Auto, Fahrrad oder Bahn? Wie Bremer Beschäftigte zur Arbeit pendeln

Fast jede zweite Arbeitskraft wohnt nicht in der Stadt, in der sie arbeitet. Und während in der Stadt häufiger Bus, Bahn oder Fahrrad genutzt werden, ist das Auto im Umland oft alternativlos. Bremer Beschäftigte erzählen.

Mark Tchernine steht in heller Fahrradkleidung mit seinem Fahrrad auf einem Weg in einer Grünanlage und blickt in die Kamera. Er hält einen Fahrradhelm in der Hand.

Auf dem Foto: Mark Tschernine fährt täglich 26 Kilometer pro Strecke. Und auch wenn das Pendeln Zeit kostet, überwiegen für ihn die Vorteile: Bewegung, frische Luft und ein klarer Kopf.

Der Lieblingskaffee wartet im Thermobecher, die Frühstücksbrote sind geschmiert, der Laptop wird bald aufgeklappt. Für Simone Hocke beginnt der Arbeitstag an zwei Tagen in der Woche im Zug. Zwei Stunden ist sie von Tür zu Tür unterwegs, von Hamburg-Barmbek in die Bremer City. Zeit, die sie nutzt: „Im Zug wird erst mal gemütlich gefrühstückt, dann fange ich an zu arbeiten“, sagt sie. Pendeln gehört für sie ganz selbstverständlich zu ihrem Job. Lange Zeit waren ihre Stellen befristet, da stellte sich die Frage nach einem Umzug nicht. Mittlerweile ist sie in Hamburg zu fest verwurzelt. Sie gibt zu: „Auf das Pendeln könnte ich verzichten – auf die Stelle nicht. Das ist mein Traumjob.“ Simone Hocke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen (zap) und verantwortlich für einen weiterbildenden Masterstudiengang für Betriebs- und Personalräte, den sie mitentwickelt und aufgebaut hat.

Für viele Beschäftigte im Land Bremen kostet der tägliche Weg zur Arbeit Zeit und Energie. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie verbreitet das Phänomen Pendeln ist: Rund 44 Prozent der Beschäftigten pendeln nach Bremen oder Bremerhaven ein. Fast jede zweite Arbeitskraft wohnt also gar nicht in der Stadt, in der sie arbeitet. „Das ist im bundesweiten Vergleich nicht ungewöhnlich“, sagt Dominik Santner, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Andere Städte wie Frankfurt haben sogar deutlich höhere Einpendlerquoten.“ Trotzdem wird deutlich, wie stark Bremen als Arbeitsstandort vom Umland abhängt.

„Je länger der Arbeitsweg, desto höher sind Stress und gesundheitliche Risiken.“
Dominik Santner, Arbeitnehmerkammer

Die Pendlerquoten bleiben seit Jahren relativ stabil, doch die Wege werden länger. „Wir sehen, dass insbesondere die Zahl der Fernpendler steigt“, erklärt Santner. Immer mehr Menschen nehmen größere Distanzen in Kauf, etwa aus Richtung Oldenburg oder Hamburg. Dass insgesamt mehr gependelt wird, hängt auch damit zusammen, dass die Zahl der Beschäftigten insgesamt steigt. Über 348.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten aktuell im Land Bremen.

Wie Menschen ihren Arbeitsweg zurücklegen, hängt stark davon ab, wo sie wohnen. Während in der Stadt häufiger Bus, Bahn oder Fahrrad genutzt werden, ist das Auto im Umland oft alternativlos. Der öffentliche Nahverkehr stößt dort schnell an seine Grenzen. „Viele sind auf eine Kombination angewiesen, etwa mit dem Auto oder Fahrrad zum Bahnhof“, sagt Santner.

Für Melanie Kanitz ist Pendeln vor allem eine Frage der Organisation. Sie arbeitet als Kreditberaterin bei der Weser-Elbe-Sparkasse in Bremerhaven, lebt aber in Bremen-Schönebeck und fährt die Strecke täglich mit dem Auto. Früher nutzte sie einige wenige Male den Zug, doch schon nach ein paar Tagen stellte sich heraus, wie unzuverlässig die Verbindung ist. „Der Zug hatte oft Verspätung oder fiel sogar ganz aus“, erinnert sie sich. Dann beginne der Tag schon stressig, und auch in ihrem Alltag mit Kindern sei das zu schwer planbar gewesen. Heute schätzt sie vor allem die Flexibilität, die ihr das Auto ermöglicht. Morgens bringt sie ihre Kinder zur Schule, danach fährt sie weiter zur Arbeit. Die Fahrtzeit von rund 45 Minuten empfindet sie nicht als Belastung, sondern nutzt sie bewusst für sich, hört Radio, lässt ihre Gedanken schweifen. „Das ist auch ein bisschen Me-Time“, findet sie. Stressforscherin Shani Pindek von der Universität Haifa in Israel beschreibt Pendeln als eine Art „dritten Raum“, der privates und berufliches Leben trennt. Er kann auch Platz für die Bedürfnisse schaffen, die im Alltag zu kurz kommen, zum Beispiel Stille und Entspannung.

Dass Pendeln so verbreitet ist, hat auch, aber nicht nur mit dem Wohnungsmarkt zu tun. „Im Umland bekommt man natürlich mehr Wohnraum für sein Geld“, erklärt Santner. Gerade Familien entscheiden sich deshalb gegen die Stadt. Gleichzeitig zeigen sich soziale Unterschiede: Jüngere Menschen und akademisch Gebildete wohnen häufiger in der Stadt, während Beschäftigte mit klassischer Berufsausbildung eher ins Umland ziehen. Pendeln ist damit oft keine kurzfristige Entscheidung, sondern Teil der Lebensplanung.

Fast jede zweite Arbeitskraft wohnt nicht in der Stadt, in der sie arbeitet.

Mark Tschernine muss bis zu seiner Arbeitsstelle bei der Umlaut Engineering GmbH, Part of Accenture, in der Nähe des Bremer Flughafens eine längere Strecke überwinden. Statt ins Auto zu steigen, schwingt er sich aber jeden Morgen aufs Fahrrad. 26 Kilometer legt er pro Strecke zurück, von Bremen-Aumund bis zur Arbeitsstelle. „Ich freue mich meist auf die Fahrt“, erklärt er. Besonders die Strecke entlang der Lesum sei für ihn ein Ausgleich zum Arbeitsalltag. Er mag es, den Wechsel der Jahreszeiten mitzuerleben und die Tiere auf seinem Weg zu beobachten. Den Anstoß für das Rad-Pendeln gaben im Sommer 2024 ein Kollege und das StadtRadeln. Was als Challenge begann, ist heute feste Routine. „Im vergangenen Jahr habe ich 9.750 Kilometer zurückgelegt, in diesem Jahr sollen es 10.000 werden.“ Er ist fitter und schneller geworden, hat an Gewicht verloren und tut aktiv etwas für seine Gesundheit. Wer kann, sollte mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, empfiehlt er. Das belegen auch Untersuchungen, zum Beispiel aus Österreich und Finnland: Wer mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit kommt, hat einen geringeren Blutdruck, weniger Bauchumfang und niedrigere Cholesterinwerte.

Auch wenn das Pendeln Zeit kostet – rund eine Stunde und zehn Minuten pro Strecke – , überwiegen für Mark Tschernine die Vorteile: Bewegung, frische Luft, ein klarer Kopf. Finanziell sei das Fahrrad auch nicht zu schlagen, selbst wenn man in einen guten Drahtesel und qualitative Kleidung investiert. In der Natur erlaubt er sich oft, vor sich hinzuträumen, doch im Stadtverkehr ist Achtsamkeit gefragt: „Es gibt immer wieder brenzlige Situationen“, beschreibt er. Verbesserungen wünscht er sich vor allem bei der Infrastruktur, etwa bei Radwegen oder Ampelschaltungen, und mehr Rücksicht untereinander: Pedelecs, die bis zu 45 km/h fahren können, haben in seinen Augen nichts auf den Radwegen verloren. Abgestellte E-Roller ebenfalls nicht.

Insbesondere wer mit dem Auto oder Zug pendelt, spürt oft auch körperliche Auswirkungen. „Je länger der Arbeitsweg, desto höher sind Stress und gesundheitliche Risiken“, sagt
Santner. Lange Fahrten gehen oft mit Bewegungsmangel einher, gleichzeitig fehlt Zeit für Erholung, Familie oder soziale Kontakte. Laut TK-Report „Mobilität in der Arbeitswelt“ sind Menschen, die pendeln, allerdings seltener krankgeschrieben und fallen nicht so oft aus wie Beschäftigte mit kurzem Arbeitsweg. Jedoch ist der Anteil der Fehltage wegen Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen fast 11 Prozent höher, bei Frauen sind es sogar 15 Prozent. Untersuchungen zeigen zudem, dass Pendelnde häufiger unter Rücken- und Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden und anderen funktionellen Beschwerden leiden und ein erhöhtes Herzinfarkt- und Adipositas-Risiko haben.

Menschen, die den Fahrtzeiten Sinn verleihen, haben laut Steffen Häfner, Chefarzt Verhaltensmedizin und Psychosomatik an der Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren in Bad Elster, weniger Beschwerden. Er rät, zu lesen, zu stricken oder Unterhaltungen mit Kolleg*innen zu führen. Nach Möglichkeit kann es außerdem helfen, die Arbeitszeit flexibler zu gestalten, sodass man nicht in der Rushhour unterwegs ist, oder öfter mal Homeoffice einzuplanen. Erste Anlaufstelle, um so etwas abzusprechen, sind Personal- und Betriebsräte.

Die Grafik trägt die Überschrift: „Vorrangig benutztes Verkehrsmittel für den Arbeitsweg – 2025 in Prozent“. Verglichen werden die Anteile von Einpendelnden (rot) und Nicht-Pendelnden (grau) in Bremen und Bremerhaven. Dargestellt sind die Verkehrsmittel öffentlicher Nahverkehr, Fahrrad, Auto und Fußweg.  In Bremen nutzen 22 Prozent der Einpendelnden und 22 Prozent der Nicht-Pendelnden überwiegend den öffentlichen Nahverkehr. Das Fahrrad wird von 8 Prozent der Einpendelnden und 36 Prozent der Nicht-Pendelnden genutzt. Das Auto ist mit 69 Prozent bei den Einpendelnden und 37 Prozent bei den Nicht-Pendelnden das wichtigste Verkehrsmittel. Zu Fuß gehen 1 Prozent der Einpendelnden und 5 Prozent der Nicht-Pendelnden.  In Bremerhaven nutzen 9 Prozent der Einpendelnden und 11 Prozent der Nicht-Pendelnden überwiegend den öffentlichen Nahverkehr. Das Fahrrad wird von 5 Prozent der Einpendelnden und 24 Prozent der Nicht-Pendelnden genutzt. Das Auto dominiert mit 85 Prozent bei den Einpendelnden und 53 Prozent bei den Nicht-Pendelnden deutlich. Zu Fuß gehen 12 Prozent der Einpendelnden und 4 Prozent der Nicht-Pendelnden.
Eine Frau steht neben einem geparkten Auto und hält die geöffnete Fahrertür fest. Die Aufnahme entstand in einer Wohnstraße mit Reihenhäusern und Gärten im Hintergrund.

Melanie Kanitz schätzt vor allem die ­Flexibilität, die ihr das Auto ­er­möglicht, und den ­Puffer zwischen Arbeit und Zuhause.

Für Simone Hocke ist Pendelzeit zumindest teilweise auch Arbeitszeit. Jedenfalls morgens. „Abends ruhe ich mich lieber aus“, sagt sie. Für viele Beschäftigte ist mobiles Arbeiten natürlich nicht ohne Weiteres möglich. „Gerade in Pflege, Logistik oder Produktion bleibt die Arbeit ortsgebunden“, betont Santner. Homeoffice ist dort keine Option. Melanie Kanitz könnte ihre Pendelzeit ebenfalls nicht produktiv nutzen – weder im Auto noch im Zug. Sie schätzt den Weg als Übergang: „Das ist mein Puffer zwischen Arbeit und Zuhause.“

In den kommenden Jahren stehen in der Region zahlreiche Baustellen an –
etwa bei Brücken oder im Bahnnetz. „Das wird den Pendelverkehr weiter belasten“, sagt Santner. Einer von zwei Zügen, die stündlich zwischen Hamburg und Bremen fahren, wird dafür beispielsweise temporär gestrichen. Simone Hocke ist gespannt, wie das Pendeln sich dann für sie gestaltet. Auf die Frage nach Verbesserungswünschen sagt sie mit Nachdruck: „Telefon- und Internetverbindungen sind leider eine Katastrophe. Es wäre schön, wenn sich das ausbauen ließe.“ Optimal wäre auch eine zusätzliche Halte­stelle an der Bremer Universität für Studierende und Mitarbeitende, die aus Hamburg pendeln, auch wenn sie das nicht mehr betrifft, da sich ihr Institut inzwischen am Domshof befindet.

Und wie kann das Pendeln effizienter oder preisgünstiger gestaltet werden? Über Apps, Mitfahrparkplätze oder im direkten Austausch lassen sich Fahrgemeinschaften bilden, wenn Arbeitszeiten und familiäre Verpflichtungen es zulassen. Wer lieber Bus oder Bahn fährt, sich aber über eine fehlende ÖPNV-Verbindung ärgert, kann versuchen, über Interessenverbände oder Kooperationen mit der hiesigen Wirtschaftsförderung eine Einigung zu erzielen. „Einen Shuttle einzurichten ist grundsätzlich eine gute Idee“, findet Dominik Santner, mahnt aber an, „dass private Fahrdienste den ÖPNV nicht ersetzen dürfen“.

Am Ende zeigen die unterschiedlichen Perspektiven vor allem eines: Pendeln ist keine einheitliche Erfahrung. Es kann stressen, erschöpfen, oder, wie bei Mark Tschernine, sogar motivieren und herausfordern. Es kann Zeit kosten oder, wie bei Simone Hocke, zumindest teilweise sinnvoll genutzt werden. Und es kann, wie bei Melanie Kanitz, ein Stück Flexibilität und einen Moment „Me-Time“ im Alltag sichern.

Eine Frau mit Sonnenbrille geht über einen Platz in der Innenstadt. Im Hintergrund sind weitere Passant*innen, Fahrräder und Bäume zu sehen.

Auf das Pendeln könnte Simone Hocke ­verzichten – auf die Stelle nicht: „Das ist mein Traumjob.“

Beschäftigte müssen gut zur Arbeit kommen können

Kommentar von Dominik Santner, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik

Wer pendeln muss, erlebt den Weg zur Arbeit oft als Belastungsprobe. Staus und Verspätungen von Bus und Bahn führen bereits morgens zu Stress. Gerade bei Schichtdienst oder wenn vor der Arbeit das Kind zur Kita gebracht werden muss, wird der Arbeitsweg schnell herausfordernd. In den randstädtischen Gewerbegebieten wie auch im Überseehafen fehlt es zudem oft an Alternativen zum Auto. Der Bus fährt hier nur sporadisch, Radwege sind oft nicht existent. Gleichzeitig merken die Menschen die durch den Irankrieg stark gestiegenen Benzinpreise im Geldbeutel. Der Weg zur Arbeit wird zum Luxus.

Beschäftigte müssen in ihren individuellen Mobilitätsbedürfnissen ernst genommen werden. Sie brauchen mehr Busse und Bahnen in Randzeiten, bessere Verbindungen ins Umland und an den Stadtrand, sichere Radwege und eine faire Unterstützung durch den Arbeitgeber – etwa über Jobtickets, Mobilitätsbudgets und Jobräder. Wer arbeitet, muss seinen Arbeitsplatz zuverlässig erreichen können.

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