Kai Marquardsen

Drei Fragen an Armutsforscher

Prof. Dr. Kai Marquardsen ist Professor für Armut und soziale Ungleichheit an der Fachhochschule Kiel

Was ist mit "eigensinnigen Praktiken" langzeiterwerbsloser Menschen gemeint? Und warum ist es wichtig, die Perspektive des Eigensinns zu berücksichtigen, um die Lebenslagen langzeitarbeitsloser Menschen zu verstehen?

Eigensinn ist zunächst als Impuls und Bedürfnis von Menschen zu verstehen, in fremdbestimmten Situationen ihre eigene Handlungsfähigkeit zu behaupten. In Situationen und Kontexten, die durch Fremdbestimmung und soziale Missachtung gekennzeichnet sind, ist Eigensinn ein Ausdruck des Strebens, sich nicht selbst zu verlieren, handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig geht das niemals alleine, denn andere Menschen sind z.B. als Zeug*innen, aktiv Mitwirkende, Befürworter*innen oder Gegenspieler*innen in eigensinnige Praktiken involviert. In eigensinnigen Praktiken kommt die Suche nach Wertschätzung, Anerkennung und Unterstützung in einem in hohem Maße fremdbestimmten Alltag zum Ausdruck. Der Historiker Alf Lüdtke rekonstruiert dies am Beispiel des fordistischen Fabrikalltags, in dem die Arbeitenden offen oder verdeckt die Arbeitsdisziplin, die Regeln und die Überwachung unterlaufen. Ihr Handeln ist zumeist gar nicht als Widerstand gemeint, sondern eher ein reaktiver Impuls, um der Bedrohung der eigenen Handlungsfähigkeit etwas entgegenzusetzen. Eigensinnige Praktiken geben der Person im Moment des Handelns ein Stück ihrer Handlungsfähigkeit zurück, ändern aber nicht zwingend etwas an ihrer Situation. So können eigensinnige Praktiken auch in einer Übererfüllung der Regeln bestehen. Sie können auch negative Konsequenzen für Menschen haben, indem diese sich selbst und/oder anderen durch ihr Handeln schaden, weil sie z.B. riskieren, erwischt zu werden, oder anderen Menschen körperliches oder psychisches Leid zufügen.

Unsere Forschungen haben gezeigt, dass sich das Konzept des Eigensinns sehr gut dazu eignet, die Situation und das Handeln von langzeitarbeitslosen Menschen zu verstehen. Die Situation der dauerhaften Erwerbslosigkeit wird in vielerlei Hinsicht als fremdbestimmt empfunden. Menschen erleben die Langzeitarbeitslosigkeit als dauerhaften Mangel an materiellen Ressourcen, als Ausschluss von sozialer Teilhabe, als Abwertung und Stigmatisierung, die sie im öffentlichen Diskurs und in der Behandlung durch Behörden erfahren. Da sie diese Erfahrungen permanent machen, beginnen Menschen die Zumutungen dieser restriktiven Handlungsbedingungen zu durchbrechen oder zu umgehen. Das kann sich zum Beispiel darin ausdrücken, dass Menschen ihre Konformität mit behördlichen Regeln demonstrativ betonen oder Vorgaben stillschweigend unterlaufen; dass sie eigene Ziele und Interessen verfolgen, eine Umdeutung im Sinne einer Auf- oder Abwertung von Zielen und Handlungsmöglichkeiten vornehmen oder sich den Anforderungen des Alltags durch ‚abdriften‘ entziehen. Eigensinn hat viele Gesichter. Wichtig ist jedoch, die eigensinnigen Bewältigungsleistungen von Menschen in Armutslagen zu erkennen und als Versuche der Bewältigung eines fremdbestimmten Alltags auch anzuerkennen. Aus dieser Perspektive lässt sich in Verhaltensweisen, die von außen besehen als unverständlich oder irrational erscheinen, ein Sinn erkennen, ein Eigen-Sinn.

 Was trägt die Perspektive des Eigensinns dazu bei, die Umgangsweisen von Menschen mit den Anforderungen des Jobcenters besser zu verstehen?

Unter dem Einfluss einer aktivierenden Sozialpolitik sind das individuelle Verhalten bzw. individuelle Verhaltensänderungen zum Ziel politischer und behördlicher Maßnahmen geworden. Deren funktionalistische Perspektive bearbeitet nicht die Verhältnisse, in denen Menschen gezwungen sind zu leben, als das Problem, sondern die Unwilligkeit und fehlende Bereitschaft der Betroffenen mitzuwirken. Dies soll entsprechend durch positive oder negative Anreize beeinflusst werden. Der Blick auf das Phänomen des Eigensinns zeigt allerdings, dass diese politische und administrative Strategie nicht nur den sozialen Ausschluss von Menschen billigend in Kauf nimmt, sondern sich in ihr Gegenteil verkehren kann, wenn sie auf den Eigensinn ihrer Adressat*innen trifft: Unter dem Druck permanenter Ausschlusserfahrungen entwickeln Menschen vielfältige alternative Strategien der Herstellung von Zugehörigkeit und Teilhabe.

Das reicht zum Beispiel von einem aktiven Widerstand gegenüber den Zumutungen des Jobcenters, der Umdeutung der Situation durch die Suche nach alternativer Anerkennung und Wertschätzung in einem privaten sozialen Umfeld (z.B. Formen der Geselligkeit, gemeinsame Hobbies), bis hin zu Strategien der Selbstversorgung mit wenig Geld. Die Bandbreite an eigensinnigen Praktiken in der Langzeiterwerbslosigkeit ist groß. Ihr gemeinsamer Nenner besteht darin, dass Menschen vor dem Hintergrund dauerhafter Erfahrungen der Fremdbestimmung und des sozialen Ausschlusses (mehr oder weniger bewusst) Strategien entwickeln, um sich selbst zu behaupten und ihre Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Wie können Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik die eigensinnigen Praktiken langzeitarbeitsloser Menschen aufgreifen? Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Der Blick auf das Phänomen des Eigensinns macht deutlich, dass eine Politik, die Menschen abwertet, diskreditiert, sanktioniert, diszipliniert und gegen ihren Willen in eine fremdbestimmte Lebensführung nötigt, am falschen Hebel ansetzt, da sie nicht die Verhältnisse verändert, die den Ausschluss von Menschen verursachen, sondern am individuellen Verhalten derjenigen ansetzt, die unter diesen Verhältnissen am meisten zu leiden haben. Sie ist damit nicht nur unwirksam (wie die anhaltend hohe Zahl von Menschen in Armutslagen in Deutschland zeigt, sondern läuft sogar ihrer eigenen Intention zuwider, weil Menschen dem Druck dieser fremdbestimmten Anforderungen mit dem Impuls des Eigensinns begegnen. Statt ‚mehr Druck‘ bräuchte es Maßnahmen, die Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit und einer gelingenden Alltagsbewältigung unterstützen. Statt Zwang bräuchte es Wahlmöglichkeiten. Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sollte daher eine Politik der Ermöglichung sein, die den Eigensinn von Menschen erkennt und anerkennt und sie dazu befähigt, ein selbst bestimmtes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Mit der Umkehrung dieses Prinzips beschneidet die gegenwärtige Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik nicht nur langzeitarbeitslose Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit, sondern verschärft soziale Probleme anstatt ihnen entgegenzuwirken.