In Deutschland gibt es 2,6 Millionen Pflegebedürftige

Zwei Drittel werden zu Hause gepflegt

Beruf und Pflege vereinbaren

In Deutschland gibt es 2,6 Millionen Pflegebedürftige. Zwei Drittel werden zu Hause gepflegt. In Bremen nehmen nur wenige Beschäftigte ihre Rechtsansprüche wahr.

"An Rechtsansprüche denkst du nicht, wenn deine Mutter auf der Intensivstation liegt", erinnert sich Anne Meyer*. Ihre 94 Jahre alte Mutter erlitt einen Schlaganfall und kippte in der Küche um. Die halbtags angestellte Sozialarbeiterin meldete sich bei ihrem Arbeitgeber krank und verbrachte Tage im Krankenhaus. Ihre Mutter überlebte, aber die Ärzte entließen sie pflegebedürftig mit der Diagnose Demenz. Anne Meyer nahm ihre Mutter zu sich. "Ob sie kalte Füße hat, merkt meine Mutter nicht mehr. Sie kann sich nicht mehr alleine waschen und anziehen und reagiert oft wie ein kleines Kind. Meine Rolle als Mutter für meine ­Mutter ist hart. Weil unser Verhältnis immer eng war, möchte ich ihr Wärme und Schutz zurückgeben", erzählt sie.

Als die Pflegesituation eintrat, half ihr der Sozialdienst im Krankenhaus bei der Beantragung der Pflegestufe. Doch bei der Organisation eines Pflege­bettes und sonstiger Pflegeaus­stattung er­­innert sie sich an extrem viele Form­blätter oder Anträge an die Kranken­kasse. Eigentlich hätten ihr eine Freistellung für bis zu zehn Tagen und Pflegeunterstützungsgeld in Höhe des Kinderkrankengeldes von der Pflegekasse ihrer Mutter zugestanden. Voraussetzung ist ein ärztliches Attest für die Pflegekasse. Beim Arbeitgeber muss es nur auf Verlangen vorgelegt werden. Der Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld gilt seit 1. Januar 2015.

Seitdem erlaubt das Pflegezeit­gesetz eine kurzzeitige Freistellung für den Akutfall. Anne Meyer kannte ihre Rechte jedoch nicht und wurde auch nicht von ihrem Arbeitgeber oder der Krankenkasse darauf hingewiesen. "Der Arbeitgeber ist nicht dazu verpflichtet, seine Angestellten über den Rechtsanspruch auf Pflegeunterstützungsgeld zu informieren", erklärt Bettina Graue, Rechtsberaterin der Arbeitnehmerkammer. Deshalb sollten Betroffene hier ihre Rechte kennen oder sich erkundigen. "Da die Voraussetzungen für die bestehenden Rechtsansprüche zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege uneinheitlich sind und auf unterschiedlichen Gesetzen basieren, empfehle ich in jedem Fall eine individuelle Beratung", sagt Bettina Graue, Rechtsberaterin der Arbeitnehmerkammer.

"Ich empfehle betroffenen Beschäftigten in jedem Fall eine individuelle Beratung"
Bettina Graue

Grundsätzlich soll es mit den aktuellen gesetzlichen Regelungen ein­facher werden, Beruf und eine Pflegesituation miteinander zu vereinbaren. Beschäftigte können nach dem Pflege­zeitgesetz bis zu sechs Monate vollständig oder teilweise aus dem Job aussteigen. "Die Pflegezeit als Rechtsanspruch gilt jedoch nur in Betrieben mit über 15 Beschäftigten und sie muss zehn Arbeitstage im Voraus schriftlich angekündigt werden. In kleineren Be­­trieben müssen Angestellte sich indivi­duell einigen", warnt die Rechtsberaterin. Wer sich dafür entscheidet, kann sein fehlendes Gehalt teilweise mit einem zinslosen Darlehen des Bundes­amtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben überbrücken. ­Dauert die Pflegesituation länger als sechs Monate, können Arbeitnehmer die Auszeit mit der Familienpflegezeit auf insgesamt 24 Monate verlängern. Nach dem Familienpflegezeitgesetz können Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit reduzieren, müssen jedoch mindestens 15 Wochenstunden arbeiten.

"Allerdings gilt der Rechtsanspruch nur in Unternehmen mit mehr als 25 Mit­arbeitern; anders als bei der Pflegezeit werden Auszubildende nicht mitgerechnet. Die gewünschte Verteilung der Wochenstunden müssen Beschäftigte in der Regel acht Wochen vor dem Start schriftlich mit dem Arbeitgeber abstimmen", erklärt Graue. Soll die Familienpflegezeit aber nahtlos an die Pflegezeit anknüpfen, muss sie drei Monate vor ihrem Beginn angekündigt werden.

Trotz besonderem Kündigungsschutz für Pflegeauszeiten hat Anne Meyer die Familienpflegezeit für ihre halbe Stelle nicht in Anspruch genommen. Sie wollte ihre Stunden nicht auf das Mindestmaß von 15 Wochenstunden reduzieren. "Meinem Job könnte ich in weniger als 20 Stunden inhaltlich nicht gerecht werden. Damit ich zwei Arbeitstage in der Woche voll arbeiten kann, habe ich meine Mutter in der Tagespflege untergebracht. Fixe Termine plane ich an meinem freien Tag. Wenn meine Mutter an einem kurzen Arbeitstag unerwartet aus dem Bett fällt, müssen wir zum Arzt und dann gerät trotz flexibler Arbeitszeit und Gleitzeit alles aus den Fugen", beschreibt sie ihre Situation.

Auch Carola Bury, Referentin für Gesundheitspolitik der Arbeitnehmerkammer, schätzt Pflegesituationen als schwer planbar ein. "Wir brauchen generell mehr Sensibilität für die gute Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Es bedarf einer neuen Betriebskultur mit Angeboten für individuelle Lösungen", sagt die Expertin. Zudem können sich Pflegeauszeiten auf die Rentenansprüche aus­wirken. "Obwohl immer mehr Frauen erwerbstätig sind, übernehmen zu 80 Prozent Frauen die Pflegeaufgaben in der Familie und verzichten oft auf einen Teil ihres Gehalts. In der Konsequenz haben sie niedrigere Rentenansprüche. Insbesondere wenn sich die Auszeiten für Kinderbetreuung und Pflege addieren", kritisiert Carola Bury, Referentin für Gesundheits­politik der Arbeitnehmerkammer.

Bei der unabhängigen Anlaufstelle für Pflegeberatung im ­Bremer Stadtgebiet, dem Pflegestützpunkt Bremen-­Vahr, lassen sich rund 400 Bremer pro Monat beraten. "Viele Bremer möchten sich zunächst selbst um ihre Angehörigen kümmern. Aber für unbezahlte Aus­zeiten über Monate hat sich bisher kaum jemand entschieden. Viele schrecken vor der Rückzahlung des Darlehens zurück", sagt die Beraterin Stefanie Wagemann. Für Anne Meyer war auch ein anderer Grund ganz entscheidend für die Tages­betreuung und Unterstützung durch einen Pflegedienst: "Die Tage, an denen ich arbeiten gehe, tun mir gut. Weil sich ein Pflegedienst um Waschen, Anziehen und Zähneputzen kümmert, kann ich meiner ­Mutter ihre Intimität wahren. Selbst bringe ich sie täglich ins Bett."
*Name von der Redaktion geändert

Text: Janina Weinhold
Foto: fotolia, ©Ocskay Bence

Kommentar von Carola Bury, Referentin für Gesundheitspolitik AKB_Icon_Comment2

Achtung Baustelle!
"Beruf und Pflege zu vereinbaren ist ein wichtiges Ziel für den nötigen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Pflegende Angehörige sollten möglichst im Beruf gehalten werden, ebenso wie Eltern, wenn sie Kinder erziehen. Doch was ist, wenn viele Beschäftigte gesetzliche Regelungen überhaupt nicht in Anspruch nehmen können? Ein Rechtsanspruch mit Lohnersatzleistung für alle Beschäftigten gilt lediglich für die kurzzeitige Auszeit bis zu zehn Arbeits­tagen. Rund ein Viertel aller Beschäftigten in ­Bremen arbeiten aber in Betrieben mit unter 20 Mitarbeitern. Für sie gilt das Familienpflegezeitgesetz gar nicht, für die meisten auch nicht das Pflegezeitgesetz.
Daher ist noch viel zu tun: Das aktuelle Nebeneinander von Pflege- und Familien­pflegezeit ist unübersichtlich und sollte zusammengeführt werden. Die unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen, ­Fristen und Regelungen müssen ange­glichen und gesenkt werden. Pflegende Männer und Frauen brauchen lösungsorientierte Regelungen und Angebote durch Arbeitgeber, etwa bei der Arbeitszeitgestaltung. Und die Frage geht an uns alle: Ob Familien­gründung, Kindererziehung und auch die Pflege von kranken und alten Angehörigen – Sorgearbeit muss ­zwischen Männern und Frauen gerecht geteilt ­werden."

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