Bremen braucht Nachwuchs

Unternehmen und Politik müssen in Ausbildung investieren

Ausbildung in Bremen

Arbeitsmarkt und Ausbildungsmarkt driften immer weiter auseinander. Viele Betriebe suchen qualifizierte Mitarbeiter, investieren aber nicht genug in die Ausbildung des Nachwuchses. Dadurch droht nicht nur ein Fachkräftemangel: Experten sehen darin sozialen Sprengstoff.

Text: Anne-Katrin Wehrmann – Fotos: Kay Michalak

Schon der Name des Berufs macht deutlich, dass hier ein Baustein für die Industrie der Zukunft gelegt wird: Mechatronik – ein Wort, das sich aus den drei Kernbereichen Mechanik, Elektronik und Informatik zusammensetzt und somit als Berufsbild beste Voraussetzungen für die Anforderungen der Industrie 4.0 bietet.

Leon von Loh ist einer von denen, die in Bremen gerade eine Ausbildung zum Mechatroniker machen. Der 20-Jährige, der vor zwei Jahren in Schwanewede sein Abitur gemacht hat, war schon immer an technischen Fragestellungen interessiert. Heute ist er als Azubi im zweiten Lehrjahr bei Thyssen-Krupp angestellt und besucht für den theoretischen Hintergrund das Technische Bildungszentrum Mitte (TBZ). Zwei Wochen praktische Ausbildung im Betrieb, eine Woche Unterricht in der Berufsschule, und das im stetigen Wechsel. „So bekomme ich einen guten Rundum-Überblick über die Dinge, die ich für meinen Beruf können und wissen muss“, sagt er.  

"Es ist für die Lehrer schwer, allen gerecht zu werden."
Leon von Loh


Mit seinem Schulabschluss war es für von Loh nicht allzu schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Andere haben da schon größere Schwierigkeiten: Viele Jugendliche in Bremen kommen nach der Schule nicht in einem Ausbildungsbetrieb unter – und das trotz brummender Konjunktur und eines stabilen Wirtschaftswachstums. „Wir beobachten in den vergangenen Jahren ein Auseinanderdriften von Arbeits- und Ausbildungsmarkt, wie wir das bisher noch nicht erlebt haben“, sagt Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Fachkräftenachfrage und die  Ausbildung des Nachwuchses halten nicht mehr Schritt miteinander.“

Nach aktuellen Zahlen ist zwischen 2009 und 2016 die Zahl der sozialversichert Beschäftigten in Bremen um 12,1 Prozent gestiegen, während im selben Zeitraum die der Auszubildenden um 6,1 Prozent zurückging. Und obwohl es 2016 1,7 Prozent mehr Betriebe gab als sieben Jahre zuvor, war bei den Ausbildungsbetrieben ein Minus von 8,2 Prozent zu verzeichnen. „Wenn wir dieser Entwicklung nicht schnell gegensteuern, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Ausbildungskrise in eine Fachkräftekrise umschlägt“, so Geraedts. „Der eigentliche soziale Sprengstoff besteht aber darin, dass immer mehr junge Menschen ohne Berufsabschluss zurückgelassen werden und eine ungewisse Zukunft vor sich haben. Denn ohne Ausbildung sind die Aussichten auf dauerhafte und gut bezahlte Arbeit denkbar schlecht.“ 

Unterschiedliche Leistungsniveaus

Lediglich 67 Ausbildungsplätze auf 100 an einer Ausbildung interessierte junge Menschen: Dieses Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage begrenzt die Chancen Bremer Jugendlicher, sich erfolgreich zu bewerben. Als Stadtstaat versorgt Bremen auch Jugendliche aus dem Umland mit. Im vergangenen Jahr lag die Einpendlerquote bei 37 Prozent.

Auch Leon von Loh pendelt von seinem Wohnort Schwanewede zu seinem Ausbildungsbetrieb und seiner Berufsschule in Bremen. Der 20-Jährige bezeichnet sich selbst als „wissenshungrigen Menschen“, dem es wichtig sei, viele Informationen zu bekommen und viel zu lernen. Aus eigenem Antrieb absolviert er neben seiner Ausbildung auch noch ein berufsbegleitendes  Studium zum Wirtschaftsingenieur. In seiner Berufsschulklasse am TBZ Mitte sitzt er neben Mitschülern, die mit unterschiedlichen Schulabschlüssen in die Ausbildung gegangen sind und sich auf einem ganz anderen Leistungsniveau befinden als er selbst. „Die Unterschiede sind immens“, erzählt von Loh. „Da ist es für die Lehrer schwer, allen gerecht zu werden.“ Trotzdem würde er sich von mancher Lehrkraft „ein bisschen mehr Engagement“ im Unterricht erhoffen, sagt er.

"Ohne Ausbildung sind die Aussichten auf dauerhafte und gut bezahlte Arbeit denkbar schlecht."
Regine Geraedts


Aus Schülersicht könne er das nachvollziehen, meint sein Klassenlehrer Michael Graf-Jahnke. Tatsächlich gebe es aber auch hinter den Kulissen viel zu tun. Etwas Verwaltungstechnisches, einen Versuchsaufbau, ein wichtiges Gespräch: „Als Lehrer haben wir keine Pause. Da kann es schon mal vorkommen, dass jemand etwas gestresst wirkt.“ Für den 61-Jährigen ist es das Anstrengendste am Lehrerberuf, ständig präsent zu sein – jeden Schüler und jede Schülerin bestmöglich zu fördern, sei es ein Geflüchteter mit geringen Deutschkenntnissen oder ein junger Mann mit Abitur wie Leon von Loh. „Ich muss da irgendwie  einen Mittelweg finden“, sagt Graf-­Jahnke. „In der Praxis heißt das, dass ich die einen hochziehen und die anderen bremsen muss. So sieht das aus.“ 

Mehr Investitionen erforderlich

Das sei die Herausforderung, vor der das Ausbildungssystem stehe, bestätigt Arbeitnehmerkammer-Referentin Regine Geraedts: „Es muss integrationsfähiger in beide Richtungen werden.“ Auf der einen Seite  müsse es attraktive Perspektiven für die wachsende Zahl junger Menschen mit Abitur bieten und eine echte Alternative zum Studium darstellen. Auf der anderen Seite müsse es aber auch die Jugendlichen mitnehmen, die über eine weniger gute Vorbildung verfügten und denen das Mithalten angesichts der wachsenden Anforderungen schwerer falle. „Hier kommt den Berufsschulen eine Schlüsselrolle zu“, betont die Referentin. „Wir brauchen eine bessere personelle Ausstattung an den Berufsschulen. Förderunterricht und Schulsozialarbeit müssen zum Standard werden, um alle Jugendlichen mitnehmen zu können. Und natürlich müssen auch Gebäude und technische Ausstattung modern und auf dem neusten Stand sein.“

Karsten Krüger, Lehrer an der ABS und Sprecher der Fachgruppe berufsbildende Schulen der GEW

 

Michael Graf-Jahnke, Lehrer am TBZ

 

Leon von Loh, Auzubildender zum Mechatroniker

 

Aktuell gebe das Land Bremen pro Berufsschüler 1.000 Euro weniger aus als zum Beispiel Hamburg: Das weise auf einen Nachholbedarf hin, meint Geraedts. „Ein anderer Vorschlag von uns ist der Aufbau eines Unterstützungssystems, das Azubis und Betrieben unkompliziert und unbürokratisch dann hilft, wenn  Schwierigkeiten anfallen.“ Entscheidend sei aber, dass die Betriebe endlich wieder mehr ausbilden: „Das liegt nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern ist auch ganz klar die Verantwortung der Wirtschaft in unserem dualen Ausbildungssystem. Wenn sich aber nur noch gut jeder fünfte Betrieb engagiert, dann läuft etwas falsch.“

Die gerade ausgelaufenen „Bremer Vereinbarungen für Ausbildung und Fachkräftesicherung 2014 bis 2017“ haben hier keine Trendwende gebracht. Die Arbeitgeber im Land Bremen hatten sich darin freiwillig verpflichtet, die Zahl der besetzten Ausbildungsplätze von knapp 7100 auf 7800 zu erhöhen. Tatsächlich waren es am Ende 145 Ausbildungsplätze mehr, wobei der leichte Anstieg zu großen Teilen dem öffentlichen Arbeitgeber zuzurechnen ist.

 

Die Starken und die Schwachen fördern

Karsten Krüger kennt die Misere im Berufsbildungssystem noch von einer ganz anderen Seite. Der Sprecher der Fachgruppe berufsbildende Schulen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bremen unterrichtet als Lehrer an der Allgemeinen Berufsbildenden Schule (ABS) – einer Schule im sogenannten Übergangssystem. Dort sollen benachteiligte Jugendliche ohne Ausbildungsplatz weitergebildet werden, um so ihre Ausbildungschancen zu erhöhen. „An den Berufsschulen im dualen System haben wir schon Probleme genug“, berichtet Krüger. „Aber an den Schulen im Übergangssystem ist die Liste von Problemen  noch viel länger. Das fängt schon damit an, dass Studenten als Lehrkräfte eingesetzt werden, die noch gar nicht über die pädagogischen Fähigkeiten verfügen, mit dem schwierigen Klientel bei uns umzugehen.“

Der Gewerkschafter hat in den vergangenen Jahren den Trend beobachtet, dass in Bremen immer mehr und immer größere Praktikumsklassen entstanden sind. Politischer Wille ist es, dass Schüler dieser Klassen zwei  Tage die Woche zur Schule gehen und drei Tage die Woche ein Praktikum absolvieren. „Die zwei Schultage reichen aber vorne und hinten nicht aus, die Defizite dieser Jugendlichen aufzuarbeiten“, berichtet er. „Nach einem Jahr stehen sie wieder da und finden keinen Ausbildungsplatz, und dann gehen sie irgendwann dauerhaft für den Arbeitsmarkt verloren.“

"An den Schulen im Übergangssystem ist die Liste von Problemen noch viel länger."
Karsten Krüger


Auch Krüger fordert deswegen mehr Investitionen in die Berufsvorbereitung und -bildung, zumal neben allen ohnehin schon vorhandenen Herausforderungen nun auch noch die Integration von Flüchtlingen zu stemmen sei. 

Und dann war da ja noch die Sache mit der Zukunftsfähigkeit und der Industrie 4.0. „Unsere Lehrkräfte müssen mit ständig sich wandelnden Unterrichtsinhalten leben und sich entsprechend anpassen und fortbilden“, sagt TBZ-Schulleiter Jörg Metag. Es erfordere viel Einsatz und Zeit, permanent auf dem Laufenden zu bleiben. Unter anderem deswegen hält er die Einführung einer digitalen Kommunikationsplattform für unbedingt erforderlich, auf der sich Lehrkräfte, Lernende und Ausbildungsbetriebe unkompliziert austauschen können und die zugleich helfen soll, die Lehrkräfte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten.

Abgesehen von den anstehenden Zukunftsthemen ist es aber auch am TBZ Mitte eine wachsende Herausforderung, allen Auszubildenden mit ihren unterschiedlichen  Hintergründen gerecht zu werden und niemanden auf dem Weg zu verlieren. Auch Lehrer Michael Graf-Jahnke wünscht sich darum einen verstärkten Einsatz von Schulsozialarbeitern – und einen Förderunterricht, der sowohl die Schwächeren als auch die Stärkeren fördert. „Denn so, wie es jetzt läuft, ist es heftig. Man kann nicht mit einem Bein laufen und mit dem anderen trippeln.“

Kommentar von Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer AKB_Icon_Comment2

Mehr Ausbildungsplätze schaffen

Ausgebildete Fachkräfte haben gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sichern die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Doch statt mehr auszubilden, sinkt die Zahl der Ausbildungsbetriebe und der dualen Ausbildungsplätze in Bremen.

Dies liegt nicht an fehlenden interessierten Jugendlichen. Während im vergangenen Jahr in Bremen allein von den bei der Jugendberufsagentur gemeldeten und geeigneten Bewerbern mehr als 1.000 leer ausgingen, blieben nur 143 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Viele Betriebe lassen den Aufwand für die Ausbildung lieber von anderen Unternehmen schultern. Wir müssen diesen Trend stoppen und die Unternehmen zu mehr Verantwortung für die Berufsausbildung verpflichten. Am besten über eine funktionierende Selbstverpflichtung, ansonsten über staatliche Interventionen.

Gleichzeitig sind die Berufsschulen wegen der technischen Innovationen und der Veränderung von Berufsbildern besser auszustatten. Dazu gehören auch Unterstützungsangebote für Auszubildende und Betriebe, damit möglichst viele Jugendliche den Berufsabschluss erreichen.

 

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