BAM Magazin, Politik

„Gute Arbeitsbedingungen stärken die Demokratie“

Die Sonderauswertung unserer Beschäftigtenbefragung durch das ­Else-Frenkel-Brunswik-Institut hat den Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die Haltung zu Demokratie und Migration analysiert. Fragen an den Projektleiter Johannes Kiess

Ein Mann im Anzug schaut in die Kamera.

„Gute Arbeitsbedingungen stärken die Demokratie“, sagt Johannes Kiess.

Herr Kiess, welchen Fragen wollten Sie mit der Sonderauswertung auf den Grund gehen?

Dr. Johannes Kiess: Wir wollten untersuchen, wie die Arbeitsbedingungen der Bremer Beschäftigten mit dem Demokratieerleben zusammenhängen. Einerseits geht es um das Demokratieerleben im Betrieb. Und andererseits, so unsere Vermutung, hat das Auswirkungen darauf, wie die Menschen die Demokratie insgesamt sehen. Unser zentrales Ergebnis ist, dass gute Arbeitsbedingungen das betriebliche Demokratieerleben stärken. Das wiederum führt zu einem Gefühl politischer Wirksamkeit und schließlich zu höherer Zufriedenheit mit der Demokratie. Dabei sind insbesondere die Kollegialität und die Bewertung der Vorgesetzten wichtige Faktoren.

Die Beschäftigtenbefragung hat ergeben, dass 89 Prozent wählen gehen würden, wenn nächsten Sonntag Wahl wäre. Und über 70 Prozent sind zufrieden mit der Demokratie. Was hat das mit der Arbeitswelt zu tun?

Das sind erst mal gute Werte. Entscheidend ist, ­welche Beschäftigtengruppen hier eventuell schlechter und welche besser abschneiden. Und das hat eben mit der Arbeitswelt zu tun: Wer im Betrieb Anerkennung erfährt, durch Kolleg*innen, Vorgesetzte und gute Löhne, erlebt sich als ­weniger politisch abgehängt. Wer sich politisch abgehängt fühlt, ist ­weniger zufrieden mit der Demokratie und ent­wickelt eventuell Ressentiments – einen Groll, der sich meist nicht gegen „die da oben“ richtet, sondern gegen die Demo­kratie als ­solche oder diejenigen, die weiter unten ­stehen, also Migrant*innen oder Erwerbslose.

Warum ist ein stabiles demokratisches Fundament für die Arbeitswelt so wichtig?

Tatsächlich kann man den Spieß auch umdrehen: Nicht nur stärken gute Arbeitsbedingungen die Demokratie – die Demokratie ist auch wichtig für die Arbeitswelt und eine im weitesten Sinne des Wortes nachhaltige wirtschaft­liche Entwicklung. Untersuchungen zeigen, dass mitbestimmte Unternehmen produktiver sind. Vor allem aber ist ein demokratisches, stabiles Umfeld auch ein Investitionskriterium. In unsicherem Umfeld wird in der Regel zögerlich investiert, auch in die Beschäftigten.

Es gab auch weniger gute Nachrichten. Nur gut 40 Prozent sind mit dem tatsächlichen Funktionieren der Demokratie zufrieden. Was sind die Gründe dafür?

Das ist angesichts vielfältiger, auch globaler Problemlagen, dem Stau bei Investitionen und zunehmender ­sozialer Ungleichheit zunächst einmal ein nachvollzieh­bares Ergebnis. Verwaltung, Verkehr, Bildung – in vielen Bereichen funktionieren die Dinge nicht so, wie man es von einem sehr ­reichen Land erwarten würde. Und wenn ich täglich im Job erlebe, dass meine Arbeitnehmendenrechte übergangen ­werden, schwindet auch der Glaube an das Funktionieren der Demokratie im Großen. Und das ist in der Tat alarmierend.

Ein Mann im Anzug schaut in die Kamera.
Wer im Betrieb Anerkennung erfährt, erlebt sich als weniger politisch abgehängt.
Johannes Kiess
stellvertretender Direktor des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts an der Universität Leipzig und Projektleiter der Sonderauswertung ­unserer Beschäftigtenbefragung

Wie stärken gute Arbeitsbedingungen die demo­­­­kra­tische Haltung?

Die Wirkungskette ist komplex – nette Worte vom Chef und eine Lohnerhöhung setzen sich nicht direkt in ein Demokratieplus um. Aber sie stärken, gemeinsam mit ­anderen Aspekten, das Erleben demokratischer Selbstwirksamkeit im Betrieb. Und das schwappt über – in der Forschung ­nutzen wir tatsächlich den englischen Ausdruck „­spillover“ – , es wird also auch auf andere Lebensbereiche und die ­Politik insgesamt bezogen. Auch allgemein werden dann eher die Vorteile von Zuwanderung gesehen und es besteht eine ­größere Zufriedenheit – ich würde sogar sagen: Identifikation – mit der Demokratie.

Gute Arbeitsbedingungen sichern also die ­Demokratie. Welche Faktoren spielen für die Arbeitnehmenden dabei eine besonders entscheidende Rolle?

Die Zufriedenheit mit dem Job, inklusive der Ent­lohnung, aber auch anderer Aspekte. Das Verhältnis zu Vorgesetzten und zu Kolleg*innen ist am wichtigsten. Ob ich im Betrieb Selbstwirksamkeit erlebe, hängt aber auch an Tarifbindung und Mitbestimmungsstrukturen und der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Privatem. Bei Letzterem geht es ja auch immer um die Frage: Spiele ich als Mensch mit ­meinen familiären Verpflichtungen und persönlichen Bedürfnissen eigentlich eine Rolle oder muss ich mich – zugespitzt: ohne auch nur murren zu dürfen – unterordnen?

Und umgekehrt: Welche Faktoren auf der Arbeit ­führen eher dazu, dass Menschen eine antidemokratische Haltung entwickeln? Gibt es Branchen, die besonders betroffen sind?

Überall da, wo es besonders prekär ist, steht auch das Demokratieerleben der Menschen unter Druck und die Verbindung droht zu reißen. Prekär heißt: harte Arbeitsbedingungen mit hohem Zeitdruck, schlechter Bezahlung und ­fehlender Anerkennung. Schwarze Schafe in puncto schlechte Arbeitsbedingungen gibt es vermutlich in allen Branchen, aber besonders betroffen sind das Lebensmittel- und Gastgewerbe, Sicherheitsberufe, Reinigungsberufe sowie die Verkehrs- und Logistikbranchen. Auf diesem Boden wächst keine Zufriedenheit. Eher wird das Bedürfnis geweckt, gegen andere – oft eben Zugewanderte – auszuteilen.

Welche Möglichkeiten gibt es in der Bremer Arbeitswelt, positiv auf das Demokratie-Konto einzuzahlen?

Gute Arbeitsbedingungen, gute Löhne, Anerkennung für gute Arbeit, Mitbestimmung: Das sind die Aspekte, wo in manchen Branchen richtig etwas passieren muss. Dazu braucht es aber auch entsprechende politische Rahmen­setzungen und auch die Durchsetzung bestehender Regeln. Bremen ist da übrigens durchaus weiter als andere Bundes­länder, etwa beim Thema Tariftreue. Aber es bleibt einiges zu tun, etwa auch beim Vorgehen gegen Verstöße gegen Arbeitsgesetze.

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