Familie

Vorbild Führungskraft

Wenn familienfreundliche Unternehmen neben den Müttern auch Väter im Blick haben, gehen Letztere häufiger in Elternzeit. Eine ­Schlüsselrolle spielen dabei die Führungskräfte.

Küchenchef Benjamin Weiß steht mit verschränkten Armen vor einem Tisch, an dem seine Kinder sitzen

Küchenchef Benjamin Weiß hätte sich damals mehr ­Unterstützung ­seines ­Arbeitgebers gewünscht, ist aber als ­Leitung der ­Kantine selbst nun zum ­Vorbild für Vereinbarkeit geworden.

Der Vater geht arbeiten, die Mutter kümmert sich um die Kinder: Gerade für viele junge Menschen passt ­dieses überkommene Rollenbild nicht zur Vorstellung einer modernen ­Familie. „­Männer wollen nicht mehr auf die Rolle als Familienernährer reduziert werden, sondern sich aktiv an der Familienarbeit beteiligen und mehr Zeit für ihre Kinder haben“, sagt ­Volker Baisch, Experte für Verein­barkeit von Beruf und Familie aus Vätersicht. Das haben auch viele Betriebe erkannt: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ermutigen immer mehr Unternehmen männliche Führungskräfte dazu, in Elternzeit zu gehen. Demnach gaben rund 34 Prozent der Betriebe an, männlichen Chefs die Elternzeit explizit anzubieten. 2015 waren es noch rund 17 Prozent – die Zahl hat sich also verdoppelt. Für Kammer-­Experte Thomas Schwarzer ist das eine erfreuliche Entwicklung: „Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch bei Vätern trägt maßgeblich zur Gleichstellung und Fachkräftesicherung bei. Wenn Frauen (mehr) arbeiten können, profitieren davon Unter­nehmen und die Wirtschaft insgesamt.“

„Unternehmen ­müssen ihre ­Personalpolitik ­stärker an den ­Erwartungen der Väter ausrichten. […] Für eine gute ­Vereinbarkeit reicht
es nicht aus, ­fördernde ­Maßnahmen für Frauen ­bereitzuhalten.“
Thomas Schwarzer, ­Arbeitnehmerkammer Bremen

Trotzdem nehmen Väter weiterhin deutlich kürzere Elternzeiten als ­Mütter. In Deutschland wird zwar statistisch nicht erfasst, wie viele Väter Elternzeit ­nehmen, dafür aber wie viele ­Männer und Frauen Elterngeld beantragen: 46 Prozent der Väter beziehen Elterngeld – und damit immerhin doppelt so viele wie vor 15 Jahren. Davon bleiben allerdings die wenigsten Väter länger zu Hause, im Durchschnitt beziehen sie 2,8 Monate Elterngeld. „Das liegt weniger an mangelndem Engagement, sondern an der Realität im Arbeitsleben“, sagt Volker Baisch, Gründer des Väternetzwerks Conpadres. In einer von ­Conpadres initiierten Studie wurden mehr als 1.000 Mütter und Väter nach ihren Vorstellungen von einem Leben mit sowohl Beruf als auch Familie gefragt und welche Anforderungen sie an ihre Arbeitgeber in Bezug auf Vereinbarkeit stellen. Darin gibt mehr als jeder zweite Vater an, dass er sich durch beruflichen Druck oder fehlende Unterstützung im Unternehmen eingeschränkt fühlt.

So erging es auch Benjamin Weiß. Der Küchenchef aus Bremen leitet ein Team aus unter zehn Mitar­beiter*innen einer kleinen Kantine. Als Weiß und seine Frau 2015 das erste Mal Eltern wurden, stand schnell fest, dass sie sich nach der Geburt ihrer Tochter partnerschaftlich aufteilen und beide Elternzeit nehmen wollten: „Es war mir wichtig, als Familie gemeinsam gut anzukommen“, sagt der 40-Jährige. Männliche Angestellte, die Elternzeit nehmen, waren seinerzeit ein Novum im Betrieb. Der Unternehmenschef reagierte entsprechend eher verhalten auf den Wunsch seines Mitarbeiters, zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Die Reaktion verunsicherte Weiß: „Danach hatte ich Zweifel wegen meiner Entscheidung“, berichtet der Angestellte aus Bremen.

„Wenn ­Führungskräfte sichtbar sagen: ‚Ich nehme Elternzeit, weil mir Familie ­wichtig ist‘, ­verändert das die ­Kultur im gesamten ­Unternehmen.“
Volker Baisch, Experte für Vereinbarkeit von Beruf und Familie

„Wenn Frauen Elternzeit nehmen, wird das oft als selbstverständlich wahrgenommen“, sagt Väterzeit-­Experte Volker Baisch. „Wenn Männer dasselbe tun, stoßen sie häufig auf Überraschung oder gar Skepsis.“ Die Frage, wie selbstverständlich Vereinbarkeit in den Unternehmen gelebt wird, hängt dabei stark von den Führungskräften ab, betont Kammer-­Experte Thomas Schwarzer: „Die Führungskräfte der Unternehmen spielen eine entscheidende Rolle bei der Frage nach der Vereinbarkeit. Sie prägen die Unternehmens- beziehungsweise Abteilungskultur, dienen als konkrete Vor­bilder im Alltag und entscheiden über die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit.“ Die Entscheidung von Vätern, in Elternzeit zu gehen, hängt stark vom Betrieb ab.

Küchenchef Benjamin Weiß hätte sich damals mehr Unterstützung seines Arbeitgebers gewünscht, ist aber als Leitung der Kantine selbst nun zum Vorbild für Vereinbarkeit geworden. Seit seiner ersten Elternzeit vor zehn Jahren gibt es nicht nur in den übrigen Kantinen des Unternehmens mehr Elternzeitanträge, auch ein paar seiner Kolleg*innen haben nach ihm Elternzeit genommen – darunter zwei Väter. Wie wichtig es ist, als Führungskraft mit gutem Vorbild voranzugehen, verdeutlicht Väterzeit-Experte Volker Baisch: „Nutzt der eigene Vorgesetzte beispielsweise die Möglichkeit, in Elternzeit zu gehen oder in Teilzeit zu arbeiten, haben die ihm unterstellten Väter weniger Sorge, Karriereeinbußen zu erfahren. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich mehr in der Familienarbeit engagieren.“ In etwa vier von zehn Unternehmen werde Elternzeit für Väter heute aktiv unterstützt, berichtet Baisch: durch klare Vertretungsregeln, verständnisvolle Führungskräfte und eine offene Kommunikation. „Aber es gibt noch Nachholbedarf“, mahnt der Experte.

„Ich hatte feste ­Rollenbilder im Kopf und das Gefühl, ich müsste der ­Versorger sein.“
Felix Bodermann, Vater

Laut dem Väterreport von 2023 wünschen sich zwar knapp zwei Drittel der Väter mehr gemeinsame Zeit mit den Kindern, nehmen aber weiterhin deutlich kürzere Elternzeiten. Angestellte mit Führungsverantwortung befänden sich in einem besonderen Dilemma, sagt Volker Baisch: „Gerade in Führungs­positionen spielt die Erwartung, immer verfügbar zu sein, eine große Rolle.“ So ging es auch Benjamin Weiß, der 2018 zum zweiten Mal Vater wurde. Bei beiden Töchtern nahm er sich jeweils zwei Monate Elternzeit. „Ich hätte mir gern länger Elternzeit genommen“, berichtet er. „In Unternehmen mit kleinen Teams ist das aber kaum möglich.“ Fehlt er als Küchenchef, müssen die anderen Mitarbeiter*innen seine Arbeit über­nehmen. An Weiß nagte das schlechte Gewissen, eine längere Elternzeit kam für ihn nicht infrage. „Die Arbeit ist ja auch mein Baby“, sagt er. „Viele Väter er­­leben Vereinbarkeit als ständigen Balanceakt zwischen Verantwortung und Präsenz“, sagt Volker Baisch. „Diese mentale Daueranspannung kann langfristig belastend sein.“

Handlungsbedarf sieht Kammer-Experte Thomas Schwarzer vor allem bei den Betrieben: „Unternehmen müssen ihre Personalpolitik stärker an den Erwartungen der Väter ausrichten“, sagt er. „Für eine gute Vereinbarkeit reicht es nicht aus, fördernde Maßnahmen für Frauen bereitzu­halten. Betriebliche Väterfreundlichkeit wird erst dann wirksam, wenn Maßnahmen in eine väterbewusste Unternehmenskultur eingebettet sind und die An­­liegen der Väter in regelmäßigen Mitarbeitergesprächen angesprochen und von den Vorgesetzten ernst genommen werden.“ In der Studie der prognos AG „Wie väterfreundlich ist die deutsche Wirtschaft?“ von 2022 geben 41 Prozent der Unternehmen an, das Thema Vereinbarkeit werde in jährlichen Mitarbeitergesprächen erörtert. Doch lediglich jeder fünfte Vater be­­stätigt, dass es so ist.

Doch nicht allein die Unternehmen selbst stehen den Vätern im Weg. Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu, warum Väter in Führungspositionen mehr zögern, Elternzeit zu nehmen. „Das hat viel mit Rollenbildern zu tun, die sich nur langsam verändern“, sagt Volker Baisch. 62 Prozent der Väter in leitenden Positionen geben in seiner Befragung an, dass sie einen inneren Konflikt spüren: „Auf der einen Seite steht der Wunsch, für die Familie da zu sein, auf der anderen die Angst, an Karriere­geschwindigkeit zu ver­lieren.“ So ging es auch Felix Bodermann. Im Jahr 2019 stand bei dem Arbeit­nehmer aus Bremen und seiner Frau die Geburt der gemeinsamen Zwillingstöchter bevor. Auf die ­Familie warteten ­herausfordernde Zeiten, die sie sich partnerschaftlich aufteilen wollten. Doch das Thema Vereinbarkeit spielte in Bodermanns Betrieb zum damaligen Zeitpunkt eher eine untergeordnete Rolle. Als Niederlassungsleiter hatte er den Eindruck, es komme vor allem auf seine berufliche Performance an. Die Entscheidung, sich letztlich zwei Monate Elternzeit zu nehmen, fiel dem 39-­Jährigen schwer: „Ich hatte feste Rollenbilder im Kopf und das Gefühl, ich müsste der Versorger sein“, erinnert er sich. „Außerdem habe ich sehr mit mir gerungen, ob ich das in meiner beruflichen Position darf. Vereinbarkeit von Familie und Beruf war in der Unternehmenskultur noch nicht fest verankert. Dass ich mich bewusst für zwei Monate rausnehme, war deshalb eine sehr schwierige Entscheidung, die mich viel Mut gekostet hat“, berichtet Bodermann. Die Reaktionen der Führung und des Teams seien allerdings positiv gewesen.

Auch bei diesem Thema sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Über 80 Prozent der Väter, die Elternzeit genommen haben, berichten von keinen negativen Folgen für ihre ­Karriere. Baisch: „Was Karrieren wirklich bremst, ist nicht die Pause, sondern die Angst davor.“ Heute ist der Bremer Familienvater Felix Bodermann froh über seine Entscheidung, sich Elternzeit genommen zu haben: „Es war gut, dass ich das gemacht habe. Hinter­her habe ich mich selbst gefragt, warum ich so verbohrte Einstellungen und ver­altete Denkmuster hatte.“ Für den Arbeitnehmer war diese Erkenntnis letztlich nicht nur mit einem Sicht-, sondern auch mit einem Arbeitgeberwechsel ver­bunden. „Ich war auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit mit einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, erzählt er. Als die Zwillinge ein halbes Jahr alt waren, wechselte er schließlich die Firma.

Mit dieser Entscheidung ist Bodermann nicht allein: „Wie wichtig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für viele Väter ist, zeigt sich in ihrer aktiven Bereitschaft, die Arbeitsstelle zu wechseln“, sagt Kammer-­Experte Thomas Schwarzer. Die dafür grundlegende Studie der prognos AG zeigt, dass rund 450.000 Väter schon einmal den Arbeitgeber zugunsten einer besseren Vereinbarkeit gewechselt haben. Und mehr als 1,7 Millionen Väter denken häufig oder zumindest manchmal darüber nach. „Die hohe Wechselbereitschaft ist angesichts des Fachkräfte­mangels ein großes Unternehmens­risiko“, mahnt Schwarzer. Heute ar­beitet ­Bodermann als Vertriebs­leiter bei einem Präventionsan­bieter für Arbeitsschutz. 2021 wurde er erneut Vater. „Bei ­meinem Sohn war die Elternzeit von Anfang an fest geplant“, berichtet er. „­Kolleg*innen und Vorgesetzte merken, mit welcher Sicherheit man seinen Wunsch nach Elternzeit vorbringt. Heute gehe ich mit größerer Sicherheit in solche Gespräche.“ Für Väterzeit-­Experte Volker Baisch ist das eine erfreu­liche Entwicklung: „Wenn Führungs­kräfte sichtbar sagen: ‚Ich nehme Elternzeit, weil mir Familie wichtig ist‘, verändert das die ­Kultur im gesamten Unternehmen.“

Väterfreundliche Arbeitgeber? Noch deutlich Luft nach oben

Kommentar von Thomas ­Schwarzer, ­Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen

Studien zeigen: das Engagement der meisten Unternehmen beim Thema Väterfreundlichkeit reicht nicht aus. Es gibt zwar nicht „die“ Unternehmen und auch nicht „die“ Väter – doch 67 Prozent der Betriebe bezeichnen sich selbst als sehr väterfreundlich, wohingegen lediglich 38 Prozent der Väter diese Ansicht teilen. Mittlerweile gibt es zwar bei den meisten Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen, sie richten sich jedoch über­wiegend an Mütter.

Das es auch anders geht, zeigt immerhin rund jedes vierte Unternehmen, in dem Väterfreundlichkeit in der Unternehmenskultur verankert ist. Es sind dort vor allem die Führungskräfte, die eine Schlüsselfunktion haben: Geht der eigene Vorgesetzte mit gutem Beispiel voran, nimmt selbst Elternzeit oder arbeitet in Teilzeit, erleichtert das den Vätern, ihre Tätigkeit auch zugunsten von Familien­aufgaben (zeitlich begrenzt) zu reduzieren.

Nach fast 18 Jahren Elternzeit- und Elterngeldgesetz überrascht das Zögern der Väter, ihr Recht auf Elternzeit und Teilzeit offensiv in Anspruch zu nehmen. Denn die Sorgen, mit einer Auszeit oder einer Teilzeitphase könnte das berufliche Fort­kommen gefährdet sein, haben viele ­Mütter ja genauso.

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