Migration

Syrische Beschäftigte schließen Lücken auf dem Arbeitsmarkt

Nach dem Umsturz in Syrien stellt sich für viele Geflüchtete die Frage, ob sie hierbleiben oder in ihre Heimat zurückkehren. Welche Auswirkungen hätte Letzteres auf den Bremer Arbeitsmarkt?

Als im Dezember Rebellengruppen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad nach mehr als 50-jähriger Diktatur stürzten, verfolgte Saed Kouery gemeinsam mit Freunden gebannt die Nachrichten aus seiner alten Heimat. „Wir waren überglücklich und haben spontan eine Feier gemacht“, erinnert sich der 2. Vorsitzende der Syrischen Gemeinschaft in Bremen. „Bis heute frage ich mich immer noch jeden Tag: Ist das wirklich passiert? Sind wir wirklich frei?“

Vor fast 25 Jahren war der studierte Bauingenieur nach Deutschland gekommen, um an der Universität Duisburg-Essen den Titel eines Diplom-Ingenieurs zu erwerben und anschließend in Bremen zu promovieren. 2008 erfolgte seine Einbürgerung – damals noch mit dem Ziel, nach erfolgreicher Promotion nach Aleppo zurückzukehren, um dort eine Dozentenstelle zu übernehmen. Doch dann begann 2011 der Bürgerkrieg in Syrien und veränderte alles. Kouery fing an, sich von Bremen aus humanitär zu engagieren und geriet dadurch auf eine Schwarze Liste des Assad-Regimes. Zugleich musste er aus der Ferne beobachten, wie seine Familie Traumatisches erlebte und aufgrund seiner Aktivitäten vom Geheimdienst verfolgt wurde. Unter diesen Umständen war eine Rückkehr für ihn ebenso undenkbar geworden wie der Abschluss seiner Doktorarbeit, auf die er sich angesichts des psychischen Drucks nicht mehr hinreichend konzentrieren konnte.

Syrerinnen und Syrer ­spielen in der Gesamtzahl von geflüchteten Beschäftigten schon eine große Rolle.
René Böhme, IAW

Starke Konzentration in Mangel- und systemrelevanten Berufen

Heute arbeitet Saed Kouery als Projektingenieur beim Bremerhavener Ent­sorger BEG logistics und fühlt sich hier heimisch, wie er sagt. „Meine Frau, meine Kinder und ich leben als Deutsche in Bremerhaven“, berichtet er. „Wir haben uns hier ein Zuhause aufgebaut und wollen auf jeden Fall bleiben.“ Doch was wäre, wenn eine nennenswerte Anzahl der 18.800 Menschen mit syrischer Staatsangehörigkeit, die zuletzt im Bundesland Bremen lebten, in ihre Heimat zurückkehren würden? Welche Auswirkungen hätte das auf den Bremer Arbeitsmarkt? „Die starke Konzentration syrischer Geflüchteter in Mangel- und systemrelevanten Berufen wie im Gesundheitswesen, im Transport- und Logistikbereich und ausgewählten Produktionsbereichen hat arbeitsmarktpolitische Bedeutung“, stellte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Dezember in einer Analyse für ganz Deutschland fest. Und weiter: „Ein Wegfall dieses Potenzials durch Rückkehrmigration wäre zwar auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nicht dramatisch, könnte aber regional und branchen­spezifisch durchaus spürbare Aus­wirkungen haben.“

Die allermeisten Syrerinnen und Syrer wollen bleiben und denken nicht ernsthaft über eine Rückkehr nach. Sie haben sich hier etwas aufgebaut, ihre Kinder gehen hier zur Schule, sie sehen in Bremen ihre Zukunft.
Saed Kouery

In Bremen stellt sich die Lage so dar, dass von den insgesamt 384.760 Beschäftigten im Bundesland nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit 4.830 die syrische Staatsangehörigkeit haben, was einem Anteil von 1,3 Prozent entspricht. „Das klingt zunächst nach einem eher geringen Wert“, meint René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen. „Aber bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen in Bremen, die aus den Top-8-Asyl-Herkunftsstaaten kommen, aus Syrien stammen. Damit spielen Syrerinnen und Syrer in der Gesamtzahl von geflüchteten Beschäftigten schon eine große Rolle.“ Hinzu komme, dass die Fachkraftquote unter den Menschen aus Syrien vergleichsweise hoch sei.

Potenzial für die Zukunft

Bei den syrischen Männern, die in Bremen erwerbstätig sind, arbeitet mit 25,3 Prozent der größte Anteil in Verkehrs- und Logistikberufen, gefolgt von Fertigungs- und fertigungstechnischen Berufen (15,8 Prozent) sowie Gesundheitsberufen (15,4 Prozent). Erwerbstätige syrische Frauen sind sogar zu 34,8 Prozent in Gesundheitsberufen tätig, gefolgt von sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen (21,6 Prozent) sowie Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen (12,7 Prozent). Gerade in der Logistik sei ein überdurchschnittlicher Anteil der Beschäftigten aus Syrien im Rahmen einer Arbeitnehmerüberlassung angestellt, berichtet René Böhme. „Wir können davon ausgehen, dass sie diesen Bereich in einer durchaus relevanten Größenordnung stützen.“ Gleiches gelte für das Gesundheitswesen, das ja ohnehin schon „auf Kante genäht“ sei, wie er sagt. „Da fehlen Fachkräfte an allen Ecken und Enden. Es würde sicher zu weiteren Problemen führen, wenn es jetzt zu einer Rückkehrmigration im großen Stil käme.“

Die Fachkraftquote unter den Menschen aus Syrien ist vergleichsweise hoch.
René Böhme, IAW

Aktuell arbeitet der Wissenschaftler zusammen mit seinem Team an einem Forschungsprojekt, das die Gelingensbedingungen der Arbeitsmarktintegration von zugewanderten Menschen im Land Bremen untersucht. Dabei werden unter anderem syrische Geflüchtete betrachtet. „Inzwischen sind bundesweit 73 Prozent der erwerbsfähigen männlichen Syrer sieben Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland erwerbstätig. Das zeigt, wie enorm positiv sich die Dinge in den vergangenen Jahren verändert haben.“ Bei den syrischen Frauen liege die Quote der Erwerbstätigen sieben Jahre nach Zuwanderung dagegen bisher bei lediglich 29 Prozent. „Viele Syrerinnen befinden sich noch in Qualifizierungsmaßnahmen, da verläuft die Entwicklung etwas nachgelagert“, erläutert Böhme. „Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass hier ein großes Erwerbspotenzial für die kommenden Jahre schlummert.“

Ob sich dieses Potenzial heben lässt, wird die Zukunft zeigen. Nach den Gesprächen, die Saed Kouery bisher mit Mitgliedern der Syrischen Gemeinschaft in Bremen geführt hat, geht er davon aus: „Die allermeisten Syrerinnen und Syrer wollen bleiben und denken nicht ernsthaft über eine Rückkehr nach. Sie haben sich hier etwas aufgebaut, ihre Kinder gehen hier zur Schule, sie sehen in Bremen ihre Zukunft.“ Bei denen, die über keinen sicheren Aufenthaltsstatus verfügten, herrsche angesichts der aktuellen politischen Diskussionen Angst, dass sie abgeschoben werden könnten. „Aus unserer Sicht wäre das eine Bestrafung“, macht Kouery deutlich. „Sie sind zum Teil viele Jahre hier und nehmen alle Arbeiten an, um Fuß zu fassen und etwas zurückzugeben. In Syrien müssten sie ganz von vorne anfangen – in einem Land, das in Trümmern liegt und lange Zeit brauchen wird, um sich eine stabile Basis aufzubauen.“

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