Was vom Osten bleibt - Bremer Beschäftigte mit ostdeutschen Wurzeln erzählen

Bremen richtet in diesem Jahr die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit aus. Aus diesem Anlass berichten vier Bremer*innen mit ostdeutschen Wurzeln, wie sie die Wendezeit erlebt haben.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und grünem Hemd steht mit verschränkten Armen auf dem Bremer Marktplatz. Im Hintergrund sind der Roland, historische Gebäude und Straßenbahnschienen zu sehen.

„Ich habe eher die ­Möglichkeiten gesehen, die die Wende mit sich brachte“, sagt Karen Schütze.

Den Fall der Mauer hat Karen Schütze verschlafen. In der Woche des 9. November 1989 hatte sie Frühschicht im VEB Schiffselektronik Rostock, daher ging sie zeitig ins Bett. Als sie am nächsten Morgen um 6 Uhr zur Arbeit kam, machten sich die Kolleg*innen aus der Nachtschicht gerade auf den Weg nach Lübeck. „Das war total absurd, ich habe das überhaupt nicht verstanden“, erinnert sich die 55-Jährige. Wenige Monate zuvor hatte sie ihre Aus­bildung zum Facharbeiter für Datenverarbeitung (Anm.: in der DDR gab es nur männliche Berufsbezeichnungen) in dem „Volkseigenen Betrieb“ ab­geschlossen. Angst machten ihr die nun ein­setzenden allumfassenden Veränderungen damals nicht: „Ich habe eher die Möglichkeiten gesehen, die die Wende mit sich brachte“, sagt sie. „Dass wir zum Beispiel plötzlich eine Wohnung bekommen konnten, ohne erst heiraten und Kinder bekommen zu müssen.“

Wie bei so vielen Betrieben in den neuen Bundesländern zeigte sich im Verlauf des folgenden Jahres dann aber auch bei ihrem Arbeitgeber, dass es nicht wie geplant weitergehen würde und der Verlust vieler Arbeitsplätze drohte. Schütze meldete sich beim Arbeitsamt – wo man ihr sagte, dass sie eine neue Ausbildung be­­ginnen oder übergangsweise ­Pommes ­ver­­kaufen könne. Beides kam für sie nicht infrage. So entschied sie kurzerhand, einer Freundin in die Partner­stadt ­Bremen zu folgen und hier ihr Glück zu versuchen. „Rück­blickend kann ich mir gar nicht erklären, woher das kam“, meint sie. „Normalerweise denke ich immer lange über alles nach, aber in dem Fall hatte ich den Impuls: Wenn ich jetzt nicht rauskomme, hänge ich da ewig.“ Mit etwas Geld für die ersten beiden Monate kam sie an der Weser an und meldete sich auch hier direkt beim Arbeitsamt. „Die ­konnten allerdings mit meinem Facharbeiter nichts anfangen“, berichtet sie. „Ich habe vorgeschlagen, dass sie einfach eine EDV-Kauffrau daraus machen – und das haben sie dann auch getan.“

Seit rund 35 Jahren arbeitet die 55-Jährige nun als Bürokraft in der Versicherungsbranche. Nachdem sie anfangs noch jedes zweite Wochenende nach Rostock fuhr, wurde ­Bremen über die Jahre zu ihrer neuen Heimat. Mindestens einmal im Jahr trifft sie sich allerdings für ein paar Tage mit ihren früheren Kolleg*innen in Mecklen­burg. „Da ist so etwas Grundsätz­liches, was uns bis heute verbindet“, sagt sie. „So ein Urverständnis, das sich schwer beschreiben lässt.“ In der DDR sei man üblicherweise in seinem Ausbildungsbetrieb später auch in Rente gegangen, bei der Arbeit habe man Freunde fürs Leben gefunden. „Diese Freundschaften bestehen immer noch, das ist einfach schön.“ Inzwischen seien bei diesen Treffen auch ­Kinder und Enkelkinder mit dabei. „Und als Abendritual singen wir zusammen sozialis­tische Lieder. Der kleine Trompeter oder Wenn Mutti früh zur Arbeit geht.“ Nicht aus Überzeugung, sagt sie. Sondern aus Nostalgie.

Wende zum richtigen Zeitpunkt

Michael Wilde, aufgewachsen in ­Radebeul bei Dresden, bewahrte die Wende vor einer schwierigen Entscheidung. Ende Oktober 1989 hatte der damalige Achtklässler einen ­Termin bei ­seinem Direktor, weil er nach Ende des Schuljahrs von der Polytechnischen Oberschule zur Erweiterten ­Oberschule wechseln wollte. Nur dort war zu DDR-Zeiten das Abitur möglich, und nur ein geringer Prozentsatz eines Jahrgangs durfte diesen Weg gehen. Für die Auswahlkommissionen spielten nicht nur Noten eine Rolle, sondern auch politische und soziale Kriterien. Wilde hatte damals den „Makel“ in ­seiner Akte, dass er nicht an der staatlich organisierten Jugendweihe teilgenommen hatte, weil er Mitglied der evangelischen Jungen Gemeinde war.

„Als ich ins Direktorat kam, saßen da drei Männer in Uniformen der Nationalen Volksarmee“, ­erinnert er sich. „Die sagten mir, dass ich mich für drei Jahre verpflichten muss, wenn ich Abitur machen will.“ Er bekam zwei Wochen Bedenkzeit – und genau in der Zeit fiel die Mauer. Damit hatte sich die Sache für ihn er­­ledigt. „Ich glaube nicht, dass ich unter­schrieben hätte“, meint der heute 50-Jährige. „Auf die NVA hatte ich keine Lust.“ So konnte er einige Jahre ­später sein ­Abitur ohne Verpflichtung ab­­legen. „Für viele Erwachsene war das damals eine beängstigende Zeit“, meint Wilde. „Viele haben ihre Jobs ver­loren, mein Vater vorübergehend auch.“ Er selbst habe diese Phase hingegen als spannend erlebt: „Für mich kam das genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich war ja selbst noch in der Findungsphase, da war es cool, wie alles in Bewegung war.“

Wilde studierte in Dessau, leistete an­schließend seinen Zivildienst in Braunschweig und nahm dann 2000 das Angebot seines damaligen ­Professors an, in Bremen an der ­Hochschule für Künste das Institut für Integriertes Design mit aufzubauen. Heute ­ar­beitet er remote als Marketing-Manager für ein Unternehmen in der Nähe von Dresden. In die alte Heimat zurückzukehren, war weder für ihn noch für seine Frau, die aus Chemnitz stammt, je ein Thema. „Bremen ist jetzt unser Zuhause“, sagt er. „Unsere Kinder und wir haben unsere sozialen Kontakte hier. Und zwischen Ost und West sehe ich kaum noch Unterschiede.“

Gefühl des Fremdseins

Bei Melanie Henniger wirkt die deutsch-deutsche Vergangenheit bis heute nach. „Für meine Kinder ist das kein Thema“, berichtet sie. „Die wundern sich immer, wenn ich ihnen in ­Berlin zeige, wo früher die Mauer stand. Aber ich bin bis heute das Gefühl nicht losgeworden, der Gesellschaft beweisen zu müssen, dass ich als Ossi es geschafft habe.“ ­Henniger ist in Frankfurt an der Oder geboren und war beim Mauerfall 13 Jahre alt. Bis Anfang 1989 war ihre Oma die wichtigste Bezugs­person für sie. Als die Groß­eltern nach einem lange zuvor gestellten Ausreiseantrag die DDR kurzfristig verlassen durften und in Bremen eine neue Heimat ­fanden, blieb ­Henniger zunächst zurück. Anfang 1990 zog sie dann hinterher – mehrere Monate, bevor schließlich auch ihre Eltern mit den beiden jüngeren Brüdern an die Weser kamen. „Was mich hier erwarten würde, wusste ich nicht“, sagt die heute 50-Jährige. „Aber das war mir auch egal. Ich wollte einfach nach Hause zu Oma und Opa.“

Leicht wurde der Neustart nicht. An ihrer neuen Schule fühlte sie sich zunächst wie eine Außenseiterin, ihre guten Noten aus der DDR interessierten hier niemanden. Stattdessen hätten die Lehrkräfte sie als „Projekt Ost“ betrachtet, das ­integriert werden müsse: „So wurde ich auch vorgestellt. Ich war nicht ­Melanie, ich war die aus dem Osten.“ Das Gefühl des Fremdseins legte sich erst im Jahr darauf nach dem Wechsel in eine andere Klasse, in der Russisch als zweite Fremdsprache angeboten wurde und in der es viele Mitschüler*innen mit türkischen und jugoslawischen Wurzeln gab. „Da habe ich mich das erste Mal angekommen und akzeptiert gefühlt“, erzählt sie. Henniger ist überzeugt davon, dass diese Erfahrung sie langfristig geprägt hat: „Seitdem habe ich eine besondere Offenheit gegenüber Menschen aus anderen ­Kulturen.“

Nach der Schule ging sie zum Studieren nach London, doch am Ende reichte das Geld für die Abschluss­prüfungen nicht. Weil sie nicht ohne abgeschlossenes Studium dastehen wollte, zog sie nach der Geburt ihres ersten ­Sohnes mit ihrer kleinen ­Familie nach Köln, um dort Informatik zu studieren. Diesmal legte sie die Prüfungen ab – obwohl nur kurz zuvor ihr zweiter Sohn zur Welt ge­­kommen war. Zurück in ­Bremen machte sie sich sofort als Web­designerin selbstständig. Heute arbeitet sie als ­IT-­Expertin für ein ­großes Telekommuni­kationsunternehmen. Geschafft hat sie es längst – doch der Antrieb, sich immer wieder zu beweisen, ist geblieben.

 

 

Eine Frau mit langen braunen Haaren, großer Sonnenbrille und schwarzer Bluse sitzt auf der Terrasse eines Cafés. Im Hintergrund ist unscharf ein Backsteingebäude zu sehen.

„Aber ich bin bis heute das Gefühl nicht losgeworden, der Gesellschaft beweisen zu müssen, dass ich als Ossi es geschafft habe“, sagt Melanie Henniger.

Einschneidende Veränderungen

Nadine Kuhlmann ist 1985 in Haldensleben bei Magdeburg geboren, nicht weit entfernt von der innerdeutschen Grenze. Die erste Erinnerung aus ihrer Kindheit datiert auf den 10. November 1989: An jenem Tag hatte ihre ­Mutter Geburtstag, der üblicherweise groß gefeiert wurde. „In dem Jahr saßen wir aber allein auf dem Sofa, und ich habe gefragt, wo die anderen alle sind“, erzählt Kuhlmann. „Ich weiß noch, dass meine Mutter geantwortet hat: Die sind drüben.“ Die Jahre nach der Wende ­hätten sie geprägt, meint die heute 41-Jährige. „Es war einschneidend, wie sich alles verändert hat. Auch die Lebensrealität meiner Eltern, die im VEB Keramische Werke gearbeitet haben und plötzlich beide arbeitslos waren.“ Während sich ihre Mutter schnell neu orientierte und verschiedene Umschulungen machte, blieb ihr Vater seinem alten Betrieb treu und ließ sich immer wieder zeitweise einstellen, bis das Werk 2004 schließlich komplett geschlossen wurde. „Es macht etwas mit einem Menschen, wenn der Job nicht mehr sicher ist“, sagt sie. „Das hat etwas mit Existenz­angst zu tun. Und mit dem Gefühl, für die Gemeinschaft nicht mehr wertvoll zu sein.“

Kuhlmann zog nach ihrem Studium in Weimar und Magdeburg 2010 nach Berlin. Dort lernte sie ihren in ­Hamburg geborenen Mann ­kennen und bekam mit ihm zwei Kinder. Seit knapp acht Jahren lebt die ­Familie nun in Bremen, wo Kuhlmann als Teamleiterin bei einem IT-Unternehmen arbeitet. Eine Feststellung ist ihr besonders ­wichtig: „Bestimmte Selbst­verständlichkeiten, die es in der DDR gab, sind hier bis heute in vielen Köpfen nicht ange­kommen – zum Beispiel das gleichberechtigte Arbeiten der Frauen.“ In ihrer weit verzweigten Familie gebe es durchaus auch Menschen, die sich wünschten, dass alles noch so wäre wie ­früher. Das sieht sie selbst komplett anders. Schon allein deswegen, weil es ihre eigene Kernfamilie ohne die Wiedervereinigung gar nicht geben würde. Ihren Kindern versucht sie daher zu vermitteln, dass der Tag der Einheit nicht einfach ein weiterer Feier­tag sei: „Sie sollen wissen, dass sich Mama und Papa ohne diesen Tag nicht kennen­gelernt hätten.“ Außerdem hält sie es grundsätzlich für eine große Bereicherung, freie Entscheidungen ­treffen zu können.

Ein Mann mit kurzen braunen Haaren und schwarzem Poloshirt steht mit verschränkten Armen in einer Straße. Im Hintergrund sind unscharf Häuser und Bäume zu sehen.

„Für viele Erwachsene war das damals eine ­beängstigende Zeit“, erinnert sich Michael Wilde.

Eine Frau mit langen hellbraunen Haaren und Brille steht mit verschränkten Armen vor einer Backsteinfassade. Sie trägt eine leuchtend rote Bluse und lächelt in die Kamera.

Nadine Kuhlmann erzählt: „Es war einschneidend, wie sich alles verändert hat.“

Arbeit ­verbindet!

Kommentar von Peer ­Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen

Die Geschichte Bremer ­Beschäftigter mit ostdeutschen Wurzeln ist auch eine Geschichte der Arbeitswelt. Denn Zu­­sammen­­­­halt entsteht dort, wo ­Menschen täglich gemeinsam arbeiten und dafür ­Respekt und Anerkennung erfahren. Gute Arbeit verbindet mehr als jede Herkunft. Wer fair bezahlt wird, mitreden kann und einen sicheren Arbeitsplatz hat, fühlt sich zugehörig – unabhängig davon, ob die Familie aus Rostock, Dresden oder Bremen stammt.

35 Jahre nach der Deutschen Einheit lohnt sich ein Perspektivwechsel. Die Frage ist nicht mehr, ob Ost und West zusammengewachsen sind. Sondern ob wir zulassen, dass neue Gräben entstehen.

Wenn Tarifbindung schwindet, Arbeits­verhältnisse unsicher werden und Beschäftigte sich fragen müssen, ob ihr Lohn bis zum Monatsende reicht, gefährdet das den Zusammenhalt mehr als unterschiedliche Herkunft. Einheit gelingt dort am besten, wo gute Arbeit Menschen verbindet.

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