Nach mehr als 30 Jahren als Lokaljournalist hat Matthias Berlinke eine neue berufliche Perspektive gesucht. Nach einer herausfordernden Ausbildung bei der Nordwestbahn arbeitet der Bremerhavener jetzt als Triebfahrzeugführer.
Hinter Matthias Berlinke liegt „die härteste Zeit“, wie er selbst sagt. Der Bremerhavener hat im Vorjahr den Mut gefasst, sich beruflich komplett neu zu orientieren: Nach elfmonatiger Schulung hat er Notizblock und Stift gegen die Eisenbahn eingetauscht. Statt als Lokalreporter über die Nordwestbahn zu berichten, fährt er jetzt deren Passagiere rund um Bremen.
Fehlende Perspektive und Wertschätzung haben bei ihm den Wunsch nach einem beruflichen Neustart ausgelöst: „Ich wollte mein Glück in die Hand nehmen und etwas verändern.“ Als er dann von einem Schnupper-Bewerbungstag bei der Nordwestbahn erfuhr, fasste er Mut – und erhielt sofort die Zusage.
Damit war Berlinke noch einmal gefordert, fast ein Jahr lang die Schulbank zu drücken. „Lernen zu lernen und Schüler zu sein, wirft dich 30 Jahre zurück“, sagt der 54-Jährige. Das bedeutete: acht Stunden werktäglich Regelwerke pauken, wöchentliche Klausuren, Lampenfieber vor den wichtigen Prüfungen und wochenends die Nachbereitung des umfangreichen Stoffs am heimischen Schreibtisch. „Das braucht Ausdauer, Power, Willenskraft und Konzentration“, sagt er. Dieser neue Rhythmus habe das Privatleben auf den Kopf gestellt und den Rückhalt der Familie erfordert, die den finanziellen Rückschritt durch das „anständige Azubi-Gehalt“ mitgetragen habe.
Rückschläge und Vorbilder
Berlinke beschreibt sich selbst als Zugfan seit Kindestagen – auch geprägt vom Vater als Eisenbahner. Doch selbst mit dem Vorwissen bedeutete die Umschulung Drucksituationen. „Du darfst auch mal heulend in der Ecke liegen. Das gehört alles dazu“, sagt Berlinke: „Aber du musst am Ball bleiben.“ In seinen Klassenkameraden mit verschiedenen Lebensgeschichten hat er Inspiration gefunden, um Rückschläge zu verkraften. „Alle waren richtig motiviert“, sagt Berlinke.
Sein Ausbilder erkundigte sich regelmäßig, ob alles läuft. „Vor der Prüfung hat er mich in den Arm genommen“, erzählt Berlinke von einer rührenden Geste. Nachdem er die erste Simulatorenprüfung nicht bestanden hatte, hätte ein erneuter Patzer für ihn das Ende der Ausbildung bedeutet.
Auf die bestandene Theorie folgten dann noch 35 Schichten unter Begleitung. Da trug Berlinke die Verantwortung für den 150 Meter langen und mit 200 Fahrgästen voll besetzten Zug; ob bei Nebel, Schnee oder Sturm. „Für mich ist immer noch jeder Tag ein Abenteuer, aber ich werde abgeklärter“, sagt der Bremerhavener über die ersten Monate als ausgelernter Triebfahrzeugführer. In seiner zweiten Woche hatte er zum Beispiel eine Türstörung zu beheben. Bei Streckenstörungen und anderen Verzögerungen im Betriebsablauf muss er weiterhin einen kühlen Kopf bewahren.
Mit neuer Motivation am Arbeitsplatz
An seinem neuen Arbeitsplatz fühlt sich Berlinke wohl. „Bis jetzt läuft es hervorragend“, sagt der 54-Jährige mit seiner neu gefundenen Zufriedenheit. Wenn er sich auf die Fahrt fokussiere und der Zug anrolle, sei das ein befreiendes und besonderes Gefühl. Schichten von bis zu elfeinhalb Stunden wegen der Pausenzeiten oder das Aufstehen um 1.45 Uhr für die Frühschicht seien zwar anspruchsvoll. „Aber am Ende weißt du, was du getan hast“, sagt er. Dafür habe er nun mehr Wochenenden frei.
Die Bremer Arbeitnehmerkammer hilft mit ihrer Weiterbildungsberatung bei der beruflichen Neuorientierung. „Die Beweggründe sind sehr unterschiedlich“, sagt Beraterin Hella Grapenthin. Am häufigsten begegnen ihr Arbeitnehmende, die wie Berlinke unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation sind, aber auch gesundheitliche Probleme, traumatische Erlebnisse im Beruf oder Schwierigkeiten mit dem Umfeld sind Gründe für eine Neuorientierung.
In die Beratung kommen fast 70 Prozent Frauen. Sie suchen häufig die geregelteren Arbeitszeiten in Büro- und Verwaltungsjobs, etwa wenn Mütter wieder im Berufsleben Fuß fassen möchten. Auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind neben Triebfahrzeugführer*innen auch Bus- und Straßenbahnfahrer*innen, Erzieher*innen, Informatiker*innen oder Pflegefachkräfte, so Grapenthin.
Wisoak bietet neue Umschulungskurse
Die Wirtschafts- und Sozialakademie (wisoak) erfüllt den Auftrag der Arbeitnehmerkammer zur Fort- und Weiterbildung für Beschäftigte und Arbeitsuchende im Land Bremen. Sie bietet dafür Kurse zum Kaufmann und zur Kauffrau für Büromanagement an.
Ab Januar 2026 kommen die Umschulungen zur Steuerfachkraft und zum*zur Fachinformatiker*in dazu. „Die Vermittlung klappt gut“, sagt Jan Krämer, pädagogischer Mitarbeiter.
Umschüler*innen verbringen ein Drittel der zwei- bis dreijährigen Ausbildungszeit mit einem Praktikum bei einem selbst ausgesuchten Betrieb. Die Dauer hängt davon ab, ob die Ausbildung in Voll- oder Teilzeit absolviert wird. Bei Arbeitsuchenden finanzieren die Arbeitsagentur oder das Jobcenter die Teilnahme, alternativ ist auch eine Förderung durch die Rentenversicherung möglich. Teilnehmer*innen bleiben für die Dauer der Umschulung im Leistungsbezug.
Um Theorie und Praxis enger zu verzahnen, setzt die wisoak im schulischen Teil auf ein Modell mit einer Übungsfirma, die Teil eines globalen Simulationsnetzwerks ist. Dazu zählen Sekretariat, Personalabteilung, Finanzbuchhaltung und Warenwirtschaft. „Das ist sehr realistisch. Danach ist man Office-Profi und der Start ins Berufsleben fällt leichter“, sagt Krämer. Durch den Praxisbezug bei der Umschulung, der einer dualen Ausbildung gleicht, verzeichnet die Einrichtung im Anschluss viele Übernahmen in den ersten Arbeitsmarkt.
Der umgeschulte Lokführer Matthias Berlinke hat bereits in den vergangenen Jahren seine Leidenschaft für die Welt der Züge in den sozialen Medien geteilt. „Die Nordwestbahn hat mich gebeten, das unbedingt weiterzumachen“, sagt der 54-Jährige. Deshalb veröffentlicht er nun auch Eindrücke aus seinem neuen Arbeitsalltag als Triebfahrzeugführer auf seinem privaten Profil.



