Alleinerziehende in Bremen

Eine Familienform hat sich etabliert: alleinerziehend. Als einzige Familienform, die heute noch Zuwachsraten verzeichnet. Menschen, die ohne Partner mit ihren Kindern zusammenleben, gehören wie Paare mit und ohne Trauschein, wie Singles oder gleichgeschlechtliche Paare zum normalen Gefüge unserer Gesellschaft. Auch und vor allem in Bremen.

Die Arbeitnehmerkammer wertet Jahr für Jahr die von der Bundesagentur für Arbeit vorgelegte "Analyse des Arbeitsmarktes für Alleinerziehende" aus und vergleicht die Situation der in Bremen mit den in anderen Bundesländern lebenden Einelternfamilien. Aktuell leben nahezu 17.000 Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren in den Städten Bremen und Bremerhaven, 11.000 davon mit einem Kind. Über 90 Prozent sind Frauen. 9.800 sind als Erwerbstätige registriert, 6.600 davon arbeiten in Teilzeit. Als arbeitslos sind 3.877 Alleinerziehende erfasst. Zudem ist bekannt, dass 9.258 erwerbsfähige Alleinerziehende Leistungen nach SGB II erhalten – gänzlich oder aufstockend. Etwa 60 Prozent derer sind nicht arbeitslos gemeldet.

Erwerbsbeteiligung

Die allgemein positive Entwicklung einer stärkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt trifft so nicht auf Alleinerziehende zu, jedenfalls nicht bis in die Gegenwart. Zunächst ist zu konstatieren, dass in den Jahren von 1996 bis 2010 die Zahl der alleinerziehenden Erwerbspersonen (Erwerbstätige plus Erwerbslose) mit Kindern unter 18 Jahren stärker zugenommen hat, als die Zahl der Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahren insgesamt. Deren Zahl lag 1996 bei 15.700. Damals wurden 9.700 alleinerziehende Erwerbspersonen registriert, davon 7.800 Erwerbstätige. 2010 lag die Zahl der Alleinerziehenden mit Kindern unter 18 Jahren um 2.000 höher bei 17.700. Als Erwerbspersonen wurden in diesem Jahr 13.700, davon 12.300 Erwerbstätige registriert. Entsprechend stiegen in diesem Zeitraum die Erwerbsquote von 61,7 Prozent auf 77,4 Prozent und die Erwerbstätigenquote von 49,6 Prozent auf 69,4 Prozent. So weit, so gut.

Doch leider findet diese Erfolgsstory keine Fortsetzung. Die positive Beschäftigungsentwicklung erfuhr in den vergangenen Jahren eine abrupte Umkehr. Die Erwerbsneigung von Alleinerziehenden in Bremen geht drastisch zurück. Ein solcher Einbruch ist so in keinem anderen Bundesland zu beobachten. Seit 2011 sind wir bundesweit Schlusslicht. In 2014 lag die Erwerbsquote bei nur noch 65,4 Prozent, mit Abstand der niedrigste Wert aller Bundesländer. Im Bundesdurchschnitt werden 79,6 Prozent gemessen; in Bayern und Baden-Württemberg erreichen Alleinerziehende eine Erwerbsquote von sogar 84 Prozent. Und auch in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin liegt die vergleichbare Quote bei weitaus höheren 77 und 79 Prozent.

Nachdem die Zahl der erwerbstätigen Alleinerziehenden von 7.800 im Jahr 1996 auf einen Höchststand von 12.300 im Jahr 2010 stieg, fiel sie in den vergangenen Jahren auf 9.800 im Jahr 2014 ab. 2.500 Menschen weniger als noch im Jahr 2010. Diesen Entwicklungen entsprechend brach auch die Erwerbstätigenquote ein und liegt aktuell bei nur noch 58 Prozent. Schlusslicht Bremen.

Arbeitslosigkeit

2014 waren im Land Bremen jahresdurchschnittlich 3.877 arbeitslose Alleinerziehende im Bestand der Agentur für Arbeit und der Jobcenter gemeldet. Und diese Arbeitslosigkeit ist zu 92 Prozent weiblich. Von den 3.558 betroffenen Müttern sind 3.381 Kundinnen der Jobcenter und damit Leistungsempfängerinnen nach SGB II.

85,5 Prozent der alleinerziehenden Arbeitslosen sind im Alter zwischen 25 bis unter 50 Jahren. 75 Prozent besitzen die deutsche Nationalität. Schul- und Berufsbildungsdefizite bestehen wie bei Bremer Arbeitslosen generell auch bei Alleinerziehenden, sind hier sogar noch drastischer. 16,7 Prozent der alleinerziehenden Arbeitslosen können keinen Schulabschluss nachweisen, 43,3 Prozent verfügen über einen Hauptschulabschluss, 20,4 Prozent über die mittlere Reife. Das Abitur und somit die Fach- und Hochschulreife weisen zehn Prozent nach.

Individuell in hohem Maße brisant und politisch alarmierend sind die hohen Anteile an arbeitslosen Alleinerziehenden ohne abgeschlossene Berufsausbildung. 67,3 Prozent bleiben ohne Beruf und damit quasi ohne Chance auf einen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Der Anteil erhöhte sich 2014 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 4,3 Prozentpunkte. Im Rechtskreis SGB II liegt der Anteil der Arbeitslosen ohne Beruf bei 70 Prozent. Tendenz steigend. In Bremen befinden sich 2.610 alleinerziehende Mütter und Väter in diesem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Leistungsbezug ohne Perspektive auf Unabhängigkeit von staatlichen Transferzahlungen. Eine betriebliche oder schulische Berufsausbildung können dagegen nur 1.104 arbeitslose Elternteile nachweisen, eine akademische Ausbildung lediglich 118.

Trauriger Spitzenreiter Bremen: Seit Jahren fordert die Arbeitnehmerkammer Bremen eine Berufsbildungsoffensive für diese Zielgruppe. Denn ohne Berufsabschluss liegt der Abschluss eines Arbeitsvertrages in der Regel außer Reichweite. Doch wir beobachten eine Verfestigung dieser Situation für Mütter und Väter, die in alleiniger Verantwortung Tag für Tag ihre Kinder allein versorgen.

Armut und Bedürftigkeit

Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist 2014 für das Bundesland Bremen 9.258 alleinerziehende erwerbsfähige Leistungsberechtigte aus. Davon waren 3.673 Menschen arbeitslos, 5.585 nicht arbeitslos. Die Abhängigkeit von Grundsicherungsleistungen hat also immer weniger mit reiner Arbeitslosigkeit zu tun. Unter den nicht Arbeitslosen waren 18 Prozent in ungeförderter Erwerbstätigkeit, 17,4 Prozent in Erziehung, Haushalt und Pflege, 10,3 Prozent in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, 3,7 Prozent arbeitsunfähig und lediglich 0,8 Prozent in Schule, Studium und ungeförderter Ausbildung.

Die Armutsgefährdungsquote lag für Alleinerziehende in Bremen im Jahr 2012 bei 49,5 Prozent und ist auf 53,6 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Für kinderreiche Paare liegt sie bei 45,7 Prozent. Zum Vergleich: Paare ohne Kind 9,9 Prozent, Paare mit einem Kind 19,6 Prozent, Paare mit zwei Kindern 20,4 Prozent und Einpersonenhaushalte 33,2 Prozent.

Mehr als die Hälfte aller Bremer Einelternfamilien sind zur Sicherung ihrer Existenz auf Grundsicherungsleistungen gänzlich oder aufstockend angewiesen. Von den Alleinerziehenden-Haushalten mit zwei und mehr Kindern beziehen nahezu 70 Prozent Arbeitslosengeld II. Sich allein mit Kindern aus eigener Kraft über Wasser zu halten und die alltäglichen Ausgaben und Aufgaben des Lebens übernehmen zu können, scheint schier unmöglich. Das Land Bremen ist auch hier trauriger Spitzenreiter im bundesweiten Vergleich.

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Dr. Esther Schröder
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DownloadsAKB003_Icon-Download

  • Alleinerziehend – ein Kaleidoskop von Lebens- und Arbeitssituationen

    Eine Befragung von alleinerziehenden erwerbsfähigen Leistungsberechtigten im Land Bremen, August 2017

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  • Alleinerziehende

    Augenmerk auf eine politische Zielgruppe in Bremen
    Kammer kompakt, Mai 2014

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  • Alleinerziehend in Bremen?

    Finanzielle Hilfen im Überblick, hrsg. v.: ZGF und Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport, November 2016

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  • Entwurf zu einem "Gesetz zur Beschäftigungsförderung durch Arbeitsumverteilung – BFAU"

    Herausgeber: Forum für Arbeit Bremen, März 2014

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