Bildungshunger und Aufstiegsträume

Weiterbildung in Bremen

Weiterbildung ist wichtig wie nie: Sie ebnet den Weg zu beruflichem Aufstieg, schützt vor Arbeitslosigkeit und fördert die persönliche Entwicklung. Wer mitten im Berufsleben noch einmal die Schulbank drückt, investiert allerdings neben Zeit und Energie häufig auch viel Geld. Viele nehmen das in Kauf – andere können es sich nicht leisten.

Text: Anne-Katrin Wehrmann – Fotos: Kathrin Doepner

Mit 45 Jahren stellt sie sich noch einmal ganz neu auf. Meike Heitmann ar­beitet seit vielen Jahren als Pflegehelferin in der Altenpflege, hilft älteren Menschen beim Aufstehen, Waschen, Anziehen und Essen. Abgesehen davon, dass sie keine medizinische Versorgung übernehmen darf, erledigt sie im Großen und Ganzen ie gleichen Aufgaben wie eine examinierte Fachkraft – nur dass sie deutlich weniger verdient. Das wird sich bald ändern, denn die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern absolviert gerade bei der Wirtschafts- und Sozialakademie eine Weiterbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin. Dabei ist für sie die Aussicht auf eine bessere Bezahlung gar nicht der ausschlaggebende Aspekt. Entscheidender für ihren Antrieb, noch einmal die Schulbank zu drücken und die Mühen der berufsbegleitenden Weiterbildung auf sich zu nehmen, ist ein anderer Grund: nämlich der Wunsch, ihr Wissen auf den neuesten Stand zu bringen und damit ihre Patienten noch besser unterstützen zu können. 

„Politik und Wirtschaft müssen die Rahmenbedingungen verbessern – sowohl was die Finanzierung angeht als auch mit Blick auf die Regelung der Arbeitszeiten.“
Jessica Heibült

„Ich wollte diesen examinierten Schein schon immer haben“, erzählt Heitmann. Aus privaten und beruflichen Gründen sei ihr das aber bisher nicht möglich gewesen: „Ich hätte meinen Job aufgeben und eine Lehre anfangen müssen. Das hätte ich finanziell nicht meistern können.“ Dann kamen eines Tages ihre  Vorgesetzten von der AWO auf sie zu und berichteten von der Möglichkeit, „diesen Schein“ auch berufsbegleitend machen zu können. Die 45-Jährige überlegte nicht lange und nutzte die Gelegenheit, auf die sie schon so lange gewartet hatte. Bis zur Abschlussprüfung im kommenden Jahr hat sie nun noch eine anstrengende Zeit vor sich. „Der Aufwand ist ziemlich hoch und schwer zu koordinieren“, berichtet sie. Ihre Kinder seien zwar mit 16 und 18 Jahren schon groß, aber neben Arbeit und Weiterbildung habe sie auch noch den Haushalt und kümmere sich zudem um ihre pflegebedürftige Mutter. „Manchmal ist es schwer, überhaupt die Zeit zu finden, für eine Klausur zu lernen. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste und das Lernen fällt mir schwer – ich muss doppelt so viel in die Bücher gucken wie die Jüngeren.“ Doch das nimmt Meike Heitmann gerne auf sich. Sie sehe das alles als große Herausforderung, sagt sie: „Es ist ein Nervenkitzel zu zeigen, dass ich das hinbekomme.“ 

Rahmenbedingungen verbessern

Meike Heitmann ist ein Musterbeispiel für die zahlreichen Beschäftigten, die sich in Bremen und Bremerhaven jedes Jahr weiterbilden. Zugleich gibt es aber auch eine große Anzahl von Menschen, denen die Teilnahme an solchen Maßnahmen verwehrt bleibt, weil ihnen schlicht die zeitlichen oder finanziellen Möglichkeiten fehlen. Der aktuelle Bericht der Arbeitnehmerkammer zur sozialen Lage stellt die Situation der Weiterbildung in den Mittelpunkt. Bereits voriges Jahr hatte eine Be­fragung der Kammer  hervorgebracht, dass die Weiterbildungsquote tendenziell steigt, je höher das Einkommen eines Arbeitnehmers ist. Hintenanstehen diesbezüglich unter anderem auch ältere Beschäftigte und solche mit geringeren Ausbildungsabschlüssen. „Wer am Arbeitsmarkt ohnehin schon benachteiligt ist, kommt auch in diesem Bereich schlechter weg“, berichtet Jessica Heibült, die als Referentin für Bildungs- und Hochschulpolitik bei der Arbeitnehmerkammer federführend an der Erstellung des diesjährigen Sozialberichts beteiligt war. Das gilt in Bremen ebenso wie bundesweit. Der Staat habe sich in den  vergangenen Jahren immer weiter aus der Finanzierung von Weiterbildungen zurückgezogen, sagt Heibült: „Häufig müssen die Beschäftigten das aus der eigenen Tasche bezahlen. Geringverdienende haben dabei naturgemäß die größten Probleme, obwohl sie am meisten davon profitieren würden.“

Letztlich habe Weiterbildung – und zwar nicht nur berufliche, sondern auch kulturelle und politische – für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine enorme Bedeutung, so Heibült. „Sie ermöglicht berufliche und gesellschaftliche Teilhabe, berufliche Aufstiege, das Nachholen von Bildungsabschlüssen,  Neuorientierungen und Wiedereinstiege. Darüber hinaus fördert sie aber auch die persönliche Weiterentwicklung, mindert das Risiko arbeitslos zu werden, stärkt das Demokratieverständnis und damit auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Schlagworte wie Digitalisierung und Arbeit 4.0 seien da nur ein Aspekt von vielen. Dass es hierzulande ein vielfältiges Angebot mit zahlreichen Akteuren gibt, ist laut Heibült zwar einerseits ein großer Vorteil – macht die Strukturen zugleich aber auch komplex. Und auch, wenn es vereinzelte Fördermöglichkeiten gibt wie das Programm „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen“, von dem Meike Heitmann profitiert, oder das Aufstiegs-BAföG: „Politik und Wirtschaft müssen die Rahmenbedingungen verbessern“, fordert die Referentin. „Sowohl was die Finanzierung angeht als auch mit Blick auf die Regelung der Arbeitszeiten.“

Meike Heitmann

Die Altenpflegehelferin macht eine Weiterbildung zur examinierten Altenpflegerin.

 

Pascal Siemsen

Der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik besucht derzeit die Meisterschule.

 

Eman Abdulkarim

Die Geschäftsführerin eines Cafés hat ihren Master of Business Administration an der Hochschule Bremen gemacht.

 

„Die Kosten gemeinsam schultern“

Einer von denen, die vom Aufstiegs-BAföG profitieren, ist Pascal Siemsen. Der 28-jährige  Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik besucht derzeit die Meisterschule und macht  damit eine klassische Aufstiegsfortbildung. Nach seinem Realschulabschluss und der anschließenden Ausbildung ist er inzwischen seit mehreren Jahren als Geselle tätig. Mehrfach hat ihn sein Chef in dieser Zeit gefragt, ob er nicht den Meister machen wolle. „Jetzt war der Zeitpunkt, wo ich mir gesagt habe: Wenn ich das jetzt nicht mache, dann wird das nichts mehr“, erzählt Siemsen. Und so geht er nun zweimal die Woche abends nach der Arbeit sowie samstags wieder zur Schule. Sein Privatleben müsse er in dieser Zeit zurückstellen, räumt der 28-Jährige ein. Eine weitere große Hürde sei es für ihn gewesen, wieder die Schulbank zu drücken: „Das lag mir am Anfang schon im Magen, zumal ich nicht der Typ bin, der alles gleich abspeichert, was ich lese.“ Er habe aber schon vieles gelernt und könne jetzt so manchen betrieblichen Ablauf besser nachvollziehen. Siemsen ist überzeugt: „Auf jeden Fall macht einen der Titel beruflich flexibler und gibt die Möglichkeit, später eventuell noch einmal in eine andere Richtung zu gehen.“

Wer sich weiterbilden möchte, muss zumeist viel Eigeninitiative entwickeln sowie organisatorische und finanzielle Hürden überwinden.

Bernd Käpplinger von der Justus-Liebig-Universität Gießen kritisiert, dass in Politik und Öffentlichkeit oft eher über die bessere Finanzierung von Frühpädagogik, Schul- und Hochschulthemen diskutiert werde, wenn es um Bildung gehe. „Es ist aber eine Illusion, dass primär und prioritär frühe Bildungsinvestitionen zu mehr sozialer Chancengerechtigkeit führen würden“, meint der Experte für Erwachsenenbildung. Er halte es für wenig sinnvoll, Investitionen in die Bildung je nach Zeitpunkt im Lebenslauf in einen Wettbewerb zu stellen: Vielmehr seien sie komplementär zu betrachten – sowohl vor dem Hintergrund der kommenden Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt also auch mit Blick auf den Nutzen von Weiterbildung für die persönliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung. Käpplinger plädiert dafür, dass Staat, Betriebe und Beschäftigte die Kosten für Weiterbildung wieder verstärkt gemeinsam schultern sollten: „Der seit Jahren zu beobachtende Trend zur Privatisierung von Weiterbildungskosten muss umgekehrt werden.“

Eman Abdulkarim musste ihren berufsbegleitenden Master of Business Administration an der Hochschule Bremen komplett aus eigener Tasche bezahlen. Die 28-jährige gebürtige Bahrainerin, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt und aktuell Focke’s Café in Schwachhausen leitet, hatte ihren in der Heimat erworbenen Bachelor in Marketing und Management von der Bremer Bildungsbehörde zunächst nicht anerkannt bekommen. Die Hochschule kümmerte sich schließlich um die Anerkennung und verschaffte ihr so die Möglichkeit, doch noch den Master zu machen. „Mir hat das Lernen gefehlt, das fiel mir immer leicht und hat mir Spaß gemacht“, erläutert Abdulkarim die Beweggründe für ihr Masterstudium. Doch trotz aller Motivation habe sie die Doppelbelastung als Geschäftsführerin und Studentin oft an die Grenzen der Belastbarkeit geführt. Dass sie es nun geschafft hat, macht sie zufrieden und auch ein bisschen stolz. Welchen konkreten Mehrwert ihr der Abschluss einmal bringen wird, weiß sie heute noch nicht. Aber sie ist sicher: „Dieser Mehrwert ist für mich ein Gefühl der Sicherheit, dass meine Chancen etwas gewachsen sind.“

Beratung nutzen

Dass Arbeitnehmer in Bremen einen regelmäßigen Anspruch auf Bildungszeit (früher Bildungsurlaub) haben, ist mittlerweile hinlänglich bekannt – auch wenn dieser Anspruch unter anderem aus Sorge vor negativen Reaktionen von Vorgesetzten und Kollegen nach wie vor nicht flächendeckend genutzt wird. Wer sich darüber hinaus einen Überblick über das vielfältige Angebot an betrieblichen, öffentlichen und privaten Weiterbildungen sowie über die zur Verfügung stehenden Finanzierungsmöglichkeiten verschaffen möchte, steht vor einer großen Aufgabe. Hilfe bietet da die Weiterbildungsberatung des Landes Bremen in den Räumen der Arbeitnehmerkammer. Beraterin Hella Grapenthin hat für Menschen mit den unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen wertvolle Tipps parat. Die meisten, die zu ihr kommen, sind an einer konkreten Fort- oder Weiterbildung interessiert, wollen sich noch einmal umorientieren oder zusätzliche Qualifikationen erlangen, um ihr berufliches Tätigkeitsfeld auszuweiten. „Altersmäßig liegt der größte Schwerpunkt in der Be­ratung bei den 41- bis 50-Jährigen“, berichtet Grapenthin. „Offenbar ist in dieser Phase nach vielen Jahren im Beruf noch einmal der Punkt gekommen, an dem es einen Wunsch nach Veränderung gibt.“

So wie bei Meike Heitmann. Die künftige examinierte Altenpflegerin ist trotz aller Anstrengungen, die ihre berufsbegleitende Weiterbildung mit  sich bringt, dankbar für die Chance, die sich ihr geboten hat. „Es ist die einzige Möglichkeit für manche Frauen, noch etwas aus ihrem Leben zu machen“, sagt sie, „weil sie keine andere Möglichkeit haben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.“ Sie nehme vor allem ihren Stolz aus dieser herausfordernden Zeit mit, sagt die 45-Jährige: „Ich kann sagen, dass ich es nach 30  Jahren und in dem Alter geschafft habe, mich noch eine Stufe höher zu katapultieren.“

 

Kommentar von Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer AKB_Icon_Comment2

Weiterbildung fördern!

Weiterbildung ermöglicht berufliche und gesellschaftliche Teilhabe, verbessert die individuellen Chancen auf  dem Arbeitsmarkt und fördert die persönliche Weiterentwicklung. Doch der Zugang zur Weiterbildung ist nach wie vor ungleich verteilt. Besonders Geringqualifizierte, Beschäftigte in kleinen Betrieben und Menschen mit geringem Einkommen nehmen zu wenig an Weiterbildung teil. Dabei sind es in erster Linie  finanzielle und zeitliche Belastungen, die Menschen von einer Weiterbildung abhalten.

Die Arbeitnehmerkammer fordert deshalb einen bundesgesetzlichen Rechtsanspruch auf Weiterbildung inklusive Rückkehrrecht. Damit soll die befristete Freistellung oder wahlweise die Reduzierung der vertraglichen Arbeitszeit zum Zwecke der beruflichen Weiterbildung mit einem Abschluss ermöglicht werden. Darüber hinaus brauchen Beschäftigte eine unabhängige Weiterbildungsberatung. Und der Lebensunterhalt muss während der Weiterbildung mit einem Qualifizierungsgeld abgesichert werden, das sich am vorherigen Einkommen orientiert.

 

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  • Weiterbildung stärken!

    Rahmenbedingungen für Beschäftigte im Bundesland Bremen,
    Bericht zur sozialen Lage 2018

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