Mehr und länger arbeiten? Für viele Beschäftigte ist das schon heute keine realistische Perspektive. Eine neue Analyse der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigt: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten leistet regelmäßig Überstunden, fast jede*r Dritte zweifelt daran, bis zur Rente durchhalten zu können. Eine Ausweitung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit und ein höheres Renteneintrittsalter gehen an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Nötig sind deshalb bessere Arbeitsbedingungen und wirksamer Gesundheitsschutz. „Nicht der Schutz durch das Arbeitszeitgesetz ist das Problem, sondern die hohe Belastung. Wer das Gesetz lockert, verschärft diese weiter“, warnt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Von „Lifestyle-Teilzeit“ kann keine Rede sein
Die Analyse basiert auf der Beschäftigtenbefragung 2025, die die Arbeitnehmerkammer alle zwei Jahre unter rund 3.000 Beschäftigten im Land Bremen durchführt. Demnach liegt die durchschnittliche Arbeitszeit bei 35,6 Stunden pro Woche – 1,4 Stunden über der vertraglich vereinbarten. Männer arbeiten im Schnitt 38,8 Stunden, Frauen 31,9. Die Gründe dafür sind auch strukturell bedingt: Frauen nennen überdurchschnittlich oft Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen oder Zeit für die Familie als wichtigsten Grund für Teilzeit.
Bei Männern hingegen stehen bei Teilzeit oft individuelle Wünsche im Vordergrund, beispielsweise mehr Zeit für eigene Interessen oder es fehlen Vollzeitstellen. „Solange Betreuung, Pflege und Sorgearbeit nicht gerechter organisiert werden, bleibt Gleichstellung am Arbeitsmarkt unerreichbar und das Risiko von Altersarmut für viele Frauen hoch“, sagt Elke Heyduck. Mit zunehmendem Alter gewinnen zudem gesundheitliche Gründe an Bedeutung für die Teilzeit-Entscheidung. Ältere Beschäftigte reduzieren ihre Arbeit häufiger, um Angehörige zu pflegen. Die aktuellen Reformen bzw. Kürzungen bei der Renten- und Pflegeversicherung würden ihre Lage weiter verschärfen. Eine pauschale Anhebung der Regelaltersgrenze sowie die Absenkung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige würde gerade Frauen stark belasten.
Überstunden oft ohne Ausgleich
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten leistet Überstunden. Ein Drittel gibt an, fast immer oder oft länger zu arbeiten. Besonders häufig betrifft das Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie in den wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen zu. Auffällig ist: Je mehr Überstunden anfallen, desto seltener werden diese ausgeglichen. Außerdem fehlt es oft an Flexibilität: Ein Fünftel aller Beschäftigten kann bei der Arbeitszeitplanung selten oder nie Rücksicht auf private und familiäre Bedürfnisse nehmen. Schichtarbeit und viele Überstunden erschweren die Vereinbarkeit zusätzlich. „Nicht längere Arbeitszeiten bringen mehr Menschen in Arbeit, sondern planbare Zeiten, ausgeglichene Überstunden und bessere Vereinbarkeit.“, sagt Elke Heyduck.
Viele Beschäftigte sind am Limit
Fast die Hälfte der Befragten wünscht sich andere Arbeitszeiten. Gut jede*r Zehnte würde gern mehr arbeiten, mehr als jede*r Dritte dagegen kürzer. Der Wunsch nach Verkürzung hängt eng mit der Belastung und Gesundheit zusammen: Wer gesundheitlich stärker belastet ist, wünscht sich überdurchschnittlich oft eine Reduzierung der Arbeitszeit.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass fast ein Drittel der Beschäftigten in Bremen davon ausgeht, den aktuellen Beruf oder die derzeitige Tätigkeit nicht bis zum regulären Rentenalter ausüben zu können.
Forderungen der Arbeitnehmerkammer
Gleichberechtigte Übernahme von Erwerbs- und Sorgearbeit
Die Arbeitnehmerkammer fordert bessere Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt, den Ausbau der Kinderbetreuung, mindestens vier Partnermonate im Elterngeldbezug und 80 Prozent Lohnersatz bei paritätischer Aufteilung der Sorgearbeit.
Keine weitere Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes
Die Arbeitnehmerkammer lehnt eine weitere Deregulierung ab und fordert stattdessen den Erhalt der Schutzstandards, eine vollständige Arbeitszeiterfassung und wirksameren Schutz vor Überlastung.
Keine Anhebung des Rentenalters
Die Arbeitnehmerkammer spricht sich gegen eine weitere Anhebung des Rentenalters aus. Gesundes Arbeiten bis zur Rente braucht bessere Arbeitsbedingungen, mehr Gesundheitsschutz sowie einen Ausbau von Prävention und Rehabilitation.












