Bremen, Vortrag/Diskussion, Workshop, Politik

Nachbericht zum Fachtag: „Vor der Uhr sind alle gleich!?“

Veranstaltungsinfos

Arbeitnehmerkammer Bremen
Bürgerstraße 1
Kultursaal
28195 Bremen
Illustration einer großen Uhr in einer Parklandschaft. Im Zifferblatt läuft eine Person mit Rucksack, während rund um die Uhr zahlreiche Menschen unterschiedlichen Alters und in verschiedenen Lebenssituationen dargestellt sind. Logos der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Der Tag hat für alle 24 Stunden – und trotzdem kann Zeit zwischen den Menschen sehr unterschiedlich verteilt sein. Das hat Folgen für die Lebensgestaltung – auf lange wie kurze Sicht. Anlass genug, dass Arbeitnehmerkammer Bremen und Friedrich-Ebert-Stiftung den 18.09.2026 ganz dem Thema Zeit(un)gerechtigkeit gewidmet haben. Denn, und dies betonte Wiebke Blanquett (stv. Abteilungsleitung Politikberatung, Arbeitnehmerkammer) in Ihrer einführenden Begrüßung: Zeitungerechtigkeit zeigt sich nicht nur zwischen den Geschlechtern, wo die Frage, wer Zeit für bezahlte Arbeit hat, und wer unbezahlte Arbeit leistet, ein zentraler Aspekt der Ungleichheit ist, sondern auch zwischen Generationen oder Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen. Stine Klapper (Leiterin Regionalbüro Nord, Friedrich-Ebert-Stiftung) ergänzte, dass sich Zeitungerechtigkeit nicht nur im privaten Bereich und am Arbeitsplatz zeige, sondern dass unter hohem Zeitdruck auch die Demokratie leidet, die auf die aktive Beteiligung möglichst breiter Bevölkerungsschichten angewiesen ist.

Wie Zeitungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sich auf die individuellen Lebensverläufe auswirkt und wie sie dazu beiträgt, patriarchale Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu halten, verdeutlichte Prof. Dr. Bettina Kohlrausch (WSI) in ihrer Keynote „Zeitwohlstand für alle?“. Denn noch immer übernehmen Frauen einen Großteil der unbezahlten Arbeit, was zu Lasten ihrer Erwerbsbeteiligung geht. Dabei dient Erwerbsarbeit nicht nur der Existenzsicherung, sondern mit ihr geht auch gesellschaftliche Macht einher. Höchste Zeit also, dass bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden. Grundlegend hierfür ist eine doppelte Umverteilung von Arbeit: Männer müssen mehr unbezahlte Arbeit übernehmen (können), Frauen mehr bezahlte. Hinderlich hierfür ist jedoch, dass die meisten kritischen Diskussion von (Arbeits-)Zeit ausschließlich Erwerbsarbeit in den Blick nehmen. Durch diese Leerstelle kommt es dazu, dass Zeit weiterhin ungerecht verteilt ist – und diese Strukturen patriarchale Herrschaftsverhältnisse stabilisieren.

Welche weitergehenden Folgen Zeit(un)gerechtigkeit hat und was am Arbeitsplatz und arbeitsmarktpolitisch dafür getan werden kann, dass Zeit gerechter verteilt ist, war danach Thema in Workshops zu drei verschiedenen Themen.

Im Workshop „Care und Work: Vereinbarkeit“ mit den Referentinnen Merle Mangels (DGB Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt) und Miriam Bömer (DGB Bremen) wurden gemeinsam Modelle partnerschaftlicher Erwerbs- und Sorgearbeit erarbeitet. Dabei stellten sich die Teilnehmenden insbesondere die Frage, welche betrieblichen und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen dies unterstützen könnten und sahen die Herausforderung insbesondere in der Verbindung von betrieblichen Abläufen und Privatleben. Eine Forderung des Workshops war, dass ein Mentalitätswandel (wieder) deutlicher machen müssen, dass auch das Private politisch sei.
Konkrete Lösungsvorschläge lagen im Bereich der Betriebe bei der Abschaffung starrer Strukturen und auf politischer Ebene bei finanziellen Anreizen für partnerschaftliche Verteilung von Sorgearbeit und dem Beenden von Fehlanreizen. Zudem wurden verlässliche Ferienangebote für Kinder und Notbetreuung für Kinder und Pflegebedürftige gefordert, ebenso wie eine systematische Erfassung der Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene war ein Ergebnis, dass ein existenzsicherndes Elterngeld und eine Elternzeit, die jeweils hälftig aufgeteilt würde, einen Schritt zu mehr Vereinbarkeit darstellen würden. Als vielleicht wichtigsten Hebel identifizierten die Workshopteilnehmenden kurze Vollzeit für alle, so dass allen Menschen genügend Zeit für Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit blieben und Frauen in Teilzeitarbeit am Arbeitsmarkt nicht mehr diskriminiert würden.

Im Workshop „Von 8-Stunden-Tagen und 4-Tage-Woche: Arbeitszeit(en) und ihre Gestaltung“ führte Prof. Dr. Beate Zimpelmann (Hochschule Bremen) in das Konzept des Zeitwohlstandes ein und stellte die Ergebnisse einer Bremer Studie zu Unternehmen, die Arbeitszeitverkürzungen realisiert hatten, vor. In der Folge berichtete Sophia Fangmann (opti-X, Steuerberatung) aus der Praxis, wie an ihrem Arbeitsplatz die 4-Tage-Woche eingeführt wurde und welche Erfahrungen mit dem Modell gemacht wurden. In der anschließenden Arbeitsphase konnten die Teilnehmer*innen selber aktiv werden und für einen Anwendungsfall ein passendes, innovatives Arbeitszeitmodell entwickeln. Zentraler Befund der Arbeitsphase war, dass die partizipative Umsetzung in den Unternehmen aus Sicht der Aktiven von besonderer Bedeutung ist: In vielen Fällen wurde die Idee verfolgt, Umfragen zu Arbeitszeitwünschen und -bedürfnissen unter den Mitarbeitenden zu nutzen, um ein bedarfsgerechtes Modell etablieren zu können. Als vergleichbar relevant wurde es erachtet, nachzuprüfen, wie die Wirkung der neuen Arbeitszeitmodelle ist und ob diese zu den Gegebenheiten im Betrieb passen: Hierfür wurde in mehreren Fällen die Möglichkeit erwogen, die Umsetzung zu evaluieren. Moderiert wurde der Workshop von Dr. Aenne Dunker (Arbeitnehmerkammer Bremen).

Den dritten Workshop „Demokratie braucht Zeit“ leitete die Sozialwissenschaftlerin Hanna Völkle (EAF Berlin – Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft). Hier ging es insbesondere um die Zeit, die benötigt wird, damit alle in der Gesellschaft sich an den demokratischen Prozessen gut informiert beteiligen können und die auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Bereich des Ehrenamtes und freiwilligen, gemeinnützigen Engagements notwendig und wünschenswert ist.
Zunächst wurde gemeinsam ein sehr breiter Demokratiebegriff erarbeitet, der sich insgesamt auch auf Diskurs und die Sorge im Mitmenschen und das Gemeinwohl bezog. Dann ging es um Mitbestimmung und Demokratie im betrieblichen und außerbetrieblichen Kontext. Eine konkrete Idee war die betriebliche Freistellung für ehrenamtliche Arbeit.
Eine mögliche Lösung für die Herausforderungen der Zeitverteilung sahen auch in diesem Workshop die Teilnehmenden in einer kurzen Vollzeit für alle, die unabhängig von Geschlecht, Alter, und Vermögen allen Engagement ermöglichen würde – so sie auskömmlich bezahlt wäre. Zudem war eine Idee eine eindeutige 50/50 Aufteilung der Erwerbsarbeit bei Paaren.

Den Ausklang des Tages bildete die (fakultative) Abendveranstaltung: „Neue Maloche – Wer hat da noch Zeit?“, eine Lesung mit Gespräch mit der Autorin und Journalistin Mareice Kaiser. Im Gespräch mit Christine Strotmann (Regionalbüro Nord, Friedrich-Ebert-Stiftung) und dem Publikum stellte diese noch einmal eindrücklich heraus, das gerade im Bereich der prekären Arbeit häufig wenig Zeitsouveränität und Mitbestimmung vorhanden sind und die Vergütung eine Stundenreduzierung kaum ermögliche.
 

Foto: Goldland Media für FES

Foto von Dr. Aenne Dunker

Politikberatung

Dr. Aenne Dunker

Referentin für Gleichstellung und Diversität

+49 421 36301-995