Bremen braucht eine Großstadtstrategie

Die wachsende Stadt

Die Stadt Bremen wächst seit 2011 wieder – wegen der ausländischen Zuwanderer und nicht ganz so dynamisch wie vergleichbare Städte. Familien aus der Mittelschicht ziehen lieber ins Umland, auch Studenten wohnen immer öfter außerhalb Bremens Stadtgrenzen. Das hat Folgen für die Stadt.

Text: Janet Binder - Fotos: Kay Michalak

Annette und Sven Adamietz haben viele Jahre in Bremen-Peterswerder gewohnt – und zwar sehr gern, wie beide betonen. Mit den Kindern Ida (4) und Jonas (7) gelangten sie schnell an die Weser und zu den Tieren in der Pauliner Marsch, auch Geschäfte und Kita waren in der Nähe. Als ihre Dreizimmerwohnung zu klein für die wachsende Familie wurde, schaute sich das Paar nach einer größeren um. Erst im Viertel, dann wurde der Radius immer größer. „Wir haben jahrelang gesucht“,  sagt Annette Adamietz. Etwas Passendes, das bezahlbar war, fanden sie nicht – weder zur Miete noch  zum Kauf. „Das Angebot ist rar und die Preise viel zu hoch“, sagt ihr Mann Sven.

Schließlich erweiterten die Eltern ihren Blick auf das niedersächsische Umland und fanden per Zufall ein Baugrundstück in Achim, dessen Lage ihnen gefiel. Sie bauten sich ihr Traumhaus und zogen im  November 2016 mit Ida und Jonas ein. „Es ist mir schwergefallen, aus Bremen wegzuziehen“, räumt Annette Adamietz ein. „Mal kurz um die Ecke in die Kneipe oder ins Theater, das geht jetzt nicht mehr.“ Auch muss die 43-Jährige nun täglich zu ihrer Arbeitsstelle bei einem Industrieversicherungsmakler in Bremen pendeln. Die ständigen Verspätungen der Bahn nerven sie schon jetzt; die Familie will sich deshalb ein zweites Auto anschaffen. Trotzdem bereut das Ehepaar den Schritt nicht, nach Achim gezogen zu sein – zumal Sven Adamietz als Ingenieur am neuen Wohnort auch arbeitet und seine Mutter dort wohnt, die ab und zu als Babysitter einspringt. „Ein vergleichbares Haus zu dem Preis hätten wir in Bremen nie gefunden“, sagt Annette Adamietz. Auch einige ihrer neuen Nachbarn in Achim seien erst vor Kurzem aus Bremen hergezogen.

„Ohne Zuzug von Ausländern würde Bremen schrumpfen“

Familie Adamietz und ihre Nachbarn sind keine Ausnahme. Zwar steigt Bremens Einwohnerzahl nach jahrelangen Verlusten trotz niedriger Geburtenrate seit 2011 wieder. Vor sechs Jahren zählte die Hansestadt 544.000 Einwohner, 2015 waren es 557.000. Das Wachstum Bremens ist allerdings allein auf den Zuzug von ausländischen Zuwanderern zurückzuführen. „Wenn wir den nicht hätten, würden wir eine schrumpfende Einwohnerzahl verzeichnen“, sagt René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw), das im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen die Studie „Bremen will wachsen“ erstellt hat und dafür die Wanderungsbewegungen untersuchte. Denn zugleich ziehen gut qualifizierte und einkommensstarke 30- bis 50­Jährige wieder verstärkt von Bremen ins Umland. „Dort finden sie ein größeres Wohnangebot und günstigere Preise“, sagt René Böhme. Für viele Familien käme das verdichtete Wohnen in einer Großstadt zudem gar nicht erst infrage. „Nicht jeder will in eine Reihenhaussiedlung in Randlage“, betont er. Das Umland biete freistehende Einfamilienhäuser in einer Menge, die Bremen nie schaffen könne.

"Die Außenperspektive auf Bremen ist schlecht, das Image muss aufpoliert werden."
Guido Nischwitz

Mit der Straßenbahn von Lilienthal in die City

Das ist auch der Grund für Timo Buck und seine Freundin, nach eineinhalb Jahren in Bremen-Schwachhausen nach Lilienthal zu ziehen. „Wir wollten immer ein eigenes Haus, um das man herumgehen kann“, sagt der 37-Jährige. In Bremen wäre das unbezahlbar gewesen, ergänzt er. Jetzt baut das Paar ein Haus, „das genau so ist, wie wir es haben wollen“. Der Wegzug fällt Timo Buck nicht schwer: „Wir haben früher schon beide in Lilienthal gewohnt.“ Das Landleben liegt ihnen sowieso mehr als das Stadtleben, zumal die beiden Nachwuchs planen: „Ich will nicht, dass meine Kinder in Bremen auf der Straße Fußball spielen müssen.“ Mit der Straßenbahn wird seine Freundin bequem zur Arbeit in die Innenstadt kommen; er selbst arbeitet im Homeoffice. „Und Restaurants hat Lilienthal auch genug“, so Buck.

Doch nicht nur 30- bis 50-Jährige suchen ihr Glück im Umland: Sogar Studenten wollen nicht zwingend den Trubel der Großstadt. Sie pendeln zunehmend aus Niedersachsen zur Uni oder zur Hochschule. „Der Anteil der Studierenden steigt, die zu Hause wohnen bleiben“, so René Böhme. Mit dem Semesterticket stellen Fahrten aus Lilienthal, Delmenhorst oder Weyhe in die Hansestadt kein Problem dar. Wer nicht bei den Eltern wohnen bleibt, findet im Umland günstige Wohnungen. „Eigentlich sind Großstädte mit über einer halben Million Einwohnern Fixpunkte, die wie Magneten auf junge Leute wirken“, sagt Kai­-Ole Hausen, Referent für Wirtschafts­ und Infrastrukturpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Für die Hansestadt treffe das inzwischen aber nicht mehr zu. Dabei seien junge Menschen für eine Großstadt extrem wichtig. „Sie bringen Innovationspotenzial mit“, betont Hausen. Das mache eine Stadt lebendig und lebenswert. Und nur wenn ein Teil von ihnen bleibt, kann sie auch dauerhaft wachsen.

Familie Adamietz fand in Bremen keine bezahlbare größere Wohnung – und baute in Achim.

 

Timo Buck und seine Freundin zogen von Schwachhausen nach Lilienthal – in Bremen wäre ihr Traumhaus unbezahlbar gewesen.

 

Wegzug ist deutliches Alarmsignal

Doch das Gegenteil ist der Fall: Wenn die jungen Menschen mit ihren Ausbildungen fertig sind, bleiben sie immer seltener an der Weser. „Wir können die Leute nicht mehr halten“, sagt Kai-Ole Hausen. Er stuft das als deutliches Alarmsignal ein. Der Arbeitsmarkt biete nicht jedem einen Job, gerade in sogenannten wissensintensiven Dienstleistungen in Banken, bei Versicherungen, in Medien, in der Forschung und in der Beratung seien Arbeitsplätze rar. Hier bedürfe es eines größeren Angebots, denn diese Branchen gelten als Wachstumsmotor.

„Bremen hat aber auch sonst wenig Bindungskraft“, verdeutlicht Hausen. Anders als etwa Leipzig: Die Stadt hat wie Bremen über eine halbe Million Einwohner, wächst aber überproportional. „Die Leute finden Leipzig so attraktiv, dass sie selbst dann bleiben, wenn sie prekäre Arbeitsverhältnisse haben“, so Hausen. Auch nach Hannover, Frankfurt am Main oder Oldenburg ziehen die Menschen aus anderen Bundesländern lieber als nach Bremen. Das war nicht immer so: „Bremen hat bei der innerdeutschen Wanderung deutlich verloren“, betont Hausen. Früher kamen vor allem mehr junge Menschen in die Hansestadt. Die Bevölkerung wächst in Bremen im Vergleich zu anderen deutschen Groß­städten denn auch nur unterdurchschnittlich. „Und das, obwohl Städte insgesamt an Attraktivität gewinnen“, sagt Referent Hausen.

"Bremen hat eine hohe Lebensqualität mit einer besonderen Stadtstruktur und einer starken Industrie. Das kommt nur viel zu wenig zur Geltung. Bremen fehlt eine zündende Idee, wohin es sich in den nächsten Jahrzehnten entwickeln will."
Kai-Ole Hausen


Gründe für das Wegbleiben oder Wegziehen von Bremen gibt es viele. Schuld sind nicht nur die hohen Mietpreise – das zeigen die Beispiele Oldenburg, Münster oder Göttingen: Obwohl diese Städte kleiner und die Mieten trotzdem höher sind als in Bremen, wachsen sie stärker. „Die Außenperspektive auf Bremen ist schlecht, das Image muss aufpoliert werden“, betont Guido Nischwitz vom iaw. Bremen findet immer wieder als Haushaltsnotlageland Erwähnung in den Medien. Aufmerksam wahrgenommen wird in anderen Bundesländern auch die regelmäßig schlechte Platzierung bei Schulleistungsstudien.

„Achim hat ein besseres Betreuungsangebot“

Schule war auch bei Familie Adamietz ein wichtiges Thema vor dem Umzug. Dass die Bildungsstätten in Niedersachsen in Studien besser abschneiden als die in Bremen, wissen auch sie. „Und Achim bietet alle Schulformen an“, sagt Sven Adamietz. Auch das Betreuungsangebot erleben sie als besser organisiert. „Wir hatten für Ida in sechs Kitas eine Zusage und für Jonas sofort einen Hortplatz“, so Annette Adamietz. Das Bremer System, bei dem sich Eltern mit dem Kita­Pass nur bei einer Einrichtung als erste Wahl bewerben dürfen, ist für die 43-jährige Mutter ein Grauen gewesen. Dafür wurde die Familie in Achim allerdings von höheren Betreuungskosten als in Bremen überrascht. Dass der Hansestadt die Mittelschicht wegbricht, findet Kai-Ole Hausen fatal: „Bremen braucht die Mitte.“ Menschen wie Familie Adamietz oder Timo Buck stabilisierten die Gesellschaft. Und das nicht nur, weil die Lohnsteuer am Wohnort gezahlt wird und das für einen Stadtstaat eine elementare finanzielle Bedeutung hat. Sondern auch, weil für die Integration von ausländischen Zuwanderern Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte gebraucht würden. „Gerade die Zuwanderung von Geflüchteten stellt eine Herausforderung dar“, betont Kai-­Ole Hausen.
Deshalb sollte Bremen alles tun, den Mittelstand und auch junge Menschen in der Stadt zu halten. Dafür sollte Bremen anfangen, nach außen hin selbstbewusster aufzutreten.
„Bremen hat eine hohe Lebensqualität mit einer besonderen Stadtstruktur und einer starken Industrie“, unterstreicht Hausen. „Das kommt nur viel zu wenig zur Geltung.“ Als positives Beispiel nennt er Hamburg. Der Stadt sei mit oder trotz der Elbphilharmonie ein erfolgreicher Imagewechsel gelungen ist. Impulse für Bremen, die mit dem Titel „Stadt der Wissenschaft“ oder mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt kamen, seien längst verpufft. Anders Leipzig: „Die Olympiabewerbung ist gescheitert, trotzdem hat die Stadt davon profitiert“, so Hausen. Bremen fehle eine zündende Idee, wohin es sich in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wolle.

„Bremen sollte wichtige Baugebiete selbst entwickeln“

Vor allem benötige Bremen eine strategische Baulandentwicklung. „Im Moment überlässt die Stadt das den Bauunternehmern“, kritisiert Kai­-Ole Hausen. „Bremen sollte aber wichtige Baugebiete selbstständig entwickeln, um bedarfsgerecht am Wohnungsmarkt agieren zu können.“ Das findet auch Ehepaar Adamietz. Die großen Neubauprojekte in der Überseestadt oder auf dem Stadtwerder bezeichnen sie als „Reichengettos“. „Bremen braucht viel mehr gemischte Wohngebiete“, sagt Studentenwohnheime sollten zudem nicht nur rund um die Campus­-Uni liegen, sondern auch in der Innenstadt, empfiehlt Arbeitnehmerkammer­Referent Hausen. „Das wäre stadtplanerisch sinnvoll, damit die Studenten eine Bindung zur Stadt entwickeln können.“ Nahe der Hochschule in der Neustadt gebe es ebenfalls keine Studentenwohnheime. Auch senioren­ und familiengerechte Wohnungen würden benö­tigt. Für Familie Adamietz käme familienfreundlicher Wohnraum in Bremen zu spät: Sie haben sich fürs Wohnen im Umland entschieden und freuen sich inzwischen, vor der Tür immer einen Parkplatz zu haben.

Kommentar von Kai-Ole Hausen, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik AKB_Icon_Comment2


Eine Großstadtstrategie muss her!

Bremen wächst. Und laut Regierungskoalition soll Bremen auch zukünftig auf dem Niveau vergleichbarer Großstädte weiterwachsen.
Es gilt nun, die notwendigen politischen Rahmenbedingungen für städtisches Wachstum zu schaffen und den Prozess zu gestalten. Wie können die nötigen Prioritäten gesetzt und Haushaltsmittel dafür konzentriert werden? Dabei geht es um mehr als nur Wohnraum. Mindestens genau so wichtig ist die Frage, ob es gute und zukunftsfähige Arbeitsplätze gibt, wie das Kinderbetreuungsangebot ist, ob die Bildungsangebote ausreichend sind und auch, ob die Qualität des öffentlichen Raums und das Gefühl von Sicherheit gegeben sind. Wie kann Bremen qualifizierte Arbeitskräfte in der Stadt halten und die Integration von Zuwanderern aus anderen Ländern in Gesellschaft und Arbeitsmarkt schaffen?
Bei den konkreten Entwicklungsprojekten geht es um einen schwer zu koordinierenden Komplex von Prozessen in unterschiedlichen Politikfeldern. Dieser muss zentral koordiniert werden, damit die
Strategie nicht durch die Aufsplitterung der Zuständigkeiten zwischen den Ressorts gefährdet wird.

Fortzugsgründe

 

Relativer Wanderungsgewinn/-verlust

 

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