Pflegekräfte zurückgewinnen

- mit besseren Arbeitsbedingungen

Die Pflegebranche sucht händeringend Personal, und das nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Eine aktuelle Studie der Arbeitnehmerkammer zeigt: Viele Pflegekräfte, die in Teilzeit arbeiten oder komplett aus ihrem Beruf ausgestiegen sind, könnten sich eine Aufstockung der Stundenzahl beziehungsweise eine Rückkehr in die Pflege vorstellen – wenn die Arbeitsbedingungen besser wären.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Andreas Guse ist Pflegekraft aus Überzeugung. Seit mehr als 20 Jahren ar­beitet er auf der Intensivstation eines Bremer Krankenhauses – weil er sich schon zu Schulzeiten keinen „9-to-5-Job“ im Büro vorstellen konnte und weil es ihm ein An­liegen ist, für andere zu sorgen. „Der geregelte Schichtdienst auf unserer Station hilft mir, mein Privatleben und meinen Alltag nach meinen Bedürfnissen zu gestalten“, sagt der 52-Jährige.

Sorgearbeit im Beruf halte er für sehr sinnvoll: Für ihn sei es motivierend, Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten. Doch die Arbeit zehrt an seinen Kräften. „Vor allem die Nachtschichten und die Verschiebung des Biorhythmus haben mich von Anfang an zu viel Energie gekostet“, erzählt er. „Und das ohne entsprechende monetäre Wertschätzung.“

Und so entschied er sich schon vor vielen Jahren, nicht mehr Vollzeit zu arbeiten, um selbst gesund zu bleiben. Er reduzierte seine Stunden zunächst auf 80 und dann auf 70 Prozent. Als er schließlich ein berufsbegleitendes Studium im Studiengang Pflege begann, das er inzwischen erfolgreich abgeschlossen hat, verringerte er seine Arbeitszeit erneut auf nunmehr 50 Prozent.

Unter den aktuellen Bedingungen kann Guse sich nicht vorstellen, seine Stundenzahl zu erhöhen. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie gab es auf seiner Intensivstation zu wenig Pflegekräfte, so dass manche Betten zeitweise geschlossen werden mussten. In den vergangenen elf Monaten sind die physischen und psychischen Be­lastungen für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen noch einmal gestiegen. „Wenn jemand von uns krank ist und niemand einspringen kann, muss die Arbeit auf die Anwesenden verteilt werden“, berichtet er. „Da zeigt sich der Pflegemangel dann ganz konkret in der Praxis: Es gibt nicht genügend Personal, um einen Pool für Notfälle zu haben.“

Dabei braucht es gerade für Patienten mit Covid-19-Infektion besonders viel Zeit: schon allein deswegen, weil die Pflegekräfte vor jedem Betreten eines Zimmers sorgsam ihre Schutzkleidung anziehen müssen und die pflegerische Behandlung aufwändiger ist als bei anderen Patienten. Was Guse als permanente Belastung wahrnimmt: „Unserem Beruf wohnt durch eine unklare Definition der Berufsinhalte eine gewisse Dienstbotenhaftigkeit inne“, meint er. „Uns fehlen Befugnisse und damit Verantwortung. Und das zeigt sich unter anderem in der Bezahlung.“

Mangelnde Anerkennung als zentraler Aspekt

Andreas Guse ist eine von mehr als 9.000 Langzeit- und Krankenpflegekräften im Land Bremen, die in Teilzeit arbeiten. Viele von ihnen wären grundsätzlich bereit, bei besseren Arbeitsbedingungen ihre Stundenzahl wieder aufzustocken. Um welche Größenordnung es hier geht, hat jetzt eine Studie der Arbeitnehmerkammer untersucht – zusammen mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen auch ausgestiegene Pflegekräfte wieder in ihren Beruf zurückkehren würden. Das Ergebnis ist bemerkenswert.

„Das Potenzial ist viel größer, als wir erwartet hätten“, berichtet Jennie Auffenberg, Co-Autorin der Studie und Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Aus den Antworten geht hervor, dass es vor allem in vier Bereichen Veränderungen geben müsste, um das brachliegende Fachkräfte-Potenzial zu heben: Die Teilnehmenden beklagen eine zu geringe Wertschätzung ihrer Arbeit durch die Vorgesetzten. Sie halten mehr Zeit für qualitativ hochwertige Pflege und menschliche Zuwendung für unbedingt erforderlich. Sie fordern eine angemessene Bezahlung – die für sie wichtigste Form der Anerkennung. Und nicht zuletzt wünschen sie sich mehr Elemente der kollektiven Interessenvertretung in Form von Tarifbindung, Betriebsräten und mehr Mitsprache bei betrieblichen Abläufen.

Andreas Guse (Pflegekraft auf der Intensivstation) entschied sich schon vor vielen Jahren, nicht mehr Vollzeit zu arbeiten, um selbst gesund zu bleiben: „Es gibt nicht genügend Personal, um einen Pool für Notfälle zu haben.“

Rena Tecklenburg (Sozialwissenschaftlerin an der Universität Bremen) ist vor einigen Jahren komplett aus ihrem Beruf als Krankenpflegerin in der Unfallchirurgie ausgestiegen: „Viele Pflegekräfte resignieren daran, dass sie aus Zeitmangel ihren eigenen Ansprüchen an gute Pflege nicht gerecht werden können.“

„Ließen sich ausgestiegene und Teilzeit-Pflegekräfte davon überzeugen, in ihre Berufe zurückzukehren beziehungsweise ihre Stundenzahl wieder zu erhöhen, könnte das mit Blick auf den Pflegenotstand deutliche Abhilfe schaffen.“
Jennie Auffenberg

Es brauche jetzt dringend glaubhafte Verbesserungen, macht Auffenberg deutlich – und glaubhaft ansetzen lasse sich im Wesentlichen bei der Bezahlung und bei einer bedarfsorientierten Personalbemessung. „Wir brauchen mehr Personal, um zusätzliches Personal zu finden“, sagt sie. Denn Viele wären bereit, (mehr) in der Pflege zu arbeiten – aber erst, wenn mehr Personal da ist. Denn nur dann ist gute Pflege möglich und die Pflegekräfte selbst bleiben gesund. „Das ist der entscheidende Punkt und zugleich die Schwierigkeit.“Die Studie belege nun eindrucksvoll, dass diese Schwierigkeit nicht unlösbar sei: „Ließen sich ausgestiegene und Teilzeit-Pflegekräfte davon überzeugen, in ihre Berufe zurückzukehren beziehungsweise ihre Stundenzahl wieder zu erhöhen, könnte das mit Blick auf den Pflegenotstand deutliche Abhilfe schaffen.“ Interessant ist in dem Zusammenhang die Feststellung, dass die Covid-19-Pandemie die entsprechende Bereitschaft bei den Befragten erkennbar verringert hat. Darüber hinaus gehen nur vier Prozent von ihnen davon aus, dass sich durch Corona die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern werden.

Dieses Misstrauen kann David Matrai nachvollziehen. „Darin drückt sich die Erfahrung mit der Politik der vergangenen Jahre aus“, meint der Verdi-Landesleiter für den Fachbereich Gesundheit und Soziales. „Es ist schon so oft versprochen worden, dass sich die Situation bessern wird.“

Dennoch sei er „vorsichtig optimistisch“, dass die aktuelle Aufmerksamkeit diesmal tatsächlich zu Veränderungen führen könne: Immerhin habe die Pandemie die Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitssystems sehr deutlich gemacht. Entsprechende Konzepte und Forderungen lägen auf dem Tisch, sagt Matrai und verweist unter anderem auf die „Pflegepersonalregelung 2.0“ für eine bedarfsgerechte Personalbemessung, die Verdi zusammen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat erarbeitet hat und die derzeit von der Bundespolitik diskutiert wird. Er betont: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass gehandelt werden muss.“

„Nie genügend Zeit“

Studienteilnehmerin Rena Tecklenburg ist vor einigen Jahren komplett aus ihrem Beruf als Krankenpflegerin in der Unfallchirurgie ausgestiegen und arbeitet jetzt als Sozialwissenschaftlerin an der Universität Bremen. In der aktuellen Corona-Krise könnte sie sich vorstellen, zeitlich begrenzt wieder in einem Krankenhaus einzuspringen: Dafür hat sie sich auf einer entsprechenden Vermittlungsplattform registrieren lassen und dort angegeben, dass sie zwei Tage pro Woche zur Verfügung stehen würde.

Eine dauerhafte Rückkehr in ihren alten Beruf ist für sie unter den gegebenen Voraussetzungen allerdings nicht denkbar. „Das kann ich mir nur vorstellen, wenn sich die Arbeitsbedingungen so verändern, wie es in der Studie beschrieben wird“, betont die 37-Jährige. „Und dann auch nur in Teilzeit.“ Was aus ihrer Sicht besonders wichtig wäre: dass die Verantwortung, die Pflegekräfte tragen, und das, was sie dafür bekommen, in ein angemessenes Verhältnis gebracht werden. „Das ist momentan definitiv nicht der Fall. Und damit meine ich nicht nur die geringe Entlohnung, sondern auch die fehlende Anerkennung und die begrenzten Handlungsspielräume im Arbeitsalltag.“

Sie sei ein wissbegieriger Mensch und lerne sehr gerne, sagt Rena Tecklenburg über sich selbst. Ein Leben lang im selben Beruf zu bleiben, habe sie sich daher von Anfang an nicht vorstellen können. Der permanente Druck und Stress im Krankenhaus-Schichtdienst hätten ihre Entscheidung zum Ausstieg allerdings noch beschleunigt: „Ich bin die ganze Zeit nur gerannt und hatte nie genügend Zeit, meine Arbeit so zu machen, dass ich zufrieden hätte nach Hause gehen können. Wäre das anders gewesen, hätte ich sicher noch ein paar Jahre weitergemacht.“ Viele Pflegekräfte resignierten daran, dass sie aus Zeitmangel ihren eigenen Ansprüchen an gute Pflege nicht gerecht werden könnten, berichtet die 37-Jährige.

Aus ihrer Sicht könnten die aktuellen Defizite nicht innerhalb des Gesundheitssystems behoben werden. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, ist sie überzeugt. „Die Politik muss den Sparkurs der vergangenen Jahre beenden und mehr Geld zur Verfügung stellen. Und sie muss passende gesetzliche Regelungen schaffen, damit letztlich die Pflege und die Care-Arbeit insgesamt einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert erhalten.“

Was ist uns gute Pflege wert? AKB_Icon_Comment2

Kommentar von Jennie Auffenberg, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik

Unsere Studie hat gezeigt, dass es enorme, ungenutzte Kapazitäten an gut ausgebildeten Pflegekräften gibt. Das ist erfreulich. Doch um ausgestiegene und Teilzeit-Pflegekräfte zurückzugewinnen, sind mehr Personal und eine bessere Bezahlung zwei wesentliche Ansatzpunkte. Beides muss jedoch bezahlt werden und darf nicht zu Lasten anderer Berufsgruppen oder der Versorgungsqualität gehen.

Was sind uns gute Pflege und eine gute Gesundheitsversorgung wert? Um Pflegekräfte zurückzugewinnen und zu halten, wird es einer grundlegenden Veränderung der Finanzierungsgrundlagen bedürfen. Das System der Fallpauschalen im Krankenhaus muss überwunden werden und in den Pflegeheimen müssen die Kosten für die Pflegebedürftigen begrenzt werden. Mit einem Steuerzuschuss in die Pflegeversicherung ist das kurzfristig zu schaffen – langfristig brauchen wir eine Bürgerversicherung, damit mehr Geld ins System kommt.

Weitere Informationen

Wir in der Pflege – auf unserer Website finden Sie Infos für Pflegebeschäftigte im Land Bremen.
 

Veranstaltungshinweis
11. März um 18 Uhr (online)
Pflegespezial – Infoveranstaltung für Pflegebeschäftigte
Thema: Schichtplan und Haftung.
Weitere Informationen zu unseren Veranstaltungen

Pflege-Studie

Für die Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ haben die Arbeitnehmerkammer und das Forschungszentrum Socium der Universität Bremen voriges Jahr eine Online-Befragung unter ausgestiegenen sowie Teilzeit-Pflegekräften durchgeführt. Rund drei Viertel der insgesamt 1.032 Teilnehmenden kamen aus Bremen, Bremerhaven und Niedersachsen.

Das Ergebnis: 87,5 Prozent der ausgestiegenen und 72 Prozent der Teilzeit-Pflegekräfte aus den Bereichen Langzeit- und Krankenpflege schließen einen Wiedereinstieg beziehungsweise eine Stundenerhöhung unter bestimmten Voraussetzungen zumindest nicht aus.

Auf einer Skala von eins („ausgeschlossen“) bis zehn („sehr wahrscheinlich“) gaben jeweils mehr als die Hälfte der ausgestiegenen und der Teilzeit-Pflegekräfte einen Wert von sechs oder mehr an.

Hochgerechnet auf alle Teilzeit-Pflegekräfte im Land Bremen ergibt sich laut Studie bei optimistischer Schätzung (bezieht sich auf angegebene Werte zwischen zwei und zehn) ein Potenzial von zusätzlichen 57.867 Wochenstunden oder 1.503 Vollkräften.

Eine konservative Schätzung (bei Werten von mindestens acht) kommt auf ein Potenzial von 31.305 Stunden oder 813,1 Vollkräften für Bremen.

Für ausgestiegene Pflegekräfte sind solche Hochrechnungen nicht möglich, da es keine verlässlichen Daten über deren Anzahl gibt. Allein aus den gut 330 ausgestiegenen Teilnehmenden der Studie ergibt sich allerdings ein Potenzial von bis zu 213,1 Vollkräften bei optimistischer und 105,1 Vollkräften bei konservativer Schätzung.

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