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© 2025 Arbeitnehmerkammer Bremen

03.09.2025

Viele leisten Überstunden – viele pflegen Angehörige

Arbeitnehmerkammer legt aktuelle Befragung vor

Rund die Hälfte der Beschäftigten im Land Bremen macht regelmäßig Überstunden, jeder Fünfte sogar mehr als drei Überstunden pro Woche. Und viele von ihnen bekommen diese Mehrarbeit nicht einmal abgegolten. „Bevor wir eine Diskussion führen über die Anhebung der Wochenarbeitszeit, sollten Arbeitgeber erst einmal geleistete Überstunden bezahlen oder durch Freizeit ausgleichen“, mahnte heute (Mittwoch) Peer Rosenthal, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen, bei der Vorstellung der fünften repräsentativen Beschäftigtenbefragung „Koordinaten der Arbeit“. 

40 Stunden im Vollzeitjob

Für die Erhebung, die die Arbeitnehmerkammer seit 2017 alle zwei Jahre vom Sozialforschungsinstitut infas durchführen lässt, wurden rund 3.300 Menschen im Zeitraum von Februar bis Mai 2025 telefonisch und online befragt. Das Ergebnis: Die Beschäftigten in Bremen und Bremerhaven arbeiten im Durchschnitt 40 Stunden, wenn sie einen Vollzeitjob haben – das ist eine Stunde mehr als vertraglich verabredet. Jeder zehnte von ihnen hat sogar noch einen Nebenjob.

Rund die Hälfte der Befragten klagt darüber, dass Stress und Arbeitsdruck zugenommen haben. Und fast die Hälfte gibt an, dass sich die Arbeit negativ auf ihre Gesundheit auswirkt – 2023 waren es noch 40 Prozent. Besonders stark ist der Anstieg bei den sozialen Dienstleistungsberufen, zu denen etwa die Kinderbetreuung zählt, sowie bei den Verkehrs- und Logistikberufen.

Rente mit 70? Keine gute Idee!

Knapp 30 Prozent der Befragten sagen, dass sie ihre Arbeit nicht bis zur Rente ausüben können. Jüngere Beschäftigte sind dabei deutlich pessimistischer als ältere. Diese Befürchtung haben vor allem Beschäftigte aus den Branchen Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Gastgewerbe und Bau. „Eine weitere Anhebung des Rentenalters würde für viele schlicht eine Rentenkürzung bedeuten. Viele müssten Abschläge in Kauf nehmen, weil sie es gesundheitlich nicht bis zur Rente schaffen“, mahnt Rosenthal. Dies ist besonders deshalb problematisch, weil 85 Prozent der Befragten jetzt schon nicht davon ausgehen, von ihrer Rente gut leben zu können. In vielen Fällen wird diese Sicherungslücke auch nicht angemessen durch betriebliche oder private Zusatzvorsorge geschlossen werden können.

Teilzeit: Vor allem Ältere arbeiten weniger

Fast ein Drittel der Befragten arbeitet in Teilzeit – aus familiären und aus gesundheitlichen Gründen, aber auch oft wegen der hohen Arbeitsbelastung. Anders als in der öffentlichen Debatte häufig behauptet, sind es gerade nicht die jungen Beschäftigten, die weniger Stunden leisten: Je älter die Befragten, desto höher ist der Teilzeitanteil. Bei den 55- bis 67-Jährigen liegt er bei 37 Prozent.

Arbeit und Pflegeverpflichtung belasten die Gesundheit

40 Prozent der Befragten haben entweder Kinder unter 14, die im Haushalt leben oder pflegebedürftige Angehörige. Jeder achte Beschäftigte im Land Bremen kümmert sich neben seiner Erwerbstätigkeit selbst um die Pflege von Angehörigen. Wie bei der Kinderbetreuung sind es auch hier vor allem Frauen, die diesen Spagat schaffen müssen. Vor allem bei Befragten, die sich überwiegend allein um die Pflege kümmern, ist der Gesundheitszustand deutlich schlechter als im Durchschnitt.

Was auffällt: Beschäftigte mit Pflegeverantwortung können Job und familiäre Verpflichtungen noch schlechter unter einen Hut bekommen als diejenigen mit Kindern. Zudem fühlen sie sich durch die mangelnde Rücksichtnahme stärker belastet. „Offenbar ist das Thema Pflege in den Betrieben noch weniger angekommen als die Kinderbetreuung“, stellt Elke Heyduck fest. „Ein wachsender Teil der Beschäftigten kümmert sich um pflegebedürftige Angehörige. Hier brauchen wir ein Umdenken in den Betrieben und daneben auch deutlich mehr professionelle Pflegeangebote, um die Beschäftigten zu entlasten“, fordert Elke Heyduck.

Ausländische Beschäftigte fürchten Jobverlust

Laut Beschäftigtenbefragung sind fast 80 Prozent in (sehr) hohem Maße mit ihrer Arbeit identifiziert. Fast drei Viertel sagen, dass sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Und trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage sorgen sich nur sechs Prozent der Beschäftigten von ihrem Arbeitgeber gekündigt zu werden. Alarmierend ist allerdings, dass jeder vierte ausländische Beschäftigte befürchtet, seinen Arbeitsplatz zu verlieren – 2023 waren es noch 15 Prozent.

Mehr als zwei Drittel sind zufrieden mit ihrem Gehalt. Allerdings: Jeder zehnte Beschäftigte im Land Bremen arbeitet zum Mindestlohn oder verdient sogar noch weniger. Der mit Abstand größte Anteil der Mindestlohnempfänger*innen arbeitet im Gastgewerbe (42 Prozent), aber auch in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie ist der Anteil überdurchschnittlich hoch (17 Prozent).

Forderungen der Arbeitnehmerkammer

  1. Keine Abkehr vom Acht-Stunden-Tag: Die aktuelle Wachstumsschwäche liegt nicht an mangelnder Arbeitsbereitschaft der Beschäftigten. Das Arbeitszeitvolumen in Deutschland ist zudem auf einem Höchststand. Lange Arbeitstage werden sich zusätzlich negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirken. Zudem erschweren sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
  2. Überstunden bezahlen: Wer Überstunden leistet, muss diese entlohnt oder in Freizeit abgegolten bekommen. Dies ist entsprechend gesetzlich zu regeln.
  3. Keine Rente mit 70: Viele Beschäftigte können schon aktuell aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zum regulären Rentenalter arbeiten und steigen vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Statt also die Regelaltersgrenze anzuheben, sollten sich Arbeitgeber um eine bessere Gesundheitsförderung im Betrieb kümmern.
  4. Bessere Pflegeinfrastruktur: Um Beschäftigte zu entlasten, die ihre Angehörigen selbst pflegen, müssen die Versorgungsengpässe geschlossen werden. Es müssen professionelle Angebote ausgebaut werden, insbesondere in der Kurzzeitpflege und in der ambulanten Versorgung. Hier müssen die Kommunen bei der Planung eine stärkere Rolle spielen, damit passende Angebote je nach Bedarf in den Quartieren entstehen können.
  5. Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige: Um pflegende Angehörige besser abzusichern und zu unterstützen, braucht es eine steuerfinanzierte Lohnersatzleistung. So können vorübergehende Verdienstausfälle zumindest in Teilen ausgeglichen werden. Die Lohnersatzleistung sollte zeitlich begrenzt sein und eine Erwerbsarbeit in Teilzeit ermöglichen, damit Beschäftigte nicht längerfristig aus dem Beruf austreten.
  6. Die jetzt existierenden Gesetze zur Freistellung von Angehörigen mit Pflegeverpflichtungen sind komplex und schwer anzuwenden. Die Gesetze müssen auf Bundesebene in ein einziges und für die Betroffenen handhabbares Gesetz überführt werden.

 

Zur Befragung

Die Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer „Koordinaten der Arbeit“ hat das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) im Auftrag der Arbeitnehmerkammer in Form von 3.337 telefonischen und Online-Interviews durchgeführt. Rund 69 Prozent der Befragten arbeiten in Vollzeit, rund 29 Prozent in Teilzeit, was in etwa den tatsächlichen Strukturen auf dem Bremer Arbeitsmarkt entspricht.

Den ausführlichen Bericht finden Sie auf unserer Website hier.

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Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger


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