Beruf und Familie vereinbaren

AWI-Geologin Claudia Sprengel und Tochter Martje

Selbstverständlich familienfreundlich

Wer berufstätig ist und Kinder hat, Angehörige pflegt oder gar beides, muss das vereinbaren können. Trotz zunehmend familienfreundlicher Bedingungen ist das für viele Familien noch immer ein Kraftakt. Dass es auch anders gehen kann, zeigt das AWI zusammen mit sechs anderen Arbeitgebern: Sie kooperieren für eine bessere Vereinbarkeit.

Text: Anette Melerski - Fotos: Kay Michalak

Wozu eine Zugfahrt manchmal gut sein kann: Auf dem Rückweg einer Veranstaltung zum audit beruf und familie sitzen einige der Eingeladenen aus Bremerhaven in einem Abteil. Man spricht über die Möglichkeiten, Arbeitsbedingungen familienfreundlich zu gestalten – und kommt zu dem Schluss, dass eine Kooperation nicht die dümmste Idee sei. Aus diesem ersten, informellen Gespräch entsteht die Zusammenarbeit eines Netzwerks, das für einige Tausend Bremerhavener Beschäftigte ein Segen ist: „Wenn wir Aktionen wie das Ferienprogramm, Seminare zum Thema Pflege oder die Nacht der Abenteuer – für Kinder Abenteuer, für Eltern ein freier Abend – planen, geht das zack, zack! Wir treffen uns nicht, um uns gegenseitig den Kaffee wegzutrinken“, bringt Winfried Hebold-Heitz den Geist der Kooperation aus Magistrat Bremerhaven, Bremenports, Polizei, Hochschule, Sparkasse und Klinikum Bremerhaven auf den Punkt. Hebold-Heitz ist seit 2001 Leiter des Familienbüros am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Bremerhaven hat nach Angaben der offiziellen Bundes- und Länderstatistik im März 2016 insgesamt 719 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Das ist gegenüber März 2012 mit 444 Plätzen ein Anstieg von 275 Plätzen, aber immer noch zu wenig. Im Vergleich mit anderen bundesdeutschen Städten steht Bremerhaven beim Kita-Ausbau zusammen mit Ruhrgebietsstädten wie Remscheid und Gelsenkirchen am unteren Ende der Betreuungsquoten.

Als das AWI vor 16 Jahren im Zuge einer Frauenfördermaßnahme überlegte, wie denn Familie und Forschung, Kinder und Karriere gut zu organisieren seien, hatte Bremerhaven 24 Plätze für unter Dreijährige – alle in städtischer Hand, Elterninitiativen gab es keine. Zu dieser Zeit konnten staatlich geförderte Forschungseinrichtungen erstmals öffentliche Gelder haushaltsneutral für familienfreundliche Strukturen nutzen. Alles sollte möglich sein: betriebliche Kitas, Belegplätze in Einrichtungen, Ferienprogramme und Familienbüros als zentrale Anlaufstelle für alle familiären Belange. Für das AWI war diese Regelung der Anlass, sich ein Familienbüro mit dem Pädagogen Hebold-Heitz zu leisten. Frisch eingestellt kooperiert er mit dem Magistrat Bremerhaven, kauft acht Krippenplätze und stellt 2001 das erste Ferienprogramm für Ostern, Sommer und Herbst auf die Beine: „Wir hatten ein klares Ziel: Auch alleinerziehende Beschäftigte sollten mit sechs Wochen Jahresurlaub durch 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit kommen – 2016 waren insgesamt 762 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in der Betreuung.“ Mittlerweile hat das AWI mit dem „Polarsternchen“ eine eigene Krippe mit 20 Plätzen für die Kleinsten. Wenn die Regelbetreuung bei den älteren Kindern ausfällt, organisiert das Familienbüro eine Notfallbetreuung oder springt ein – auch bei Tagungen und Konferenzen: „Dann fahr ich halt mit“, sagt Winfried Hebold-Heitz. „Und wenn mal ein Physiker unterstützend beim Ausflug ins Heuhotel einspringt, wird das über meine Kostenstelle als Dienstreise abgerechnet. Wir leben von öffentlichen Geldern und damit gehen wir sehr vorsichtig um. Aber wir haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Chancengleichheit.

Für Winfried Hebold-Heitz, Leiter des Familienbüros m AWI, ist Chancengleichheit ein gesellschaftlicher Auftrag.

 

Postdoc Florian Koch schätzt die pragmatische und individuelle Hilfe des Familienbüros.

 

Ob Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen: Das Familienbüro leistet Hilfe und Unterstützung pragmatisch, unbürokratisch und auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten. „Wenn ich als alleinerziehender Vater von vier Kindern auf eine achtwöchige Expedition in die Antarktis fahre, geht das nur mit Unterstützung meiner Familie und vom AWI“, berichtet Postdoc Florian Koch. „Schon vor meinem ersten Tag hier habe ich von den USA aus immer wieder mit Winfried telefoniert: Wie funktioniert das mit der Krankenkasse? Wo ist ein guter Kinderarzt?“

Martje, die siebenjährige Tochter von Geologin Claudia Sprengel und ihrem Mann Magnus Lucassen – die beiden haben sich im AWI kennengelernt – war ein Jahr alt, als sie zu den „Polarsternchen“ kam: „Anders hätte ich nach der Elternzeit nicht wieder so schnell in meinen Beruf zurückkehren können. Die individuell zugeschnittene Betreuung hat viel Druck von mir genommen – und viel vom schlechten Gewissen, mit dem sich Mütter und auch Väter oft herumschlagen.“ Vereinbarkeit hat für die 48-Jährige
vor allem auch mit Unternehmenskultur zu tun. Einzufordern, dass Sitzungstermine nicht erst  stattfinden, wenn die Kita geschlossen hat, müsse man sich auch trauen. Die Hartnäckigkeit hat sich  ausgezahlt: Sitzungen finden im AWI wann immer möglich zu familienfreundlichen Zeiten statt.

Wer seine Angehörigen pflegen muss, kann sofort und ohne Formular auf Telearbeit umstellen – im Extremfall kann die Bedingung, die Hälfte der Arbeitszeit anwesend sein zu müssen, gelockert werden.

„Aus einem Projekt ist eine Haltung geworden“, umschreibt Hebold-Heitz, was alle beteiligten Unternehmen eint. Wichtig sei die Bereitschaft, sich mit anderen zu vernetzen und auszutauschen: „Stadtverwaltung, freie Träger, Unternehmen müssen sich an einen Tisch setzen und besprechen, was sie für Vereinbarkeit tun wollen, können und wie sie einander unterstützen können – und auch wo ihre Grenzen sind.“ Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen wünscht sich, dass die Vernetzung für Vereinbarkeit Schule macht: „In Bremerhaven arbeitet jede zweite Frau in den klassischen Frauenbranchen Gesundheit, Einzelhandel und Gastgewerbe –
meist in Teilzeit und mit Arbeitszeiten, die oft nicht zu den Betreuungszeiten passen. Wenn Unternehmen auch hier niedrigschwellig und pragmatisch kooperieren, profitieren davon nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Stadt selbst.“

audit berufundfamilie AKB003_IconInfo

Wer sich als Arbeitgeber vom audit beruf und familie zertifizieren lassen möchte, wird genau unter die Lupe genommen: Wie familienfreundlich sind die Arbeitsbedingungen? Gibt es Konzepte zum lebensphasen- und altersgerechten Arbeiten und wie sehen diese aus? Nach der Erst-Zertifizierung steht alle drei Jahre eine erneute Prüfung an.

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2017 Arbeitnehmerkammer Bremen