Die Pflegekraft schleppt sich mit Fieber in die Frühschicht. Der Paketfahrer startet erkältet in seine Tour. Und die Sachbearbeiterin beantwortet trotz dröhnender Kopfschmerzen „nur kurz“ noch ein paar E-Mails im Homeoffice.
Fiktive Beispiele – aber Situationen, die viele Beschäftigte kennen. Fachleute nennen dieses Verhalten Präsentismus: Arbeiten trotz Krankheit. Der Begriff klingt sperrig, das Phänomen dahinter kennen viele Beschäftigte aus ihrem Alltag.
Wenn Anwesenheit wichtiger wird als Gesundheit
Durchhalten gilt in vielen Betrieben noch immer als Zeichen von Einsatzbereitschaft. Wer trotz Erkältung zur Arbeit kommt, signalisiert: Ich funktioniere noch. Gerade in Teams mit knapper Personaldecke entsteht schnell das Gefühl, nicht fehlen zu dürfen.
Doch genau darin liegt das Problem. „Wer krank arbeitet, kuriert sich häufig nicht richtig aus“, sagt Kai Huter, Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Gleichzeitig steigt das Risiko für Fehler, Missverständnisse und Unfälle. Hinzu kommt die Gefahr, Kolleginnen und Kollegen anzustecken – und damit am Ende noch größere Ausfälle im Team zu verursachen.
Durchhalten gilt in vielen Betrieben noch immer als Zeichen von Einsatzbereitschaft.
Studien zeigten zudem, dass dauerhafter Präsentismus langfristig gesundheitliche Folgen haben könne – etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Belastungen oder Erschöpfung. Dabei gehe es nicht nur um Erkältungen oder Grippe. Auch Menschen, die sich dauerhaft überlastet fühlen, arbeiteten häufig weiter, obwohl sie eigentlich Erholung bräuchten.
„Ich darf jetzt nicht fehlen“
Trotzdem gehen viele Beschäftigte krank zur Arbeit. Die Gründe dafür seien oft strukturell, sagt Huter. Besonders betroffen sind Menschen, die unter hohem Druck arbeiten oder das Gefühl haben, nicht fehlen zu können. „Ich darf jetzt nicht fehlen. Ich darf das Team nicht hängen lassen“ – diesen Gedanken höre sie häufig.
Vor allem dort, wo Personal fehlt oder Vertretungen schwierig sind, steigt der Druck. Huter nennt etwa Pflege, Post-, Kurier- und Expressdienste, Callcenter, Sicherheitsdienste, Gebäudereinigung, Altenheime und das Sozialwesen. Viele Beschäftigte arbeiteten dort im Schichtdienst oder hätten wenig Einfluss auf ihre Arbeitszeiten. Gleichzeitig sei die Angst größer, Kolleginnen und Kollegen zusätzlich zu belasten oder den eigenen Arbeitsplatz zu gefährden.
Beschäftigte im Land Bremen gingen im Durchschnitt an 10,6 Tagen zur Arbeit, obwohl sie sich eigentlich krank fühlten.
Das zeigen auch aktuelle Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer: Beschäftigte im Land Bremen gingen im Durchschnitt an 10,6 Tagen zur Arbeit, obwohl sie sich eigentlich krank fühlten. Präsentismus ist damit kein Randphänomen, sondern Teil des Arbeitsalltags vieler Beschäftigter.
Nur gut ein Viertel gab an, keinen einzigen Tag krank gearbeitet zu haben. Besonders auffällig: Jüngere Beschäftigte zwischen 25 und 34 Jahren gehen deutlich häufiger krank zur Arbeit als Ältere. Nur 21 Prozent von ihnen blieben konsequent zu Hause – bei den Älteren sind es immerhin 35 Prozent.
„Wer krank arbeitet, kuriert sich häufig nicht richtig aus.“
Kai Huter
Auch das Homeoffice hat das Problem verändert. Wer ohnehin zu Hause sitzt, beantwortet oft „nur schnell“ noch ein paar E-Mails oder nimmt an einer Besprechung teil. Aus ein paar Minuten Arbeit wird dann schnell ein halber oder ganzer Arbeitstag.
„Es ist ein Unterschied, ob ich eine wichtige E-Mail schreibe oder mich acht Stunden an den Schreibtisch setze“, sagt Huter. Besser sei es jedoch, die Verantwortung im Krankheitsfall abzugeben: Welche E-Mails dringend seien oder welche Kontakte noch informiert werden müssten, sollten Beschäftigte möglichst nicht selbst entscheiden müssen, wenn sie krank sind.
Ein strukturelles Problem
Für Huter ist Präsentismus deshalb nicht nur ein individuelles, sondern auch ein strukturelles Problem. Wenn Arbeit bei Krankheit einfach liegenbleibe, fehle es oft an guten Vertretungsregelungen oder einer gesunden Betriebskultur. Führungskräfte spielten dabei eine wichtige Rolle. Wer selbst krank weiterarbeite, vermittle schnell den Eindruck, dass das auch von Beschäftigten erwartet werde.
Was hilft? Beschäftigte sollten das Thema offen im Team ansprechen und Warnsignale ernst nehmen, sagt die Expertin. Hilfreich könne eine einfache Frage sein: Würde ich einer Kollegin oder einem Kollegen mit denselben Symptomen empfehlen, zur Arbeit zu kommen? Wenn die Antwort nein lautet, sollte das auch für einen selbst gelten.
Wenn Arbeit bei Krankheit einfach liegenbleibt, fehlt es oft an guten Vertretungsregelungen oder einer gesunden Betriebskultur.
Die Debatte über angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft vieler Beschäftigter greife aus ihrer Sicht zu kurz. Die hohe Zahl psychischer Erkrankungen zeige vielmehr, wie stark viele Menschen bereits belastet seien.
Sich auszukurieren sei kein Zeichen von Schwäche, sondern „ein wichtiger Akt der Selbstfürsorge“, sagt Huter. Denn Anwesenheit allein ist noch keine Leistung – vor allem dann nicht, wenn sie krank macht. Davon profitieren langfristig nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch ihre Kolleginnen und Kollegen sowie die Betriebe.



