Aus unserem Newsletter, März 2026
Autor: Lars Hoffmann
Wer passt auf in der Logistikbranche?
Die Logistikbranche boomt und daran hat der Online-Versandhandel einen entscheidenden Anteil. In den Jahren 2022 und 2023 wurden in Deutschland jeweils über 4 Milliarden Pakete zugestellt – das sind durchschnittlich mehr als 10 Millionen Pakete pro Tag. Dies gelingt dank der harten Arbeit der vielen Zusteller*innen, die wir täglich in unseren Straßen und vor unserer Haustür sehen. Was uns jedoch verborgen bleibt, sind die vielen Beschäftigten in den Warenlagern und Logistikzentren, die diese Paketflut ermöglichen. Doch auch wenn sie für uns unsichtbar bleiben – die Technik hat sie im Arbeitsalltag oft sehr genau im Blick.
Permanente Überwachung und Kontrolle
Technischer Fortschritt hat viele körperlich schwere Tätigkeiten erleichtert. Gleichzeitig hat er neue Formen der Kontrolle geschaffen. Kameras, Scanner oder RFID-Chips prägen in vielen Betrieben den Arbeitsalltag. Digitale Technologien können jeden Schritt im Arbeitsalltag erfassen, speichern und auswerten. So entsteht eine detaillierte Leistungs- und Verhaltenskontrolle, die für viele Beschäftigte mit hohem Druck verbunden ist.
In großen Logistikzentren werden Produkte bei Einlagerung und Kommissionierung permanent gescannt. Die erfassten Daten fließen in Echtzeit in Managementsysteme ein, die genau messen, wie lange einzelne Arbeitsschritte dauern. Schon kurze Pausen oder Abweichungen vom vorgegebenen Tempo fallen auf und können Konsequenzen nach sich ziehen, die von einer Ermahnung bis hin zu einer Kündigung reichen können. Besonders befristete Beschäftigte stehen dadurch unter enormen Leistungsdruck.
Der Algorithmus als Chef
Zunehmend setzt sich in der Branche sogenanntes algorithmisches Management durch. Arbeitsanweisungen kommen nicht mehr direkt von Vorgesetzten, sondern vom Bildschirm. Der Algorithmus bestimmt, welches Produkt man als nächstes kommissionieren soll, wo man es genau findet und manchmal auch wie viel Zeit man dafür benötigen sollte. Für viele Beschäftigte bedeutet das eine monotone und intransparente Arbeit mit wenig eigenen Entscheidungsspielräumen. Die Folge ist häufig eine Dequalifizierung und Entfremdung von der eigenen Tätigkeit.
Gewerkschaften und Betriebsräte sind gefordert
Diese Entwicklung stellt Betriebsräte und Gewerkschaften vor große Herausforderungen. Mitbestimmungsinstrumente des Betriebsverfassungsgesetzes und tarifvertragliche Regelungen sind hier wichtige Hebel. Um die Arbeit von Betriebsräten und Gewerkschaften langfristig und effektiv zu unterstützen, braucht es andere Rahmenbedingungen. Dazu gehören eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes, ein an die digitale Realität angepasstes Beschäftigtendatenschutzgesetz, eine Reform der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen oder die Abschaffung von OT-Mitgliedschaften in Arbeitgeberverbänden.
Gute Arbeitsbedingungen dürfen nicht von der Willkür der Arbeitgeber abhängig sein. Lückenlose Überwachung sowie Verhaltens- und Leistungskontrolle und ein Arbeitsalltag, der zur Dequalifizierung der Beschäftigten führt, müssen von Beschäftigtenvertretungen verhindert werden. Wer täglich dafür sorgt, dass Pakete pünktlich geliefert werden können, verdient nicht nur Respekt, sondern vor allem auch gute und gesunde Arbeitsbedingungen.
Ihr Kontakt

Mitbestimmung und Technologieberatung (MuT)
Daniel Kühn
Digitalisierung der Arbeit




