Worin unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrem Gesundheitsverhalten - und warum?
Thomas Altgeld: Das hängt stark mit gesellschaftlichen Rollenverteilungen und -erwartungen zusammen. Wir können das hier nicht vertiefen, aber: In vielen Familien tragen Frauen nach wie vor die Hauptverantwortung für die Gesundheit der Familienmitglieder – zum Beispiel gehen sie in der Regel mit den Kindern zum Arzt. Zugleich haben Männer noch häufig die Rolle des Hauptverdieners. Die damit verbundenen Männlichkeitsbilder betonen Stärke, Belastbarkeit und Unabhängigkeit. Männer erfüllen diese Rollenbilder eher, wenn sie Probleme allein lösen. Nicht nur andere, sondern auch sie selbst sehen es häufig eher als Schwäche, sich Hilfe zu suchen. Männer überschätzen ihre eigene Belastbarkeit eher und neigen eher zu riskantem Verhalten als Frauen. Das gilt auch im Umgang mit der eigenen Gesundheit. Männern verdrängen und ignorieren gesundheitliche Belastungen und Beschwerden häufiger als Frauen. Wir können davon ausgehen, dass sowohl Erwerbslosigkeit als auch gesundheitliche Einschränkungen Männer stärker belasten als Frauen. Denn ihr Selbstbild wird dadurch stärker gekränkt.
Was bedeutet das für die Gesundheitsförderung: Wie können Jungen oder Männer noch besser erreicht werden?
Aus meiner Sicht brauchen wir in der Gesundheitsförderung eine größere Sensibilität für gendertypisches Gesundheitsverhalten und auch ein größeres Verständnis für die besonderen Lebenslagen von Jungen und Männern. Viele Männer nehmen ärztliche Hilfe erst spät oder gar nicht in Anspruch. Und sie haben häufiger als Frauen Angst vor Diagnosen. Diese Erkenntnis können wir noch sehr viel besser in die Angebote unseres Gesundheitssystems einfließen lassen. Fachkräfte können Männer noch sensibler auf gesundheitliche Belastungen ansprechen und dazu beraten. Wichtig ist, dass wir ressourcenorientiert fragen: „Wie könnte der nächste Schritt aussehen, mit dem ihr euch besser um eure Gesundheit kümmert? Was braucht ihr dafür?“ Dadurch vermeiden wir, dass Menschen immer wieder mit ihren Defiziten konfrontiert werden. Gerade für Männer kann das einen entscheidenden Unterschied machen. Wichtig ist außerdem, bestehende Maßnahmen regelmäßig zu evaluieren und dabei Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Blick zu behalten.
Wenn Sie auf die Situation erwerbsloser Menschen schauen: Welche Angebote können geschlechterspezifische Gesundheitsrisiken besser auffangen?
Erwerbslosigkeit und Gesundheit sollten in der Arbeit der Jobcenter noch stärker zusammengedacht werden. Viele Menschen sind schon gesundheitlich beeinträchtigt, wenn sie erwerbslos werden. Männer, besonders wenn sie Väter sind, erleben die Erwerbslosigkeit als weitere Kränkung. Auch das kann die psychische Gesundheit stark belasten. Wir brauchen mehr Gesundheitslots*innen, die Betroffene gendersensibel unterstützen und Angebote in verschiedenen Sprachen zugänglich machen. Für junge Männer unter 25 Jahren mit oder ohne eigene Migrationsbiografie brauchen wir auf jeden Fall noch mehr Angebote, die auf sie als Adressaten zugeschnitten sind. Wichtig sind zudem männersensible Gesundheitsangebote, wie sie zum Beispiel in Australien, Neuseeland und Irland schon entwickelt wurden. Dazu gehört eben auch, Teilnehmende stärker dafür zu gewinnen, sich individuelle Gesundheitsziele zu setzen statt allgemeine Verhaltenstipps zu „predigen“, die sie letztlich überfordern. Und Kampagnen wie „Men Start Talking“ ermutigen Männer, offener über gesundheitliche Belastungen zu sprechen.



