Branchen, Gesundheit

Ohne euch geht es nicht - Zugewanderte Pflegekräfte in Bremen

Der Personalmangel in der Pflege ist ­allgegenwärtig. Ohne Pflegepersonen aus dem ­Ausland wäre die ­Versorgungslage noch ­deutlich ­angespannter – und deren Bedeutung wird ­weiter steigen.

Drei Pflege-Fachkräfte unterhalten sich und laufen einen Gang in einer Klinik runter.

Die Pflegehilfskräfte im Anerkennungsverfahren Shahla Soori (links) und Behrad Mollaei mit Melina Westrup (rechts im Bild), Praxislehrerin für Integration am St. Joseph-Stift

Über ihre Geschichte ließe sich ein Buch schreiben. Als sie vier Jahre alt war, flüchteten ihre Eltern mit Motahareh Fazeli vor den Taliban aus Afghanistan nach Iran. 2016 flüchtete sie mit ihrem damaligen Mann und der damals siebenjährigen Tochter nach Deutschland, weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert war und in Iran deswegen verfolgt wurde. Und nur wenige Jahre später flüchtete sie in Bremen vor dem Vater ihrer mittlerweile zwei Kinder, weil der gewalttätig geworden war. Mitten in dieser schlimmen Zeit gelang es ihr nicht nur, einen Deutschkurs und eine Qualifizierung zur Helferin in der Pflege erfolgreich abzuschließen, sondern auch, eine Stelle in einem Seniorenheim zu finden und dort eine Ausbildung zur Pflegefachfrau zu beginnen. Die wird sie im Herbst 2026 abschließen, wenn alles nach Plan läuft – und wer sie kennt, hat daran keinen Zweifel.

Motahareh Fazeli ist in der Ausbildung zur Pflegefachfrau. Sie sagt:

„Pflege ist richtig gut. Ich kann mit Kleinigkeiten Menschen glücklich machen, ihnen mit einem Lächeln und einer kleinen Berührung Freude schenken. Das finde ich toll.“

„Ich habe gesehen, dass Pflegekräfte gesucht werden“, erzählt die 37-Jährige, die in Iran in einer Apotheke gearbeitet hatte. „Und weil ich etwas Sinnvolles tun und Deutschland etwas zurückgeben wollte, habe ich mich beworben.“ Im multinationalen Team der Seniorenresidenz Sonnenbogen in Horn wurde sie mit offenen Armen empfangen. Inzwischen genießt Motahareh Fazeli bei den Kolleg*innen und Bewohner*innen nicht nur wegen ihrer zupackenden Art ein hohes Ansehen, sondern auch wegen ihrer Offenheit und ihrer positiven Ausstrahlung. „Pflege ist richtig gut“, sagt sie voller Überzeugung. „Ich kann mit Kleinigkeiten Menschen glücklich machen, ihnen mit einem Lächeln und einer kleinen Berührung Freude schenken. Das finde ich toll.“ Ihre Arbeit gebe ihr ein Gefühl von Sinn. Unterdessen ist Bremen für sie und ihre Kinder zu einem neuen Zuhause geworden, das Einbürgerungsverfahren befindet sich auf der Zielgeraden. „Wir haben hier einen sicheren Ort gefunden, an dem wir uns entwickeln können“, macht Fazeli deutlich. „Je länger man diese Sicherheit spürt, umso weniger möchte man sie verlieren.“

„Meine Familie und ich haben hier einen sicheren Ort gefunden, an dem wir uns entwickeln können. Je länger man diese Sicherheit spürt, umso weniger möchte man sie verlieren.“

Motahareh Fazeli

„Brauchen feste Unterstützungsstrukturen“

Motahareh Fazeli steht mit ihrer Geschichte beispielhaft dafür, dass die Relevanz von zugewanderten Pflegepersonen zuletzt stark zugenommen hat. Während 2014 noch rund fünf Prozent der Pflegebeschäftigten im Land Bremen eine ausländische Staatsangehörigkeit hatten, waren es im vergangenen Jahr schon knapp 18 Prozent – bei den Auszubildenden sogar 31 Prozent, bei den Pflegehilfskräften 33 Prozent. „Das Beschäftigungswachstum in der Pflege von sieben Prozent in den vergangenen zehn Jahren ist praktisch ausschließlich auf ausländische Pflegekräfte zurückzuführen“, berichtet Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Mit Blick auf die Zukunft ergänzt sie: „Angesichts des hohen Anteils unter den Azubis wird ihre Bedeutung perspektivisch noch weiter steigen.“ Hinzu kommt nach Aussage der Expertin, dass Bremer Pflegekräfte im Bundesvergleich den höchsten Altersdurchschnitt haben: Rund 45 Prozent der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit sind 50 Jahre oder älter, was bei den zugewanderten Kräften nur auf 17 Prozent zutrifft. „Damit federn sie faktisch auch die demografische Alterung ab.“

„Das Beschäftigungswachstum in der Pflege von sieben Prozent in den vergangenen zehn Jahren ist praktisch ausschließlich auf ausländische Pflegekräfte zurückzuführen.“

Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik

Einerseits sei diese Entwicklung eine Bereicherung und wichtige Stütze für die pflegerische Versorgung, macht Storath deutlich. „Gleichzeitig bringt sie aber auch neue Handlungs- und Unterstützungsbedarfe mit sich. Das gilt für den Bereich der komplexen und langwierigen Anerkennungsprozesse ebenso wie für die betriebliche und soziale Integration und für die Ausbildung.“ Die generalistische Pflegeausbildung sei ohnehin schon sehr anspruchsvoll, was noch einmal mehr für Menschen gelte, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland lebten. „Diese Menschen haben oft schlechtere Startbedingungen, darum wären für sie Unterstützungsangebote vor und während der Ausbildung besonders wichtig.“ Bei den Wegen, die nach Deutschland und in die Pflege führen, lassen sich laut der Referentin drei Gruppen unterscheiden: die schon in ihrer Heimat ausgebildeten Fachkräfte, die häufig über gezielte Anwerbeprogramme in die Bundesrepublik kommen. Junge Menschen ohne vorherige Pflegequalifikation, die zum Start ihrer Ausbildung einreisen. Und: schon hier lebende zugewanderte und geflüchtete Personen, die sich nach einiger Zeit für eine Tätigkeit im Pflegebereich entscheiden. „Das sind ganz unterschiedliche Gruppen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Herausforderungen“, erläutert sie. „Wir brauchen darum feste Unterstützungsstrukturen, um den Menschen beim Ankommen in diesem Land und in der Pflege zu helfen.“

„Unser Anspruch ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, damit unsere Pflegekräfte in Anerkennung hier selbstständig leben können.“

Melina Westrup, Praxislehrerin für Integration am St. Joseph-Stift

St. Joseph-Stift: Hilfe zur Selbsthilfe

Mit ihrer Forderung richtet sich Storath sowohl an die Politik als auch an die Pflegeheime, Krankenhäuser und Pflegedienste, die zugewandertes Personal einstellen. Gerade kleinen Betrieben fällt es allerdings häufig schwer, finanzielle und personelle Ressourcen für ein gelingendes Integrationsmanagement bereitzustellen. Wie es in der Praxis funktionieren kann, zeigt seit einigen Jahren das Bremer St. Joseph-Stift, wo gleich zwei sogenannte Praxislehrerinnen für Integration den zahlreichen Pflegekräften in Anerkennung in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Von der Unterstützung bei bürokratischen Formalitäten über die Wohnungssuche und Organisation des Familiennachzugs bis hin zum offenen Ohr bei Heimweh: „Wir sind rund um die Uhr ansprechbar“, berichtet Praxislehrerin Nina Kober, „auch als Familienersatz.“ Dabei rekrutiert das Krankenhaus nach ihren Angaben im Ausland nicht so viele Pflegekräfte, wie es gebrauchen könnte – sondern lediglich so viele, wie das Team tatsächlich gut bei der Integration begleiten kann. „Unser Anspruch ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, damit unsere Pflegekräfte in Anerkennung hier selbstständig leben können“, ergänzt ihre Kollegin Melina Westrup.

„Wir brauchen feste Unterstützungsstrukturen, um den Menschen beim Ankommen in diesem Land und in der Pflege zu helfen.“

Greta-Marleen Storath, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik

Bis die „Neuen“ nach Abschluss der vorgeschriebenen Anpassungsmaßnahme ihre offizielle Anerkennung als Pflegefachperson haben, was nach der Einreise üblicherweise noch rund neun Monate dauert, sind sie im St. Joseph-Stift als Hilfskraft angestellt. So wie Shahla Soori (29) und Behrad Mollaei (31), die Ende 2024 als Ehepaar aus Iran nach Bremen kamen und in ihrer Heimat zuvor einen Bachelor in Krankenpflege gemacht hatten. Zusammen mit ihrem Mann will Soori sich in Bremen beruflich weiterentwickeln und neue Erfahrungen im Gesundheitssystem sammeln – und: sich ein dauerhaftes Zuhause aufbauen. „Ich bin sehr froh, dass wir in diesem Krankenhaus gelandet sind“, sagt Soori. „Hier sind alle so nett und hilfsbereit.“

„Ohne sie würde es nicht mehr gehen“

Neben den beiden Praxislehrerinnen für Integration stehen allen Pflegekräften in Anerkennung am St. Joseph-Stift auch auf den Stationen feste Ansprechpersonen unterstützend zur Seite. Gemeinsam haben sie dazu beigetragen, dass sich das Paar aus Iran hier von Anfang an wohlgefühlt und schnell eingelebt hat. „Manchmal haben wir Heimweh, da müssen wir dann durch“, meint Behrad Mollaei. „Aber auch darüber können wir mit dem Integrationsteam sprechen. Wir fühlen uns nie allein, und das ist sehr wertvoll für uns.“ Eine Sorge kann ihm und seiner Frau momentan allerdings niemand nehmen: dass sie angesichts der aktuellen politischen Diskussionen vielleicht doch nicht dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen. Aus Sicht von Praxislehrerin Melina Westrup wäre es fatal, wenn ausländische Pflegekräfte künftig in ihre Heimatländer zurückkehren müssten. Oder wenn sie ihre Familien nicht mehr nachholen dürften, was nach ihrer Einschätzung vielen die Motivation zur Einreise von vornherein nehmen würde. „Zugewanderte Pflegekräfte sind und bleiben nicht nur für unser Krankenhaus essenziell“, betont sie. „Die Besetzung auf den Stationen ist schon jetzt knapp, darum würde es ohne sie gar nicht mehr gehen.“

„Manchmal haben wir Heimweh, da müssen wir dann durch. Aber auch darüber können wir mit dem Integrationsteam sprechen.“

Behrad Mollaei, angehende Pflegefachkraft am St. Joseph-Stift

Arbeitnehmerkammer Referentin Greta-Marleen Storath würde sich wünschen, dass Positivbeispiele wie das Integrationsmanagement am St. Joseph-Stift Schule machen – und dass es dazu mehr Austausch unter den Einrichtungen gibt. „Parallel braucht es in den zuständigen Stellen rund um die Bereiche Anerkennung und Aufenthalt effektive und transparente Prozesse, die möglichst bundesweit einheitlich und digital gestaltet werden sollten“, macht sie deutlich. Das für kommendes Jahr geplante Welcome Center für Gesundheitsberufe könne eine wichtige Unterstützungs- und Lotsenfunktion im Land Bremen übernehmen, meint die Expertin. Allerdings: „Perspektivisch muss ein solches Welcome Center alle zugewanderten Personen in Bremen adressieren, und zwar unabhängig von Berufsgruppe, Aufenthaltsstatus und Qualiationsniveau.“

Beratung für Pflege-­Auszubildende

Seit gut zwei Jahren gibt es in Bremen das Projekt „Pflegeausbildung – bleib dran“, ein gemeinsam von der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz und der Arbeitnehmerkammer finanziertes Beratungsangebot. Es richtet sich an alle Auszubildenden an den Pflegeschulen im Land Bremen, die aufgrund von Schwierigkeiten in der Ausbildung oder persönlichen Problemen erwägen, ihre Ausbildung abzubrechen.

Auch zugewanderte Azubis finden hier Rat und Unterstützung. Gerade in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in Deutschland sehen sich viele schier unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeiten ausgesetzt: insbesondere mit Blick auf die vielfältigen bürokratischen Anforderungen vom polizeilichen Führungszeugnis über die Beantragung eines elektronischen Aufenthaltstitels bis hin zur Wohnungsproblematik. Auch bei solchen Fragen stehen die Beraterinnen als Ansprechpersonen bereit, um Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Für eine nachhaltige Integration braucht es eine offene Willkommenskultur im Team sowie feste betriebliche Zuständig­keiten und Abläufe. Dabei sollten Fachkräfte ebenso wie Hilfskräfte und Auszu­bildende mitgedacht werden. Von zentraler Bedeutung ist es, im Betrieb die Themen Diskriminierung und Rassismus zu benennen und zu adressieren. Für viele zugewanderte Pflegepersonen ge­­hören diese Erfahrungen leider zum ­Alltag. Sensi­bilisierungsschulungen und betriebliche Beschwerdestellen können dazu beitragen, Diskriminierung zu verhindern und Betroffene zu schützen. Auch die sprachliche und fachliche Weiterqualifizierung muss gefördert werden. Es braucht vorbereitende und berufsbe­gleitende Sprachkurse, die durch betriebliche Angebote wie Sprachcafés oder Mentoring ergänzt ­werden. Der Einstieg als Hilfskraft darf nicht zu einer beruflichen Sackgasse ­werden. Es müssen passgenaue und anschlussfähige Quali­fi­zierungsangebote zur Assistenz- und Fachkraft bereitstehen.
Kommentar von Greta-­Marleen ­Storath
Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik
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