Digitalisierung: Arbeitswelt in Bremen im schnellen Wandel

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Nur jede*r zehnte Beschäftigte in Bremen macht sich Sorgen, im Zuge der Digitalisierung den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. Gleichzeitig sehen zwar vier von fünf Arbeitnehmer*innen einen Bedarf an Weiterbildung. Sie werden von ihren Betrieben dabei bisher aber noch zu wenig unterstützt. Das zeigt eine Analyse der Beschäftigtenbefragung „Koordinaten der Arbeit im Land Bremen“. Für die Erhebung, welche die Arbeitnehmerkammer seit 2017 alle zwei Jahre vom Sozialforschungsinstitut infas durchführen lässt, wurden rund 3.300 Menschen befragt. Das Ergebnis: „Weniger als die Hälfte der Bremer Beschäftigten gibt an, sich im Betrieb weiterqualifizieren zu können. Hier sind die Arbeitgeber in der Pflicht, mehr zu leisten“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, Peer Rosenthal.

Kaum jemand arbeitet noch rein analog

Die Digitalisierung verändert die Tätigkeiten in nahezu allen Berufsgruppen: 94 Prozent der Beschäftigten im Land Bremen verwenden digitale Hilfsmittel bei der Arbeit, mehr als ein Fünftel nutzt schon heute im Arbeitsalltag künstliche Intelligenz – Tendenz steigend. Nur Helfer*innen arbeiten noch wesentlich häufiger rein analog und manuell: In Jobs, für die kein Berufsabschluss notwendig ist – etwa in der Lebensmittelbranche, dem Gastgewerbe oder den Reinigungsberufen – geben nur knapp 80 Prozent der Befragten an, digitale Technologien zu nutzen.

Die Folgen der Digitalisierung für die Beschäftigten in Bremen sind jedoch weder eindeutig positiv noch negativ zu bewerten. Mehr als jede*r Dritte sagt, dass sich die eigenen Aufgaben oder die Arbeitsorganisation in den vergangenen drei Jahren „stark gewandelt“ haben. Zwei Drittel dieser Beschäftigten berichten von einer Zunahme der gleichzeitig zu erledigenden Aufgaben, rund 40 Prozent sehen sich mit Informationsmengen konfrontiert, die für sie nur noch schwer zu verarbeiten sind. Das zeigt: Digitalisierung führt oft zu steigenden Anforderungen und Arbeitsverdichtung – es kommt also auf ihre konkrete Ausgestaltung an. Mehr als die Hälfte der betreffenden Beschäftigten erlebt im Arbeitsalltag eine spürbare Entlastung, nur 34 Prozent empfinden die technologischen Neuerungen eher als Belastung. Zugleich unterschätzen viele Beschäftigte, wie ersetzbar ihre Tätigkeit potenziell durch Automatisierung ist – besonders in der Fertigung, im Bereich Verkehr und Logistik sowie in Organisation und Führung. 

Beschäftigten drohen steigende Arbeitsbelastungen 

Im Zuge des digitalen Wandels besteht die Gefahr, dass sich die Bedingungen für viele Arbeitnehmende verschlechtern. „Wir müssen die Digitalisierung so organisieren, dass Beschäftigte vor negativen Auswirkungen wie steigenden Arbeitsbelastungen oder Überwachung geschützt und neue Möglichkeiten genutzt werden, um gute Arbeitsbedingungen zu schaffen“, sagt Rosenthal. Dazu gehören möglichst reduzierte Belastungen, soziales Miteinander, sinnstiftende Arbeit, gutes Einkommen und hohe Arbeitsplatzsicherheit. 

Ein Beispiel: Unter anderem setzt der intensive Wettbewerb mit dem Onlinehandel den stationären Einzelhandel unter Druck. Die Branche bietet zunehmend weniger Vollzeitstellen mit existenzsicherndem Einkommen. Durch die Digitalisierung – etwa in Form von Selbstscanner-Kassen – fallen immer mehr Tätigkeiten ganz weg. Viele Beschäftigte im Einzelhandel – oft Frauen – sind deshalb zu Recht verunsichert. „Stillstand können wir uns in Zeiten des digitalen Wandels nicht leisten. Wir brauchen innovative und vorausschauende Arbeitsmarktpolitik mit passgenauen Qualifizierungen“, so Rosenthal

Weiterbildung als Schlüssel – Betriebe hinken hinterher

Betrieben kommt eine wichtige Rolle zu, Weiterbildung ist der Schlüssel, um Digitalisierung nicht als Belastung zu erleben. Die Beschäftigtenbefragung zeigt: Mitbestimmung hilft. Arbeitnehmer*innen in Betrieben, die weder einen Betriebs- oder Personalrat noch einen Tarifvertrag haben, bekommen seltener Unterstützung (66 Prozent) als solche in mitbestimmten und/oder tarifgebundenen Unternehmen (73 Prozent).

71 Prozent der Beschäftigten, die große Veränderungen wahrnehmen, fühlen sich bei der Bewältigung der Digitalisierung von ihrem Betrieb unterstützt. 

Fast ein Drittel der Beschäftigten erfährt nach eigenen Aussagen keine unterstützenden Maßnahmen seitens des Arbeitgebers, mehr als ein Viertel konnten trotz hoher Bedarfe in den vergangene 24 Monaten nicht an einer Weiterbildung teilnehmen.

 

Forderungen der Arbeitnehmerkammer
 

  • Starke Mitbestimmung und Tarifbindung
    Gute Arbeit gibt es in der Regel nur, wenn Arbeitnehmende aktiv beteiligt sind: Der digitale Wandel muss beschäftigtenorientiert gestaltet werden. In Digitalisierungsfragen besteht zwar in der Regel eine Mitbestimmungspflicht. Die gesetzlichen Rechte betrieblicher Interessenvertretungen müssen aber in einer überfälligen Reform des Betriebsverfassungsgesetzes von 1972 ausgeweitet werden. „Gerade angesichts neuer gesetzlicher Initiativen auf EU-Ebene – vom AI-Act bis zum Digital Services Act – brauchen wir eine Stärkung nicht nur der Mitbestimmung, sondern auch der Tarifbindung“, so Rosenthal.
  • Recht auf Weiterbildung unabhängig vom Arbeitgeber 
    Weiterbildung und Qualifizierung sind zentral, damit Beschäftigte Schritt halten können. Arbeitgeber müssen sich stärker engagieren, Beschäftigte fördern und unterstützen. „Zusätzlich braucht es einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung für Arbeitnehmer*innen, der Freistellungen sowie eine auskömmliche Unterstützung beim Lebensunterhalt beinhaltet“, sagt Rosenthal.
  • Digitale Unternehmen dürfen sich nicht entziehen
     In der Plattformökonomie versuchen Unternehmen wie etwa Lieferdienste, sich Tarifverhandlungen zu verweigern oder betriebliche Mitbestimmung zu verhindern. Durch digitale Arbeitssteuerung und ohne echte Betriebsstätte sind Schutzrechte für Beschäftigte leicht auszuhebeln. Das muss dringend verhindert werden, unter anderem durch ein neues Betriebs- und Arbeitnehmerverständnis. „In der digitalen Ökonomie haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren sogar noch weiter verschlechtert – weil von Seiten der Politik keinerlei Grenzen eingezogen worden sind. Das muss sich dringend ändern“, sagt Rosenthal

 

Das KammerKompakt „Digitalisierung in Bremen: Arbeit im schnellen Wandel“ finden Sie hier zum Download

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