Ausbildung, Weiterbildung

Nah am Menschen

Ob jung oder alt – Beschäftigte der Sozialen Arbeit begleiten ­Menschen in allen Lebenslagen. An der Hochschule Bremen ist der Studiengang stark nachgefragt. Für das BAM berichten Fachkräfte aus ihrem Berufsalltag

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und gestikuliert mit den Händen.

Im zweiten Anlauf hat Saskia Barbe ihr berufliches Glück gefunden: Nach abgebrochenem Lehramtsstudium wechselte die 34-Jährige durch ihre Nebentätigkeit als Streetworkerin in die Soziale Arbeit und begleitet jetzt Jugendliche im Strafverfahren.

Im zweiten Anlauf hat Saskia Barbe ihr berufliches Glück gefunden: Nach abgebrochenem Lehramtsstudium wechselte die 34-Jährige durch ihre Nebentätigkeit als Streetworkerin in die Soziale Arbeit und begleitet jetzt Jugendliche im Strafverfahren.

Die Bremerin wählte das duale ­Studium. Den Praxisbezug, das Gehalt, das bezahlte Studium und das weg­fallende Anerkennungsjahr sieht sie als Privileg. Im Amt für Soziale Dienste fand Barbe ihre Praxisstelle und ihren künftigen Arbeitgeber. „Das ist genau mein Team, bei dem ich gern bleiben wollte“, sagt sie.

Barbe betreut rund 200 straf­fällig gewordene Jugendliche, die Vorwürfe reichen von Mundraub bis zu versuchtem Mord. Die Sozialarbeiterin betont: „Jugendliche machen ­Fehler. Sie ­bleiben nicht ein Leben lang krimi­nell.“ Auffällig sei dagegen, dass der überwiegende Teil der Klient*innen ­männlich sei.

Das Jugendstrafrecht setzt auf Er­ziehung statt auf Bestrafung. Hier kommt der 34-Jährigen eine wichti­­ge Rolle zu. Sie bespricht mit ihren Klient*innen die Lebenssituation. „Es geht nicht darum, ob sie schuldig sind, sondern wie sie jetzt zur Tat ­stehen“, beschreibt sie. Im Gerichtsverfahren bringt sie ihre Expertise und einen Vorschlag für das Urteil ein: Sozialstunden, Täter-­Opfer-Ausgleich mit Aufarbei­tung der Tat oder weitere Unter­stützung.

Orientierung für den Lebensweg

Für ein anderes Handlungsfeld hat sich Guillaume Titipo entschieden. Nach sechs Semestern Soziologiestudium in Togo kam er Anfang der 2000er-Jahre nach Bremen, studierte zunächst zwei Semester weiter. Dann erfuhr er vom Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen.

Als Anwohner in Tenever und später Sozialarbeiter in der dortigen Gemeinwesenarbeit begleitete Titipo um 2009 einen fundamentalen Struktur­wandel. „Das war damals ein Brennpunkt“, erinnert sich der 44-Jährige an düstere Zeiten, die das Quartier lange hinter sich gelassen hat.

„Das Ziel ist, dass sich die Jugendlichen in dieser für sie neuen Gesellschaft selbst finden können.“

Guillaume Titipo

Seit nunmehr 15 Jahren arbeitet Titipo bei der Hans-Wendt-Stiftung in Jugendwohngruppen mit männlichen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. „Ich fand das spannend und ­passend zu meiner Biografie“, sagt er. Ziel sei, dass sich die Jugendlichen in dieser – für sie neuen – Gesellschaft selbst finden könnten. Über seinen Beruf sagt Titipo: „Wir sind Ersatz­eltern für die, die wir tagtäglich be­­gleiten.“

Dafür decken die Sozialar­beiter*innen alle Aspekte ab: bei Bedarf morgens wecken, bei Krankheit den Hausarzt anrufen, bei schulischen Angelegen­heiten oder der Freizeitgestaltung unterstützen und Hilfen organisieren, sollten sie auf Abwege geraten. Hinzu kommt die Verwaltungsarbeit. In zwei Teams beschäftigt die Hans-Wendt-­Stiftung für den Dreischichtbetrieb tagsüber fünf und im Nachtdienst ­sieben Mitarbeiter*innen für acht Jugendliche.

Fachkräftemangel trotz großen Interesses

An der Hochschule Bremen ist der Bachelorstudiengang Soziale Arbeit der gefragteste. Auf 120 Plätze ­kommen 800 Bewerbungen. Für die 40 Plätze im dualen Studium gehen rund 300 Bewerbungen ein. „Viele sind die Ersten in ihrer Familie, die studieren, oder haben stationsreiche Bio­grafien“, sagt Sabine Wagenblass. Zudem sei die Altersspanne mit 17 bis 52 Jahren groß. Rund 70 Prozent sind weiblich.

Die Studierenden eint ein Ziel: „Viele wollen als Berufsperspektive etwas Sinnstiftendes.“ Mit der generalistischen Lehre böten sich viele Möglich­keiten. Zudem seien verschiedene Arbeitszeitmodelle und Wechsel in verschiedene Handlungsfelder ­möglich; angesichts des gravierenden Fach­kräfte­­mangels relativ einfach. „Die Berufsaussichten sind hervorragend“, sagt die Professorin.

Zudem kooperiert die Hochschule mit den Sozialträgern. Das theoretische Studium geht so nahtlos in praktische Einblicke über und im Masterstudium mit preisgekrönter Praxisforschung ­einher.

Zwischen Nähe und ­professioneller Distanz

Die Vielfalt des Berufs hat auch ­Katharina Barwig kennengelernt. Bereits als Jugendliche organisierte sie unter anderem Zeltlager. Über den Freiwilligendienst in einer Jugendbildungsstätte fand sie in die Soziale Arbeit. Nebenbei sammelte sie weiter Erfahrung, als sie Freizeiten für Menschen mit Behinderungen begleitete, mit Kindern geflüchteter Eltern arbeitete oder ein Praxissemester in der teilstationären Jugendhilfe absolvierte.

Inzwischen arbeitet die Sozial­pädagogin in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe bei Petri und Eichen. „Man muss sehr strukturiert sein“, sagt sie über die Tätigkeit, die ihr viele Freiheiten bei der zeitlichen Gestaltung gibt. Dafür erhält die 26-Jährige An­­fragen vom Jugendamt und bekommt – abhängig vom Hilfeplan – Stundenkontingente zugeteilt, um die ­Familien zu unterstützen. Vom Behörden­antrag über Aktivitäten mit den Kindern bis hin zur Erziehungsberatung deckt sie ein breites Spektrum ab. Das Ziel: „Hilfe zur Selbsthilfe.“

Die Fachkräfte eint das Interesse an der Arbeit mit Menschen. „Man hofft, die Welt ein bisschen besser machen zu können, auch wenn es nur im ­Kleinen ist“, sagt Saskia Barbe. Unisono ­weisen sie auf das Spannungsfeld ­zwischen Nähe und professioneller Distanz hin. Das wird bei Guillaume Titipo in der stationären Jugendhilfe deutlich.
„Wir sind da, um die Jugendlichen in einem bestimmten Rahmen zu be­­gleiten. Wir sind keine Freunde oder Familien­mitglieder“, sagt er. Gleichwohl erzählt er von einem „wunderbaren Gefühl“, wenn er sieht, wie die ehemaligen Bewohner später ihren Lebensweg gehen.

Alle betonen die vernetzte Arbeit im Verbund mit verschiedenen Trägern und Professionen, um die Menschen bestmöglich zu unterstützen.

Dabei mussten die Fachkräfte selbst so manche Hürde über­winden. Titipo beschreibt das Studium als „schwierige Zeit für mich“. Anfang der 2000er-Jahre war es als einziger ausländischer Student nicht einfach, in der Gruppe Anschluss zu finden. Bei Barwig war es die Pandemie, die den persönlichen Austausch erschwerte. Gleichwohl hat es sich gelohnt, durchzuhalten. „Das theoretische Wissen ist essenziell und wird durch die praktische Erfahrung gefestigt“, umreißt sie den Vorzug des Studiums.

Zurück