Branchen, Digitalisierung

Zwischen Scannerkasse, Niedriglohn und Dauerstress

Der Einzelhandel ist vielfältigen Veränderungen ausgesetzt. Was ist zu tun, um Arbeitsplätze zu sichern und die Bedingungen für Beschäftigte zu verbessern?

Die Bremer Innenstadt an der Obernstraße mit Blick auf den Dom

Die Bremer Innenstadt an der Obernstraße mit Blick auf den Dom

Die Schlange an der Supermarktkasse reicht schon wieder zurück bis zu den Kühlregalen – da geht es doch ­schneller, die paar Teile im Einkaufskorb eben selbst an der SB-Kasse zu scannen und zu bezahlen. So machen es inzwischen viele: Eine aktuelle Erhebung des Handels­forschungsinstituts EHI zeigt, dass sich die Zahl der sogenannten Self-Checkout-Systeme in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland mehr als verdoppelt hat. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend demnach im Lebensmittelhandel, wo inzwischen jede zehnte Kasse ohne professionelle Bedienung auskommt.

„Neben der ­Digitalisierung stellen auch der ­demografische ­Wandel und der anhaltende Fachkräftemangel große ­Herausforderungen dar.“
Josephine Assmus, iaw

An Beispielen wie diesem wird deutlich, dass die Digitalisierung auch auf den Einzelhandel erheb­liche Auswirkungen hat. Doch das ist noch lange nicht alles, was die ­Branche derzeit beschäftigt: „Sie befindet sich ins­gesamt in einem tiefgreifenden ­Wandel“, berichtet Josephine Assmus vom ­Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. „Neben der Digitalisierung stellen auch der demografische Wandel und der anhaltende Fachkräftemangel große Herausforderungen dar.“ In einem aktuellen Branchen­bericht hat die Wissenschaftlerin am ­Beispiel des Landes Bremen untersucht, was das konkret für die Beschäftigten bedeutet und welche Qualifikationen sie in Zukunft brauchen.

Die Ergebnisse zeigen, dass neue Technologien aus Sicht der Arbeitnehmenden ein zweischneidiges Schwert sind. Während Automatisierung und digitale Assistenzsysteme Tätigkeiten verändern und körperlich anstrengende Arbeiten erleichtern könnten, würden sie zugleich manches komplexer machen, erläutert Assmus. „Damit sich die Arbeitsbedingungen durch den Wandel nicht verschlechtern, brauchen wir starke Betriebsräte, gute Weiterbildungsan­gebote und mehr Tarifverträge“, macht sie deutlich. Der Einzelhandel sei geprägt von einem hohen Frauen­anteil, niedrigen Löhnen und unsicheren Beschäftigungsver­hältnissen: „Darum müssen Quali­fi­zierung und Weiterbildung als zentrale Handlungs­felder gestärkt und gezielt auch Frauen zugänglich gemacht werden. Nur so ­lassen sich deren Beschäftigungsperspektiven und Teilhabechancen lang­fristig sichern.“

„Von guter Arbeit keine Spur“

Dass hier akuter Handlungsbedarf besteht, belegen eindrücklich die aktuellen Ergebnisse einer bundes­weiten Befragung der Gewerkschaft ver.di. Demnach würden fast zwei ­Drittel der Beschäftigten im Einzelhandel den Arbeitgeber wechseln, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. „Von guter Arbeit ist keine Spur im Handel“, heißt es in der schriftlichen Zusammenfassung. „Stattdessen: katastrophale Arbeitsbedingungen, schlechte Löhne und eine Digitalisierung, die nicht entlastet, sondern Beschäftigte zusätzlich belastet.“ Laut Befragung halten fast vier von fünf Beschäftigten ihren Lohn angesichts ihrer Arbeitsleistung für in erheblichem Maße unzureichend. Jede*r Fünfte gibt an, dass das Einkommen schon jetzt zum Leben nicht ausreiche – und sogar 68 Prozent der Befragten gehen davon aus, später mit der gesetzlichen Rente nicht über die Runden zu kommen. Ebenfalls gut zwei von drei Beschäftigten fühlen sich in hohem oder sehr hohem Maße durch ihre Arbeit gesundheitlich be­­lastet. Und zu allem Überfluss sieht sich auch noch rund die Hälfte regelmäßig herab­lassender Behandlung ausgesetzt – sowohl von Vorgesetzten als auch von Kund*innen.

„Tarifverträge sind der Schlüssel für sichere ­Arbeitsplätze, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen.“
Marion Salot, Arbeitnehmerkammer

Inhaltlich sei sie von den Ergebnissen der Befragung nicht ­wirklich überrascht, sagt Sandra Schmidt, stell­vertretende Leiterin des Fach­bereichs Handel im ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-­Bremen. „Das bestätigt, was wir in unserer täglichen Arbeit wahrnehmen und auch immer wieder von den Kolleg*innen erzählt bekommen. Dass es so extrem ist, hat mich dann aber doch ein bisschen erschreckt.“ Um Verbesserungen zu erreichen, müsse der Druck auf die Arbeitgeber erhöht werden, ist die Gewerkschafterin überzeugt – und zwar nicht nur von den Arbeitnehmenden, sondern auch von politischer und recht­licher Seite. So sei mit Blick auf die Folgen der Digitalisierung eine Reform des Betriebsverfassungs­gesetzes vonnöten. „Vielen Beschäftigten ist noch nicht bewusst, wie sehr sich die Arbeitswelt im Handel verändern wird – und dass auch Arbeitsplätze wegfallen werden“, er­­läutert Schmidt. „Wir brauchen darum mehr Mitbestimmung, um die digitale Transformation aktiv mitzu­gestalten.“

Tarifverträge sind der Schlüssel

Mit fast 30.000 Beschäftigten ist der Einzelhandel eine der größten Branchen im Land Bremen. Wie sehr sich die Arbeitsbedingungen hier in den vergangenen Jahren verändert haben, werde in der Öffentlichkeit allerdings viel zu selten diskutiert, meint Marion Salot, Referentin der Geschäftsführung bei der Arbeitnehmerkammer. „Dabei wäre es wichtig, dass die Politik auch diese Branche stärker in den Blick nimmt.“ Besonders problematisch ist aus ihrer Sicht, dass inzwischen nicht einmal mehr jede*r vierte Beschäftigte im Einzelhandel in einem Betrieb arbeitet, der einen Tarifvertrag anwendet. „Dabei sind Tarifverträge der Schlüssel für sichere Arbeitsplätze, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen“, betont Salot. „Wir brauchen darum dringend wieder eine höhere Tarifbindung – und bestenfalls allgemeinverbindliche Tarifverträge.“

Angesichts der Tatsache, dass es im Einzelhandel mittlerweile mehr Teilzeit- als Vollzeitjobs gebe, brauche es darüber hinaus wieder mehr existenz­sichernde Arbeitsplätze in Vollzeit: insbesondere für Frauen. Und auch die Schaffung guter Weiterbildungs­möglichkeiten sei entscheidend, damit die Beschäftigten mit der Digitalisierung Schritt halten könnten. „Uns muss allerdings auch klar sein, dass es Menschen geben wird, die in der Branche keine Perspektive mehr für sich sehen“, sagt die Referentin. „Auch sie benötigen Unterstützung dabei, einen anderen Beruf zu erlernen und diesen Übergang finanziell zu stemmen.“ Aktuell gebe es hier eine große Förderlücke, die dringend zu schließen sei.

Weitere Informationen

Die Abteilung Mitbestimmung und Technologieberatung der Arbeitnehmerkammer berät auch Beschäftigte, die einen Betriebsrat gründen wollen.

Zur Mitbestimmung und Technologieberatung

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