Gute Arbeitsbedingungen sichern die Demokratie

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Viel Positives hat die Sonderauswertung zu Demokratie und Arbeit, die das Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) an der Universität Leipzig im Auftrag der Arbeitnehmerkammer erstellt hat, zutage gefördert: 89 Prozent der Beschäftigten würden wählen gehen, wenn nächsten Sonntag Wahl wäre und ebenso viele halten die Teilnahme an Wahlen für ein hohes Gut und eine Bürgerpflicht. Über 70 Prozent sind zufrieden mit der Demokratie, 20 Prozent sind eher unzufrieden. „Das sind gute Zahlen, die zeigen, dass wir ein stabiles demokratisches Fundament in der Bremer Arbeitswelt haben“, so Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen.

Aber es gibt auch die weniger guten Nachrichten: Mit dem tatsächlichen Funktionieren der Demokratie sind nur gut 40 Prozent zufrieden. „Das ist alarmierend – insbesondere, wenn der Öffentliche Dienst oder auch Beschäftigte in eher prekären Dienstleistungsbereichen wie der Gastronomie oder der Lagerei das noch deutlich kritischer sehen.“ Dazu passt, und auch das ist keine schöne Zahl, dass fast 40 Prozent der Menschen sagen, dass sie sowieso keinen Einfluss haben auf das, was die Regierung tut.

Fragt man nach den betrieblichen Realitäten, sieht es diesbezüglich besser aus: Die Hälfte aller Beschäftigten gibt an, dass sie am Arbeitsplatz etwas zum Positiven verändern können, wenn sie aktiv werden. „Schon hier zeigt sich: Demokratische Handlungsfähigkeit hat eine starke Basis im Betrieb – wir können und müssen viel stärker auf die Arbeitswelt blicken, wenn wir uns die guten und schlechten Entwicklungen in unserer Demokratie ansehen wollen“, so Heyduck.

Die Studie fragt auch nach der Haltung zu ausländischen Kolleg*innen und Zuwanderung. Und auch hier gibt es viele erfreuliche Ergebnisse, die das tägliche Miteinander am Arbeitsplatz spiegeln: Drei Viertel der Bremer Beschäftigten betrachten ausländische Kolleg*innen als Bereicherung, nur 5,5 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu. Ebenso viele bestätigen, dass ausländische Fachkräfte dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu beheben. Hier sind es ganz besonders die Bereiche Gesundheit, Pflege, Erziehung und Unterricht mit überdurchschnittlich positiven Werten. Die Zustimmung zur Zuwanderung erstreckt sich dabei nicht nur auf den aktuellen Fachkräftebedarf: Fast 80 Prozent verweigern die Zustimmung zur Aussage „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man ausländische Arbeitskräfte wieder zurückschicken“. Umgekehrt stimmen aber auch 24 Prozent der Aussage zu, dass Ausländer*innen nach Deutschland kommen, um das Sozialsystem auszunutzen. „Hier zeigt sich ganz deutlich: Wir brauchen eine gute Arbeitsmarktintegration und müssen die Hürden, denen Zugewanderte hier begegnen, dringend abbauen“, so Heyduck.

Aufschlussreiche Forschung zum Einfluss der Arbeitsbedingungen

Durch die Kooperation der Arbeitnehmerkammer mit der Universität Leipzig ist es erstmals gelungen, den Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die Haltung zur Demokratie und zur Migration umfassend zu analysieren. Darüber hinaus liegen zum ersten Mal Daten zu demokratischen Einstellungen für ein westdeutsches Bundesland vor. Bisher wurden nur ostdeutsche oder die ost- und westdeutschen Bundesländer insgesamt untersucht.

„Besonders spannend für uns war, dass bisher auch internationale Studien nicht diese Vielfalt an Variablen zu den Arbeitsbedingungen beinhalteten. Wir konnten jetzt viel detaillierter als bisher Zusammenhänge zwischen Arbeitswelt und Demokratie erforschen“, so der Projektleiter und stellvertretende Direktor des EFBI, Dr. Johannes Kiess.

Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Marius Dilling hat er in der heute veröffentlichten Studie untersucht, ob gute Arbeitsbedingungen demokratische Haltungen stärken können. Hierbei wurde deutlich: Beschäftigte, die in ihrem Betrieb Beteiligung erleben, haben insgesamt eine positivere Haltung zur Demokratie und zu ausländischen Beschäftigten. Auch die Zufriedenheit mit dem Einkommen, der gesellschaftlichen Anerkennung der eigenen Arbeit und Einflussmöglichkeiten auf die Arbeitsmenge haben einen positiven Einfluss, fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder eine hohe Arbeitsbelastung wirken sich negativ aus. Wichtig ist außerdem die Autonomie am Arbeitsplatz, das Führungsverhalten der Vorgesetzten und das kollegiale Miteinander.

„In der Studie haben wir zeigen können, dass gerade die Kollegialität unter den Beschäftigten eine wichtige Ressource ist. Sie stärkt die Solidarität und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, ordnet Johannes Kiess ein.

Auch Einschätzungen, inwiefern sich die Beschäftigten politisch und wirtschaftlich abgehängt sehen, wurden ermittelt. Bisherige Studien haben bereits ergeben, dass dieses „Abgehängtsein“ einen negativen Einfluss auf demokratische Haltungen hat. Die Bremer Daten zeigen unter anderem:

  • 42 Prozent schätzen die wirtschaftliche Lage in Deutschland als schlecht oder sehr schlecht ein.
  • Fast jede*r Dritte sagt, dass sich seine oder ihre wirtschaftliche Lage zukünftig eher verschlechtern wird.
  • Beschäftigte, die in prekären Branchen tätig sind oder befürchten, ihren Arbeitsplatz durch die Digitalisierung zu verlieren, fühlen sich besonders häufig politisch und wirtschaftlich abgehängt. Und: Sie sind besonders gefährdet, demokratische Haltungen infrage zu stellen.

Neu ist, dass durch die vorliegende Studie die komplexen Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen, dem Erleben demokratischer Handlungsfähigkeit im Betrieb und demokratischen Einstellungen aufgezeigt werden konnten.

„Wir sprechen in der Forschung von einem ‚political spillover‘: Schlechte Arbeitsbedingungen verringern das Erleben demokratischer Selbstwirksamkeit im Betrieb. Dieses Erleben generalisieren die Beschäftigten natürlich auch auf die Politik und die Wirtschaft allgemein. Und werden politische Einflussmöglichkeiten und die wirtschaftliche Entwicklung negativ bewertet, sind die Menschen auch unzufriedener mit der Demokratie und verschieben ihren Frust auf die Abwertung anderer“, erläutert Johannes Kiess.

Die Forderungen der Arbeitnehmerkammer

Wer im Betrieb alltäglich Einfluss, Kontrolle und Mitbestimmung erlebt, fühlt sich seltener politisch abgehängt und benachteiligt. Umgekehrt fördern Frust und Ohnmacht im Job auch die Politikverdrossenheit und die Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit. „Auf betrieblicher Ebene und bezogen auf die Bremer Arbeitswelt gibt es entsprechend viele Möglichkeiten, positiv aufs Demokratie-Konto einzuzahlen“, so Heyduck.  

  • In Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen haben Beschäftigte eine skeptischere Haltung zur Demokratie. Zugleich ist es hier besonders schwierig, Mitbestimmung zu etablieren und Tarifverträge abzuschließen, die für ein transparentes und gerechteres Gehaltsgefüge sorgen. Der Logistiksektor und das Gastgewerbe sind zwei Beispiele. Die Stärkung von Mitbestimmung und Tarifbindung muss deshalb ganz oben auf der Agenda stehen. Politische Zugeständnisse an weitgehend tariflose Branchen müssen künftig an die Tarifbindung gekoppelt werden – sei es bei der Vergabe von Gewerbeflächen oder bei finanziellen Entlastungen wie der Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie.
  • Mit der auch von Gewerkschaften geforderten Reform des Betriebsverfassungsgesetzes muss die Wahl von Betriebsräten erleichtert sowie den Gewerkschaften ein umfassendes Zugangsrecht im Betrieb gewährt werden. Das Verhindern von Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Arbeit („Union Busting“) muss effektiver bekämpft und mit härteren Strafen belegt werden.
  • In Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen ist es wichtig, für eine bessere Sichtbarkeit und Wirksamkeit staatlicher Institutionen zu sorgen. Verstöße gegen Mindestlohn- und Arbeitszeitgesetze müssen ermittelt und geahndet werden können. Die Soko Mindestentgelt, die für die Kontrolle des Tariftreue- und Vergabegesetzes verantwortlich ist, muss personell aufgestockt werden, damit sie effektiv arbeiten kann. Gleiches gilt für die Gewerbeaufsicht.
  • Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist ein Bedrohungsszenario für viele Beschäftigte. Hier müssen Weiterbildungsangebote gestärkt und Umschulungen für andere Berufe niedrigschwellig angeboten werden, damit Arbeitnehmende diesen Weg gut begleitet und ohne finanzielles Risiko meistern können.
  • Besonders erfreulich ist, dass die Beschäftigten im Land Bremen eine ausgeprägte Toleranz gegenüber arbeitsmarktbezogener Zuwanderung zeigen. „Die Integration ausländischer Beschäftigter ist eine der wichtigsten Stellschrauben, um Ausländerfeindlichkeit entgegenzuwirken und die Demokratie zu stärken. Hier muss jeder Hebel in Bewegung gesetzt werden, um Migrant*innen den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Das heißt zum Beispiel: Die Finanzierung von Sprachkursen ist kein Luxus – sie muss langfristig abgesichert werden“, so Heyduck.

Zum Hintergrund der Studie:

Für die repräsentative Erhebung, die die Arbeitnehmerkammer seit 2017 alle zwei Jahre vom Sozialforschungsinstitut infas durchführen lässt, wurden zwischen Februar und Mai 2025 rund 3.300 Menschen befragt. Die aktuelle, fünfte Auflage enthält einen vom EFBI entwickelten Fragenkatalog zu Demokratie und Mitbestimmung – das Institut ist unter anderem für seine Studien zur Autoritarismusforschung überregional bekannt.

Die Kurzfassung der Studie „Gute Arbeitsbedingungen sichern die Demokratie“ finden Sie hier zum Download

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