BAM: Professor Hamm, ist Macht gut oder schlecht?
Ingo Hamm: Grundsätzlich ist Macht gut. Positiv betrachtet hat sie mit der Übernahme von Verantwortung zu tun, und das brauchen wir im Leben. Bei aller Liebe zu einer Gleichverteilung von Ressourcen und möglichst wenig Abhängigkeiten: Macht regelt das Zusammenleben von Menschen, wir müssen uns mit Ressourcen und Wissen gegenseitig unterstützen. Und das funktioniert nicht ohne das, was im Volksmund als Macht bezeichnet wird.
Wovon hängt es ab, ob sie konstruktiv oder destruktiv wirkt?
Da kommen wir zu einem ganz anderen Punkt, da sind wir nämlich bei Führung. Macht und Führung gehören zusammen, wobei gute Führung einen besonderen Blick auf die Menschen hat. Sie hat eine sehr viel angenehmere Interpretation von Macht, indem sie eben Ressourcen nutzt und ein Team verantwortungsvoll leitet. Aber nicht als eine Person, die sich nur als Spitze einer Pyramide sieht – sondern eine, die mit dem Team kommunikativ auf Augenhöhe ist und es voranbringt. Um gemeinsam etwas zu erreichen, muss ich mich als Führungskraft um meine Leute kümmern und ihnen den Rücken freihalten. Wenn das gelingt, ist sowohl Führung als auch Macht etwas Gutes.
Und doch ist es ja so, dass viele Beschäftigte Macht mit Kontrolle, Druck oder auch Abhängigkeit verbinden. Warum hat sie im Arbeitskontext oft so einen negativen Klang?
Da stoßen häufig Dinge aufeinander, die nicht zueinanderpassen. Wenn Menschen eine Arbeit machen, die ihnen von der Tätigkeit vielleicht gar nicht liegt, gehen sie schon einmal grundlegend skeptischer in so einen Job hinein. Wenn dann am anderen Ende auch noch eine Führungskraft sitzt, die nur Ansagen von oben macht und ihr Team dafür nutzt, ihre Ziele zu erreichen und Zahlen zu erfüllen – dann prallen natürlich Welten aufeinander. Das hat mit echter Wertschätzung nichts zu tun. Wichtig ist, dass jeder seine Kompetenzen einbringen kann und dabei gleichzeitig gefördert und gefordert wird. Die Einstellung zum Job muss von beiden Seiten stimmen. Das ist leider häufig nicht der Fall.
Macht zeigt sich im Berufsalltag nicht immer offen, sondern manchmal eher subtil. Wann kippt Führung in Machtmissbrauch und woran ist das zu erkennen?
Wenn egoistisch eigene Interessen verfolgt werden, bei denen nicht beide sagen: Das nützt uns etwas. Sobald eine Person etwas auf Kosten einer anderen weiterverfolgt, um die eigenen Ressourcen oder Erfolge zu erhöhen, dann wird das als negative Macht wahrgenommen. Dazu gehört zum Beispiel auch das Zurückhalten von Informationen. Es geht ja heute nicht mehr nur noch um Ressourcen und Geld, sondern auch um die Frage: Was wisst ihr noch nicht, was ich schon weiß? Diese Einseitigkeit in einer Beziehung ist ein ganz wichtiger Punkt beim Thema Macht beziehungsweise Machtmissbrauch. Da zeigen sich subtil und auch psychologisch ihre negativen Facetten.
Welche Rolle spielt soziale Zugehörigkeit bei alldem?
Sie ist der Kitt, der ein kooperierendes Team zusammenhält. Wenn sich Menschen wohl miteinander fühlen und gern zusammenarbeiten, ist das ein wichtiger Punkt im positiven Sinne einer Macht, die von unten heraus gespielt wird. Denn auch Individuen haben ja zusammen Einfluss. Jedes Team hat gegenüber einer Führungskraft Macht, wenn es sich zusammentut. Das ist eine Kraft, die häufig unterschätzt wird. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns eher isolieren und viel über soziale Medien, Kurznachrichten und E-Mails kommunizieren. Früher gab es noch echte Gespräche, in denen soziale Zusammengehörigkeit tatsächlich physisch entstanden ist. Das reduzieren wir leider selbst und berauben uns dadurch so ein bisschen der Kraft des Teams.
Woher kommt die Angst, in bestimmten Situation wie Meetings oder Mitarbeitergesprächen zu widersprechen?
Die resultiert aus der Furcht, Nachteile für die persönliche Entwicklung zu erfahren und noch tiefer in Abhängigkeiten hineinzugeraten. Ich kann nur dazu raten, den Austausch im Kollegium zu suchen: Das ist der erste Schritt, um sich Mut zu machen und eine Situation sowohl inhaltlich als auch sozial einzuordnen. Wenn das im eigenen Team nicht geht, gibt es bestimmt andere Optionen: zum Beispiel die Arbeitnehmervertretung, vertrauensvolle Menschen in anderen Abteilungen oder die Familie. Bloß nichts in sich hineinfressen, nicht ins Grübeln geraten, und auch nicht das Problem einfach in eine Künstliche Intelligenz eintippen. Sondern: andere Menschen aufsuchen. Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht allein ist.
Was können Arbeitnehmende ganz konkret tun, um mehr Selbstwirksamkeit zu erleben und sich weniger ohnmächtig zu fühlen?
Da ist es sehr hilfreich, den eigenen Beitrag zu sehen. Das ist ein Garant für einen gewissen Werkstolz, der ein ganz anderes Selbstbewusstsein gibt, als wenn man immer nur das Gefühl hat, auf Geheiß anderer zu arbeiten. Wenn ich feststelle, dass der Job das nicht liefert, muss ich mich fragen: Liegt es am Job? Mache ich vielleicht das Richtige, aber im falschen Unternehmen? Dann wäre es eine Option, nach einer anderen Stelle zu suchen. Oder ich stelle fest: Ich bin unglücklich mit meiner Tätigkeit und brenne eigentlich für etwas anderes. In dem Fall wäre mein Rat, sich auf den Weg zu machen und schrittweise die nötigen Kompetenzen und Erfahrungen zu sammeln. Dann ergibt sich der Werkstolz praktisch von selbst.



