BAM Magazin, Migration

Neuanfang im alten Job

Tetiana Mykhailiuk flüchtete 2022 aus der Ukraine nach ­Bremerhaven. Heute arbeitet sie als Erzieherin in einer Krippe – der Weg dahin war schwierig. So wie ihr ergeht es vielen, die dem russischen Angriffskrieg entkommen sind.

Eine Frau mit kurzer grauer Frisur steht auf einem Spielplatz. Sie trägt eine dunkle Jacke und einen hellen Schal und hält sich an einem gelben Klettergerüst fest. Im Hintergrund stehen kahle Bäume und weitere Spielgeräte.

Tetiana Mykhailiuk flüchtete 2022 aus der Ukraine nach ­Bremerhaven. Heute arbeitet sie dort als Erzieherin in einer Krippe.

Tetiana Mykhailiuk war eine der Ersten, die aus der Ukraine geflüchtet sind: Zwei Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs kommt sie zusammen mit ihrer 13-jährigen ­Tochter in Bremerhaven an, am 7. März 2022. Ihr Mann bleibt daheim zurück – das gemeinsame Kind aber soll es ­besser haben, familiäre Beziehungen bringen die beiden hierher. „Ich hatte absolut null Deutschkenntnisse und mein ganzes Leben lang nur Englisch gelernt“, erzählt sie. Heute arbeitet sie sozialversichert als Erzieherin in einer Bremerhavener Krippe. „Das ist mein absoluter Traumberuf! Die Kinder und ihr Lächeln geben mir Kraft und Hoffnung.“ In der Ukraine studierte sie einst an einer pädagogischen Universität, arbeitete danach über 25 Jahre lang als Erzieherin. Auch in Deutschland wollte sie in ihrem Beruf bleiben. „Der Weg dahin war in meinem Alter, mit über 50, sehr schwer“, sagt Mykhailiuk.

„Ich hatte absolut null Deutschkenntnisse und mein ganzes Leben lang nur ­Englisch gelernt.“ 
Tetiana Mykhailiuk

Der Krieg löste die größte Flucht­be­wegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Ende vergangenen Jahres suchten laut dem Statistischen Bundesamt rund 1,2 Millionen Ukrainer*innen in Deutschland Schutz. Sie unterliegen keinen Beschäftigungsverboten und haben mindestens bis März 2027 einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Doch ihre Bleibeperspektive ist aufgrund des anhaltenden Krieges unsicher. Heute leben mehr als 11.000 Ukrainer*innen im Alter zwischen 15 und 65 ­Jahren im Land Bremen, darunter mehr als 6.500 Frauen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat nun herausgefunden: Dreieinhalb Jahre nach ihrer Ankunft war die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland beschäftigt – ein Niveau, das bei früheren Fluchtmigrationen erst rund zweieinhalb Jahre ­später erreicht wurde. Ihre Jobs sind stark geschlechtsspezifisch: Frauen arbeiten häufiger als Helfer*innen, Männer häufiger als Fachkräfte. „Doch ein erheblicher Teil“ der Ukrainer*innen ist in „system­relevanten und in Engpassberufen beschäftigt“, so das IAB. Geflüchtete Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, Männer bekommen schneller einen Job. Vollzeitbeschäftigte Ukrainer*innen verdienen dabei laut IAB nach knapp drei Jahren in Deutschland im Schnitt 2.871 Euro – knapp drei Viertel dessen, was hierzulande durchschnittlich verdient wird. Dennoch sind ihre Verdienste auf einem Niveau, das bei früheren Fluchtmigrationen erst viel später erreicht wurde.

Tetiana Mykhailiuk beginnt kurz nach ihrer Ankunft in Bremerhaven mit einem Integrationskurs. Er soll Zu­gewanderten grundlegende Kenntnisse über das Leben in Deutschland ver­mitteln und sie sprachlich für den ­Alltag befähigen. Das angestrebte Sprach­niveau erreicht indes nur gut die Hälfte der Teilnehmenden im ersten Versuch. So ging es auch ­Tetiana ­Mykhailiuk. „Mir fehlten ein paar Punkte. Also musste ich auf einen neuen Kurs ­warten. In dieser Zeit habe ich ­sieben Monate Praktikum in einer Kita gemacht.“ Sie hatte Glück: Denn bis 2024 ­hatten Zugewanderte Anspruch auf 300 „Wiederholungsstunden“, im ­zweiten Anlauf bestand auch ­Mykhailiuk die Prüfung. „Danach habe ich ein ­halbes Jahr Kinder betreut, ­während ihre Mütter im Sprachkurs waren, drei weitere Monate Schulkinder nach der Schule.“ Die Kosten für den weiter­führenden Sprachkurs musste sie selbst ­finanzieren.

„Der politische Diskurs wird migrations­feindlicher und Unterstützungs­strukturen wie Sprachkurse werden ­abgebaut.“ 
Aenne Dunker, Arbeitnehmerkammer

„Vor dem Hintergrund des Fach- und Arbeitskraftbedarfs wäre gut daran getan, Angebote, die Zugewanderten beim Ankommen und der Arbeitsmarktintegration helfen, weiter auszubauen“, sagt Aenne Dunker, Referentin für Gleichstellung und Diversität der Arbeitnehmerkammer. „Zu beobachten ist das Gegenteil: Der politische Diskurs wird migrationsfeindlicher und Unterstützungsstrukturen wie Sprachkurse werden abgebaut. Dabei ist Sprache die Grundvoraussetzung einer fairen und nachhaltigen Arbeitsmarktintegration – wie auch der Fall von Tetiana ­Mykhailiuk zeigt. Menschen, die nach Bremen kommen, wollen arbeiten – und Bremen braucht sie“, sagt Dunker.

Im April dieses Jahres gab es im Land Bremen 3.100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus der Ukraine, weitere 600 hatten einen Minijob. Die Männer arbeiten hier vorrangig in der Zeitarbeit, im Bau- und verarbeitenden Gewerbe, aber auch in Bereich Verkehr und Lagerei. Die Frauen hingegen sind zwar auch oft in der Leiharbeit tätig, kommen ansonsten aber eher im ­Handel, Gastgewerbe und in sozialen Berufen unter oder übernehmen Reinigungstätigkeiten.

„Mein Wunsch für Bremen: eine schnellere Anerkennung ­ausländischer Abschlüsse. Wir ­ausländischen Fachkräfte wollen keine Zeit verlieren, sondern ­nützlich sein.“ 
Tetiana Mykhailiuk

Tetiana Mykhailiuk verdient nicht nur ihren Lebensunterhalt, sie mindert auch den Fachkräftebedarf in einem Bereich, der sie dringend braucht. Ohne Unterstützung wäre das schwierig gewesen – und Sprache ist nur ein Puzzleteil, um das Ankommen zu meistern. „Das Projekt ‚Ein Schlüssel‘ in Bremer­haven war mein Türöffner“, erzählt die Ukrainerin. Es ist eine interkulturelle Begegnungsstätte, die sich besonders für Frauen starkmacht. Sie bietet Unterstützung, wenn Zugewanderte mit Anträgen und Formularen überfordert sind, aber auch ein Sprachcafé, um neu erworbene Deutschkenntnisse zu pflegen und sich zu vernetzen. „Das Angebot ist wie ein Zuhause“, sagt ­Mykhailiuk. „Die Leute dort verstehen meine Probleme.“ Zweimal in der Woche geht sie malen, an den Wochenenden reist sie mit dem Deutschlandticket umher. „Man muss sich integrieren!“, sagt die Ukrainerin. „Mein Wunsch für ­Bremen: eine schnellere Anerkennung aus­ländischer Abschlüsse. Wir ausländischen Fachkräfte wollen keine Zeit verlieren, ­sondern nützlich sein.“

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