Kann die Abkehr vom Acht-Stunden-Tag den Wohlstand sichern? Und ist die Rente mit 70 der richtige Weg, um das Rentensystem zu stabilisieren? Die Debatte darüber, ob wir mehr und länger arbeiten müssen, um die Wirtschaft anzukurbeln, ist in vollem Gang. Dass solche Forderungen an der Realität der Bremer Beschäftigten vorbeigehen ist eines der wichtigsten Ergebnisse der diesjährigen Beschäftigtenbefragung. Hieraus geht hervor: Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bremen identifizieren sich zwar in hohem Maße mit ihrem Job, aber die Belastungen nehmen zu. Vor allem Vollzeitbeschäftigte würden ihre Arbeitszeit lieber reduzieren.
Seit 2017 lässt die Arbeitnehmerkammer Bremen alle zwei Jahre vom Bonner Infas – Institut für angewandte Sozialwissenschaft die „Koordinaten der Arbeit“ erheben (siehe Info-Kasten). Mit dieser Befragung soll herausgefunden werden, wo den Bremer Beschäftigten der Schuh drückt und was die Politik tun kann, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Beim Thema Überstunden sind Arbeitgeber in der Pflicht
Eines der Ergebnisse, die diesmal besonders augenfällig sind: Rund die Hälfte der Arbeitnehmenden im Land Bremen leisten regelmäßig Überstunden, jede*r Fünfte sogar mehr als drei pro Woche. Ebenfalls fast jede*r Fünfte sagt, dass diese Überstunden selten oder gar nicht abgegolten werden. Angesichts aktueller politischer Forderungen nach einer Erhöhung der Arbeitszeit machen die vorliegenden Daten deutlich: Die tatsächliche Arbeitszeit der Bremer Beschäftigten ist schon jetzt hoch. Im Durchschnitt arbeiten Vollzeitbeschäftigte 40 Stunden und Teilzeitbeschäftigte 27 Stunden – das ist in beiden Fällen rund eine Stunde mehr als vertraglich vereinbart. Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, mahnt daher an: „Bevor wir eine Diskussion über die Anhebung der Wochenarbeitszeit führen, sollten Arbeitgeber erst einmal geleistete Überstunden bezahlen oder durch Freizeit ausgleichen.“
Die Befragung zeigt darüber hinaus, dass jede*r zehnte in Vollzeit Beschäftigte zusätzlich noch einen Nebenjob hat (Teilzeit: 16 Prozent) und so auf durchschnittlich 46 Stunden pro Woche kommt. Zugleich ist die Zahl derer, die in Teilzeit arbeiten, auf 29 Prozent gestiegen – bei den Frauen trifft das sogar auf 50 Prozent zu. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von (zu) hoher Arbeitsbelastung über familiäre bis hin zu gesundheitlichen Gründen. Übrigens ist der Teilzeitanteil umso höher, je älter die Befragten sind. „Die häufig gehörte Behauptung, dass vor allem Jüngere nicht mehr zur Vollzeit-Arbeit bereit sind, wird also von den Daten nicht gestützt“, betont Marion Salot, Referentin der Geschäftsführung bei der Arbeitnehmerkammer.
Belastung am Arbeitsplatz steigt weiter
Die erschreckendste Aussage der aktuellen Erhebung ist nach Aussage der Referentin, dass rund die Hälfte der Befragten nicht nur eine Zunahme von Stress und Arbeitsdruck wahrnehmen, sondern darüber hinaus auch angaben, dass sich die Arbeit negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. „Das ist ein krasser Anstieg“, macht Salot deutlich, „vor zwei Jahren waren es noch 40 Prozent.“ Besonders stark ist dieser Anstieg demnach bei den sozialen Dienstleistungsberufen, zu denen beispielsweise die Kinderbetreuung zählt, und bei den Verkehrs- und Logistikberufen. Mögliche Gründe hierfür: der in vielen Berufen generell steigende Zeitdruck sowie wachsende fachliche und technische Anforderungen.
„Gerade ältere Beschäftigte fühlen sich häufig überfordert beim Thema Digitalisierung“, erläutert Marion Salot. So berichteten gut 30 Prozent der Befragten, sich von den steigenden Anforderungen stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Zugleich halten die Weiterbildungsmöglichkeiten nicht Schritt: Für mehr als die Hälfte der Beschäftigten bestehen in ihrem Betrieb nur geringe oder sehr geringe Möglichkeiten zur betrieblichen Weiterbildung. Bei den über 55-Jährigen trifft das sogar auf zwei Drittel zu. „Da müssen die Unternehmen dringend ansetzen“, meint die Referentin.
Mehr arbeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln? Das kann nach Aussage von Salot nicht die Lösung sein. „Bei einer Abkehr vom Acht-Stunden-Tag würden wir Gefahr laufen, dass die Beschäftigten noch häufiger krank werden, noch häufiger ausfallen und noch häufiger in die Teilzeit flüchten.“ Ebenso wenig sinnvoll sei es, die Rente mit 70 einzuführen, wie es aus Teilen des politischen Raums gefordert werde. Schon jetzt gehen knapp 30 Prozent der Befragten nicht davon aus, ihre Arbeit bis zum Rentenalter ausüben zu können – was ebenfalls einen deutlichen Anstieg im Vergleich zu den vorherigen Erhebungen bedeutet. Für Hauptgeschäftsführer Peer Rosenthal steht darum fest: „Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde für viele schlicht eine Rentenkürzung bedeuten. Viele müssten Abschläge in Kauf nehmen, weil sie es gesundheitlich nicht bis zur Rente schaffen.“ Das sei besonders deswegen problematisch, weil 85 Prozent der Befragten schon jetzt nicht davon ausgingen, von ihrer Rente später gut leben zu können.
Sorgearbeit als zusätzlicher Stressfaktor
Steigende fachliche und technische Anforderungen, wachsender Zeitdruck, Fachkräftemangel – und dann kommt zusätzlich auch noch die private Sorgearbeit zur Melange aus Stressfaktoren hinzu. Bei der diesjährigen Erhebung bildete das Thema deswegen einen der inhaltlichen Schwerpunkte. Das Ergebnis: Sorgearbeit ist kein Randphänomen. 40 Prozent der Befragten haben entweder Kinder unter 14, die im Haushalt leben, oder pflegebedürftige Angehörige. Dabei sind es nach wie vor in erster Linie Frauen, die den Spagat zwischen Beruf und familiären Verpflichtungen schaffen müssen. Mit erkennbaren Folgen für die Gesundheit: Vor allem bei denjenigen, die sich überwiegend allein um die Pflege kümmern, ist der Gesundheitszustand deutlich schlechter als im Durchschnitt.
Fast 20 Prozent der Befragten mit Kindern unter 14 gaben an, private Interessen selten oder nie bei der Arbeitszeitplanung berücksichtigen zu können. Bei den Beschäftigten mit pflegebedürftigen Angehörigen, die sich vorwiegend selbst um die Pflege kümmern, waren es sogar fast 25 Prozent. Letztere fühlen sich außerdem durch die mangelnde Rücksichtnahme stärker belastet. „Offenbar ist das Thema Pflege in den Betrieben noch weniger angekommen als die Kinderbetreuung“, stellt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer, fest. Ein wachsender Teil der Beschäftigten kümmere sich um pflegebedürftige Angehörige: „Hier brauchen wir ein Umdenken in den Betrieben und daneben auch deutlich mehr professionelle Pflegeangebote, um die Beschäftigten zu entlasten.“
Insbesondere in der Kurzzeitpflege und in der ambulanten Versorgung sei das Angebot auszubauen, ergänzt Marion Salot. „Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen können nur dann eine wirkliche Entlastung erfahren, wenn die Versorgungsengpässe geschlossen werden. Darüber hinaus braucht es eine Sensibilisierung in den Unternehmen und flexible Arbeitszeitmodelle.“ Auch eine steuerfinanzierte zeitlich begrenzte Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu besserer Absicherung und mehr Unterstützung. „Wir müssen dahin kommen, dass es eine freie Entscheidung ist, Angehörige zu pflegen oder nicht“, betont Salot. „Momentan haben viele keine Wahl, weil entsprechende Angebote, Angehörige selber zu pflegen oder nicht, fehlen oder zu teuer sind.“









