BAM Magazin

„Durch Sicherheit setzen wir deutlich mehr Potenziale frei“

Psychologische Sicherheit ist ein zentraler Faktor für den Erfolg eines Teams, sagt Guido Hertel von der Universität Münster

Auf einem Tisch stehen Kärtchen mit der Überschrift Lob und Kritik.

Psychologische Sicherheit im Team sorgt dafür, dass Menschen sich wohlfühlen.

Herr Hertel, was ist unter psychologischer Sicherheit im Team zu verstehen?

Guido Hertel: Grundsätzlich ist damit gemeint, dass Teammitglieder das Gefühl haben, sich offen äußern zu ­können – dass sie vor den anderen zum Beispiel ihre Bedenken äußern und sich auch verletzlich zeigen können, ohne dafür negative Reaktionen oder Sanktionen befürchten zu müssen. Psychologische Sicherheit ist sehr wichtig: Wenn ich immer aufpassen muss, nicht ausgenutzt zu werden, und wenn ich immer das Gefühl habe, nichts Falsches sagen zu dürfen, dann führt das letztlich dazu, dass Teams ihr ­volles Potenzial nicht abrufen können. Eigentlich haben Teams durch die vielen Köpfe das Potenzial, besonders gute Entscheidungen zu treffen: Aber das funktioniert nur, wenn auch alle Informationen geäußert und berücksichtigt werden, und dafür ist das Gefühl von Sicherheit zentral.

Wie wirkt so eine psychologische Sicherheit?

Unmittelbar bewirkt sie, dass Personen sich wohlfühlen, dass Bindung und Identifikation entstehen – und dadurch auch ein Commitment, sich für das Team einzusetzen. Darüber hinaus ermöglicht diese Sicherheit, dass wesentlich breiter sowohl Informationen und Bedenken berücksichtigt werden als auch neue Ideen. Damit hat das Team mehr Informationen zur Verfügung, um gute Entscheidungen zu treffen und komplexe Situationen einzuordnen. Und nicht zuletzt braucht es eine sichere Atmosphäre, damit Teammitglieder sich gegenseitig unterstützen und um Hilfe bitten können.

Warum ist es noch wichtig, dass Mitglieder eines Teams diese Art von Sicherheit haben?

Weil sie dann wesentlich eher bereit sind, in Vorleistung zu gehen. Also Dinge für die anderen mitzumachen oder mitzudenken, Initiative zu ergreifen oder Engagement zu ­zeigen, ohne das sofort aufzurechnen. Wenn ich die Sicherheit habe, dass es im Team fair läuft, kann ich wesentlich mehr darauf vertrauen, dass ich nicht ausgebeutet werde und dass meine Leistung auch tatsächlich gesehen und gewürdigt wird. Insofern hängen die Themen Sicherheit im Team und Vertrauen gegenüber den einzelnen Teammitgliedern eng zusammen.

Wie sieht eine konstruktive Fehlerkultur aus und warum ist sie wichtig?

Die ist zum einen sehr wichtig, um Lernprozesse und Innovation zu ermöglichen. Zum anderen aber auch, um Dinge zu erkennen, die nur einige sehen oder die keine Mehrheitsmeinung sind. Genau das brauchen Teams, um wirklich erfolgreich zu arbeiten und ihr Potenzial abzurufen: Sie brauchen Dissens beziehungsweise die Möglichkeit zum Dissens, und das erfordert eben Sicherheit. Eine konstruktive Fehlerkultur sieht so aus, dass die Gruppe Fehler gemeinsam und ohne öffentliche Schuldzuweisungen zu verstehen versucht und aus ihnen lernt, damit sie nicht wieder passieren. Das setzt einen respektvollen Umgang voraus, und zwar sowohl vonseiten der Führungskräfte als auch im Team selbst.

Ein Mann mit Brille lächelt in die Kamera.
Es bringt nichts, Dinge schönzureden. Entscheidend ist, genau hinzuschauen und die Aufgabe konstruktiv zu lösen.
Prof. Guido Hertel
Inhaber des ­Lehrstuhls für Organisations- und Wirtschafts­psychologie an der ­Universität Münster

Welche Rolle spielen Führungskräfte bei alledem und was können Arbeitnehmende selbst für mehr Sicherheit im Team tun?

Letztlich ist es ein wesentliches Element von Führung, die erforderlichen Werte nicht nur zu kommunizieren, sondern sie auch vorzuleben. Die Vorbildwirkung ist hier immens, denn Mitarbeitende schauen sich immer an, wie sich die Führungskraft verhält und welche Maßstäbe sie anlegt. Das können sie dann aufnehmen und sich entsprechend verhalten. Veränderungen in die andere Richtung sind schwieriger, aber nicht unmöglich. Unter anderem ließe sich das Gespräch mit der Führungskraft suchen, um eigene Wünsche und Vorstellungen deutlich zu machen und dann im Team umzusetzen.

Respekt und Vertrauen haben Sie als wichtige Grundlagen schon benannt. Wie sieht es mit Aufrichtigkeit aus?

Auf jeden Fall, die ist auch ganz wichtig. Es ist ja nicht so, dass Fehler nicht adressiert werden sollen, im Gegenteil. Es geht nur um die Art und Weise, wie ich sie adressiere. Und zwar nicht, indem ich Personen an den Pranger stelle. Natürlich kann es sein, dass einzelne Personen nicht qualifiziert genug sind oder dass sie in einer bestimmten Situation nicht achtsam waren oder zu viel auf einmal versucht haben. Genau das sind dann die konstruktiven Wege zu verstehen, warum unerwünschte Dinge passiert sind – und wo sich ansetzen lässt, um sie für die Zukunft abzustellen. Es bringt nichts, Dinge schönzureden. Sondern entscheidend ist, genau hinzuschauen und die Aufgabe konstruktiv zu lösen.

Was bedeutet es für Leistung und Motivation, wenn eine Atmosphäre der Sicherheit im Team herrscht – oder eben auch nicht herrscht?

Was die Leistung angeht: Durch Sicherheit setzen wir deutlich mehr Potenziale frei, die Personen mitbringen und die insbesondere in Teams existieren, sofern sie nicht durch eine fehlende Sicherheit blockiert sind. Gerade wenn es um Innovation, Kreativität und zusätzliches Engagement geht, muss ich ein hohes Maß an Sicherheit vermitteln und dafür sorgen, dass Personen nicht bloßgestellt oder ausgenutzt werden. Und was die Motivation angeht, ist es nicht anders. Wenn ich mich sicher fühle, traue ich mir mehr Engagement zu und entwickele auch mehr intrinsische Motivation, also Spaß an der Aufgabe, als wenn ich die ganze Zeit zusätz­liche Energien brauche, um mich abzusichern, weil ich Angst habe.

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