurde in Bremen-Stadt in der Logistik und der Leiharbeit verzeichnet. Insgesamt haben hier vor allem Männer vom Beschäftigungszuwachs profitiert (plus 2.400 Stellen), während für Frauen nur rund 750 Stellen hinzugekommen sind.
In Bremerhaven ist die Zahl der sozialversichert Beschäftigten zwischen Juni 2024 und Juni 2025 leicht zurückgegangen. Sie sank um 330 Stellen auf 45.948. Dies geht vor allem auf einen deutlichen Arbeitsplatzabbau in der Leiharbeit zurück.
Obwohl das Land Bremen beim Wirtschaftswachstum einen Spitzenplatz belegt, müssen die Beschäftigten hier im Durchschnitt seit fünf Jahren Reallohnverluste hinnehmen.
Trotz Beschäftigungsrekord: Arbeitslosigkeit weiter auf hohem Niveau
Während neue Stellen vor allem für Fachkräfte entstehen, steigt die Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten: Inzwischen suchen über 60 Prozent der Arbeitslosen Helferjobs, über 550 Personen mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren in Bremen-Stadt 34.206 Menschen arbeitslos gemeldet, 2.129 mehr als 2024. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote stieg damit um 0,6 Prozentpunkte auf elf Prozent. Dieser Anstieg hängt damit zusammen, dass mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, beispielsweise durch Bevölkerungszuwächse und spätere Renteneintritte. In Bremerhaven betrug die Arbeitslosenquote 2025 wie schon im Vorjahr 14,5 Prozent: Im Jahresdurchschnitt 2025 waren 9.087 Menschen arbeitslos gemeldet.
Zugewanderte sind unverzichtbar für den Arbeitsmarkt
Das Beschäftigungswachstum im Land Bremen geht in erster Linie auf Personen nicht-deutscher Staatsangehörigkeit zurück. Inzwischen hat ein Viertel der gut 390.000 Beschäftigten in Bremen eine Migrationsgeschichte – sie oder mindestens einer ihrer Elternteile wurden also nicht in Deutschland geboren. Jede achte Fachkraft hier hat keinen deutschen Pass. Und der Anteil steigt, innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat er sich verdoppelt. Dies zeigt: Beschäftigte aus dem Ausland sind bereits jetzt von großer Bedeutung für den Arbeitsmarkt.
In einigen Wirtschaftszweigen sind Beschäftigte mit Migrationsgeschichte überrepräsentiert: Sie sind häufiger im Gastgewerbe, der Leiharbeit, im Baugewerbe, dem Einzelhandel sowie in der Gebäudebetreuung und
-reinigung tätig. Ein Viertel arbeitet in unqualifizierten Tätigkeiten – bei Beschäftigten ohne Migrationsgeschichte sind es zwölf Prozent. Dies liegt oft nicht an fehlender Qualifikation. „In der jüngsten Beschäftigtenbefragung ‚Koordinaten der Arbeit‘ der Arbeitnehmerkammer gab ein Drittel der Beschäftigten mit Migrationsgeschichte an, besser ausgebildet zu sein als es ihre derzeitige Tätigkeit erfordert. Hier werden wertvolle Fachkenntnisse nicht abgerufen“, sagt ElkeHeyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer.
Zugleich arbeiten Befragte mit Migrationsgeschichte häufiger in Jobs mit belastenden Arbeitsbedingungen: Befristete Arbeitsverhältnisse sind weiter verbreitet, ebenso die Sorgen, entlassen zu werden. Darüber hinaus erhalten sie häufiger maximal den Mindestlohn und arbeiten öfter in Minijobs, im Schichtdienst oder an Sonn- und Feiertagen. Da das Bleiberecht Zugewanderter davon abhängt, ob sie ihren Lebensunterhalt selbst sichern können, ist ein Jobverlust mitunter dramatisch. „Sichere, entfristete, qualifikationsadäquate und existenzsichernde Arbeitsplätze sollten die Norm für alle Beschäftigten sein – auch für diejenigen mit Migrationsgeschichte“, betont Elke Heyduck.
Forderungen der Arbeitnehmerkammer
Entlastung der Beschäftigten
Angesichts anhaltend hoher Preise braucht es eine spürbare finanzielle Entlastung für die Beschäftigten. Die befristete Senkung der Energiesteuer ist nur eine Maßnahme für den Übergang. „Darüber hinaus schlagen wir eine Direktzahlung von 200 Euro, die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel und die Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß vor“, so Rosenthal. Dies muss mit einer Übergewinnsteuer flankiert werden: Gewinne von Unternehmen, die übermäßig von der Energiekrise profitieren, müssen wie 2023 abgeschöpft und gezielt für eine bezahlbare Energieversorgung genutzt werden.
Landesaktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung
Vor dem Hintergrund der Preissteigerungen und der wirtschaftlichen Risiken bieten Tarifverträge einen wichtigen Schutz für Arbeitnehmende. Obwohl die Tarifbindung in Bremen im Bundesländervergleich am höchsten ist, profitieren nur noch 56 Prozent der Beschäftigten hiervon. Für Bremen sollte deshalb ein Landesaktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung entwickelt werden. Hebel gibt es genug: In der Wirtschaftsförderung könnten tarifgebundene Betriebe von höheren Fördersätzen profitieren und bei der Vergabe von Gewerbeflächen könnten Betriebe mit Tarifvertrag bevorzugt den Zuschlag erhalten.
Ausbau der erneuerbaren Energien
Die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze durch die Green Economy hat sich in Bremerhaven bisher nicht erfüllt. Die Bundesregierung muss die Förderung von Offshore-Windkraft und Grünem Wasserstoff deutlich ausweiten, statt sich von Ausbauzielen zu verabschieden und auf klimaschädliche Gaskraftwerke zu setzen. „Wir müssen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern. Klimaneutralität und bezahlbare Strompreise für Industrie und Beschäftigte gibt es nur mit erneuerbaren Energien“, betont Heyduck.
Arbeitsmarktpolitik reaktivieren
Aktuell sind mehr als 40.000 Menschen in Bremen und Bremerhaven arbeitslos gemeldet, davon fast 18.000 länger als ein Jahr. Da die wirtschaftliche Entwicklung schwierig bleibt, sinken die Chancen für Arbeitslose. „Wir müssen jeden in der Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stehenden Cent nutzen, um Menschen Wege in Arbeit oder Qualifizierung zu eröffnen“, betont Rosenthal. Dabei ist die Förderung von Weiterbildung bis zum Berufsabschluss besonders wichtig. Er ist nach wie vor die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und für ein gutes Einkommen. Zudem müssen Langzeitarbeitslose durch öffentlich geförderte Beschäftigung die Möglichkeit erhalten, mittelfristig in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
Sprachkurse für Zugewanderte: Angebot auf Landesebene ergänzen
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat die Zulassung zu Integrationskursen stark beschränkt. Dadurch wird die Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten massiv erschwert – dabei sind die Bremer Unternehmen dringend auf zugewanderte Arbeitskräfte angewiesen. Sprachkurse sind Aufgabe des Bundes. Dessen Angebot entspricht derzeit jedoch nicht den Bedarfen, sodass die Länder einspringen müssen – um langfristige Folgekosten zu vermeiden und Potenziale der Zugewanderten nutzen zu können.
„Willkommen in Bremen“ leben
Damit sich Zugewanderte gut einfinden, muss ihnen offen begegnet werden. Ein „Herzlich Willkommen“ muss durch Politik und Gesellschaft mit Leben gefüllt und rassistischen Ressentiments entschieden entgegengetreten werden. Arbeitgebende sind in der Verantwortung, Bedingungen zu schaffen, unter denen vielfältige Belegschaften gut zusammenarbeiten können – beispielsweise durch die Entwicklung einer diversitätssensiblen Arbeitskultur. Mentoring- oder Tandemprojekte erleichtern den zugewanderten Beschäftigten zudem das Ankommen am Arbeitsplatz.
Den Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bremen 2026 finden Sie auf unserer Website unter www.arbeitnehmerkammer.de/politik/lagebericht2026/
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