Gleichberechtigung in der Familie

Das Elterngeld in Bremens Stadtteilen

Vor zehn Jahren wurde das Elterngeldgesetz eingeführt. Ein wichtiges Ziel war, Mütter schneller an den Arbeitsplatz zurückzubringen. Ist das gelungen? Eine Studie im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigt: Vor allem gut verdienende Paare profitieren von der Neuregelung. Für Eltern mit geringem Einkommen bleibt die Situation schwierig.

Text: Janet Binder – Fotos: Kay Michalak

Ein Blick in die Statistik ist oft sehr aufschlussreich – manchmal können aber auch die falschen Schlüsse daraus gezogen werden: In den tendenziell sozial benachteiligten Bremer Stadtteilen wie Gröpelingen, Neue Vahr Nord oder Tenever beziehen frisch gebackene Väter nicht selten mindestens zwölf Monate Elterngeld. Haben die Väter dort also ein besonders modernes Familienverständnis und stecken deshalb beruflich für ihre Frauen zurück? „Nein“, sagt René Böhme, der zusammen mit Nele Mönkedieck die von der Arbeitnehmerkammer Bremen in Auftrag gegebene Studie „Zeit für die Familie?“ verfasst hat. „Tatsächlich handelt es sich bei den Vätern um Hartz-IV-Empfänger. Ihnen wird vom Jobcenter diktiert, Elterngeld zu beantragen, damit es weniger Leistungen zahlen muss“, erklärt Böhme. „Die Statistik ist also den äußeren Zwängen geschuldet.“

Das Elterngeld gilt zehn Jahre nach seiner Einführung gemeinhin als Erfolgsmodell. Es wird maximal 14 Monate gewährt, damit Mütter zügig an den Arbeitsplatz zurückkehren. Beim Elterngeld Plus, bei dem Elternzeit und Teilzeitarbeit miteinander kombiniert werden, lässt sich der Bezug auf 28 Monate ausdehnen – allerdings in halber Höhe. Durch die Partnermonate sollen auch Väter finanzielle Anreize bekommen, sich zumindest zwei Monate um den Nachwuchs zu kümmern. Dadurch hat sich schon jetzt ein erkennbarer gesellschaftlicher Wandel vollzogen: Die klassische Rollenverteilung konnte zunehmend aufgebrochen werden. Immer mehr Männer gehen in Elternzeit, wenn auch meist deutlich kürzer als Frauen. Und auch für die Mütter hat sich einiges geändert: Allein in der Stadt Bremen arbeitet fast jede dritte Mutter, die ein Kind unter drei Jahren hat, in Vollzeit.

„Ich habe einmal den Satz gehört: Glückliche Eltern, glückliche Kinder. So ist es einfach, wir wollen beide arbeiten, wir wollen beide auch umgekehrt für die Kinder da sein und dann machen wir es eben so.“

Die Studie des Instituts für Arbeit und Wirtschaft (iaw) im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigt nun erstmals ein detailliertes Bild für die Hansestadt auf. Zahlreiche Mütter und Väter wurden nach ihrem Bezug von Elterngeld und Elterngeld Plus befragt. Die Studie bietet eine Übersicht nach Stadtteilen, die es bisher so noch nicht gab. Dadurch wird die bisher vor allem positive Bilanz des Elterngeldes etwas relativiert. „Es hat sich gezeigt, dass in bestimmten sozialen Milieus die Art der Aufteilung des Elterngeldes keine Rolle spielt“, betont Böhme. „Das Ziel des Elterngeldes geht also an einem Teil der Familien vorbei.“

Das gelte nicht nur für Hartz-IV-Leistungsempfänger, sondern auch für Familien, die weiterhin an der traditionellen Rollenverteilung festhalten. In Blumenthal etwa, wo es einen hohen Anteil an Arbeiterfamilien gibt, gehen weniger als 13 Prozent der Väter in Elternzeit. Zum Vergleich: In Schwachhausen, Mitte, Östliche Vorstadt oder Borgfeld mit einem hohen Anteil an besser verdienenden Akademikerfamilien sind es 40 bis 45 Prozent der Männer. „Die viel versprochene Wahlfreiheit beim Elterngeld existiert nur bei Familien, in denen beide Partner etwa gleich gut qualifiziert, beruflich gut abgesichert und überdurchschnittlich verdienend sind“, betont René Böhme.

„In unserem Umfeld ist es klar, dass – wenn man studiert hat und promoviert hat wie ich und sehr viel Zeit und Geld in die Ausbildung gesteckt hat – dass man da nicht lange zu Hause bleibt, das war allen klar.“

Denn die Höhe des Elterngeldes ist abhängig vom Einkommen vor der Geburt des Kindes. In der Regel wird das wegfallende Einkommen zu 65 Prozent durch das Elterngeld ersetzt. Der Mindestbetrag des gewährten Elterngeldes beträgt 300 Euro pro Monat. „Man muss es sich auch leisten können, in Elternzeit zu gehen“, betont Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Nur gut verdienende Paare könnten auf Augenhöhe miteinander aushandeln, wer wie viele Monate zu Hause bleibe.

„Ich gönne mir und den Kindern mehr Zeit miteinander, das ist tatsächlich das, was Elternzeit liefert. Und zahle dafür mit einem geringen Einkommen, sozusagen.“

Väter seien vor allem dann bereit, Elternzeit zu nehmen, wenn ihre Frauen die Zeit für einen beruflichen Aufstieg nutzten. „Zum Beispiel, wenn die Frau noch ein Projekt oder ihren Doktor fertig machen muss und danach auch mehr Geld verdienen kann“, so Thomas Schwarzer. Das macht sich auch in der Statistik bemerkbar: In den gut situierten Stadtteilen gehen Väter überdurchschnittlich oft in Elternzeit; zum Teil nehmen sie bis zu elf Vätermonate. Dort ist auch erwartungsgemäß das ausgezahlte Elterngeld am höchsten. Das durchschnittliche Elterngeld von Vätern etwa in Borgfeld liegt bei 1.450 Euro und in Schwachhausen bei 1.260 Euro.

„Das ist ja bei den meisten, denke ich mal, keine Frage, wer will, sondern wer verdient am meisten Geld. Der, der weniger verdient, der bleibt zu Hause.“

Andere Familien halten am traditionellen Modell des Haupternährers fest: In Familien, in denen der Mann deutlich mehr verdient als die nicht oder teilzeitbeschäftigte Frau, erhöhe der Vater eher nach der Geburt eines Kindes noch seine Wochenarbeitszeit, um den Verdienstausfall der Mutter auszugleichen, sagt René Böhme. In diesen Familien gehe der Vater äußerst selten in Elternzeit, weil die Einkommenseinbußen sonst zu hoch wären. Die Frauen bleiben meist länger als nur ein Jahr bei den Kindern. „In den Interviews wurde klar, dass es diese Familien eher ablehnen, Kinder in die Krippe zu geben.“

„Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde es zu früh, ihn mit einem Jahr in eine Krippe zu geben. Die sind noch sehr klein da und die brauchen halt die Mama.“

Das hat dann auch langfristige finanzielle Folgen: Reduziert die Frau nach dem ersten Kind ihre Arbeitszeit weiter, bekommt sie beim zweiten Kind noch weniger Elterngeld als beim ersten. Hört sie nach dem zweiten Kind ganz auf zu arbeiten, fällt die Leistung für das dritte noch niedriger aus. „Das partnerschaftliche Modell wird beim zweiten und weiteren Kind zunehmend schwieriger. Gerade wenn die Kita-Gebühren hoch sind, bleibt die Frau lieber gleich zu Hause“, betont René Böhme. Auch das Ehegattensplitting konterkariere das Ziel des Elterngeldes, einen frühzeitigen Wiedereinstieg der Frauen in den Arbeitsmarkt zu fördern.

Elterngeld und Väterbeteiligung in Bremens Stadtteilen

 

„Wenn ich jetzt […] wieder anfangen würde, dann bräuchte ich Betreuungsplätze für zwei Kinder, mit den Fahrtkosten, mit dem Auto zusammen, wäre ich bei rund 600 Euro im Monat, die ich ausgeben müsste, um arbeiten gehen zu können. Da können Sie sich überlegen, wie viel man in Steuerklasse V arbeiten müsste, […] um einen Nutzen davon zu haben. Unterm Strich ist das einfach nur Stress. Das mache ich nicht.“

Tatsächlich müssen in Bremen die Familien mit wenig Geld über die Runden kommen. Bremer Mütter bekommen im Durchschnitt im Vergleich zu den anderen Bundesländern das niedrigste Elterngeld. In den Großstädten sind die Ansprüche nur in Duisburg und Dortmund noch etwas geringer als an der Weser. In Ortsteilen wie Gröpelingen, Tenever oder Lindenhof mit hoher Arbeitslosen- und  Sozialhilfeempfängerquote sind es rund 400 Euro. Bei der Höhe des Elterngeldes der Väter sieht es nur unwesentlich besser aus: Es liegt im Bundesvergleich im unteren Drittel.

Das niedrige Elterngeld der Mütter hat vor allem einen Grund: 39 Prozent der Frauen in der Stadt Bremen haben vor der Geburt eines Kindes kein eigenes Erwerbseinkommen gehabt. „Das ist ein sehr hoher Anteil“, sagt Thomas Schwarzer. Sie sind finanziell entweder von ihrem Partner abhängig oder von Sozialleistungen. Im Vergleich der Großstädte liegt der Wert nur in Essen, Dortmund und Duisburg höher. In Dresden waren dagegen nur 21 Prozent vor der Geburt nicht erwerbstätig. Zieht man auch  kleinere Städte mit ein in den Vergleich, zeigt sich, dass in Bremerhaven die Situation noch bedenklicher ist als in Bremen: Dort haben zwei von drei Müttern nicht gearbeitet, bevor sie in die  Familienphase gegangen sind. „Im Bundesland Bremen haben entsprechend viel mehr Familien ein deutlich höheres Armutsrisiko als in anderen Städten“, betont Schwarzer.

„Und mit der Anzahl der Kinder wächst der Aufwand im Haushalt, dann ist einfach nicht mehr so viel Erwerbstätigkeit möglich […]. Das rechnet sich nicht. Ich denke, dass das für eine Frau, die studiert hat und einen hoch bezahlten Posten hat, dass das für die durchaus Sinn macht, die kann sich nämlich auch eine Haushaltshilfe leisten […]. Ich muss das leider selber machen, von daher lohnt sich das einfach nicht.“

Die Studie zeigt vor allem, dass vom Elterngeld als Lohnersatzleistung besonders gut verdienende Frauen durch bessere berufliche Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten profitieren. Mütter mit niedrigen oder keinen Einkünften profitieren weniger und haben kaum zusätzliche Spielräume. „Die Analyse hat gezeigt, dass es in Bremen eine erhebliche Anzahl an Müttern mit sehr geringen Elterngeldansprüchen gibt“, sagt Thomas Schwarzer. Somit wachsen zahlreiche Kinder in finanziell schwierigen Lebenslagen auf. Hier sei es auch Aufgabe des Senats, sich für eine Verbesserung ihrer Situation und zum Beispiel für eine bundesfinanzierte Kindergrundsicherung oder ein gerechteres Kindergeld einzusetzen. „Auch Eltern mit geringem Einkommen müssen die Möglichkeit bekommen, partnerschaftlicher ihre Elternzeit zu gestalten“, fordert Schwarzer.

Alle Zitate in den Kästen stammen von verschiedenen Interviewpartnerinnen aus der Studie Zeit für die Familie? Analysen zur Inanspruchnahme von Elterngeld und Elterngeld Plus in der Stadt Bremen.

Kommentar von Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik AKB_Icon_Comment2

Bremer Familien von Kita-Beiträgen entlasten!

Viele Bremer Familien gerade mit kleinen, betreuungsintensiven Kindern müssen mit sehr wenig Geld über die Runden kommen. Das gilt vor allem für Alleinerziehende, Familien mit drei und mehr Kindern sowie für erwerbstätige Geringverdiener beziehungsweise „Aufstocker“, die unterhalb oder knapp über der Armutsgrenze leben.

Unsere Studie zeigt, dass auch besser situierte Familien der Mittelschicht unter erheblichem finanziellen und zeitlichem Druck stehen: durch steigende Mieten, beträchtliche Pendlerkosten sowie hohe Krippen- und Kitabeträge. Die immer größer werdende Zahl der Familien mit zwei Erwerbstätigen ist ebenfalls stark belastet.

Zur Entlastung der Familien fordern wir die vollständige Abschaffung der Beiträge für Kinderbetreuung in der Stadt Bremen. Außerdem müssen die Kinderbetreuungszeiten flexibler werden und besser zu den Arbeitszeiten von Arbeitnehmern passen. Dazu gehört auch die Aufnahme von Kindern in Betreuungseinrichtungen nach dem Bedarf der Eltern und nicht ausschließlich nach Ende der Sommerferien. So wie es der Rechtsanspruch vorsieht!

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